Prekäre Welten

Lesen und Schreiben in Zeiten der Krise

Nao-Cola Yamazaki: Die Schönheit der Distanz (2026) – Buchbesprechung

Eines der schönsten Bücher über das Sterben und den Tod, das ich in den letzten Jahren lesen durfte. Autonomie, Achtsamkeit und Wertschätzung sind zentrale Begriffe dieser Liebesgeschichte.

Ein Mann sitzt in einem Café mit Blick auf den Bahnhof, nippt an einem grünen Saft und beobachtet die Menschen. Das Leben steht für einen Moment still, während er auf den Bus wartet, der ihn zu seiner Frau bringt.Jeden Tag ist er im Krankenhaus an ihrer Seite, bürstet ihr das Haar und erinnert sich an die prägenden Momente ihrer Beziehung. Und während er spürt, wie ihm die Liebe seines Lebens entgleitet, ringt er damit, wie seltsam der Umgang mit Pflege und Krankheit in der Gesellschaft ist. Er kommt nicht umhin, sich zu fragen, warum es normal ist, Trauerurlaub nach einem Tod zu nehmen, wenn er doch lieber die wenige Zeit, die ihnen noch bleibt, bei seiner Frau verbringen würde. So setzt er alles daran, seiner Frau in ihren letzten gemeinsamen Stunden ein Gefühl von Hoffnung zu geben. Wenn sie den Alltag bewahren möchten, dürfen gewisse Grenzen nicht überschritten werden. Aber liegt nicht genau in dieser Distanz eine große Schönheit? Nao-Cola Yamazaki erzählt aufrichtig, tiefgründig und bewegend von Fürsorge und Pflege, aber auch von Gemeinschaft und Zusammenhalt in einer Welt, die sich zu schnell dreht. (Klappentext)

Buchtitel: Die Schönheit der Distanz
Autorin: Nao-Cola Yamazaki
Erscheinungsjahr: 2026
Sprache: Deutsch
Übersetzung aus dem Japanischen: Katja Busson
Verlag: Dumont
Seiten: 160
ISBN 978-3-7558-0074-3
Originaltitel: Utsukushii kyori
Erscheinungsjahr Original: 2016


Buchbesprechung

Schreiben über Alter und Tod

Sieht man sich in den Buchläden um, scheinen Alter und Tod ein nachgefragtes literarisches Thema zu sein. Folgende Titel habe ich in letzter Zeit gefunden:

  • Altern (2026) von Elke Heidenreich: eine Art Aufmunterung, alt zu werden und zudem lange Zeit Bestseller;
  • Die späten Tage (2025) von Natascha Wodin: eine etwas wehleidige Abrechnung mit der eigenen Gebrechlichkeit und jener ihres Partners;
  • Baumgartner (2023) von Paul Auster: sein letztes Buch vor dem eigenen Tod 2024;
  • Ghost Stories (2026) von Siri Hustvedt: ihre Hommage an den verstorbenen Lebensgefährten Paul Auster;
  • Abendlied (2026) von Stewart O’Nans: solidarisches Altwerden in einem dazu gegründeten Klub.
  • Reise nach Laredo (2024) von Arno Geiger: ein Text über den alternden Karl V:
  • Abschiede (2026) von Julian Barnes: eine wissenschaftlich distanzierte Betrachtung des eigenen Alterns.

Die Häufigkeit der literarischen Befassung mit der eigenen oder fremden Vergänglichkeit korreliert wohl mit der numerischen Zunahme einer Population, die ausreichend Muße und Mut hat, sich mit ihrer eigenen Vergänglichkeit auseinanderzusetzen. So manche aus der Boomer-Generation treten vorsichtig lesend ihrem letzten Lebensabschnitt näher. Es gibt also diesen Bedarf an Altersbetrachtungen, denen manche Autor*innen und der Buchmarkt gerne entgegenkommen. Dabei kommt es naturgemäß auch zu mancherlei Geschwätzigkeit, Überheblichkeit und Selbstmitleid. Das ist jedoch nicht zynisch, sondern rein deskriptiv gemeint.

Wir dürfen froh sein, dass es angesichts des allseits grassierenden Longevity – Hypes, den enervierenden Aufforderungen zu Active Ageing und dem weitverbreiteten Alten-Bashing zum Thema auch halbwegs Vernünftiges zu lesen gibt: Literatur eben. Verdrängt wird genug, und warum sollte man am Sterben anderer nicht partizipieren dürfen, vor allem, wenn die Texte kultiviert und perspektivreich daherkommen.

Ich habe einige dieser oben genannten Bücher gelesen, allerdings mit wenig Gewinn, wie ich zugeben muss. Denn das Eintauchen in die Geheimnisse und Wahrheiten von Alter, Erinnerung, Krankheit und Sterben, das ich mir von der Lektüre versprochen hatte, wich meist einer gewissen Ernüchterung. Das liegt an der unbedingten Privatheit des eigenen Sterbens, aber auch daran, dass es vorwiegend mit Banalität, Pathos, Wehleidigkeit und Klischees verbunden ist, wenn nicht gar mit der Eitelkeit, Selbstüberschätzung und Überheblichkeit der Sterbebegleiter. Aber es gibt ihn doch, den Text, der sich leise und ohne Überheblichkeit der Autonomie eines sterbenden Menschen nähert. Von diesem will ich hier schreiben.

Sterbebegleitung

Manchmal kommt der Tod unerwartet ins Zimmer, setzt sich zu uns und beginnt leise zu sprechen. Das Buch der japanischen Schriftstellerin Nao-Cola Yamazaki erzählt davon. Von den sanften Gesten und dem respektvollen Abstand, denen wir den Sterbenden entgegenbringen, um sie für ihr Leben zu ehren: „Die Schönheit der Distanz“ (2016/2026) ist ein Text, der sich darum radikal bemüht.

Ein Mann begleitet seine an Krebs erkrankte Ehefrau in den letzten Stunden ihres Lebens. Es ist schön und beeindruckend, ihm dabei zuzusehen, denn sein Handeln kreist um die Frage, wie trotz der immer größer werdenden Hilflosigkeit seiner Gefährtin ihr jene Wertschätzung entgegengebracht kann, die sie verdient. Der geliebte Mensch wird zum Pflegefall, es gilt ihre Würde zu bewahren als verbrieftes Menschenrecht. Außergewöhnlich, dass es sich dabei um einen Mann handelt, welcher der Pflege der todkranken Lebensgefährtin mit grösstmöglicher Behutsamkeit nachkommt. Außergewöhnlich, dass er dies nicht mit einer hemdsärmeligen und oft rücksichtslosen Pflegementalität tut, die wir alle so oft in Spitälern oder Pflegeanstalten anzutreffen pflegen. Sich gegen die Arroganz der Lebenden zu wehren, gelingt einer Todgeweihten nur schwer. Der Tod und das Sterben gehöre wohl ganz selbstverständlich zum Leben und sei auch so zu behandeln, mit einer Art unerschütterlichen Contenance, die sich so weit wie nur möglich vom eigenen Verlust und den damit verbundenen Schmerz distanziert. Über das Ente braucht man sich dabei keine Illusionen zu machen.

Er will sich der Gehirnwäsche der Stereotypie nicht unterwerfen. Dem ominösen „sanften, würdevollen Tod“. Dem idiotischen „natürlichen Tod“. Man kann ein glückliches Leben auch mit einem unsanften oder unnatürlichen Tod beschließen, denkt er.

Nicht unreflektierte Nähe bestimmt seine Sterbebegleitung, sondern ein vorsichtige und fast zärtlich zu nennende Distanz zu der sich immer mehr von ihm entfernenden Partnerin. Auch ihrer Mutter, die zu den regelmäßigen Krakenbesucherinnen gehört, und sogar dem Krankenhauspersonal tritt er mit dieser immer abwägenden und rücksichtsvollen Haltung gegenüber. Ehrerweisung möchte mensch ein derartiges Verhalten wohl nennen. Diese gehört den Lebenden wie den vom Tod gezeichneten.

Diese fast stoisch zu nennende Haltung scheint mit der in Japan seit Jahrhunderten gepflegten Tradition der Ritualisierung des Todes zusammenhängen. Lisette Gebhard hat in der Online Ausgabe der Zeitschrift Literaturkritik.de ausführlich darüber geschrieben. Doch Ehrerweisung ist nicht nur ein kultureller Reflex, denn im Grunde geht es um die Wahrung der Autonomie des Menschen, auf die die Sterbenden trotz ihres körperlichen Verfalls ein Anrecht haben. So nimmt die Sterbende nicht nur von ihrer Familie den gebührenden Abschied, sondern auch von den Geschäftspartnern, die sie beim Aufbau ihres Delikatessenladens ein Arbeitsleben lang begleitet haben. Denn die Familie sei nicht alles in ihrem Leben gewesen, überlegt die Kranke.

Einsichten

Uns Leser*inne begleitet der schmale Band wie ein kleiner Ratgeber, der uns anweist, wie wir mit dem Tod eines nahen Bekannten umzugehen hätten: mit Respekt, Distanz und angemessener Selbstkontrolle. Manchmal erscheint es uns allerdings so, als hätten wir es wirklich mit einem Ratgeber zu tun, und nicht mit einem Stück Poesie. Das sind die Schwachstellen des Buches, wenn es nur knapp an einem nicht fiktionalen Text vorbeischrammt.

Gehören Leben und Tod wirklich nur der Familie? Die Gesellschaft ist gereift, das Leben des Einzelnen wird inzwischen von vielen gestützt. Früher halfen einem die Verwandten finanziell aus der Bredouille, heute kann man auch von Fremden Hilfe bekommen. Auch die Pflege wird nicht nur von Angehörigen geleistet.

Doch darf mensch einem engagierten Text diese Entgleisung übel nehmen.

Nicht nur die wertschätzende Distanz zum Sterbenden ermöglicht einen würdevollen Abschied. Es geht auch post mortem darum, ein vergangenes Leben gegen die Plumpheit der Umwelt zu verteidigen. Heuchlerische Gäste finden sich zur Totenfeier zusammen und machen dem Ehemann ihre unbedachten, fast rüden Aufwartungen. Sie überhäufen ihn mit Klischees über das Thema Krebs und stören mit protzigen Blumenarrangements die beabsichtigte Schlichtheit der Abschiedszeremonie.

Schon bald spürt der „Haupttrauernde“ wie sich die ihm einst so nahe Lebensgefährtin entfernt, in einen Zustand entgleitet, der wohl ebenso natürlich ist, wie der Tod: ins Vergessen. So wie er das Sterben mit Contenance begleitet hat, und wie er den Zumutungen der Trauergäste begegnet ist, nimmt er mit großer Selbstbewusstheit wahr, wie die Erinnerung an die Verstorbene entgleitet:

Das kontinuierliche sich entfernen formt sich zu einer schönen, hellen Linie.

heißt es im letzten Satz des Buches,


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