Marie N’Diaye: The Witch (1996/2026) – Buchbesprechung

Über die Hexerei, in einer französischen Kleinstadt überleben zu können.

Lucie comes from a long line of witches, powers passed down from mother to daughter. Her own mum was formidable in her powers, but ashamed of her magic. Perhaps as a result, Lucie’s own gift is weak: she can see into the future, sometimes – but more often, she can only see the present of some other location. Not very useful. And the worst part? All she can ever see are insignificant details – a scrap of outfit, the colour of the sky. Lucie’s own children are initiated into their family’s peculiar womanhood when they reach twelve years of age, and in a few short months, Maud and Lise are crying the curious tears of blood that denote their magical powers. Having learned, they take off quickly and fly the nest. Literally. Witty, dreamlike, vaguely unsettling, and utterly enchanting (pun intended), The Witch brings the mysteries of womanhood and motherhood into sharp relief and leaves us teetering on the edge, unbalanced by questions as seemingly unbreakable relationships break down left and right. (Klappentext)

Buchtitel: The Witch
Autorin: Marie Ndiaye
Erscheinungsjahr: 2026
Sprache: Englisch
Übersetzung aus dem Französischen: Jordan Stump
Verlag: Maclehose Press
Seiten: 144
ISBN 978-1-5294-4938-9
Originaltitel: La Sorcière
Erscheinungsjahr Original: 1996


Buchbesprechung:

Erzählungen über Hexen gibt es viele. Viele sind esoterischen Inhalts, betreten breit ausgetretene Fantasy – Pfade, referenzieren historische Vorbilder (Hexenverfolgungen) oder setzen sich mit feministischen Konstruktionen von Weiblichkeit auseinander. Hexengeschichten haben Konjunktur, speisen sich aus dem Mystizismus der Wiccakultur, dem Synkretismus der Alternativbewegung und der Esoterikbewegung und Lifestylekultur der Gegenwart. Sie sind von Sehnsüchten getriebene Fantasy.

Bis heute wird Frauen eine bestimmte Nähe zu Magie und Spiritualität zugeschrieben; sie werden fallweise mit scherzhaftem bis aggressivem Unterton als Hexen bezeichnet. Viele Männer unterlegen dabei den Begriff mit einer Mischung aus Aggressivität und Lustangst und begreifen so weibliche Intuition, Sinnlichkeit und Emotionalität auf ihre misogyne Weise. Dass die Partnerin „fast wie eine Hexe sei“, die die Zukunft vorausahnen könne, ist ein gerne geäußertes Klischee, welches das Unverständnis für die Intuition mancher Frauen widerspiegelt. Und es gibt sie ja tatsächlich, jene Frauengruppen, die mit allerlei esoterischem Brimborium die vermeintliche spirituelle Kraft der Frau zu entdecken suchen.

Doch wie passt das zu besprechende Buch in diese Gemengelage des herrschenden Diskurses? Es bürstet kräftig gegen den Strich herkömmlicher Erzählungen. 1996 ist das schmale Buch mit dem Titel „La Sorcière“ (engl. The Witch, dt. Die Hexe) erschienen, das von der französischen Autorin Marie N’Diaye am Beginn ihrer Karriere verfasst wurde. Überraschenderweise ist dessen englische Übersetzung von Jordan Stump nun auf die Shortlist des Booker Preises 2026 gewählt worden. Eine deutsche Übersetzung ist 1997 im Antje Kunstmann Verlag erschienen, gegenwärtig aber vergriffen.

Zum Inhalt:

Die Ich-Erzählerin Lucie ist eine Hexe Anfang dreißig, die mit ihrem Mann und zwei Töchtern in einer französischen Kleinstadt in einer herkömmlichen Ehe lebt. Sie hat mangels Verfügbarkeit ihren Beruf aufgegeben und konzentriert sich auf eine traditionelle Frauenrolle. Lucie besitzt die Fähigkeit, sporadisch in die Zukunft blicken zu können. Dabei sondert sie verräterische, mit Blut durchsetzte Tränen ab. Damit erschöpft sich allerdings ihre Hexenkunst; ihre Kräfte kann sie nur unter großen Mühen und mit mäßigem Erfolg freisetzen. Auch selbst betrachtet sie sich als mäßig begabte Hexe. Das magische Können ist von der Mutter auf die Tochter vererbt worden. Lucies Mutter besitzt im Gegensatz zu ihr allerdings beträchtliche magische Kräfte, die sie vor der Außenwelt verbirgt, aber gelegentlich ohne Skrupel einzusetzen weiß. Um die Tradition aufrechtzuerhalten, hat sich Lucie entschlossen, ihren beiden pubertierenden Töchtern Maud und Lise das Zauberhandwerk weiterzugeben. Schon bald entwickeln sich die beiden Mädchen zu eigenwilligen und fähigen Hexen, denen das eintönige und konventionelle Leben im Haushalt ihrer Eltern nicht mehr genügt. Voll unterschwelliger Aggressivität verfolgt der Gatte und Vater Pierrot das klandestine Treiben der Frauen. Bald schon entwickelt sich eine unheilvolle Familiendynamik, in die auch die Eltern und Schwiegereltern des Paares einbezogen werden. Lucie, “die hilflose Hexe“, wie sie eine treffende Kurzrezension des Spiegel aus dem Jahr 1997 nennt, wird von einer Lawine an Ereignissen überrollt, die sie ratlos zurücklassen.

Vom Ehemann um Geld betrogen und von ihm und ihren Kindern verlassen, von ihrem Vater mit unangemessenen Ansprüchen verfolgt, überantwortet sie ihr Schicksal der so tüchtigen wie rücksichtslosen Nachbarin Isabelle. Diese hat eine erfolgreiche „Universität für spirituelle Gesundheit“ gegründet, in der jungen Frauen aus begüterten Familien spirituelle Unterstützung angeboten wird. Die dort tätigen Dozentinnen hat sie aus frustrierten Frauen rekrutiert, mit denen Lucie das Schicksal teilt:

The ones I chose, well, no one cares anything about them, no one but me. The’ve been beaten, they have husbands and children somewhere, but now they’re alone, nobody knows if they are living or dead, and nobody cares.

Schließlich erteilt auch Lucie einen Unterricht. Sie hilft Studentinnen aus reichen Familien, ihre Zukunft vorherzusehen, scheitert aber bald an deren Skepsis, der emotionalen Beanspruchung und ihrer fehlenden pädagogischen Begabung.

Eigenwillige Frauen

Es liegt auf der Hand, dass mit diesem Plot eine platte Geschichte über Hexerei und ihre Verirrungen hätte entstehen können. Doch mit viel literarischer Versiertheit macht Marie N’Diaye aus einem vordergründigen Hexentreiben ein kluges Vexierspiel über die verdrängten Gefährdungen französischen Vorstadtbürgertums. Aus mystischer Spielerei wird beißende Gesellschaftskritik. Die Autorin agiert dabei geschickt (und zurückhaltend) mit magischen Elementen, die sie in den Alltag einer Familie verpflanzt und so der Sensation esoterischer Bedürfnisse der Leser*innen entzieht. Magie wird so zur Verhaltensauffälligkeit in einer penetranten Vorstadtcommunity. Dabei dekliniert die Autorin Möglichkeiten bürgerlicher Familienbeziehungen und analysiert sie auf ihre Brüchigkeiten. Das Misstrauen, das Männer ihren unbeherrschbaren Frauen entgegenbringen, ist dabei die treibende Kraft, die das Zerbrechen der untersuchten Ehen beschleunigt. Denn nicht nur der Ehemann Pierrot entwickelt eine wachsende Aversion gegen die schlecht verborgenen Kräfte seiner Frau, auch sein Bürokollege vermag den großen Einfluss seiner Frau auf deren gemeinsames Kind nicht zu ertragen. Damit nicht genug: Auch Lucies Eltern haben sich nach langer, scheinbar guter Ehe getrennt und der hilflose Versuch Lucies, sie wieder zu vereinen, endet in einer veritablen Katastrophe. Der Ehemann wird zur Schnecke gemacht.

Machtlose Hexerei

Die Handlung mag für all jene enttäuschend verlaufen, die in Lucie eine Identifikationsfigur für das machtvolle Treiben einer modernen Hexe sehen wollen. Esoterik verkümmert zu Alltagsroutine. Stattdessen führt Marie N’Diaye eine Lucie vor, die eher Opfer ihrer eigenen Bescheidenheit und Unbedarftheit wird und die sich selbst mit ihren mediokren Zauberkräften nicht gegen die Böswilligkeit ihrer Mitmenschen zu helfen weiß. Lucie bleibt nicht mehr, als sich ohne Gegenwehr treiben zu lassen. In fast albtraumhaften Sequenzen erlebt sie Zumutungen, Ungerechtigkeiten und böse Überraschungen. Die Normalität der alltäglichen Bösartigkeiten bestimmt ihr Leben. So endet der Roman mit einer Szene, die für Lucie nicht typischer hätte sein können. In einer Situation, in der sie nicht weiß, wohin sie sich wenden soll, wird sie von ihrer ehemaligen Schwiegermutter gefragt, was sie für ihre Sommerferien plane. Sie kann nur schweigen.

Der 130 seitige Text mutet mehr als eine Skizze an, denn wie ein elaborierter Roman. Er bezieht seine Stärke weniger aus der psychologischen Tiefe seiner Figuren als vielmehr aus Momentaufnahmen, die mit pointierten Wendungen ins Absurde und Erschreckende gedreht werden. Die Ich-Erzählerin verharrt dabei in einem unangenehmen Schwebezustand, unbestimmt und ohne ausgesprochenes Ziel. Mit der Erwartung spielend, dass letzten Endes die Magie einer Hexe die Dinge zum Besseren wenden könnte, führt Marie N’Diaye die Leserinnen in die Irre. Nichts wird gut für die kleine, unbegabte Hexe, vielmehr mehrt sich ihre Verwirrung angesichts einer unkalkulierbaren Gegenwart und Zukunft. Was sind das für Verhältnisse, die selbst durch Hexerei nicht zum Besseren gewendet werden können!

Ergänzendes:


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