Väter und ihre Bücher – Betrachtungen

Schon einmal habe ich mich als literarischer Voyeur in meinem Lieblingsbuchladen herumgetrieben. Nun sitze ich erneut dort und lausche den Kunden und einer sehr engagierten Buchhändlerin. Leider gibt es aus technischen Gründen keine geschäumte Milch im Kaffee. Ich nehme deshalb den „Verlängerten“.

Heute ist eindeutig der Tag des Kinderbuches. Die zwei Stammkunden im Pensionsalter, die Bücher abholen, können daran nichts ändern. Wenig Kommunikation kommt auf mit der betont höflichen, aber sonst etwas spröden Buchhändlerin. Der ältere Mann nimmt zwar einen Gesprächsanlauf, indem er darauf verweist, dass er sich die bestellten Bücher diesmal nicht mit der Post hat zustellen lassen. Er sei da, um sie persönlich abzuholen. Das mache er der langjährigen Treue zum Buchladen wegen und weil man sich doch schon lange nicht gesehen habe. Die Buchhändlerin ist leicht irritiert. Offenbar liegt der treuherzigen Zusicherung des Kunden ein wenig latente Aggressivität zugrunde, denn die Abholung des Bücherkontingents und nicht seine Zusendung waren irrtümlich in der Buchhaltungssoftware vermerkt worden. Dass man ja flexibel sei, wie der Kunde verlauten lässt, heißt in diesem Zusammenhang wohl eher, dass man trotz Verärgerung ein Auge zudrücken will. Ja, wir haben heute Kindertag!

Der nächste Besucher fügt sich ebenso ins Tagesthema. Es ist der Paketbote der Post, der einen gewaltigen Schwung an Kinderbüchern gebracht hat, die er ächzend, Paket um Paket und wenig achtsam auf den Boden fallen lässt.

Sie wollen sofort in die Verkaufsregale eingeordnet werden. Auf einem sehr niedrigen Transportroller schiebt die Buchhändlerin die doch recht umfangreiche Lieferung in die Kinderecke und verschwindet deswegen ein wenig aus meiner Sicht. Gott sei Dank kann sie so nicht mitverfolgen, wie ich die gekauften Bücher auf dem kleinen Kaffeehaustisch drapiere, um sie zu fotografieren. Meine Verrichtungen sind mir peinlich, ich erinnere mich dabei an Familienväter, die beim sonntäglichen Restaurantbesuch ihr Essen fotografieren, um es am Nachmittag stolz auf FB zu posten. Ich bin so einer, mit meiner literarischen Kost, ein verkappter, etwas peinlicher Bücherblogger aus der Vergangenheit.

Auftritt schlaksiger Mann in den Dreißigern, offenbar Freiberufler oder Mensch mit Telearbeitsplatz, der in seiner Mittagspause den Sprung um die Ecke wagt. Der Geburtstag seines Sohnes naht schon diesen Freitag, er benötigt deshalb dringend (!) mehrere Buchgeschenke für ihn. Seine etwas fahrige Art, mit der er über die Lesegewohnheiten seiner beiden Söhne erzählt; die Hingabe, mit der er sich durch die Buchhändlerin beraten lässt; die vielen verschluckten Silben, wenn er spricht. Die unwägbaren Wünsche seines Kindes werden plötzlich zum Nabel der Welt im Buchladen. Gebildete Eltern erzeugen gebildete Kinder, wohl an! Mittelschichtallüren und komplette Hinwendung zum intellektuellen Wohlergehen der Kinder, denke ich, etwas neidisch geworden. Der Vater macht gerne deutlich: Der zu beschenkende Sohn sei Vielleser, lese weit über dem Niveau seiner Lesekohorte, sei in der Schule beim Lesen weit unterfordert. Achselzucken der beiden Gesprächspartner. Die Schule als Hemmschuh intellektueller Entwicklung, der große Gleichmacher! Das wird nicht ausgesprochen, aber durch Grimassieren und einander Zunicken deutlich gemacht. Und ja, dieses und jenes und auch dort drüben – diese Bücher kenne er schon, habe sie zuhause im Buchregal stehen. Das Kind sei skeptisch gewesen. Ich denke, für dieses Genius-Kind die geeigneten Bücher zu finden, muss schwierig sein. Fast beneide ich den Jungen, aber dann denke ich an meine eigene Lesebiografie, die ich mir ganz ohne elterliche (aber mit schulischer) Unterstützung aneignen durfte. Für mich war Bildung auch ein Gleichmacher, aber mit gegensätzlicher Bedeutung. Kein Bildungsbürgertum, sondern Proletarierfamilie, 10 Jahre nach Kriegsende. Bildung als Chance, nicht als Verhinderung! Kein Anspruchsdenken, eher Minderwertigkeitsgefühl.

Fast möchte ich dazu raten, das kindliche Genie beim nächsten Buchkauf mitzubringen, ihn in den Regalen stöbern und seine Wahl treffen zu lassen, ohne den Preis des gewählten Bandes berücksichtigen zu müssen. Doch ich verstehe auch, es geht weniger um den Sohn, als um ein beeindruckendes Geburtstagsgeschenk im Sinne des Erwerbs von Sozialkapital. Es geht um den Vater, nicht so sehr um den Sohn.

Die Buchhändlerin knickt langsam und zunehmend willfährig vor den Allüren des Vaters ein. Der meint inzwischen, dass sowohl er als auch sein Sohn den großen Autor Erich Hackl gleichermaßen zu schätzen wüssten. Ja, es gebe Literatur, die gleichermaßen für kluge Kinder und Erwachsene geeignet sei, stöhnt die nunmehr völlig Überforderte. Das Gespräch wird mir nun doch zu anmaßend und ich wende mich blätternd meinen Einkäufen zu. Die Bände müssen nicht mehr in Reih und Glied drapiert vor mir liegen bleiben. Das Foto derselben ist ja schon gemacht.

Einer meiner Einkäufe ist mir nahezu peinlich: Beobachter könnten mich zu den alternden Esoterikern zählen, die sich beim Lesen dieses Stoffes mit abgeklärtem Blick und selbstzufriedener Mimik ans Nirwana heranpirschen. Ich habe mir einen Ratgeber bestellt, der die physiologischen Grundlagen der Zen – Meditation erklärt. Es ist ein Buch aus den Siebzigern, geschrieben von einem großen japanischen Zen-Meister namens Katsuki Sekida. Ja, ich habe vor, mich täglichem Zen-Training hinzugeben und brauche entsprechende Anleitung in meinem stillen Kloster zu Hause. Ich verdecke das Buch deshalb unter der Jänner-Ausgabe der An.Schläge, einem feministischen Vierteljahresmagazin aus Österreich. Drei Bücher von Frauen liegen ausserdem noch vor mir. Ihre Titel wurden mir in den Tagen vor dem Weltfrauentag in die Timeline geschwemmt, alles Neuerscheinungen von diesem Jahr: Iris von Laura Freudenthaler, Weil ich Ruth bin von Julia Weber und Eine Frau zwischen gestern und morgen von Julia Brehm.

Stoff für die nächsten Wochen. Das war den Besuch wert.


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Eine Antwort zu „Väter und ihre Bücher – Betrachtungen“

  1. Avatar von danares.mag
    danares.mag

    Ich mag Deine Erlebnisberichte aus der Buchhandlung so sehr. 🙂

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