Prekäre Welten

Lesen und Schreiben in Zeiten der Krise

Hundstage in Zwischenbrücken, Teil 4 – Betrachtungen

Nach den schweißtreibenden Erkundungen meiner Umgebung ziehe ich mich mit Büchern in meine Wohnung zurück und reise nach Indien, Australien, Frankreich und auf die Dächer Berlins.

Den Titel dieses Blogbeitrags habe ich dem Film von Ulrich Seidl aus dem Jahr 2002 entlehnt. Dort werden sechs Geschichten aus Wien erzählt, die sich während der Hundstage (die heißeste Zeit ehemaliger Sommer, zwischen 24. Juli und 23. August) ereignet haben. Der Beitrag wurde anlässlich der Blogwochen 2026 unter dem Eindruck der viermonatigen Hitzeperiode im Jahr 2026 geschrieben. Der Blogbeitrag erscheint in mehreren Teilen im September und Oktober d. J.


Hitzelektüren: 4 Bücher dieses Sommers

Im vierten Teil der Hundstage soll der Frage nachgegangen werden, ob es Lektüre gibt, die diesem Sommer angemessen war. Vielleicht gibt es ja Bücher, die den klimabedingten Aufenthalt in den eigenen vier Wänden besonders erträglich oder unerträglich machen? Vielleicht kann mensch, anstatt sich dem alltäglichen Klima-Doomscrolling in den sozialen Medien hinzugeben, Entspannung durch Lektüre vergönnen; in kühle Welten entfliehen, in andere Jahrhunderte, oder gar in die Wohlfühl-Welten des Solar-Punks?

Kim Stanley Robinson: Das Ministerium für die Zukunft (2020)

Diesen Sommer tat ich das Falsche. Schon unter dem Eindruck der ersten Hitzewellen dachte ich immer wieder an das Anfangskapitel in Robinsons Roman „Das Ministerium für die Zukunft“ (2020). Dieser führt uns zu Beginn nach Indien, wo eine katastrophale Hitzewelle wütet. Dann fallen die Stromversorgung und damit auch die Klimageräte einer Stadt aus. Die Temperaturen erreichen durch die vorhandene Luftfeuchtigkeit einen Punkt, an dem der Körper sich nicht mehr abzukühlen vermag. Nur wenige Menschen besitzen Generatoren, um Klimaanlagen betreiben zu können. Panik bricht aus, immer mehr Menschen sterben. Der einzige Ausweg, der verbleibt, ist in einem nahegelegenen See Zuflucht zu suchen. Doch das Wasser ist auch dort zu heiß geworden, um Abkühlung zu verschaffen.

Am See bot sich ihnen ein verzweifelter Anblick. Es waren viele, viele Leute im Wasser, Kopf an Kopf um die Ufer herum, und auch weiter draußen, wo es wahrscheinlich tiefer war, lagen Menschen halb untergetaucht auf behelfsmäßigen Flössen. Doch nicht alle lebten noch. Von der Wasseroberfläche stieg ein giftiger Todeshauch auf, und der Gestank der Verwesung stahl sich langsam in die versengten Nasenlöcher.

An dieses Kapitel muss ich diesen Sommer wiederholt denken, die Unausweichlichkeit einer derartigen Situation ist erschreckend. Ich denke, dass derartige Szenarien davor stehen, Wirklichkeit zu werden. Immerhin wurden in vielen Regionen Indiens dieses Jahr Temperaturen von über 50 Grad gemessen. Eine Reportage auf Arte mit dem Titel „Indien. Leben über 50 Grad“(13 min.) gibt einen ersten Eindruck von den horrenden Zuständen einer Klimaapokalypse. Die Wirklichkeit hat die Dystopie schon fast überholt.

Es ist, so bekenne ich, ein an Masochismus grenzender Weg, diese schrecklichen Szenen eines Romans in seine vier Wände zu holen und mit den Romanfiguren zu fühlen, zu darben und zu sterben. Ist die Hitze in meinem bescheiden kleinen Zwischenbrücken nicht Katastrophe genug? Müssen einem nicht in einer Art Verdoppelung der globalen Katastrophe Hirn und Lebensenergie völlig verdampfen? Oder ist die literarische Beschäftigung mit Hitzekatastrophen ein Weg zu deren intellektueller Durchdringung und zum Aufbau von Resilienz? Kann sich der Geist über den müden und von Hitze geplagten Körper erheben?

Tim Winton: Juice (2024):

Also greife ich zu einem noch ungelesenen Buch, Tim Wintons Climate Fiction „Juice“. Indien verlassend richtet sich meine Aufmerksamkeit nun auf ein Australien am Rande der Auslöschung der Menschheit. Wir begeben uns in eine ferne Zukunft. Die Ausgangssituation: Klimakriminelle haben einst große Gebiete der Erde unwirtlich gemacht, Oligarchen, Kriegsgewinnler und Verbrecher tragen dafür die Verantwortung. Winton nennt sie „Overlords“ (= übermächtige Herrscher), an anderer Stelle unverhohlen und mutig EXXONS. Doch diese Zeiten des Klimaterrorismus ist längst vorüber, nicht mehr greifbar für die Figuren des Romans.

Der Ich-Erzähler lebt mit seiner Mutter am Rande einer Siedlung, der glühenden Hitze wegen müssen die Bewohner*innen 4 Monate des Jahres unter der Erde verbringen. Doch selbst auf diesem jämmerlichen Niveau des Lebens mehren sich die Katastrophen. Der Text ist eindrücklich und auf erschreckende Weise prophetisch. Den handelnden Personen erscheint der Zustand ihrer Welt jedoch als gegeben, ohne Geschichte, ohne Zukunft und ohne das Vermögen, sie zu steuern. Trotzdem besiegt der Lebenswille Einzelner das Desaster um sie herum. Vergeltung gibt es nur in der Form geheimer, paramilitärischer Aktionen: doch auch diese vermögen die Wirklichkeit nicht zurechtzurücken.

Es tut gut, wenn aus der zeitlichen Ferne einer Dystopie die Klimaverbrechen benannt und bestraft werden, die in unserer Gegenwart von der Fossilindustrie, den Überreichen und ihren politischen Erfüllungsgehilfen begangen werden. Ein derartiges Buch vermag psychologische Entlastung zu generieren, weil es immerhin auch Handlungsmöglichkeiten unter widrigsten Bedingungen aufzeigt. Ich entschließe mich, diesem Roman eine Buchbesprechung zu widmen.

Nikolaj Schultz: Landkrank (2024)

Die Nächte in der brütenden Hitze Wiens und auch von Paris. Zeit, den Essay „Landkrank“ fertig zu lesen. Dabei geraten mir Lektüre und persönliches Befinden gehörig durcheinander. Es geht mir in diesem Augenblick ein wenig wie Nikolaj Schultz, der in seinem Essay die Hitze geschwängerten Sommernächte in Paris mit unruhigen Reflexionen und Selbstvorwürfen verbringt. Wer ist schuld an der Klimakatastrophe? Er bekennt: Als Teil des Ökosystems könne er gar nicht anders, als Mitverantwortung für den Zustand dieser Welt zu tragen. Daran leide er und dem wolle er nachgehen.

Mein Tun hat Auswirkungen an Orten, an denen ich niemals gewesen bin und die zu besuchen mir wahrscheinlich auch nie in den Sinn gekommen wäre. Es betrifft Menschen, denen ich niemals begegnet bin und deren Leben ich mir allenfalls vage vorzustellen vermag.

Schultz argumentiert, dass das eigene Sein untrennbar mit der Zerstörung anderer Wesen verbunden sei. Im Schein der Nachttischlampe nimmt der Autor auch mich ins Visier, als einen, der mit seiner existenziellen Verantwortung hadert. Schultz ist im Laufe seines Nachdenkens mit einer Großelterngeneration konfrontiert, die die Geschichte stets als linearen Prozess des Fortschritts interpretiert hat. Während Teile dieser Generation ihrem individuellen Glück und der Befreiung von den Zwängen der Gesellschaft nachging, hat sie nachfolgende Generationen in Geiselhaft genommen. Diese Schuld nehme auch ich auf mich.

Es waren die Kundgebungen von Fridays for Future, bei denen ich einer Jugend gegenüberstand, die uns, den Alten, vorwarf, diese Welt zugrunde gerichtet zu haben. „Wir sind hier – Wir sind laut – Weil man uns die Zukunft klaut!“ Trotzdem ich als Mittäter identifiziert war, nahm ich regelmäßig an den Kundgebungen teil und bildete mir zunächst ein, Seite an Seite mit ihnen für eine bessere Welt zu kämpfen. Trotzdem spürte ich den Widerspruch. Dieser Generationenkonflikt, so schreibt Schulze, „entfalte sich entlang einer geohistorischen Zeitlichkeit und ist mit Land, Boden und Natur verschränkt.“ So muss auch ich damit leben, Opfer und Täter zugleich zu sein, gewiss darin, selbst zu diesem Hitzesommer beigetragen zu haben in meiner einstigen Fortschrittsverblendung.

Die Frage stellt sich, ob es denn einen Fluchtort gäbe, an dem das Leiden an der Welt wenigstens für kurze Zeit vergessen werden könnte? Wohin entkommen, wenigstens für kurze Zeit, angesichts der Solastalgie, die sich im Alltag breit macht? Auch Schultze versucht, den Gefährdungen dieses Sommers zu entgehen, indem er eine Reise zu einer französischen Insel namens Porquerolles wagt, an der ein Freund mit seinem Boot ankert. Aber auch dort lauert die neue, brutale Wirklichkeit. Das Versprechen von einem perfekten Urlaubsort kann nicht eingehalten werden. Die Insel ist dem jährlichen Ansturm der Touristen unterworfen. Schultz beschreibt die dortigen Zusammenhänge mit halluzinatorischer Präzision:

Menschliche Bestrebungen, Tourismus-Marketing, soziale Organisationen, klimatische Prozesse und geophysikalische Aktivitäten, all das ineinander verwoben: ein Netz dynamischer Zusammenhänge zwischen CO₂-Emissionen, Hitze, Urlaubern, Ferienzeiten, Schiffen, Boden und Öl, Wasser und Sand mit der Folge, dass sich das Land (…) ständig verkleinert.

Es scheint keine Orte der Unschuld mehr zu geben, Orte, die imstande sind, die Unschuld der Natur vorgaukeln zu können. Ach, wie oft habe ich auch diese Phänomene in meinen Urlauben erlebt, in Gegenden, die man noch eher mit Natur und Wildnis verbunden hätte und die ich deshalb aufsuchte. Doch die Zerstörung durch den Menschen lauerte überall und beschämte mich.

Das Problem reicht eben tiefer, betrifft das, was Schultz mit dem Begriff des Holobionten bezeichnet. Es gäbe demgemäß keine Lücke zwischen den menschlichen Körpern und ihrem äußeren Raum. Der menschliche Freiheitsbegriff wird dadurch grundsätzlich infrage gestellt: Freiheit lasse sich in keinem Fall von der Natur trennen, erscheint, wird sie unbedacht in Anspruch genommen, als obszöne Karikatur des Menschen.

Während ich also den Gedanken von Schultz folge, bin ich froh, dass er zum Ende des Buches auch jenen Punkt erreicht, in dem er auf den Zusammenhang zwischen Produktion und Zerstörung im vorhandenen kapitalistischen System hinweist. Zumindest auf der von Schultz besuchten Insel scheint die Produktion die Reproduktion des Menschen nicht mehr zu sichern.

Stattdessen scheint Produktion die kontinuierliche Reproduktion der dortigen Gesellschaft und ihrer Subsistenzmittel teilweise zu zerstören, indem sie die Bewohnbarkeitsbedingungen angreift. Produktion bringt hier nichts mehr hervor, sondern sie stellt eine Gefahr dar.

Aiki Mira: Neurobiest (2023)

Als letztes Buch meiner „Hitzelektüre“ dieses Sommers lese ich ein Buch von Aiki Mira. Diese Science-Fiction nimmt mich mit in die Zukunft der Stadt Berlin des Jahres 2100. Eine Gruppe von 4 Außenseitern und Klimaflüchtlingen („die Unerschütterlichen, eine Kreuzung aus Biohacking-Labor und Superheldenorganisation“) hat das Dach TN7 hoch über „schäumenden Smogwolken“ der Stadt besiedelt und sich dort, abseits der Legalität, ihren eigenen Lebensraum mit genmanipulierten Pflanzen und Tieren geschaffen. Damit steht die Gruppe nicht alleine. Viele der Dächer Berlins wurden ursprünglich von Kriminellen und ID-losen besetzt, bebaut und bepflanzt. Wir tauchen in eine Welt ein, in der der Klimakatastrophe mit Genmanipulation begegnet wird. Eine dieser Biohackerinnen ist Aruke, die Hauptfigur des Romans. Sie lebt mit ihrer Community auf TN7 und hat ihren Körper dem herrschenden Klima angepasst:

Der hohe Anteil an Melanin soll ihre Haut vor der gefährlichen UV-Strahlung schützen. Trotzdem lodert ihr Rücken wie Feuer. Im Sommer schmelzen in Berlin selbst die Straßen dahin.

Gemeinsam mit einem von Verschwörungstheorien besessenen Digitalexperten nimmt sie in Zusammenarbeit mit dem staatlichen Institut für Biologie Genmanipulationen an Tieren und Pflanzen vor. Andere Produkte verkaufen sie im Darknet. Damit bestreitet die Community ihren Lebensunterhalt.

Die Siedlungen hoch oben auf den Dächern von Berlin werden gerne von sgn. „Touristen“ besucht, die sich an den Attraktionen der Subkulturen nicht satt sehen können, so gilt das „Dach als anarchischer Abenteurerurlaub, als Gegengift zur geordneten Zivilisation!“

Die Beschreibungen der Landschaft auf den Dächern der Stadt fesseln zunehmend auch meine Aufmerksamkeit. Mich stört zwar die Ungelenkigkeit der Sprache des Romans und seine mittelmäßige literarische Qualität, lasse mich aber vom interessanten Weltenbau faszinieren. Wir begegnen auf TN7 sehr präzise beschriebenen Räumen, die meine Fantasie zu beschäftigten beginnen. Würde mensch ein Modell der Dachwelten bauen wollen, wie möchte diese Heimstätte der Geflohenen und Biopunks wohl genau aussehen? Welche „Beschreibungslücken“ wären aufzufüllen? Welche Gegenwelten zum Konzept Solar-Punk könnten entstehen?

Da gibt es die aus Druckern hergestellten und Slumhütten ähnelnden Wohngebäude, die parallel dazu liegenden Anbauflächen, den dichten Wald aus genmanipulierten Pflanzen, die Hängebrücken, die die einzelnen Dächer miteinander verbinden oder Luftgleiter, die man benutzt, um weite Entfernungen zurückzulegen. Alles erhebt sich im gleißenden Sonnenschein und über den die Stadt beherrschenden Smogwolken. Aus diesem Inventar könnte letzten Endes eine kleine Modellstadt entstehen, auf der sich die Menschheit weiterentwickelt, trotz der verwüsteten Umgebung und den scheinbar optimierten Körpern der handelnden Personen.

Ich hänge diesen Gedanken nach, während ich lese und beschließe mich einer Visualisierung dieser Romanwelt wenigstens ein Stück weit auszuliefern. Ein realistisches Modell soll entstehen, aus Wellpappe geschnitten, mich der Altpapiersammlung meines Wohnhauses bedienend. Die Siedlung auf den Dächern Berlins soll entstehen. Ich will das konkret vor mir entstehen sehen, was ich während des Lesens nur halb fertig fantasiere. Vielleicht kann ich so der Klaustrophobie dieser Hundstage in Zwischenbrücken entfliehen. Vielleicht kann das die Möglichkeit des Überlebens nach einem globalen Kollaps deutlicher machen. Möglicherweise kann dieses naive Spiel mit dem Inventar eines Romans die dunklen Gedanken an eine düstere Zukunft besiegen.

Ein wilder Ritt

Ich beende meine Lektüre. Der Herbst ist da, doch die Hitzewelle ist nicht vergessen. Das war tatsächlich ein wilder Ritt in eine gefährliche Zukunft, den ich in der vierteiligen Serie der „Hundstage in Zwischenbrücken“ hinter mich gebracht habe. Die apokalyptischen Züge dieser Reise haben mich erschreckt, ihre Hoffnungslosigkeit überrascht. Meine persönlichen Zugänge zu beschreiben, hielt ich für wichtig, auch angesichts des Schweigens über die immer deutlicher werdenden Szenarien des Schreckens, die uns umgeben. Wir müssen endlich wieder laut werden im Kampf um unsere Gegenwart und Zukunft. Das Leiden an der Welt nur zu ertragen, ist nicht genug.

Wir benötigen unbedingt jene ökologische Klasse, von denen Bruno Latour und Nikolaj Schultz in ihrem Memorandum „Zur Entstehung einer ökologischen Klasse“ 2024 gesprochen haben. Eine Klasse, die resilient und laut genug ist und ihre Kämpfe gegen die herrschenden Unrechtsbedingungen zu bestreiten imstande ist. Darin besteht wohl die einzige Hoffnung, die noch bleibt.


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