Eine Climate Fiction aus Australien, die aus einer nicht allzu fernen Zukunft den Blick auf unsere Gegenwart richtet. Mehr an Dystopie geht kaum.
Two fugitives, a man and a child, drive across a stony desert. As dawn breaks, they roll into an abandoned mine site. They’re exhausted, traumatized, desperate now. This is a forsaken place, but as a refuge it’s the most promising they’ve seen. The child peers at the field of desolation. The man thinks to himself, this could work. Problem is, they’re not alone . So begins a searing journey through a life where the challenge is not only to survive; it’s keeping your humanity if you do. (Klappentext)

Buchtitel: Juice
Autorin: Tim Winton
Erscheinungsjahr: 2024
Sprache: Englisch
Verlag: Pan Macmillan
Seiten: 512
ISBN 978-1-03-505082-6
Buchbesprechung
Vorbemerkung:
Aufmerksam geworden bin ich auf Tim Winton’s Buch durch einen Artikel im Guardian vom August dieses Jahres. Der hierzulande wenig bekannte australische Erfolgsautor und Klimaaktivist charakterisiert darin die gegenwärtige Klimakrise: „This is not a natural calamity: it is being done to us knowingly.“ Menschengemacht, natürlich, aber durch wen? In weiterer Folge benennt er die Hauptverantwortlichen der globalen Katastrophe:
A narrow class of people is profiting from our anguish. They know they’re setting our world on fire. They persist because they love neither the Earth nor its people. What they care about is money. Not just enough to get by on. Not even enough to become grotesquely rich with. They want the kind of money that bends others to their will. They seek power, buy it, co-opt it, leverage it and always thirst for more of it.
In weiterer Folge geht Winton auch seinen Roman „Juice“ (2024) ein, eine Climate Fiction, in der die Nachkommen der erwähnten Klimakriminellen eine wichtige Rolle spielen. Sein Buch bezeichnet er als Albtraum, von dem er hoffe, niemals Wirklichkeit zu werden. Geschrieben habe er den Roman unter sehr merkwürdigen Umständen, mitten in einer allseits spürbaren kulturellen Lethargie der Klimaleugnung, die noch immer andauere und die von fieberhaftem Delirium, instinktiver Wut und nihilistischer Mattigkeit gekennzeichnet ist.
But among the afflicted, you sense a terrible thirst and hear a babble of confusion and also many plaintive cries of yearning. What sufferers thirst for is honest information. What they are addled by is the tide of bullshit that besets them. What they yearn for is solidarity and common purpose.
Während ich mich an die Lektüre von „Juice“ machte, legte sich über Europa der erste der gewaltigen Hitzedome, die Monate lang in Europa wüten und europaweit mindestens 35.000 Hitzetote fordern werden. Die allseits registrierbare Klimaheuchelei der Politik bekommt Brüche. Ich beginne körperlich zu spüren, worüber Winton schreibt; Tag für Tag, weit über die Zeit der Lektüre hinaus.
Man braucht eine Menge Willenskraft („juice“) um tätig zu werden, schreibt Winston in seinem Roman. Gemeint ist damit ist all jene Energie und jener Mut, sich in einer Welt der Gefährdung zwischen verschiedenen Rollen zu bewegen. Tatsächlich sind unsere Zeiten nichts für verzagte Naturen, die sich in Lethargie ergehen. Sie erfordern Resilienz, Flexibilität und Unerschütterlichkeit. Das lehrt dieses Buch.
Rahmenhandlung:
Gleich zu Beginn begegnen wir dem Ich-Erzähler, der sich vor einer marodierenden Bande auf der Flucht befindet und dabei von einem stummen und ängstlich in sich gekehrten Mädchen begleitet wird. Sie bewegen sich in einem Fahrzeug durch ein brennendes Land voller Aschenregen. Wenig erfahren wir zunächst über die Umstände ihrer Flucht oder über ihr Verhältnis zueinander.
Bei einer aufgelassenen Mine scheinen die beiden Flüchtenden einen geeigneten Zufluchtsort gefunden zu haben. Aber gerade dort werden sie von einem mit einer Armbrust bewaffneten Mann („Bowman“) überwältigt und in der Mine festgehalten. Um das Vertrauen des Mannes zu erringen, entschließt sich der Erzähler, ihm seine Lebensgeschichte vorzutragen, sehr zum Unbehagen des Bewachers. Dennoch lässt sich dieser im Laufe der Nacht in die Erzählung verstricken.
Im Verlauf der Lektüre wird klar, dass hier eine Lebensgeschichte erzählt werden soll; fast über den gesamten Roman hinweg, eine Nacht lang, bis der Morgen graut. Die Rahmenhandlung bleibt indes peripher. Sie wirkt zunächst ein wenig gekünstelt, aber die darin gefasste Lebensgeschichte unter extremen Klimabedingungen bindet unsere Aufmerksamkeit rasch.
Das Imperium und seine Oligarchen:
Erzählt wird vom Leben auf einer Farm am Rand einer Siedlung. Der Ich-Erzähler wohnt dort mit seiner prinzipientreuen und strengen Mutter, beide bestreiten ihren Lebensunterhalt mit dem Anbau von Pflanzen und der Wasseraufbereitung in großen Zisternen. Die zentralen Tugenden der handelnden Personen bestehen in Selbstkontrolle, Geduld und Disziplin, welche zum Überleben unter extremen Bedingungen notwendig sind. Zusätzlich sammelt der junge Mann Metall in der näheren und weiteren Umgebung ihres Wohnortes, um Ersatzteile für den Eigenbedarf und den Tauschhandel zu erwerben. Dafür ist er oft tagelang unterwegs. So verbringt der Held ein karges und von strengen Arbeitsroutinen geprägtes Leben, das das Unmittelbare des Überlebenskampfes als alleinigen Maßstab von Moral anerkennt.
Doch bald geraten diese Routinen ins Wanken, etwa als er Sun kennenlernt, eine Tierärztin, mit der er ein Kind namens Esther bekommt. Durch Sun, eine gebildete Frau, erweitert er seinen Blick auf die Welt, er wiederum weist sie in die Kultur der Homesteaders am Rande der Zivilisation ein. Unweit des Hauses seiner Mutter errichten beide eine zweite Farm, in der sie ein Leben als Kleinbauern und Sammler führen wollen. Ihr Zusammenleben wird aber durch die langen Abwesenheiten des Ehemannes zunehmend gefährdet, deren Gründe er durch Lügen zu verschleiern versucht.
Tatsächlich ist der Erzähler von einer geheimen Organisation, dem „Service“, angeworben worden. Durch deren Instruktoren, mit Decknamen wie History, Geography, Health, Politics oder Logistics darf er einen Blick in eine schreckliche Vergangenheit der Welt werfen. Er lernt, dass die Verantwortlichen für den jämmerlichen Zustand der Gegenwart die Klasse der „Overlords“ waren, die durch den Verbrauch von Öl und Benzin zu weltumspannender Macht gekommen sind: „to generate juice, every sort of juice. That stuff that drove engines, empire“.
Der langsam mit der schrecklichen Geschichte der Menschheit Indoktrinierte wird als „Operator“ ausgebildet, der bewaffnete Angriffe auf versteckt liegende Wohnsitze der privilegierten Klasse ausführen soll. Viele „Overlords“ haben sich nämlich im Verlauf des gesellschaftlichen Zerfalls in luxuriös ausgestattete Gebäudekomplexe zurückgezogen und von ihrer Umwelt weitgehend isoliert. Ihnen wird vom „Service“ zur Last gelegt, durch ihre Habgier für den Klimakollaps und die Zeiten des Terrors verantwortlich zu sein. Der Erzähler, der sein Leben bislang als gegeben und unveränderbar erlebt hat, ist durch seine Schulungen derart erschüttert, dass es sich dem Service anschließt.
Einer der Instruktoren des Service erklärt:
The empire died, but its bloodlines and networks did not. Its culture endures. The scions and factors and collaborators persist in the shadows. Its our job to find them. To clean up, rip out the rooots forever.
Tim Winton nimmt hier auf reale Zeitungsberichte Bezug, die sich mit den Weltuntergangsphantasien von Überreichen und Tech-Ologarchen beschäftigen, welche Luxus-Bunker (Strategically Armored and Fortified Environments) für ein autarkes Leben nach dem Tag X errichten lassen.
In „Juice“ fiktionalisiert Winton die Rettungspläne dieser Eliten, sieht sie aus der Perspektive einer fernen Zukunft und bestraft ihr Handeln durch die fiktiven Kommandoeinheiten des „Service“. An einer Stelle lässt sich der Erzähler sogar dazu hinreißen, den wenig versteckten Klarnamen ein zentrales Unternehmen zu nennen, das mit anderen für die Klimaapokalypse verantwortlich ist: EXXONS.
Eine besondere Rolle nehmen im weiteren Verlauf des Romans auch Roboter („Sims“) ein, die in den Luxusbunkern ihren Herr*innen als Bedienstete und Leibwächter zu Diensten sind. Gemäß den Asimov’schen Robotergesetzen verteidigen sie nicht nur das Leben ihrer Herren, sondern in einer Art logischen Verwirrung auch das Leben der Angreifer. Das macht sie inmitten von Krieg und Zerstörung zu seltsamen Wesen, die mehr Empathie zu entwickeln vermögen als Menschen. Sie selbst bezeichnen sich als freie Wesen („free souls“), die von den Menschen Wertschätzung erbitten, dieses aber letztendlich nicht bekommen. Im Gegenteil, als von Menschen geschaffene Wesen ohne Bürgerrecht werden sie als Freiwild betrachtet.
Coming of Age:
Über Strecken liest sich das Buch wie ein Entwicklungsroman in einer fernen, apokalyptischen Zukunft. Ein Kind mit rudimentärer Bildung und ohne Geschichtsbewusstsein entwickelt sich zu einem jungen Mann, der durch die Erfordernisse eines gnadenlosen Überlebenskampfes sozialisiert wird. Durch die Begegnung mit seiner Frau und die Schulungen des Service verändert sich seine Sicht auf die Welt. Durch das in weiterer Folge erfahrene Leid wird er allmählich dazu gezwungen, die Ursachen für den Zustand der Welt anzuerkennen und sein Leben entsprechend auszurichten. Hatten ihn die Routinen des Alltags bislang vor Veränderung geschützt, erweisen sie sich letztendlich als Käfig, aus dem es auszubrechen gilt.
I’d lived through cyclones, fires, floods, dust storms, lightning sieges, but that was merely weather., and weather was just what happened to to people. There were no heroic sagas being generated by the likes of us. Our world was hard but dependable. Dullness was a signal of safety, and few plainsmen were likely to jeopardize that safety for a bit of excitement.
Doch der Dienst im „Service“, insbesondere die gnadenlosen Hinrichtungen, die er durchzuführen hat, bewegen ihn schließlich, an seinen neuen Gewissheiten zu zweifeln. So spiegelt sich im Schicksal des reifenden Mannes eine Apokalypse, die bis zuletzt nicht ausgestanden ist. Der Kampf um das physische und moralische Überleben in einer Welt der Immoralität bleibt bis zuletzt Aufgabe. Der Erzähler wird in seiner emotionalen Verbundenheit zu einem Roboterwesen den Kampf um die Bewahrung seiner Menschlichkeit führen. Am Ende des Buches blickt der Erzähler in den Himmel und beobachtet die herum schweifenden Vögel:
The sounds they made were urgent, hectic, curious, needy. I could not tell if they were there to greet me or to peck me to pieces, but I raised my hands to them anyway, and I waited. Singing.
Zusammenfassung:
Tim Wintons Roman ist ein kraftvoller und unangenehmer Text, der eine Zukunft vorwegnimmt, in die wir geradewegs hineinzustolpern drohen. Nicht um die zweifelhafte Sensation einer Aufmerksamkeit heischenden Climate Fiction geht es, sondern um die latenten Ängste und Befürchtungen, die gegenwärtig viele von uns hegen mögen. Ernsthaft gemeinte Apokalypsen, die sich auf Basis unserer Gegenwart dechiffrieren lassen, sind jedoch bei der Leserschaft nicht beliebt. Aber gerade sie vermögen den Blick auf unsere Gegenwart zu eröffnen, mit dem bisschen an Hoffnung, den uns die menschliche Existenz trotz aller Bedrängnis noch erlaubt.
Tim Winton erzählt mit großem Engagement und vermag uns über weite Strecken an die Erlebnisse und Beobachtungen des Ich-Erzählers zu binden. Es ist ein vielschichtiges Buch und sein Autor lässt sich nicht dazu hinreißen, die letzten Antworten kennen zu wollen. Der Zweifel an Allem bleibt bestehen, Vieles bleibt im Ungewissen.
Gleichwohl bleibt das Buch über weite Strecken eine Art von „Männerbuch“, das sich zu lange (in manchmal durchaus redundanten) Schilderungen von Kampfeinsätzen ergibt. Zwar sind viele der handelnden Personen mit Frauen besetzt, doch ihre Präsenz vermag nicht über den männlichen Erzählduktus hinwegzutäuschen: Abenteuer, Kampf und das Überspielen von Schmerz und Einsamkeit dominieren das Erleben des Erzählers. Das wirkt irritierend, hätte es doch auf der Bühne eines Endzeitszenarios mehr weiblicher Stimmen bedurft. Gestört hat mich auch die nicht sehr überzeugende Rahmenhandlung, die manchmal implodiert und erst am Ende des Buches an Überzeugungskraft gewinnt. Letztlich war das Buch mit seinem australischen Slang schwer zu lesen, dabei hat mir nicht einmal der Blick ins Wörterbuch geholfen.
Dennoch gehört für mich das Buch in die Reihe bedeutender Climate Fiction, die sich nicht in Exotismus ergehen. Es lässt sich in seiner Qualität gut mit Kim Stanley Robinsons gefeiertem Roman „The Ministry for the Future“ (2020) messen. Während aber Robinson die Klimakatastrophe auf die weltpolitische Bühne bringt, wählt Winton einen anderen Weg. „Juice“ verharrt in einem Kosmos von Privatheit und Unausweichlichkeit. Das mag dem Thema angemessener sein als die Emphase eines inszenierten Weltuntergangs. Der Roman wird dadurch zum Kammerspiel, in dem sich das Draußen in wenigen Personen spiegelt.
Schade, dass das Buch bislang nicht auf Deutsch erschienen ist. Eine Verfilmung ist jedoch vorgesehen. Das lässt Schlimmes befürchten.
Ergänzendes:
- Kauf im Faltershop
- Rezension im Guardian

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