Solvej Balle: Über die Berechnung des Rauminhalts I (2023) – Buchbesprechung

Nach einer Geschäftsreise zu einer Antiquariatsmesse in Bordeaux beginnt für die Buchhändlerin Tara Selter, die mit ihrem Mann Thomas in einem Haus in Nordfrankreich lebt, die Zeit stillzustehen. Gefangen in einer Wiederholung, durchlebt sie stets von Neuem jenen 18. November, während es für Thomas und alle anderen Menschen, denen sie begegnet, ein immer neuer Anfang ist. Sie erinnern sich an nichts, was »gestern« war, erwachen stets zu ihrem ersten 18. November des Jahres. Genießt Tara diese Zeit des »Schwindels« im doppelten Sinne die ersten sechzig Tage noch, offenbart sich langsam ein Problem: Sie wird älter, Thomas nicht. Die beiden, die sich zuvor so nahegestanden haben, entfernen sich voneinander – und Tara versucht versessen, aus dem 18. November herauszufinden. (Klappentext)

Buchtitel: Über die Berechnung des Rauminhalts I
Autorin: Solvej Balle
Erscheinungsjahr: 2023
Sprache: Deutsch
Übersetzung aus dem Dänischen: Peter Urban-Halle
Verlag: Matthes & Seitz
Seiten: 170
ISBN 978-3-7518-0912-2
Originaltitel: Om Udregning af rumfang I
Erscheinungsjahr Original: 2020


Buchbesprechung:

Anlass für diese Buchbesprechung ist der Umstand, dass Balles Buch in seiner englischen Übersetzung für die Shortlist des Booker Prize 2025 nominiert wurde. Das Buch wurde als erster Band eines groß angelegten, mehrbändigen Buchprojektes 2020 erstmals in Dänemark publiziert und 2023 ins Deutsche übersetzt. 2025 wird der dritte Band des Zyklus in deutscher Sprache erscheinen.

Eine erzählerische Herausforderung

Manche Themen der Fantastik sind schwierig zu erzählen, etwa die Darstellung einer Zeitschleife, die eine Protagonistin erlebt. Dabei kehrt der Ablauf einer Zeitspanne immer wieder. Wenn aber identisches wiederholt passiert, kann schwerlich darüber hinausgehendes erzählt werden. Der Ablauf und die Handlungen sowie die Bewusstseinsprozesse der handelnden Personen müssten in ihrer Wiederholung unverändert bleiben. Aus dieser Logik brechen aber Erzähler*innen in der Regel aus, um die Handlung interessant zu machen. Die Protagonist*innen werden dabei ermächtigt, sich aus der selbstgesetzten Gesetzmäßigkeit zu befreien. Entweder wechselt dabei ihre Perspektive auf die erlebte Zeit oder sie wird erweitert. Manchmal stehlen sie sich auch teilweise aus dem einmal gewählten Ablauf davon.

Groundhog Day

Ein bekanntes Beispiel dafür ist der bekannte Film Und ewig grüßt das Murmeltier (Groundhog Day) des Regisseurs Harold Ramis aus dem Jahr 1993. Ein Wetterberichterstatter erlebt den in einem Provinznest zu Ehren eines Murmeltiers gefeierten Tag immer und immer wieder. Er beginnt mit dem Läuten eines Radioweckers im Zimmer des Protagonisten, der um 6.00 morgens Alarm schlägt. Der entsprechende Tag scheint sich immer wieder zu wiederholen. Und dennoch: Sowohl der Wettermann als auch andere Figuren des Filmes erleben ihre Handlungen und damit den Ablauf des Tages in immer leicht veränderter Form. Nur ein erzählerischer Rahmen bleibt gleich und wiederholt sich. Die Veränderungen selbst dokumentieren die charakterliche Entwicklung der Hauptfigur. So wurde Groundhog Day zu einem gut konsumierbaren Film, der mit der Läuterung des Helden und seinem Entkommen aus der Zeitschleife endet. Der Protagonist weiß dabei um die Gestaltbarkeit der sich wiederholenden Zeit. Dadurch gelingt es ihm, seine Umwelt erfolgreich zu manipulieren und aus dem Gefängnis der Zeit zu entkommen.

Der ominöse 18. November

Ein erzählerischer Kunstgriff liegt auch dem Roman von Solvej Balle zugrunde. Die Handlung setzt am Vortag des 18. November mit einer Reise nach Paris ein. Die Protagonistin Tara, Miteigentümerin einer Buchhandlung, will in Paris Bücher ankaufen und dann in einem Hotel übernachten. Zwei der gekauften Bücher wird sie direkt nach Hause nehmen. Am 18. November nimmt sie im Laden eines befreundeten Buchhändlers mit ihm und seiner Freundin ein Abendessen ein, verletzt sich an der Hand und ruft nach ihrer Rückkehr ins Hotel ihren Ehemann zu Hause an. Auch Thomas erzählt ihr von seinem Tag, der mit Arbeiten für die gemeinsam betriebene Buchhandlung ausgefüllt ist. Als Tara am nächsten Morgen im Hotel ihr Frühstück einnimmt, merkt sie, dass sie sich wieder am Morgen des 18. November wiederfindet. In einem Telefonat stellt sie fest, dass auch für Thomas der 18. November soeben begonnen hat. Nur die Wunde an ihrer Hand zeigt, dass sie diesen Tag schon einmal durchlebt hat. Beide begreifen rasch, dass die Zeit wohl aus den Fugen geraten sein muss. Noch am selben Abend kehrt sie nachhause zurück. Am nächsten Morgen erwacht sie dort. Sie besitzt nun zwei Varianten des 18. November: jene, die sie in Paris verbracht hat und jene, die sie an der Seite von Thomas verbringt. Thomas wiederum „besitzt“ nur eine Version dieses Tages.

„Die Öffnung auf eine Welt, in der sich alles verändern kann. Eine Zeit, die aus den Fugen gerät, ein Tag, der sich wiederholt, Erlebnisse, die spurlos aus dem Gedächtnis verschwinden, Staub, der auf Flächen zurückkehrt, von denen man ihn, man weiß es genau, weggewischt hatte.“

Gefangene der Zeit

Während sich also der 18. November mit all seinen Konsequenzen wiederholt, kämpft Tara im Rahmen ihrer Möglichkeiten dagegen an. Sie versucht, die Gründe für ihr Herausfallen aus Vergangenheit und Zukunft zu ergründen. Zunächst mit Gelassenheit, dann mit wachsender Beunruhigung beobachtet sie, wie der Tag ihres Ehemannes sich schematisch Tag für Tag wiederholt, während sie die ständigen Wiederholungen mit zunehmender Aufmerksamkeit und Genauigkeit erlebt. Sie durchbricht die tägliche Routine ihres Ehemanns, konfrontiert ihn mit der Torsion der Zeit und beginnt, mit ihm nach den Ursachen des unerhörten Vorfalls zu suchen. Während Thomas nur mit großer Verwirrung den Argumentationen seiner Frau zu folgen vermag, ist Tara Hüterin der Geschichte dieses Tages: 365 Versionen des 18. Novembers sollen es letztlich werden. Deren Auffälligkeiten hält sie in einem Notizbuch penibel genau fest. Schließlich führt das unterschiedliche Erleben der Zeit zu gegenseitiger Entfremdung des Ehepaars, sodass Tara letzten Endes beschließt, ihren Mann seinem Mustern zu überlassen und sich alleine auf die Suche nach der Lösung des Problems zu machen:

„Wenn Thomas ein Gespenst ist und ich ein Monster bin, ist der Abstand größer als gedacht. Thomas hinterlässt keine Spuren in der Welt, ich fresse sie auf. Er ist ein Muster im Haus, ich bin ein Monster im Zimmer.“

Auf der Suche nach dem Morgen

So verlässt sie an einem dieser Tage nicht nur das Haus, sondern auch ihren Wohnort, um sich weiterhin der Suche nach jenem Schlupfloch zu widmen, dass sie in die Normalität der Zeitabläufe zurückführen kann. Die Wahrnehmung der Geschehnisse, der Geräusche und der Stimmungen werden immer präziser, eindringlicher und komplexer, je öfter sie diese durchlebt und dessen Unregelmäßigkeiten befragt. Aus einem Tag erwächst so ein Universum an Eindrücken und Interpretationen. Auch durch das Studium des Nachthimmels kann sie nur feststellen, dass sich an der Stellung der Gestirne nichts verändert und sie daher wohl in ein Zeitloch gefallen ist.

Die Hypersensibilität, mit der Tara ihre Umwelt erlebt und die Fähigkeit der Protagonistin, neben der Gleichförmigkeit des Tages auch immer neue Aspekte desselben wahrzunehmen, ihn quasi in seiner penetranten Existenz einzukreisen, macht den besonderen Reiz des Buches aus. Man möchte sich gerne der somnambul wirkenden Sprache und Gedankenwelt der Erzählerin aussetzen, um sich von der Beschreibung eines existentiellen Ausnahmezustandes berauschen lassen. Wir erleben keine platte Science Fiction, die um die Sensationen eines widersprüchlichen Zeitablaufes kreist, sondern vielmehr ein gelassenes Beschreiben des intimen Gedankenraumes seiner Protagonistin. Die Tage vergehen schnell und der Tag wächst sich mit zunehmender Reflexion zu einem Monster aus. Es ist ein philosophisches Buch, das die Räume des Unwahrscheinlichen mit großer Geduld erkundet und beschreibt.

Die Ich-Erzählerin indes hofft, dass sich mit der 365. Version des 18. November der Jahreszyklus zu schließen vermag und ein neues Jahr beginnen kann. Das könnte sie aus der Gefangenschaft des 18. November befreien. Gebannt folgen wir ihr auf dem Weg dorthin, wissen aber gleichzeitig: Wir stehen auch Beendigung der Lektüre dieses Buches erst am Beginn eines umfangreichen Romanprojekts, das uns weiterhin nicht loslassen wird.

Ergänzendes


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