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Buchbesprechung:
Schlechtes Gewissen
Manchmal stoße ich in meiner Bibliothek auf Bücher, die ich mir im Laufe meines Lebens angeschafft habe, weil sie mir als besonders wichtig angepriesen wurden. Gekauft habe ich sie weniger aus kongenialem Interesse, sondern weil ich mir durch ihre Lektüre einen besonderen Zugewinn versprach. Ein Bücherkauf erhöht den Status, Lesen und darüber sprechen ebenso. Mensch erwirbt eine Voraussetzung für den Erwerb kulturellen Kapitals. Durch Anschaffung und Lektüre würde ich mitsprechen, mich im Diskurs positionieren, als Intellektueller profilieren können. Ich würde definitiv Bescheid wissen und mit anderen zweifeln dürfen. Doch sind diese Zeiten angeheizter intellektueller Nachholjagd vorbei. Oft hat das Über-Ich verloren, viele Ankäufe verstaubten ungelesen in den Regalen. Sie erinnern mich heute an eine lächerliche Geste und an das möglicherweise Versäumte vergangener Jahre.
Jahre später passiert dann möglicher Folgendes: Ein*e Schriftsteller*in wird wieder an die Oberfläche der öffentlichen Aufmerksamkeit gespült. In diesem Jahr begegnete ich so Robert Schindel wieder, der in aller medialer Bescheidenheit im April d.J. seinen 82. Geburtstag gefeiert hat. Auch Maja Haderlap ließ grüßen, mit einer brillanten Eröffnungsrede im Rahmen des Bruckner Festes 2026.
Zu solchen Gelegenheiten erinnert mensch sich wieder an die Ladenhüter im Buchregal, die Titel der bewussten Person werden herausgezogen und mit Beschämung wird festgestellt, von diesem/r Schriftsteller/in noch nie etwas gelesen zu haben. Bestürzt stellt sich wieder die Frage, ob durch die selbst verschuldete Leseignoranz etwas versäumt wurde. Oder umgekehrt: Wäre man einfach dem schalen Zeitgeist aufgesessen, hätte man das Buch damals gelesen?
Und so nehme ich die beiden Romane von Maja Haderlap aus dem Regal, in durchaus konkreter Leseabsicht. Robert Schindels Titel Gebürtig werde ich mich später widmen.
„Nachtfrauen“
Ich muss gestehen, dass mich Autofiktion nie besonders interessiert hat. Ihre Tendenz zur intimen Beschwörung des Privaten, das selten öffentliche Wirksamkeit entfaltet, hat mich immer gestört. Privates war mir in seiner behaupteten, intimen Wichtigkeit stets suspekt, erst die Dialektik mit dem Öffentlichen rechtfertigte aus meiner Sicht die intellektuelle Beschäftigung mit ihr. Ich bin halt ein Kind meiner Studienzeiten.
Diese Skepsis machte mir auch bei der Lektüre der „Nachtfrauen“ zu schaffen. Das Buch wird gerne als Familienroman aus dem Milieu der Kärntner Slowenen rezensiert, als eine Beschäftigung mit den Untiefen des (katholischen) Lebens auf dem Lande, als Roman über Frauen, denen nie die Anerkennung zukam, die sie verdient hatten.
Allerdings entwindet sich der Roman aus dieser Umarmung durch das Private. Er ist eine Art Tiefenschürfung im Milieu der Kärntner Slowen*innen und deren tragischer Geschichte. Letzteres deutet sich dies im Gegensatz zu Haderlaps anderem Roman, Engel des Vergessens, der sich der Aufarbeitung der problematischen Umgangs Österreichs mit dieser Thematik gewidmet ist, nur stellenweise an.
Maja Haderlap berichtet in ihrem Text von Mira, einer Frau, die sich wegen ihrer betagten Mutter nach Südkärnten begibt, um dort widerstrebend ihre Übersiedelung in ein Altenheim zu begleiten. Die Mutter ist alt, körperlich schwach, und ihr Haus wird vom Bruder gebraucht. Die Ich-Erzählerin ist Soziologin, die sich schon lange von ihrem heimatlichen Milieu entfernt hat, aber anlässlich ihres aktuellen Aufenthalts immer mehr mit den Befindlichkeiten ihrer Familie konfrontiert wird. Ein Spaziergang auf dem Ortsfriedhof, die Wiederbegegnung Verwandten, Ausflüge in den jungen Staat Slowenien, schließlich das Lesen in ihren auf dem Dachboden verstauten Studienzeit-Manuskripten und Tagebüchern. Diese Begebenheiten sind konkreter Anlass für Miras Erinnerungsarbeit. Recht banale erzählerischen Anlässe, wie ich meine, einer Familiengeschichte erzählerisch auf die Spur zu kommen. Man hätte einer routinierten Erzählerin wie Haderlap doch mehr handwerkliche Raffinesse zugetraut.
Von Beginn an sind wir dem Titel ihres Romans auf der Spur. Mira stöbert in Unterlagen aus der Studienzeit, die Interviewbögen mit Frauen aus ihrem Heimatort beinhalten, Skizzen eines Projekts zu deren nicht erzählten Geschichte:
Sie sehnte sich danach, eine Spur aufzunehmen, sich in einer Traditionslinie zu sehen, und musste zu ihrem Bedauern feststellen, dass sie es kaum zu mehr als einer flüchtigen Nähe bringen konnte.
Ihre ungeschickten studentischen Versuche, Frauen ihres Lebensumfeldes bei ihrer Selbstvergewisserung zu unterstützen, waren zum Scheitern verurteilt, denn sie sind zu sehr in ihrem bisherigen Leben verwurzelt. Auch die Lebensgeschichte von Miras Mutter Anni war einst ihr Forschungsgegenstand gewesen und „stellte Miras bislang letzten ernsthaften Versuch dar, ihrer Mutter wirklich nahezukommen.“ Auch daran scheitert sie.
Als Mira sich auch noch mit ihren Tagebüchern konfrontiert, fühlt sie eine Art Entfremdung gegenüber den damals zu Papier gebrachten Texten, „diese langen Satzschleifen, die sich im Nichts verloren.“
Dieses angedeutete Scheitern an der Aufarbeitung der gemeinsamen Geschichte von Mutter und Tochter ist Thema des ersten Teils dieses Buches. Ist dieser von der Erzählperspektive von Mira bestimmt, so wechselt diese im zweiten Kapitel. Die Geschichte wird von nun ab nun aus der Perspektive der Mutter erzählt, die angesichts des Abschiedes aus ihrer vertrauten Lebensumgebung damit beginnt, sich mit ihrem Leben auseinanderzusetzen. Das vermag sie jedoch aufgrund fehlender sprachlicher Kompetenz nicht aufzuschreiben, allerhöchstens sie als ungeschickte Skizze aus ihrem Leben in ein Heft zu zeichnen.
Wie sollte sie alles, was sie sagen wollte, zur Sprache bringen? Im Alltag fiel es Anni schwer, die richtigen Worte zu finden, und auch die Menschen, die sie kannte, drucksten beim Sprechen herum, als hätten sie Steine im Mund.
So verfährt Anni in einer parallelen Aktion. Auch sie beginnt in ihren Habseligkeiten zu kramen, betrachtet sinnend alte Fotografien und Zeitungsartikel. Die Beziehung zu ihrer eigenen Mutter drängt in den Vordergrund und der Krieg, der noch immer in ihr wütet.
Der zweite Teil des Romans hat mich besonders beeindruckt, weil hier die Welten von Mutter und Tochter auf ergreifende Weise aufeinandertreffen, als ergreifende Bilder der Interaktion die den Eindruck der sprachlosen Generationen untereinander spiegelt. Gleichzeitig bin ich angetan von der großartigen Sprachbeherrschung und stilistischen Perfektion der Autorin. Sie hält das Buch in einer perfekten Balance zwischen Familienroman, politischer Geschichte und persönlichen Erleben. Auch das traditionelle, lineare Erzählen zieht mich letztendlich in seinen Bann. sodass ich mich entschließe, auch ihren ersten Roman zu lesen. Ich sollte diesen Schritt nicht bereuen.

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