Prekäre Welten

Lesen und Schreiben in Zeiten der Krise

Hundstage in Zwischenbrücken, Teil 3 – Betrachtungen

Der diesjährige Sommer hatte es in sich. Ein Spaziergang durch mein Grätzel im dritten Teil der „Hundstage“.

Den Titel dieses Blogbeitrags habe ich dem Film von Ulrich Seidl aus dem Jahr 2002 entlehnt. Dort werden sechs Geschichten aus Wien erzählt, die sich während der Hundstage (die heißeste Zeit ehemaliger Sommer, zwischen 24. Juli und 23. August) ereignet haben. Der Beitrag wurde anlässlich der Blogwochen 2026 unter dem Eindruck der viermonatigen Hitzeperiode im Jahr 2026 geschrieben. Der Blogbeitrag erscheint in mehreren Teilen im September und Oktober d. J.


Draußen vor der Tür

Was mir immer sofort auffällt, wenn ich vor die Haustür trete, ist der verdorrte Rasen im Park. Die Gemeinde Wien hatte in den letzten Wochen die Bewässerung des Geländes ausgesetzt, um Wasser für alle Eventualitäten zu sparen. Nun wird trotz andauernder Dürre wieder gegossen, aber der Rasen ist verbrannt, die Erde ausgetrocknet und das Wasser versickert wirkungslos im Boden. Das ist ein sehr trostloser Anblick. Die Blätter an den ausgesetzten Stellen der Kastanienbäume beginnen zu welken, andere sich aufzurollen. Mitte September fallen die ersten Kastanien von den Bäumen. Sie sind klein und unansehnlich. Der einzige Trinkbrunnen des Parks ist von Kindern und Erwachsenen belagert, in seinen Rinnsalen gären faules Obst und Speiseeis. An anderer Stelle tummeln sich Kinder unter Nebelsprühanlagen, die wirkungslos gegen Himmel dampfen. Scheinbar unbeeindruckt von der Hitze spielen einige Männer im Schatten Karten, umzingelt von Getränkeflaschen und Zigarettenschachteln. Es ist stiller im Park, viele sind wie gelähmt von der brütenden Hitze, die sich auch im Schatten des Parks ungehindert ausgebreitet hat. Ich frage mich, was man denn aus Sicht der Stadtverwaltung tun könne, um die Menschen in Hitzeperioden wie dieser wirkungsvoll zu unterstützen. Eine Hitzeperiode, die von Juni bis Mitte September reicht, ein Ausnahmezustand, der ab nun jeden Sommer zu erwarten ist. Von „Hitzewelle“ kann man nicht mehr sprechen, allerhöchstens von den Rekordhitzespitzen an diesem oder jenem Ort. Die Wiener Bäder verzeichnen traurige Besucherrekorde.

Während ich die Kinder am langsam dahin tröpfelnden Brunnen beobachte, erinnere ich mich an das Kinderfreibad im 12. Bezirk, in der ich die Hundstage der Sechzigerjahre glücklich verbracht habe. Meine mich begleitende Großmutter saß dabei am Beckenrand und ließ ihre Füße im Wasser baumeln. Heiß war damals noch lustig und Sommer eine Verheißung. Dieses Bad existiert heute nicht mehr, es ist dem Straßenbau gewichen.

Liebe Gewohnheiten verändern sich. Früher saß ich in den Sommermonaten gerne im Gastgarten einer Pizzeria um die Ecke, die von einer pakistanischen Familie geführt wird. Durch das rapide Ansteigen der Heimzustellung während der Pandemie und seine ausgezeichnete Pizza machte sich das Wirtshaus in der Umgebung rasch einen guten Namen. Im Zuge meiner Besuche hat sich zwischen dem Gastwirt und mir eine gewisse Vertrautheit entwickelt, in der offen miteinander gesprochen werden kann. Aber meine Besuche sind während der Hundstage selten geworden, denn im Gastgarten ist es zu heiß. Viel lieber halte ich mich im nahegelegenen Einkaufszentrum auf, wo hinreichend gut klimatisiert wird. Dieses wird in diesem Sommer zu meiner Klimaoase.

Aber wenn die Hitze unter 35 Grad gesunken ist, sitze ich im Gastgarten der Pizzeria und trinke gierig Apfelsaft mit Soda. Meine hitzeempfindlichen Einkäufe lagere ich dabei temporär im Kühlschrank des Lokals. Das Biertrinken habe ich eingestellt: Es ist bei dieser Hitze nicht mehr zuträglich. Ich erzähle dem Gastwirt von meinem langen Arbeitsaufenthalt im Nordwesten Pakistans und meinen Erfahrungen mit einer damals noch exotisch anmutenden Hitze. Auch dort lagen die täglichen Temperaturen über 40 Grad Celsius und die Nächte brachten kaum Abkühlung. Sich länger der Sonne ungeschützt auszusetzen, war gefährlich. Offener Sonneneinstrahlung ging man geflissentlich aus dem Weg. Das Schwimmbecken des Luxushotels vor Ort war gekühlt und bot trotzdem kaum Erfrischung. Alles hatte ich damals dem herrschenden Klima unterwerfen müssen: Essen, Trinken, Schlafen, Bekleidung, meinen Arbeitsrhythmus. Nun sei es wohl auch in Wien so weit, meine ich.

Höflich nickt der Gastwirt. Er ist eine Generation jünger als ich und hat noch Familie in Pakistan. Auf seinem langen Weg nach Österreich hat er sich jahrelang als Arbeitsmigrant durchs Leben schlagen müssen, in Saudi-Arabien über Jahre als Bau- und Erntearbeiter gearbeitet. Wenn er von der Arbeit auf dem Gerüst, den Straßen und den Feldern spricht, spricht er zugleich auch von den erlittenen Schmerzen, Hitzeschmerzen, wie er sie nennt, die ihn bis in den Schlaf verfolgt hätten. Noch heute würde er sich oft an sie erinnern. Er wird ganz ernst dabei. Mein Freund ist aber zu höflich, um Hitzevergleiche zwischen Wien und Riad herzustellen, ganz zu schweigen zwischen dem Leben als Pensionist (wie ich einer bin) und dem eines Bauarbeiters. Meine Klagen über das Wetter hier und dort müssen ihm wehleidig erscheinen und wenig weltgewandt. Doch er verzeiht das einem alten Mann, der zu einem Stammgast geworden ist und bei den herrschenden Temperaturen verständlicherweise schwächelt.

An seinem Lokal eile ich diesen Sommer oft vorbei, um im klimatisierten Einkaufszentrum Schutz und Erholung zu suchen. Manchmal gehe ich nur dorthin, um mich abzukühlen und meinen Körper auf eine erträgliche Temperatur zu bringen. Im Café des Einkaufszentrums, das durch seine opulent belegten Brötchen bekannt ist, sitzt wie immer eine Schar von Pensionist*innen bei Jause oder dem Tagesmenü. Aber auch dort im Schutz des Einkaufszentrums ist der Aufenthalt schweißtreibend. Die Sonne gleißt durch die Glasfassade des Büroturms, sodass man im Café Sonnenschirme aufgezogen hat, um das Raumklima trotz Innenlage und Klimatisierung vor der Einstrahlung der Sonne zu schützen. Trotzdem lässt es sich dort beschattet einigermaßen gut sitzen und lesen. Ich spreche mit dem freundlichen Lieblingskellner über die Hitze und darüber, dass es sich hier wie in einem Kälteparadies anfühle. Er verzieht das Gesicht und meint etwas ruppig: „Oba ned, wenns do orbeitn miassn!“ Er zeigt auf die Glasüberdachung des Einkaufszentrums und eilt weiter. Die Gäste sind durstig, er ist schon am Beginn seines Dienstes erschöpft.

Eine vergleichbare Zurechtweisung bekomme ich auch vom Verkäufer eines kleinen Fleischstandes zu hören, der die Produkte des Familienbetriebes in Niederösterreichs von einem Verkaufswagen aus verkauft. Ich bin mittlerweile im kleinen Tagesmarkt bei der U-Bahnstation angekommen. Über sein Leben als Bauer meint der Verkäufer: Draußen zu arbeiten sei sehr schwer geworden, oft nur mehr in den frühen Morgenstunden oder am Abend möglich. Grenzstreitigkeiten wegen Wasser oder dem Anteil an der von der Windkraft erzeugten Stromes seien plötzlich an der Tagesordnung. Als ich von den steigenden Gewinnmargen der Energiegesellschaften spreche, wittert er den Braten und beginnt gegen die Grünen und die Windkraft zu argumentieren: Windenergie sei nicht so umweltschonend, wie die Grünen immer behaupteten. Sie verbrauchten Platz auf dem Acker und der Abrieb der Rotorblätter sei gesundheitsgefährdend. Außerdem: kein Wind, kein Strom!

Häufig besuche ich auch den etwas entfernt gelegenen Karmelitermarkt, die in seiner Nähe gelegene Buchhandlung und einen koreanischen Spezialitätenladen. Normalerweise gehört die Tour zu meinen routinierten Spaziergängen. An Hundstagen wie diesen nutze ich gerne eine für diese Zwecke sehr praktische Buslinie. Sie verschafft Kühlung und Entspannung. Auch dies habe ich diesen Sommer gelernt: dass mit Klimaanlagen bestückte Verkehrsmittel in den Wiener Fahrplänen speziell gekennzeichnet sind. Immerhin sind bislang 80% des Wiener Fuhrparks klimatisiert. Ich nicke zum ersten Mal seit langer Zeit freundlich und entspannt.

Mein Aufenthalt am Karmelitermarkt ist hitzebedingt eingeschränkt. Den Bummel am Samstag, wenn der Platz vor Ständen und Besucher*innen summt, verkneife ich mir, er wäre aus Hitzegründen ohnehin nur in den frühen Morgenstunden möglich. Nichts rasch Verderbliches einzukaufen ist die Devise und dazu gehört wohl auch zartes Gemüse. Fast ausgelacht hat man mich an einem Stand, wo ich das viel gerühmte klein geschnittene Suppengrün zur Zubereitung von Minestrone kaufen wollte. „Na, des schauat schen aus bei da Hitz!“, meinte die sorgsame Standlerin. Auch auf den Einkauf der viel gepriesenen Salsicca und von Pferdefleisch möchte man in diesen Tagen gerne verzichten, ebenso wie auf das in Einmachgläsern fermentierte Kimchi im nahegelegenen Korea-Shop.

So bleibt allein der Besuch des Buchladens mit seinem sehr starken Kaffee und dem ausgezeichnetem Topfenkuchen, den man hier schick Cheese Cake nennt. Die Tür des Ladens steht weit offen und verspricht Kühlung beim Schmökern. Doch Kühle ist in diesem Sommer oft ein leeres Versprechen. Langsam und wirkungslos dreht sich ein schwächlicher Ventilator am Verkaufstisch. Die Hitze staut sich am Eingang.

Und so fahre ich erschöpft nach Hause, teile das Eingekaufte mit meiner Nachbarin und widme mich den Rest des Tages stark schwitzend meinen Büchern. Lesepausen verbringe ich unter der Dusche.

Fortsetzung:


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2 Antworten zu „Hundstage in Zwischenbrücken, Teil 3 – Betrachtungen“

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