Prekäre Welten

Lesen und Schreiben in Zeiten der Krise

Hundstage in Zwischenbrücken, Teil 2 – Betrachtungen

Jene Fortsetzung, in der von den Hitzeleiden der Bewohner eines Wohnhauses in Zwischenbrücken erzählt wird.

Den Titel dieses Blogbeitrags habe ich dem Film von Ulrich Seidl aus dem Jahr 2002 entlehnt. Dort werden sechs Geschichten aus Wien erzählt, die sich während der Hundstage (die heißeste Zeit ehemaliger Sommer, zwischen 24. Juli und 23. August) ereignet haben.

Der Beitrag wurde anlässlich der Blogwochen 2026 unter dem Eindruck der viermonatigen Hitzeperiode im Jahr 2026 geschrieben. Der Blogbeitrag erscheint in mehreren Teilen im September und Oktober d. J.


Häusliche Leiden

Erste Vorzeichen der großen Hitze dieses Sommers zeigten sich schon Ende Mai. Von Juni bis Mitte September 2026 schoben sich mehrere Hitzedome über die Stadt, die medial als Jahrhundertereignisse beschrieben wurden. Die heißesten Tage davon verbrachte ich in meiner nicht klimatisierten, aber verdunkelten und der Hitze des Sommers angepassten Wohnung. Regelmäßiges Trinken, abendliche Lüftung der Wohnung, nächtliches Duschen, Verdunkelung der Wohnung am Tag linderte das Leiden an der Hitze aber kaum. Es war anders als in den vergangenen Jahren.

Meine regelmäßige Morgen- und Abendbesuche auf der Terrasse dienten nicht nur der Erholung von den stickigen Nachmittagen und Nächten, sondern auch dem ausgiebigen Gießen, Besprühen und Düngen der Pflanzen, die ich auf der glühend heiß gewordenen Terrasse zusätzlich beschatten musste. Das konnte aber nicht verhindern, dass viele von ihnen den wochenlang dauernden Hitzeschock nicht überlebten. Selbst Pflanzen, die in unseren Breiten normalerweise unter starker Sonneneinstrahlung gedeihen, verdorrten. Die Klimazonen haben sich offenbar verschoben. Die Sonne ist keine freundlich lächelnde Scheibe mehr, die Leben gebiert, sondern ihr Gegenteil, eine grausame Göttin. Mein Grätzel ist diesen Sommer in eine klimatische Stresszone gerutscht. Eine große Dürre überzieht das Land, Saharastaub bedeckt die Dächer, die Donau (wie der Rhein) sind teilweise nicht mehr befahrbar.

So viele Parallelen zur Pandemie! Die Medien überschlugen sich mit immer neuen, immer bedrohlicheren Szenarien. Sie hatten aufgehört, vom Badewetter zu faseln. Da war auch die Sache mit den Toten und den durch die Hitzewelle besonders gefährdeten Gruppen. Selbst jene, die davon faselten, dass es schon immer im Sommer heiß gewesen sei, verstummten. Das waren dieselben, die COVID als Erfindung der Medien begriffen hatten.) Auch sie spürten diesmal den Unterschied zu jener fröhlichen Sommerlaune, die sie zu verbreiten suchten. Wenn sie auch weiterhin ihre Ängste hinter Verschwörungstheorien und Leugnung versteckten, war wohl auch ihnen sonnenklar: Die Hitze war zur Bedrohung geworden, für viele; zunächst für Kinder, chronisch Kranke und Alte.

Die alte Nachbarin, die schon seit fünfzig Jahren in unserem Wohnhaus lebt, schleppt sich in den Morgenstunden in den Schatten des nahegelegenen Parks, um der stickigen Hitze in ihrer Wohnung zu entgehen. Dort sitzt sie zitternd und blass. Obwohl sie, der Prototyp einer bösen Fuchtel, von fast allen Mitbewohnerinnen gemieden wird, vermag sie bei mir erstmals Empathie zu wecken. Man sieht ihr an, wie eng sie an einem Hitzschlag vorbeischrammt, wie sehr die Situation ihr Befinden bedroht. Nein, ein Klimagerät besitze sie nicht, in der Wohnung sei es unerträglich, ihr sei immerzu ganz komisch, nicht einmal Durst habe sie noch. Niemand kümmere sich um sie, sie sei auf sich allein gestellt. Auf meine wiederholte Frage, wie ich ihr denn helfen könne, antwortet sie nicht. Sie holt stattdessen zum Rundumschlag aus: An allem sei die Regierung schuld, die sich nicht um die Menschen kümmere. Von da an ist das Gespräch nicht mehr weit von ihrem Menschenhass entfernt, vom vermuteten Verfall der Sitten und der „Überfremdung“ unseres Grätzels, das zu einem der ärmsten in Wien gehört.

Eine andere Nachbarin, mit der ich gerne auf der Terrasse über das Geländer hinweg plaudere, flieht in ihren Ferien vor der Hitze zu den Eltern in die alpine Umgebung ihrer Heimat. Sie leidet an einem Krankheitssyndrom, das sie sich im Verlauf einer COVID Impfung (POST-VAC) zugezogen hat. Sie kann sich seitdem aufgrund der neurologischen Erkrankung nur hinkend bewegen und leidet unter eingeschränkter Konzentrationsfähigkeit und rascher Erschöpfung. Ihre rechte Hand kann sie nur unsicher bewegen. Nur mit großer Anstrengung kann sie ihrem Beruf nachgehen. Die Hitze mache sie schwindelig, auch wenn sie sich im Schatten aufhalte. Der Aufenthalt draußen erschöpfe sie zudem zunehmend, Gott sei Dank besäße sie in ihrer Wohnung eine Klimaanlage. In ihrem Geburtsort aber lasse es sich derzeit besser aushalten als in Wien. Sie habe ein schlechtes Gewissen, weil ich während ihres Urlaubes in dieser Bruthitze das Gießen ihrer Pflanzen auf ihrer Terrasse übernommen habe. Auch sie beschattet inzwischen behelfsmäßig und besitzt eine automatisch gesteuerte Sprinkleranlage. Diese reicht aber diesen Sommer für einzelne Pflanzen nicht mehr aus. Um meine Hilfsdienste zu versehen, muss ich über eine Kombination von Leitern und Übergängen am Dach herumklettern, den Schlüssel zu ihrer Wohnung möchte sie mir nicht anvertrauen. Nach ihrer Rückkehr berichtet sie, dass man sich in ihrem Heimatort die Hitze in Wien überhaupt nicht hätte vorstellen können. Ihre Familie halte die Berichte darüber für übertrieben. Was bedeuteten einem schon abstrakte 42 Grad, wenn man einen vergleichsweisen kühlen Ort lebt? Wohl nicht mehr als eine dieser vielen Zeitungsmeldungen, die auf Sensations- und Katastrophenlust ihrer Leser setzt. Grüne Verschwörungstheorie wird dabei gerne unterstellt.

Ich aber sitze abends auf meiner Terrasse und schaue auf das Thermometer, das neue Schreckensnachrichten bereithält: knappe 34 Grad um acht Uhr abends. Ich sehne mich nach den kühlen Abenden der Kindheit am Rande eines Waldes. Das Lüftchen, das sich allerdings hier oben über den Dächern Wiens regt, erinnert an Wüstenwind und ist weit entfernt von angenehmer Erfrischung. Mein feliner Mitbewohner hat sich auf den Boden gefläzt, der vom Gießen der Blumen dampft. Ihm bürste ich tagsüber mit einem nassen Waschlappen das Fell, um ihm Abkühlung zu verschaffen. Später lese ich, dass Katzen nur über ihre Pfotenballen schwitzen und Temperaturen über 35 Grad nicht mehr ihrer „Wohlfühltemperatur“ entsprächen. Frisches Wasser und Nassfutter sollten in ausreichenden Mengen bereitstehen. Der kleine Kerl scheint wie ich zu leiden: oder ist diese Aussage die bloße Projektion meiner überhitzten Fantasie? Katzen waren doch ehemalige Wüstenbewohner!

Inzwischen hat sich mein Blick auf das Hitzeleiden anderer geschärft. Mich stört, dass in einem ersten Anlauf die von der Gemeinde Wien so stolz beworbenen „Coolen Zonen“ am Wochenende geschlossen bleiben. Mich sorgt, dass Krankenhäuser und Altersheime nur unzureichende Klimaanlagen für ihre Patient*innen besitzen. Ich verstehe nicht, dass man Klassenzimmer aus Sicherheitsgründen nachts nicht lüften darf. Mich irritiert, dass im Hinblick auf Hitzeschutzvorkehrungen von den Presseabteilungen der Altersheime mit der Bereitstellung von Wasser für ihre Klientinnen geprahlt wird. Mich empört, dass die Hitzeschutzverordnung der Bundesregierung, die am Beginn des Jahres von der Bundesregierung erlassen worden ist, von Arbeitgeberseite nicht eingehalten wird. Sie bleibt ein zahnloser Tiger und dessen Einhaltung wird kaum kontrolliert. Ich merke, wie die Ignoranz und Arroganz vieler Politiker*innen, die angesichts der Klimakrise keine Verantwortung übernehmen wollen, mich irritiert, wütend macht und radikalisiert. Ich lese mit großem Interesse und ja, mit Entsetzen, in einem Brief der Caritas, von den Hitze-Irrfahrten der Obdachlosen:

Ständig bist du auf der Suche nach Schatten, jeden Brunnen im Grätzel kennt du, die Grünflächen in der Umgebung, die weiß man dann alle. Man muss Strategien entwickeln, damit man das irgendwie übersteht. Viele sprechen darüber, wie schlimm es obdachlosen Menschen im Winter geht, bei klirrender Kälte, Schneefall, Storm und Wetter. Das ist auch wirklich schlimm, aber da findet man zumindest ein Bett für eine Nacht. Im Sommer ist das nicht so, da gibt es einfach weniger Schlafplätze. (Mario, in Geschichten aus der Gruft, Hitze als Überlebenskampf.)

In den sozialen Medien lasse ich mich unter dem Hashtag —#ClimateDiary dazu hinreißen, zu mehr Achtsamkeit gegenüber den von der Hitze besonders gefährdeten Menschen aufzurufen und erhalte prompt die empörte Antwort eines betagten Ehepaares aus Deutschland: Ich solle davon absehen, alte Menschen mit Fürsorge zu „bedüdeln“. Sie könnten selbst auf sich achten. Mit der Hitze kämen sie einigermaßen gut zurecht. Im Übrigen sei jeder seines Glückes Schmied, ganz gleich wie alt er sei. Man müsse eben nur Verantwortung übernehmen.

Ein Stück moderner Sozialdarwinismus, denke ich, schreibe aber freundlich zurück, dass es mir um Solidarität mit Nachbarn gehe. Doch gerade an dieser fehlt es meist, wie viele Nachrichten in den sozialen Medien belegen.

Fortsetzung

Teil 1: Zwischenbrücken
Teil 3: Draußen vor der Tür
Teil 4: Lektüren


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Eine Antwort zu „Hundstage in Zwischenbrücken, Teil 2 – Betrachtungen“

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