Prekäre Welten

Lesen und Schreiben in Zeiten der Krise

Ein Stück Himmel im Buchladen – Betrachtungen

In die Wolken gucken, gerne auch mit Buchbegleitung. Ein Ausflug mit meinem Buchhändler ins Zweckfreie.

Freude pur!

Es ist kühler geworden und ich kann wieder im Bucherladen verweilen, ohne dem heißen Zuspruch eines lahmen Ventilators ausgesetzt zu sein.  Vor mir liegt nun der Stoß bestellter Bücher, der mir vom Buchhändler ausgehändigt wird. 

Ich wähle zu Hause meine Bücher im Online-Katalog aus, meist sind es Titel, die mir über meinen Feed oder Social Media zugeflogen sind und vorgeben, mich interessieren zu können. Beraten lasse ich mich ungern, Spontankäufe aus den Beständen des Buchladens sind selten.

Noch nie hat der freundliche Buchhändler meine Bücherauswahl kommentiert. Das verbot ihm schon das Berufsethos, außerdem ist er kein gesprächiger Typ. Das ist gut so, denn Aufdringlichkeit dem Kunden gegenüber schätze ich nicht. Diesmal aber hält er ein Buch meiner Auswahl begeistert hoch und gluckst voll Vergnügen. Oh ja, das hätte er auch für seine Buchhandlung bestellt, ruft er aus, der Titel wäre einfach so animierend gewesen, und das Thema so ganz besonders. Sollte hier erstmals ein zwangloses, nicht zielgerichtetes Gespräch zwischen uns entstehen?

Beim Anlass der gemeinsamen Freude handelt es sich um ein Buch, das meiner Meinung nach jenen sprichwörtlichen britischen Spleen widerspiegelt, der die vorgefundene Welt mit einer Art systematischen Übertreibung begeht: einem Handbuch für Wolkengucker!

In letzter Zeit fühle ich mich auf unwiderstehliche Weise von den Randthemen dieser Welt angesprochen, von den Nischenprodukten des Buchmarkts, von den Exoten im Sidestream. Dies auch, weil die Beschäftigung mit ihnen mir eine Art Erleichterung angesichts des apokalyptischen Zustands dieser Welt verschafft. Begonnen hat es mit dem kleinen Band des Wiener Biologen David Bröderbauer namens Acker, Baulücke, Deponie (2026), einem „Brachenatlas“. In ihm geht er der übrig gebliebenen und üppig wuchernden Wildnis in unserer Kulturlandschaft (also auch in seinen Städten und Siedlungen) nach. Ich konnte dadurch sogar das Unkraut in den Fugen der Fußbodenfliesen auf meiner Terrasse besser verstehen. Doch diesen Blick zu Boden und in die Gstetten Wiens, hat mir mein Buchhändler unkommentiert durchgehen lassen.

Anders beim diesmaligen Buchexoten, der wie erwähnt, lauthals von ihm bejubelt wurde: das Buch über den systematisierten Blick in den Himmel, ein Handbuch für Wolkengucker, von Gavin Pretor-Pinney, herausgegeben von der Cloud Appreciation Society (2006/2026). Das Ansinnen dieses Buches? „Hier soll der sorglose, zweckfreie und unendlich lebensbejahende Zeitvertreib des Wolkenguckens gefeiert werden„, schreibt der Autor. Vergnügen pur also, in angemessener Entfernung zu unserem größten Sorgenkind, dem Klima. Endlich etwas (wahrscheinlich nur scheinbar) unproblematisches für den Bibliophilen, denke ich.

Der „Struwwelpeter“ und seine Folgen

Sofort stieg eine intime Kindheitserinnerung in mir auf: dem Tabu, den Wolkenformen mit der Neugier eines Kindes nachzuspüren. „Schau beim Gehen immer auf die Straße!“, hieß die regelmäßig wiederkehrende Zurechtweisung, wenn ich mich mit meinen staunenden Blicken im Himmel verlor. Ich hätte eben Lust gehabt, sage ich zum Buchhändler, dieses Tabu meiner Jugend mit einem symbolischen Akt der Zuneigung zu brechen: einen Text zur Wolkenbewunderung zu erwerben und auch (in weiterer Folge) den Beitritt zum Verein der Wolkenfreunde zu erwägen. Ich erinnere den Buchhändler an die Geschichte von Hanns Guck-in die Luft aus dem Bilderbuch des Arztes Heinrich Hoffmann. Er hatte den Struwwelpeter 1845 unter dem Pseudonym Reimerich Kinderlieb veröffentlicht. Er schuf mit seinen grausam bereimten Zeichnungen einem Leuchtturm Schwarzer Pädagogik.

Wenn der Hanns zur Schule ging,
stets sein Blick am Himmel hing.
Nach den Dächern, Wolken, Schwalben
schaut er aufwärts allenthalben.
Vor die eignen Füße dicht,
ja, da sah der Bursche nicht,
also dass ein jeder ruft:
„Seht den Hanns Guck-in-die-Luft!“

Die Bestrafung für derartiges Verhalten folgte auf drastische Art. An einer Kaimauer fällt Hanns in den Fluss und kann erst durch das beherzte Zupacken zweier Männer vor dem Ertrinken gerettet werden. Durchnässt steht er am Kai und blickt verschüchtert in das träge Wasser, das ihm seinen Schulranzen entrissen hat. Meine Mutter indes nahm die Geschichte zum Anlass, mich gestrenge und mit drastischer Argumentation auf den überall lauernden Straßenverkehr hinzuweisen. Für Fehlverhalten wird man sofort bestraft, nicht wahr? Und helfen könne einem dann wohl niemand!

Mein Gegenüber, wahrscheinlich knapp zwei Generationen jünger als ich, hatte wohl auch den Struwwelpeter gelesen. Ihn habe als Kind insbesondere die Geschichte vom Suppenkaspar aufgeregt: dass man bei Verweigerung des Verzehrs von Suppe bereits am 5. Tage an Auszehrung sterben sollte, hielt er schon als Kind für einen ausgemachten Blödsinn. Da gäbe es ja auch noch Haupt- und Nachspeise! Auch eine zweite Geschichte wusste er im Kontext des Struwwelpeters zu erzählen: von jener in die Tage gekommenen Kundin, die bei ihm das inkriminierte Buch bestellen wollte, als Abschreckung für das nägelkauende Enkelkind. Dieses Ansinnen habe ihn entsetzt, er habe sich das erste Mal in seiner Berufslaufbahn der Bestellung eines Buches verweigert.

Wann hört sich das mit dem Struwwelpeter endlich auf, frage ich mich später zu Hause, während ich durch die vielen unkritischen Beiträge zum Struwwelpeter scrolle. Sogar ein Museum hat man für das Ungeheuer in Frankfurt/Main errichtet. Das Buch passt offenbar recht gut zum autoritären Gesellschaftsgefüge, auf das wir in Europa zusteuern.

Das Hobby als Zeitvertreib und Lebensentwurf

Doch zurück in den Buchladen, wo mein Gegenüber und ich begonnen haben, die Hobbybegeisterung unserer Mitbürger*innen zu verspotten. Es gebe wohl nicht eine Beschäftigung des Menschen, die nicht zum skurrilen Hobby ausarten könne. Gleichzeitig sind wir fasziniert von der Ernsthaftigkeit, mit der ein solches betrieben werden könne. Aus ihr spräche eine Hingabe, die in dieser Welt der flirrenden Ablenkung schon wieder bewundernswert wäre.

Nach langen Monologen zum Birding, zum Briefmarkensammeln und zur Züchtung von Sukkulenten, kehren wir zum Wolkengucken zurück. Meiner Behauptung, dass es sich hierbei um ein Hobby mit geringem finanziellem Aufwand handle, widerspricht der strenge Buchhändler. Jedes Hobby müsse notwendigerweise mit immer höheren Geldausgaben verbunden werden, um so seinen gesellschaftlichen Status zu erhöhen, argumentiert er. Fürwahr! Ich gebe mich geschlagen und schwöre, beim Wolkengucken ein unbedarftes Kind zu bleiben, mit naiver Freude am Thema.

Das Gespräch neigt sich etwas lustlos dem Ende zu. Die personelle Ablösung ist gekommen und der Buchhändler kann sich den Tätigkeiten außerhalb des Ladens widmen. Ich spähe durchs Fenster und mein Blick sucht den Himmel. Regenwolken, merke ich laut an. Nimbostratus, antwortet der Buchhändler prompt und lässt mich baff erstaunt zurück. Sollte auch er zur verschworenen Gemeinschaft der Wolkengucker*innen gehören?

Weitere Beiträge in der Serie Bücher-Blues


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2 Antworten zu „Ein Stück Himmel im Buchladen – Betrachtungen“

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