Ein stiller Roman über die wichtigen Dinge im Leben und darüber, in ihm einsam zu sein.
Der neue Roman von Paulus Hochgatterer über Verlust, Vergänglichkeit und Unsterblichkeit. »Es ist die Kraft des Nichtgesagten, die sein Schreiben auszeichnet.« Christine Westermann, WDR 5Ingemar ist sechzehn und denkt gerne nach. Über Wörter, über Gerechtigkeit, über die Menschen. Darüber, wie Entscheidungen fallen, und darüber, warum die Dinge so geworden sind, wie sie sind. Als eines Tages Mio, eine junge schwarze Katze, in Ingemars Familie kommt, scheint plötzlich alles aus dem Ruder zu laufen. Mio frisst nicht, was sie fressen soll, hat einen dunklen Fleck im Auge, klettert auf Bäume und jagt Vögeln hinterher. Ingemars Eltern machen sich Sorgen, und in ihm selbst wächst die Vermutung, dass an der Rede von den sieben Leben einer Katze doch etwas Wahres sein könnte. Paulus Hochgatterers lang erwartetes neues Buch handelt von Verlust und Vergänglichkeit, vom Vergehen der Einsamkeit und davon, wie wunderbar es sein kann, jemand Unsterblichen an seiner Seite zu haben. (Klappentext)

Buchtitel: Mio und die Unsterblichkeit
Autorin: Paulus Hochgatterer
Erscheinungsjahr: 2026
Sprache: Deutsch
Verlag: Zsolnay
Seiten: 144
ISBN 978-3-552-07645-7
Buchbesprechung:
„Natürlich bin ich allein auf der Welt. Was denn sonst?“
Paulus Hochgatterer führt uns in seinem schmalen Roman von knapp 140 Seiten in die Welt eines sechzehnjährigen Jungen. Dieser ist an Spinaler Muskelatrophie erkrankt und an den Rollstuhl gefesselt. Die Prognose ist schlecht: Laut seines Neurologen ist allerhöchstens mit einer „Verschlechterung (der Krankheit) in kleinen Schritten“ zu erwarten. Ingemar unterliegt der ständigen Pflege durch ein Team an Pflegern und seiner Familie. Er ist gut versorgt und blickt einem kurzen Leben entgegen.
Wer sich nach dieser Einleitung Befindlichkeitsliteratur über die Leiden eines Behinderten erwartet, wird enttäuscht werden. Denn die Radikalität und Offenheit, mit der der Ich-Erzähler Ingemar von seiner Sicht auf die Welt berichtet, ist weit von den Klischees entfernt, die Menschen mit Beeinträchtigungen zugeschrieben werden. Im Nachwort zu seinem Buch spricht Paulus Hochgatterer davon, dass Behinderung etwas sei, das vor allem die Lächerlichkeit vieler Dinge offenlege, die wir für bedeutsam halten. Tatsächlich geht vom Verhalten des Protagonisten eine Irritation aus, die seine Umwelt nur mit Widerstand zur Kenntnis nehmen will.
Eine Welt auf dem Prüfstand
Mit viel Ehrlichkeit aber auch Distanz hat es sich Ingemar in seiner Welt eingerichtet. Mit überbordender Skepsis blickt er auf das Leben seiner Mitmenschen. Sein Lieblingsmusiker ist der US-amerikanische Folk-Sänger Pete Seeger, mit dessen Song „Little Boxes“ aus dem Jahr 1962 er scherzhaft das Treiben um ihn charakterisiert und damit seine Mittelmäßigkeit geißelt. Er, der überwiegend auf die Hilfe seiner Mitmenschen angewiesen ist, vermag sich ihnen nur selten zu öffnen. Viele bemühen sich um ihn: Der Physiotherapeut Fred, der Neurologe Al-Wahidi, die Schulkolleg*innen Michael und Judith, der Lehrer Emerling, der Pfleger Jack und Regina, in die er sich verliebt. Wenig von dem, was ihm an Aufmerksamkeit entgegengebracht wird, kann er wertschätzen. Seine Arroganz und eine im Kern nicht eingestandene Einsamkeit halten ihn gefangen. Direkt angesprochen wird das Alleinsein nie, es sei denn über Hinweise auf Astrid Lindgrens Kinderbuch „Mio, o mein Mio“ (1957). Die Schulkollegin, die Ingemar „fette Judith“ nennt, erzählt ihm über ihre Lektüre, in der ein einsamer Junge Protagonist sei.
… seit sie das gelesen habe, frage sie sich, ob ein Kind so viel Einsamkeit überhaupt ertragen könne. Könne es nicht, möchte ich sagen …
Auch auf ein zweites literarisches Thema nimmt der Ich-Erzähler Bezug. Er imaginiert sich als Huckleberry Finn, der auf dem Rücken liegend auf einem Floss im Mississippi treibt. Dann ist er frei von all der Muskelanspannung, die seinen Körper regelmäßig peinigt. Selbst in diesen Momenten bleibt der intellektuelle junge Mann voller Skepsis. Er stellt Vergleiche mit der Sklaverei an, von der er, ähnlich wie Huckleberry Finn, gefesselt zu sein scheint. Er hat die Kontrolle über seinen Körper wohl an seine Eltern, Pfleger und Betreuer, vor allem aber an seine Ärzte abgeben müssen. Mit allem ihm zur Verfügung stehenden Starrsinn wehrt er sich deshalb gegen eine ihm verordnete Behandlung, bei der ihm durch eine Punktion des Rückenmarks Medikamente verabreicht werden sollen. Das Wesen der Sklaverei sei die Herrschaft über den Körper des anderen, folgert er:
Das gelte auch für einen Körper, der sich nicht mehr rühren könne, und das gelte insbesondere der Medizin gegenüber, denn die hätte sowieso am liebsten mit Sklaven zu tun.
Ingemar ist also wach, beredt, ein wenig arrogant und überdurchschnittlich intelligent. Er hält die Distanz zu seinen Mitmenschen als angebracht. Nur die Diskussionen mit einem alten Mann genießt er. Er kommt ihn regelmäßig besuchen und sie sprechen über den Krieg, die Dummheit der Menschen, das Trügerische der Erinnerung, das Alter und die Jugend. Sie betrachten das Leben von seinen Enden her und begegnen ihm mit ungeschminkter Offenheit und Skepsis.
Ingemar beginnt, seine Überlegungen zu Papier zu bringen, zunächst mit der Hand und edlem Schreibgerät, nach dem Fortschreiten seiner Krankheit mithilfe eines computergesteuerten Schreibprogramms. Mit seiner jüngeren Schwester kommt er überein, die Geschichte einer jungen Katze aufzuschreiben.
Die Katze und das Risiko der sieben Leben
Manche Leser*innen haben schon lange auf das Auftreten einer Katze gewartet, ziert doch ein felines Schattenwesen dominant das Buchcover. Die Katze ist ein ungeliebtes und hässliches Wesen, das den Namen von Lindgrens Hauptfigur erhält. Auch dabei wird die Erwartung der Leser*innen behutsam gestört. Ingemar lehnt das Tier zunächst ab und reflektiert in aller Kälte, dass von den sieben Leben, die einer Katze wohl zur Verfügung stünden, Mio schon frühzeitig einige verbraucht habe.
Dennoch scheint das Tier in das gleichförmige Leben von Ingemar Abwechslung zu bringen. Über das Tagebuch, das er über das Heranwachsen des Kätzchens schreibt, kommen sich die beiden näher. Das Klischee eines anschmiegsamen Tieres, das einem Behinderten Wärme und Zuversicht zu schenken vermag, wird nicht bedient. Mio irritiert Ingemar zutiefst. Mio ist nicht zu kontrollieren und hat das Faible, Vögel zu fangen und die Beute neben Ingemars Rollstuhl abzulegen. Die Unkalkulierbarkeit der Katze aber gebührt aus Ingemars Sicht Anerkennung. Das Tier erscheint als sein Gegenspieler, „empört, stolz und gelassen, alles zugleich.“
Zudem stellt das Tier eine Brücke zu seiner Umgebung her. Er verliebt sich in eine junge Frau namens Regina, der er auf einem Reiterhof begegnet, den seine jüngere Schwester regelmäßig aufsucht.
Zu Ende denken:
Wenig Handlung passiert in Hochgatterers Roman, es ist vielmehr das Innenleben des Ich-Erzählers, das Hochgatterer interessiert. Dabei umschifft er all die Klischees, die auf einen unerfahrenen Autor warten. Begriffe wie Behinderung, Hilfsbereitschaft und Freiheit werden ausgelotet. Der Ich-Erzähler arbeitet sich zum Kern des Lebens vor, unaufgeregt aber voller Ungeduld. Was kann Leben für uns bedeuten, wie können wir ihm angemessen begegnen, wie das bekämpfen, was uns von den anderen zugemutet wird. Es sind die ewig gleichen Fragen, denen wir uns stellen müssen, immer und immer wieder. Der mit großer Präzision und Bedächtigkeit skizzierte Protagonist des Romans wird zu unserem Verbündeten.
Hochgatterer erzählt mit größter Behutsamkeit und überlässt emotionale Getöse und wütendes Erzählen anderen Autor*innen. Es ist ein stiller und unaufgeregter Roman, den er hier vorgelegt hat. Das ist mit ein Grund, warum uns die Geschichte von Ingemar und Mio fesseln kann. Ein bescheidener Roman für stille Menschen mit Vorbehalten gegenüber der Meinung, dass sich im Leben alles auf Eindeutigkeit reduzieren ließe.
Ergänzendes:
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- Rezensionen im Perlentaucher

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