Prekäre Welten

Lesen und Schreiben in Zeiten der Krise

Hundstage in Zwischenbrücken, Teil 1 – Betrachtungen

Den Titel dieses Blogbeitrags habe ich dem Film von Ulrich Seidl aus dem Jahr 2002 entlehnt. Dort werden sechs Geschichten aus Wien erzählt, die sich während der Hundstage (die heißeste Zeit ehemaliger Sommer, zwischen 24. Juli und 23. August) ereignet haben.

Der Beitrag wurde anlässlich der Blogwochen 2026 unter dem Eindruck der viermonatigen Hitzeperiode im Jahr 2026 geschrieben. Der Blogbeitrag erscheint in mehreren Teilen im September und Oktober d. J.


In Zwischenbrücken

Ein wenig hat mich die vergangene Hitzewelle an den Ausbruch der COVID-19-Pandemie 2020 erinnert. Auch die Ereignisse dieses Sommers bedingten einen Ausnahmezustand, der für Viele den Rückzug in die eigene Wohnung oder in geschützte Räume verordnete. Wenigstens in meinem Grätzel war das so, um die Mittagszeit war es in den Strassen menschenleer.

So will ich gerne darüber schreiben: über den exponierten Teil meiner Wohnung, die Terrasse, den Blick über die Dächer, die böse Alte in meinem Haus, eine Nachbarin mit einer schweren Post-Covid- Erkrankung, den pakistanischen Pizzeria – Betreiber um die Ecke, den Kellner im Espresso eines nahegelegenen Einkaufszentrums, den Bauern am kleinen Markt bei der U-Bahn Station, den Karmelitermarkt, die Besucher des Allerheiligenparks und letzten Endes, auch über mich. Wir alle sind Bewohner und Nutzer eines Grätzels in Wien, das wie ganz Wien von der Hitzewelle dieses Jahres heimgesucht wurde. Alle erlebten sie, interpretierten sie aber unterschiedlich.

Ich wohne im Dachgeschoss eines Mietshauses am Rande eines großzügig mit alten Kastanienbäumen ausgestatteten Parks. Meine begehbare Dachterrasse befindet sich in der Windschneise, die entlang der Donau verläuft und bei Sturm die Terrasse unbewohnbar macht. Von dort betrachte ich bei geeignetem Wetter in einem 360 Grad Panorama das Häusermeer vom Kahlenberg über den Augarten, den Prater bis zur Millennium-City, dem Donauturm und den Bisamberg. Zwischenbrücken nennt man dieses Viertel, das den 2. und 20. Wiener Gemeindebezirk umfasst. Ich lebe in dieser Wohnung seit fast 30 Jahren. Von kühlendem Wind konnte diesen Sommer keine Rede sein. Der Aufenthalt auf der Terrasse war meist unangenehm. Auch der Baum, der seine Krone in die luftige Höhe bis zur Terrassenbalustrade reckte, begann seine schmalen Blätter zusammenzurollen, um sich vor der Hitze zu schützen.

Zwischenbrücken war stets ein Gebiet, in denen sich Naturkatastrophen in Form von Überschwemmungen daheim fühlten. Seinen Namen bekam es von zwei Brücken (am Tabor und am Rand von Floridsdorf), zwischen denen sich einst ein weit gestecktes Auengebiet erstreckte, das regelmäßig von den Überschwemmungen der Donau heimgesucht wurde. Erst die großangelegte Erste Donauregulierung 1870 konnte die Wasserfluten in ein tiefgelegenes Donaubett leiten und machte den Weg frei für den Wohnbau in der ehemaligen Auenlandschaft. Trotzdem kam es immer wieder zu Überflutungen. Erst die Zweite Donauregulierung hundert Jahre später machten dem ein Ende. Die Donauinsel entstand, gegen den Widerstand der Wiener ÖVP, eines der viel geschätzten Assets von Wien. Im Keller meines Wohnhauses, das an der Wende zum 20. Jahrhundert gebaut wurde, kann man an warmen Tagen noch immer den fauligen Fischgeruch des Donauschlamms der vergangenen Jahrhunderte riechen. Der Park neben meinem Wohnhaus ist ehemaliges Auengebiet und auch der nahegelegene Augarten war einst Teil der Donau-Auen.

Oben auf den Dachterrassen der Hausbewohnerinnen meines Wohnhauses spielen sich seit einigen Jahren die kleinen Tragödien der globalen Klimakatastrophe ab. Im September 2024 traf ein Starkregen Wien, der medial als hundertjähriges Ereignis bezeichnet wurde und das Leben in Wien zum Notfall machte, mit Ausfällen des öffentlichen Verkehrs, Stromunterbrüchen und der notwendig gewordenen Evakuierung von Wohnhäusern. Unsere Terrassen wurden überschwemmt und das Wasser drang gierig in die darunterliegenden Wohnungen und den Gang ein. Es flutete die Stromleitungen und hinterließ an Decken und Wänden schmutzig graue Wasserflecken. In den Monaten danach wurden aufwendige Renovierungsarbeiten in den Wohnungen und zusätzliche Abflüsse auf den Terrassen notwendig. Dass dieses „Jahrhundertereignis“ wohl eng mit der auch Europa betreffenden Klimakatastrophe zu tun hatte, bleibt von großen Teilen der Politik ungern erwähnt. Dies darf man mittlerweile als scham- und verantwortungslose Klimaheuchelei bezeichnen. Gerne verschweigt die Politik, Industrie und Wirtschaft, sowie die ihnen nahestehenden Medien, dass sich derartige Wetterereignisse in den kommenden Jahren rapide mehren werden. Gerne spricht man auch von notwendigen „Klimaanpassungen.“, denn lieber kümmert man sich zaghaft um die Folgen als energisch um die Ursachen der Klimakatastrophe.

Mit einer erneuten Überschwemmung der renovierten Dachterrasse rechne ich im Herbst. Ich hoffe, die Reparaturarbeiten halten, was sich deren Reparateure erhofft haben.

Fortsetzung:

Teil 2: Häusliche Leiden
Teil 3: Draußen vor der Tür
Teil 4: Lektüren


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