Diesmal eine sehr persönlich motivierte Rundschau! Der Autor hat viele Jahre beruflich auf der Leipziger Buchmesse (LBM) verbracht, die meiste Zeit davon im Rahmen von Traduki, einem Übersetzungsnetzwerk für ost- und südosteuropäische Literatur. Diese Initiative war und ist eines der wertvollen Überbleibsel aus der Zeit der Ostöffnung und nach den Balkankriegen: eine Initiative zur literarischen Verständigung auf einem historisch gespaltenen und literarisch vielfältigen Kontinent. Die LBM war und ist der geeigneter Ort, die multilaterale Arbeit von Traduki einem breiten Publikum zu präsentieren.
Treue Begleiter*innen auf der Buchmesse dind Kinder bzw. Jugendlichen, die die Manga Convention besucht haben, einer auch für viele Erwachsene eindrucksvollen Manifestation für den Einbruch des Phantastischen in die Realität. Das waren schöne Augenblicke, wenn sich manche Angehörige des Fandoms sich in die Ausstellungshallen von Literatur und Sachbuch verliefen, um dort hineinzuschnuppern.
Was ich auf der Buchmesse auch immer sehr genossen habe: die langjährige und behutsame Leitung durch den ehemaligen Direktor Oliver Zille; die immer spannenden Länderschwerpunkte, die den Zugang zu zu spannenden Leseabenteuern ermöglichten; letztendlich auch den unprätentiösen Charakter einer Publikumsmesse, die das Lesen in den Mittelpunkt stellt und nicht bloss das Verlagsgeschäft. Davon unterscheidet sich die LBM wohltuend von der Frankfurter Buchmesse.
So nimmt es nicht Wunder, dass ich aus Zuneigung und mit grossem Interesse auch dieses Jahr die Messe wieder beobachtet habe, wenn auch nur aus der Ferne. Geholfen hat mir dabei unzweifelhaft die sehr ausführliche Berichterstattung der Taz. Seine Neugier konnte mensch natürlich auch auf Bluesky oder Mastodon (#lbm, #lbm25) befriedigen.
Wie immer blieben aus dem Wust an Neuigkeiten, Diskussionen und Auseinandersetzungen aus der Welt der Bücher eine Reihe von Büchern übrig, die ihren Beitrag zum Stapel ungelesener Bücher leisten. Von diesen sollen sechs Neuerscheinungen vorgestellt werden, die mir für das Thema der Spekulativen Literatur als besonders erwähnenswert erscheinen.
Mit den Leipziger Buchpreis für Europäische Verständigung hat der belorussische Regimekritiker Alieherd Bacharević mit seinem Roman Europas Hunde (2024) die verdiente Auszeichnung für seine Schilderung eines grotesken und dystopischen Europas erhalten.
🔗 Zum Buch
Zwei Bücher zum Gastland Norwegen: Maja Lunde ist weithin durch ihre Romanserie über die Natur (Ja, ja, die Bienen!!) bekannt geworden und legte 2025 ihr Buch Für Immer vor, in dem von der Erzählerin die Zeit zum Stillstand gebracht wird. Was tun in einer derartigen Welt?
🔗 Zum Buch
Auch aus Norwegen stammt der Autor Johan Harstad, der den über 1200 seitigen Roman Unter dem Pflaster liegt der Strand (2025) einen Roman in der Manier des Magischen Realismus über die Erdölstadt Stavanger geschrieben hat. Manchen ist das Buch zu umfangreich: manche begrüssen es, endlich Zeit an einen Schmöker zu verwenden.
🔗 Zum Buch
Dass den Leipziger Buchpreis nicht Wolf Haas oder Christian Kracht gewonnen hat, hat viele Kommentator*innen verwundert. Andere haben den Vorzug betont, das der Preis an eine weibliche Autorin vergeben wurde. Letztendlich ist Kristine Bilkau mit ihrem Generationenroman Roman Halbinsel (2025) ausgezeichnet worden. Gute Gründe, sich selbst über das Buch ein Bild zu machen.
🔗 Zum Buch
Eine Übersetzung aus dem Kroatischen durch Alida Bremer, welche durch Traduki gefördert wurde, ist die Sammlung von Erzählungen der bosnisch kroatischen Autorin Asja Bakic unter dem Titel Leckermäulchen (2025) zu verdanken. In ihr beschreibt sie seltsame dystopische Welten.
🔗 Zum Buch
An dieser Stelle auch ein Sachbuch: Die TAZ hat auf der LBM zu einem Gespräch mit der österreichischen Soziologin Laura Wiesböck eingeladen. Ihr Buch über Digitale Diagnosen beleuchten den in den Sozialen Medien weit verbreiteten Trend der Selbstdarstellung und Profilierung mit höchspersönlichen Krankeitsbildern.
🔗 Zum Buch

02/2024
Alhierd Bacharevič
Europas Hunde
Verschrobene Gestalten bevölkern diesen „totalen Roman“: einsame Sucher, fiebrige Träumer, verkrachte Existenzen, geborene Eskapisten. Da ist Maŭčun, der Junge, der davon träumt mit seiner geliebten Gans gen Westen zu fliegen, bis ihm eine junge Spionin vom Himmel vor die Füße fällt. Der Tote im Berliner Rosengarten, dessen rätselhafte Spuren den Ermittler Teresius Skima durch ein Netzwerk von Buchhandlungen in ganz Europa zu einem abgeschotteten Superstaat führen. Oder Oleg Olegowitsch, ein Misanthrop aus Minsk, der den Sprachen abgeschworen hat und eine neue erfindet: Balbuta. Seine geheime Liebste, die er hegt und pflegt. Sie alle graben, schürfen tief und träumen sich zugleich federleicht, entdecken Geschwister im Geiste, fallen aus der Zeit, überwinden Grenzen. Aber immer lauter bellen die Kettenhunde – in Berlin, Prag, Paris, Vilnius, Minsk … (Klappentext)

01/2025
Maja Lunde
Für immer
An einem gewöhnlichen Tag Anfang Juni kommt die Zeit zum Stehen. Niemand stirbt, niemand wird mehr geboren. Die neue Ewigkeit verändert das Lebensgefühl der Menschen: Die Rentnerin Margo will ausgelassen das Leben feiern und auf Reisen gehen – doch ihr pflanzenliebender Ehemann Otto möchte seine Balkonblumen nicht alleine lassen. Für die Fotografin Jenny gibt es nichts Schöneres, als die geschenkte Zeit mit ihrer Familie im Sommerhaus zu verbringen. Trotzdem plagt sie das Gefühl, etwas Wichtiges zu verpassen. Und die Krankenschwester Eva erlebt die Sorge der Schwangeren, die nicht wissen, wann ihre Babys zur Welt kommen. Überall im Land rätselt man, warum die Menschen aus dem Lauf der Zeit herausgefallen sind. Ist es ein Virus, ein alter Zauber oder eine Verschwörung böser Mächte? Und warum geht in der Natur der Kreislauf von Werden und Vergehen unvermindert weiter? Feinfühlig und mit viel Wärme schreibt Maja Lunde in ihrem neuen großen Roman über das Leben im Jetzt, die eigene Endlichkeit und über unsere Verbindung zur Natur. (Klappentext)

01/2025
Johan Harstad
Unter dem Pflaster
liegt der Strand
Ingmar Olsen nimmt in Warschau an einer Konferenz zum Thema Atommüll teil, als ein ihm unbekannter Amerikaner auf ihn zukommt und beginnt, ihn über seine Jugendzeit in Norwegen auszufragen, über die er längst mehr zu wissen scheint. Kurz darauf erhält Ingmar einen Anruf von seinem Jugendfreund Jonatan, der sich nach fast 20 Jahren von einem Containerschiff meldet, um etwas zu besprechen, mit dem Ingmar vor Langem abgeschlossen hat. Der Freund und der Fremde bringen Ingmar dazu, über seine damalige Clique nachzudenken, was sie zusammenhielt und auseinandertrieb und mit deren einzigem weiblichen Mitglied Ebba Ingmar bis heute eine große Liebe verbindet.
Unter dem Pflaster liegt der Strand! ist ein ebenso großer wie überwältigender Roman über eine Art Stein, der einen in sieben Minuten die eigene Zukunft durchleben lässt und dabei, tja, keinen Stein auf dem anderen lässt. (Klappentext)

03/2025
Kristine Bilkau
Halbinsel
Ein Haus am Wattenmeer. Eine Mutter und ihre Tochter. Und der Versuch einer Annäherung zwischen den Generationen. Für Leser*innen von Judith Hermanns »Daheim«, Anne Rabe »Die Möglichkeit von Glück«, Daniela Krien »Die Liebe im Ernstfall«und Elizabeth Strout »Am Meer«. Eine Halbinsel im nordfriesischen Wattenmeer. Hier, an der Nordsee, lebt Annett, Ende vierzig, seit vielen Jahren, hier hat sie nach dem frühen Tod ihres Mannes ihre Tochter Linn allein großgezogen. Linn, Mitte zwanzig, ist nach dem Abitur voller Energie in die Welt gezogen, hat sich in schwedischen und rumänischen Wäldern als Umweltvolontärin engagiert, arbeitet für ein Aufforstungsprojekt. Für Annett ist ihre Tochter die Verkörperung von Hoffnung, Sinn und Zukunft. Doch auf einer Tagung, während eines Vortrags kippt Linn um, Kreislaufzusammenbruch, Erschöpfung. Annett holt sie für eine Woche zu sich nach Hause, ans Meer, nahe Husum. Aus einer werden zwei, dann drei Wochen, dann Monate. Zerrieben zwischen Leistungsdruck und Sinnsuche, scheint Linn mit Mitte Zwanzig an einem Nullpunkt. Annett fühlt sich hilflos angesichts der Antriebslosigkeit ihrer Tochter. Mit der Zeit brechen Konflikte auf, zwischen Mutter und Tochter, aber auch zwischen zwei Generationen. Die eine muss die Lebenswirklichkeit der anderen neu verstehen lernen. Mit großem Gespür für das Zwischenmenschliche lotet Kristine Bilkau die drängenden Fragen unserer Zeit aus – die Frage nach der Verantwortung der Älteren für den Zustand der Welt sowie der Wunsch der Jüngeren, das eigene Leben mit Sinn zu füllen. (Klappentext)

02/2025
Asja Bakić
Leckermäulchen
In elf Erzählungen schreibt Asja Bakić über verschiedene mehr oder weniger dystopische Welten. So begegnet uns eine Künstliche Intelligenz, die auf sexuelle Befriedigung von Frauen spezialisiert ist und darüber hinwegtrösten soll, dass es keine Männer mehr gibt. Auf einer Jugendfreizeit wird Menstruation zum Splatter-Element einer Horrorgeschichte. Genderfluidität, Klimawandel, Zeitreisen, Unterwelten, Außerirdische – der Einfallsreichtum der Autorin ist grenzenlos wie ihre Liebe zu sämtlichen Spielarten des Absurden. Wie bereits in »Mars« setzt Asja Bakić in ihren Erzählungen Frauen in den Mittelpunkt, die um ihr Leben kämpfen, die eigene Bedeutung in der Welt suchen oder schonungslos ihre Begierden ausleben. Aus einer stets feministischen und gesellschaftskritischen Perspektive vermischt Asja Bakić in ihren Texten Genres wie Weird Fiction, Speculative Fiction, Horror oder Erotik und nimmt die Leser*innen in die Vergangenheit, die Zukunft oder in eine Parallelwelt mit. (Klappentext)

01/2025
Laura Wiesböck
Digitale Diagnosen
Trauma, triggern, toxisch: Laura Wiesböck über die inflationäre Verwendung psychologischer Begriffe in Sozialen Netzwerken und über den Social-Media-Trend »Mental Health«. Lebenskrisen, emotionale Verletzungen und Phasen der Ineffizienz sind seit jeher Teil des Menschseins. Doch im digitalen Zeitalter zeigt sich eine immer größere Entschlossenheit, derartige Zustände krankhaft zu deuten. Social-Media-Plattformen sind voll mit psychiatrischen Diagnosen. Begriffe wie »Trauma«, »triggern« und »toxisch« werden inflationär verwendet. Eigen- und Fremddiagnosen gehen leicht von den Lippen. Wo aber liegt die Grenze zwischen Enttabuisierung und Verherrlichung? Präzise analysiert die Soziologin Laura Wiesböck die Ursachen und Folgen des Trends um »Mental Health«. Ein zeitgemäßes Buch und ein Plädoyer für das Aushalten emotionaler Ambivalenzen.

Hinterlasse einen Kommentar