Marlen Haushofer: Bartls Abenteuer (1964) – Buchbesprechung

Bartls Abenteuer ist die bezaubernde, vergnügliche und einfühlsame Geschichte eines kleinen Katers, der von seiner Mutter fortgeholt wird und in einer Familie ein neues Zuhause bekommt. Wir erleben, wie Bartl zögernd die Welt zu erkunden beginnt, wie er Abenteuer und Mutproben, Gefahren und Triumphe besteht, wie er der Held der Katzenwelt und eindeutig die Hauptperson der Familie wird. Eine entzückende Katzengeschichte, die Kindern und Erwachsenen gleichermaßen Freude machen wird. (Klappentext)

Buchtitel: Bartls Abenteuer
Autorin: Marlen Haushofer
Erscheinungsjahr: 1964 f.
Sprache: Deutsch
Verlag: Claassen
Seiten: 185
ISBN 9783546441872


Buchbesprechung

Als ich entdeckte, dass Marlen Haushofer 1964 einen Katzenroman veröffentlicht hat, musste ich sogleich an ihren wohl bekanntesten Roman mit dem Titel Die Wand denken. Dort war mir die enge Beziehung aufgefallen, die die Erzählerin in der unfreiwilligen Isolation ihrer Lebenssituation zu den mit ihr lebenden Tieren aufgebaut hatte. Es war eine Beziehung auf Augenhöhe, ein Annehmen des Lebens, wie es ist und nicht, wie es hätte sein sollen, ein intimes Miteinander mit ihren Lebensgefährten. Ihre Darstellung der Tiere als gleichgestellte und persönlich nahestehende Mitbewohner hat mich damals tief beeindruckt. Ich wusste deshalb, dass ich diesen unsentimentalen und sensiblen Blick auf die Tierwelt auch in ihrem Katzenroman erwarten durfte. Das hat sich bewahrheitet.

Ein Kinderbuch?

Marlen Haushofer veröffentlichte Bartls Abenteuer ein knappes Jahr nach dem Erscheinen ihres Buches Die Wand. Gedacht war das Buch für ein Kinderpublikum. Das Schreiben von Kinderbüchern half ihr, sich mit ihrer literarischen Arbeit finanziell über Wasser zu halten, ihre Biografin Daniele Strigl weist zudem darauf hin, dass diese Kindergeschichten wohl auch sehr zügig von der Hand der Autorin gingen. Dennoch darf man sich unter Bartls Abenteuer kein Kinderbuch im heutigen Sinn vorstellen. Doch davon später.

Bartl ist der Hauskater einer Familie, bestehend aus Mama, Papa und zwei Buben, in der er als junges Kätzchen aufgenommen wird. In der Folge werden dessen unterschiedliche Erfahrungen und Abenteuer sowie ein Teil seines Lebensweges aus auktorialer Sicht geschildert. Die Erzählerin nimmt dabei die Perspektive des jungen Katers ein. Als Freigänger begegnet Bartl naturgemäß einer großen Anzahl anderer Katzen, deren Charaktere ebenso mit großer Sorgfalt charakterisiert werden wie er selbst. So entsteht das Panorama eines Katzenuniversums, dessen Treiben rund um die Lebensmittelpunkte einer etwas romantisierten Standardfamilie der Sechziger verfolgt wird. Die vierzehn Kapitel tragen Überschriften, die der Zusammenfassung derselben dienen; es sind ungewöhnlicherweise drei- bis vierzeilige Inhaltsstenogramme. Hier die Überschrift des dritten Kapitels::

Bartl entdeckt den Dachboden und erlebt glückliche Zeiten. Weil er nichts von der Wiese wissen will, wird er eingesperrt. Später lernt er auf dem Dachboden Semmelkater kennen.

Zusätzlich ist das Buch mit Katzenillustrationen ausgestattet. Jeder der Verlage, die Bartls Abenteuer bislang publiziert haben, hat sich von unterschiedlichen Illustrator*innen inspirieren lassen: Wilfried Zeller-Zellenberg (Erstausgabe im Forum Verlag), Bronislava von Podewil (Panima Verlag) und Karin Fratzscher (Claassen) beeindrucken mit ihren gezeichneten Katzenportraits.

So dürfen wir wohl mit Recht behaupten, dass wir es heute nicht mehr mit einem Kinderbuch im eigentlichen Sinn zu tun haben. Der Lauf der Zeit hat es zu einem Roman gemacht, der mit intellektuellem Gewinn auch von Erwachsenen gelesen werden kann, insbesondere wenn sie Katzenfrauen und Katzenmänner sind. Doch weshalb ist das so?

Empathie mit Katzenleben

Tierliebhaber*innen werden sich wohl dieses Phänomens bewusst sein: dass der Kommunikation zwischen Mensch und Tier große Hindernisse entgegenwirken. Die fortgesetzte Anthropomorphisierung etwa von Hunden und Katzen durch Nahrungsmittelwerbung und die Sozialen Medien unter den Überschriften von Tierliebe, artgerechter Tierhaltung und Lifestyle ist bei der Überwindung der kognitiven Kluft keine große Hilfe, sondern trägt eher zur Banalisierung von Tierleben bei. Wir wissen, dass uns oft nur geduldige Empathie, fortgesetztes Trial & Error und die genaue Beobachtung der Interaktion von Mensch und Tier zu einem genaueren Verständnis unserer Beziehung führen kann. Hilfreich ist hier auch die Methode der Marlen Haushofer, wie sie uns in ihrem Buch Die Wand vorexerziert. Dort schreibt sie:

Seit seinem (des Hundes) Tod träume ich viel von Tieren. Sie reden zu mir wie Menschen, und es erscheint mir im Traum ganz natürlich. Die Menschen, die im ersten Winter meinen Schlaf bevölkerten, sind ganz fortgegangen. Ich sehe sie nie mehr.

Auch Bartl und seine Artgenossen werden durch die Erzählerin zu diesem Sprechen ermutigt, aber wir erleben auch, wie sehr dieses, ihnen eigene Sprechen oft vergebens ist. Kommunikation mit dem Menschen kommt da nur unter Missverständnissen zustande. Insbesondere Mama und Papa können den Willenskundgebungen der Katzen wohl aufmerksam zuhören, sie aber dennoch nur begrenzt verstehen. Die genaue Beobachtung der Erzählerin hilft aber in allen Fällen, um sie als eigenständige, mitunter auch als jene unabhängigen Wesen zu verstehen, die so große Faszination auf uns ausüben. Die Erzählerin schlüpft dabei gerne in den Kopf der Katzentiere, lässt sie Emotionen und Verhalten ausagieren, ein Nachdenken über das wagen, was sich gerade ereignet hat. Haushofer schreibt insofern zwar kein wissenschaftliches Buch über Katzenverhalten, sondern eines einer erfahrenen Katzenhalter*in, die sich den angemessenen Respekt und die würdevolle Distanz zu ihren Mitbewohnern bewahrt hat. Literarisches Können vermag da viel zu bewirken, um eine dritte Realität jenseits der Welt der Katzen und ihrer Menschen entstehen zu lassen, etwa wenn Haushofer das Verhalten eines Katers namens Fuchs beschreibt:

Nach einer Woche stellte der Fuchs seine Besuche ein, und Mama sah ihn längere Zeit nicht. Dann hörte sie, dass er den Verstand verloren hätte. Er legte sich mitten auf die Straße und ging nicht zur Seite, wenn ein Auto kam. Er wohnte in einer sehr befahrenen Straße und seine Besitzerin beklagte sich bei Mama bitterlich über sein sonderbares Verhalten. Jeden Morgen war sein erster Weg auf die Straße, dort lag er dann lang ausgestreckt und sah den herankommenden Autos aus kalten, hochmütigen Augen entgegen. Niemand brachte es fertig, das schöne Tier zu überfahren, und so ertönte jeden Morgen ein Hupenkonzert vor dem Haus.

Gerade diese Stelle zeigt, dass gegenseitiges Missverstehen zwar nicht überbrückbar ist, aber sensibles Erzählen die Situation in eine dritte Dimension heben kann: auf die Stufe einer die Akzeptanz des Nichtverstehens. Selbst das Eingreifen der Polizei, die sich an die Katzeneigentümerin wendet, kann wenig bewirken. Der Freigänger geht, wohin er will, und lächelt den Ordnungshüter höchstens boshaft an.

Der erzählerische Kniff Haushofers besteht darin, die Spannung zwischen Empathie und Nichtverstehen zu halten und uns aus der Perspektive von Fuchs auf das Recht der Tiere auf Distanz hinzuweisen. Nicht alles kann verstanden werden und muss im Konflikt rund um die Zumutung von allzu Menschlichem bestehen.

Ein reflektiertes Verhältnis zum Tier

Was kann die beschriebene Empathie und das „Halten der Distanz“ zu einem tierischen Lebensgefährten bewirken? Neben der Erinnerung an vergnüglichen Lesestunden ohne Tierklischees und der damit verbundenen Sentimentalität, mag das Buch auch dazu verleiten, dem felinen Mitbewohner wieder mehr distanzierte Aufmerksamkeit zu schenken. Er ist nun eben KEIN, wie so oft in den entsprechenden Echokammern behauptet, Familienmitglied, den man in seine eigenen Befindlichkeiten einzupassen vermag, wie es einem beliebt. Er ist ein Katzentier, das Arbeit macht, Geld kostet, Vergnügen aber auch Verdruss bereiten kann. Es ist ein gleichgestelltes Lebewesen, das sich seinen Lebensraum zu unterwerfen versucht und nur seine eigenen, weil instinktgeleiteten Wege geht. In seiner prekären Balance zwischen wilder Aufmerksamkeit, entspannter Ruhephase und gierigem Beutezug erleben wir ihn als schwer einschätzbaren Wegbegleiter, All das führt uns Marlen Haushofer in liebenswerter Weise vor Augen. Das haben wir durch die Lektüre von Bartls Abenteuer wieder ein Stück weit gelernt: eine präzisere Aufmerksamkeit und höhere Wertschätzung für das Verhalten der Tiere. Auch wenn das Wissen um die Bedürfnisse der Katzen nicht dem Standard unserer Gegenwart, 60 Jahre nach der Publikation des Buches, entspricht: Die Abenteuer Bartls aufmerksam mitzuverfolgen ist ein Stück Katzenkunde, das sich aufmerksam auf die zentralen Bedürfnisse der Tiere konzentriert. Das tut es, ohne ihr Wohlergehen zu didaktisieren. Das haben die derzeit rund 1.5 Millionen Katzen in unseren österreichischen Haushalten verdient: ein Leben in Würde mit erwachsenen und mündigen Mitbewohner*innen. Letzteren empfehle ich Marlen Haushofers Buch.

Ergänzendes:


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Eine Antwort zu „Marlen Haushofer: Bartls Abenteuer (1964) – Buchbesprechung“

  1. Avatar von Doris Lessings Katzenbuch (1967) – Buchbesprechung – Prekäre Welten
    Doris Lessings Katzenbuch (1967) – Buchbesprechung – Prekäre Welten

    […] es eines aus den Sechzigern des vorigen Jahrhunderts. Doch damit hört sich die Gemeinsamkeit mit Bartls Abenteuer von Marlen Haushofer auch schon auf. Lessings Buch ist sicher kein Jugendbuch und keines, das eine heile Familienwelt als […]

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