Prekäre Welten

Lesen und Schreiben in Zeiten der Krise

Die Romane der Maja Haderlap – Buchbesprechung

Besprochen werden folgende Bücher der Autorin: Engel des Vergessens (2013) und Nachtfrauen (2024).


Buchbesprechung:

Leseversäumnisse

Manchmal stoße ich in meiner Bibliothek auf Bücher, die ich einst angeschafft habe, weil sie als besonders wichtig angepriesen wurden. Gekauft habe ich sie weniger aus Interesse, sondern weil ich mir durch ihre Lektüre einen besonderen, kulturellen Zugewinn versprach. Ein Bücherkauf erhöht den Status, sie zu lesen und darüber zu sprechen ebenso. Mensch erwirbt einfach eine Voraussetzung für den Erwerb kulturellen Kapitals. Durch Anschaffung und Lektüre würde ich mitsprechen, mich im Diskurs positionieren und als Intellektueller profilieren können. Ich würde definitiv Bescheid wissen und mit anderen am literarischen Produkt zweifeln dürfen. Doch nach einigen Jahren ist die Zeit angeheizter intellektueller Nachholjagd vorbei. Mehr Sorgfalt ist ins Leben eingezogen und viel mehr Bescheidenheit. Die Erkenntnis macht sich breit, dass das Über-Ich viele Male seinen Kampf verloren hat, und so verstaubt so mancher Ankauf ungelesen im Regal.

Jahre später passiert dann möglicherweise Folgendes: Die Bücher einzelner Schriftsteller*in werden wieder an die Oberfläche der öffentlichen Aufmerksamkeit gespült und meine Erinnerung an das vergessene Buch wieder aktiviert. In diesem Jahr begegnete ich so Robert Schindel wieder, der in aller medialer Bescheidenheit seinen 82. Geburtstag feierte. Auch Maja Haderlap ließ grüßen, mit gepflegter Sprache und präzisem Stil bei einer der Rede anlässlich der Eröffnung des Bruckner Festes 2026.

Zu solchen Gelegenheiten mag man sich wieder an die Ladenhüter im Buchregal erinnern, man zieht die vergessenen Exemplare hervor und stellt mit Beschämung fest, vom genannten Autor noch nie etwas gelesen zu haben. Hat man durch seine Ignoranz etwas versäumt? Oder wäre man einem schalen Zeitgeist aufgesessen, hätte man das Buch damals tatsächlich gelesen?

Mit diesen Überlegungen nehme ich mir die beiden Romane von Maja Haderlap vor. Robert Schindels Gebürtig (1994) werde ich später lesen.

Nachtfrauen

Ich muss gestehen, dass mich Autofiktion nie besonders interessiert hat. Ihre Tendenz zur intimen Beschwörung des Privaten, das selten öffentliche Wirksamkeit entfaltet, hat mich immer gestört. Privates war mir in seiner behaupteten, intimen Wichtigkeit stets suspekt, erst die Dialektik mit dem Öffentlichen rechtfertigte aus meiner Sicht die intellektuelle Beschäftigung mit ihr. Ich bin wohl ein trotziges Kind einer anmassenden Studienzeit. Berufene werden mir wohl berechtigterweise erklären, dass Autofiktion unter bestimmten Umständen Qualität sein kann. Sympathischer wird sie mir deshalb nicht.

Diese Skepsis machte mir anfangs auch bei der Lektüre der „Nachtfrauen“ zu schaffen. Das Buch wird gerne als Familienroman aus dem Milieu der Kärntner Slowenen rezensiert, als eine Beschäftigung mit den Untiefen des (katholischen) Lebens auf dem Lande, als Roman über Frauen, denen gesellschaftliche Anerkennung vorenthalten wurde.

Allerdings entwindet sich der Roman aus dieser Umarmung durch das Private. Er ist vielmehr eine Tiefenschürfung im Milieu der Kärntner Slowen*innen und deren tragischer Geschichte und stellt insofern eine Fortsetzung von Haderlaps erstem Roman Engel des Vergessens dar, ohne jedoch dessen Intensität halten zu können. Mehr davon später.

Maja Haderlap berichtet in ihrem Text von Mira, einer Frau, die sich zu ihrer betagten Mutter nach Südkärnten begibt, um dort widerstrebend ihre Übersiedelung ins Altenheim zu begleiten. Die Mutter ist alt, körperlich schwach, und ihr Haus wird für ein Projekt des Bruders gebraucht. Die Ich-Erzählerin ist Soziologin, die sich schon lange von ihrem heimatlichen Milieu distanziert hat, aber anlässlich ihres aktuellen Aufenthalts wieder mit den Befindlichkeiten und der Geschichte ihrer Familie konfrontiert wird. Ein Spaziergang auf dem Friedhof des Ortes, die Wiederbegegnung mit Orten und Verwandten, Ausflüge in den jungen Staat Slowenien, schließlich das Lesen in ihren auf dem Dachboden verstauten Studienzeit-Manuskripten und Tagebüchern sind die erzählerischen Anlässe für Miras Erinnerungsarbeit. Solche Anlass-Erinnerungsarbeit ist mensch von anderen einschlägigen Romanen gewohnt und wirkt wohl ein wenig banal. Man hätte der routinierten Erzählerin Haderlap doch mehr handwerkliche Raffinesse zugetraut.

Bald sind wir auch dem Titel ihres Romans auf der Spur. Mira stöbert in Unterlagen aus der Studienzeit, die Interviewbögen und Skizzen mit Frauen aus ihrem Heimatort beinhalten. Es geht darum, ihre Geschichte zu erzählen.

Sie sehnte sich danach, eine Spur aufzunehmen, sich in einer Traditionslinie zu sehen, und musste zu ihrem Bedauern feststellen, dass sie es kaum zu mehr als einer flüchtigen Nähe bringen konnte.

Ihre ungeschickten studentischen Versuche, Frauen ihres Lebensumfeldes bei ihrer Selbstvergewisserung zu unterstützen, sind zum Scheitern verurteilt, zu sehr sind diese in ihren Lebenswirklichkeiten verwurzelt. Auch die Lebensgeschichte von Miras Mutter Anni war einst Forschungsgegenstand gewesen und „stellte Miras bislang letzten ernsthaften Versuch dar, ihrer Mutter wirklich nahezukommen.“ Auch daran scheitert sie.

Als Mira sich auch noch mit ihren Tagebüchern konfrontiert sieht, fühlt sie eine Art Entfremdung gegenüber den damals zu Papier gebrachten Texten, „diese langen Satzschleifen, die sich im Nichts verloren.“

Dieses angedeutete Scheitern an der Aufarbeitung der gemeinsamen Geschichte von Mutter und Tochter ist Thema des ersten Teils dieses Buches. Ist dieser von der Erzählperspektive von Mira bestimmt, so wechselt das im zweiten Teil. Die Geschichte wird ab nun aus der Perspektive der Mutter erzählt, die angesichts des bevorstehenden Abschiedes aus ihrer vertrauten Lebensumgebung damit beginnt, sich mit ihrem Leben intensiver auseinanderzusetzen. Sie vermag aufgrund ihrer mangelnden sprachlichen Kompetenz nichts an Erinnerung aufzuschreiben, kann sie allerhöchstens als ungeschickte Zeichnung in ein Heft zeichnen.

Wie sollte sie alles, was sie sagen wollte, zur Sprache bringen? Im Alltag fiel es Anni schwer, die richtigen Worte zu finden, und auch die Menschen, die sie kannte, drucksten beim Sprechen herum, als hätten sie Steine im Mund.

Auch sie beginnt in ihren Habseligkeiten zu kramen, betrachtet sinnend alte Fotografien und Zeitungsartikel. Die Beziehung zu ihrer eigenen Mutter verliert sich dabei im Hintergrund, ebenso Krieg und Verfolgung, die sie aber im Geheimen immer noch belasten.

Der zweite Teil des Romans hat mich besonders beeindruckt, weil hier die Welten von Mutter und Tochter aufeinandertreffen als ergreifende Bilder zweier Frauen, die in wechselseitiger Sprachlosigkeit befangen sind. Gleichzeitig bin ich angetan von der großartigen Sprachbeherrschung und stilistischen Perfektion der Autorin. Sie hält das Buch in einer perfekten Balance zwischen Familienroman, politischer Geschichte und persönlichem Erleben. Auch das traditionelle, lineare Erzählen, das für den Roman prägend ist, zieht mich letztendlich in seinen Bann. Ich entschließe mich, auch den ersten Roman von Maja Haderlap zu lesen.

Engel des Vergessens

Das Buch wurde 11 Jahre vor den Nachtfrauen veröffentlicht. Beide Bücher sind thematisch miteinander verknüpft, auch hier setzt der Roman am Geburtsort der Erzählerin ein, bewegt sich aber entlang der Biographie der Protagonistin. So liegt in Engel des Vergessens der thematische Schwerpunkt nicht in der Aufarbeitung des Verhältnisses zur Mutter als vielmehr auf der eigenen Biographie als Kärntner Slowenin.

Wir lernen aus der Sicht der Ich-Erzählerin die Verwundungen ihrer Familie kennen: den Vater, der seine Kindheit und frühe Jugend bei den Partisanen verbracht hat und unter den Folgen des Krieges und der Verfolgung leidet; die Großmutter, die von den Nationalsozialisten ins Konzentrationslager verschleppt wurde und mit ihren Erzählungen die Enkelin ins Vertrauen zieht; die Mutter, die in seltsamer Distanz zu ihrer Tochter verharrt. Langsam schleichen sich die Geschichten aus der Vergangenheit in die Sozialisation des Kindes ein. Selbst die Natur hat ihre Unschuld verloren und erinnert an die überwunden geglaubten Kriegserlebnisse.

In den Wald zu gehen bedeutet in unserer Sprache nicht nur, Bäume zu fällen, zu jagen oder Pilze zu sammeln. Es heißt auch, wie immer erzählt wird, sich zu verstecken, zu flüchten, aus dem Hinterhalt anzugreifen, man habe im Wald geschlafen, gekocht und gegessen, nicht nur in Friedenszeiten, auch im Krieg seien Männer und Frauen in den Wald gegangen.

Die traumatischen Erlebnisse der Eltern- und Großelterngeneration nistet sich so in das Leben der Nachgeborenen ein, denn „der Krieg ist ein hinterhältiger Menschenfischer.“ Je erwachsener die Erzählerin wird, desto mehr verdichten sich die schmerzhaften Erinnerungen der Elterngeneration zu einem unheilvollen Sog, der die Heranwachsende mit sich zieht.

Nicht nur die Menschen, sondern auch die Geografie des Heimatortes erzählt von der kollektiven Verdrängung der Geschichte. Da ist die Grenze, die mit Bedeutung aufgeladen einst, einst zu Jugoslawien und seiner Partisanenkultur und nun zu Slowenien in seiner demokratischen Verfasstheit und sprachlichen Nachbarschaft. Da ist die slowenische Sprache, die zu einem Vehikel der Diskriminierung und Unsicherheit gegenüber der deutschsprachigen Mehrheitsgesellschaft wird. Ringsum befinden sich die Bauernhöfe mit ihren alten Menschen, die vom Schrecken des Nationalsozialismus und des Krieges erzählen. Die Vergangenheit lebt bis in die Gegenwart weiter, wenn auch die Mehrheitsbevölkerung versucht, sie zu verdrängen.

Ein Jahr vor meinen Haderlap – Lektüren ereignete sich 1925 ein empörender Vorfall in Südkärnten. Ein in Teilen illegaler, wohl provokativ gemeinter Polizeieinsatz am Gedenkort Peršmanhof mit Anhaltungen, Personalkontrollen und Verhören unter Teilnehmer*innen einer antifaschistischen Veranstaltung, weckt die schmerzhaften Erinnerungen der Kärntner Sloweninnen. Manche sprechen in diesem Zusammenhang von Retraumatisierung und einer Wiederbelebung der NS – Vergangenheit Kärntens. Das österreichische Innenministerium musste das Fehlverhalten der Polizei letztendlich zugeben.

Maja Haderlap spricht in ihrem Buch wiederholt davon, was vor mehr als 60 Jahren an diesem Ort passiert ist:

Er (der Vater ) sitzt gerne am Peršman-Hof, in der Küche bei Anci, die damals, als die SS die ganze Familie erschoss, überlebt hat. Sie sei sieben Jahre alt gewesen, sagt Vater, und habe sechs Schüsse abbekommen. Am Kinn und an der Hand könne man die Einschüsse noch sehen. Sie habe sich tot stellen können, doch die kleinen Kinder hätten laut geweint und seien erschossen worden.

Beobachtungen, Erzählungen, Erinnerungen stürmen auf die Erzählerin ein und auch als Erwachsene kann sie sich nicht von der nationalsozialistischen Vergangenheit Kärntens nicht lösen.

Ich lerne im selbstvergessenen Kärnten nicht vergessen zu können. Der Boden, auf dem ich stehe, muss eine unsichtbare Unterseite haben, die vollgesogen ist mit gewesenem, aus dem ich zu wachsen scheine, auf das ich zurückgeworfen werde,

Was als Biografie einer Kärntner Slowenin begonnen hat, wird im Verlauf des Textes zu einem Mosaik aus Lebensgeschichten, deren Verwundungen unter den Teppich des Vergessens gekehrt werden. Das Leben der Volksgruppe ist auch im offiziellen Nachkriegsösterreich und sogar bis in unsere Gegenwart der Hetze von Revisionisten preisgegeben.

So verwandelt sich sehr rasch das Private zu einem Stück verdrängter österreichischer Geschichte, die bis heute nicht zureichend aufgearbeitet ist. Diese Prävalenz kollektiver Erinnerung macht das Buch zu einem Selbstzeugnis der Kärntner Slowen*innen. Private Erinnerungsarbeit gerinnt durch das erzählerische Können der Autorin zu einem Stück eindrücklicher Literatur und behauptet Allgemeingültigkeit. Ich hätte die beiden Bücher in der logisch richtigen Reihenfolge lesen sollen und das auch schon kurz nach ihrem Ankauf. Es wäre die Mühen wert gewesen.


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