Unbemerkt von den Büromenschen hinter den Fenstern umkreisen tausende Zugvögel das trügerische Licht des Wolkenkratzers in Manhattan. Ein Scharlachkardinal löst sich aus der erbarmungslosen Falle, zieht gen Süden über die Wunden hinweg, die der Mensch in die Erde geschlagen hat, Plantagen, Mauern, Gefängnisse. In einer Küche weit unter ihm wird ein Käferweibchen mit dem ersehnten Mangold verpackt und weckt hunderte Kilometer weiter Erinnerungen, während in den lauten Straßen Bogotás zwei Hündinnen vor dem Alleinsein flüchten. Zahllose Wesen fliegen, kuscheln, kriechen, knurren und werden im Verborgenen Zeuge menschlicher Krisen und Hoffnungen. Aus einzigartiger Perspektive lässt uns María Ospina Pizano den amerikanischen Kontinent als zusammenhängenden Organismus begreifen. (Klappentext)

Buchtitel: Für kurze Zeit nur hier
Autorin: Maria Ospina Pizano
Erscheinungsjahr:
Sprache: Deutsch
Übersetzung aus dem Spanischen: Peter Kultzen
Verlag: Unionsverlag
Seiten: 194
ISBN 978-3-293-00622-5
Originaltitel: Solo un poco aqui
Erscheinungsjahr Original: 2023
Rezension:
Maria Ospina Pizano Ist eine kolumbianische Kultur- und Literaturwissenschafterin, die im deutschen Sprachraum bislang wenig bekannt war. 2023 legte sie ihren Debütroman Solo un poco aquí vor, der 2025 in der deutschen Übersetzung von Peter Kultzen erschienen ist. Hingewiesen werden soll auch auf die ausserliterarischen Arbeiten der Autorin. Sie forschte zu Erinnerung, Gewalt und Natur in der zeitgenössischen kolumbianischen Kultur. Die Beschäftigung mit diesen Themen spannt auch den Referenzrahmen auf, mit dem die Handlung des Buches eingefasst ist. Die indigene Geschichte des Landes und seine aktuelle soziale Situation, die von Gewalt und Ungleichheit geprägt ist, tritt an vielen Stellen des Textes hervor.
Der Beginn des Buches überrascht mit einer ungewöhnlichen Perspektive, welche sie bis zum Ende des Romans durchgehalten wird. Die auktoriale Erzählerin erzählt von Anfang aus der Perspektive von Tieren, an deren Leben wir teilhaben dürfen. Das sind zwei Hunde, die in den Strassen Bogotas aufwachsen; ein Scharlachkardinal, dem wir auf seinem Wanderzug in den Süden des amerikanischen Kontinentes folgen; eine Hummel, die ihr (für menschliche Masstäbe) kurzes Leben zwischen Natur und einer Wohnung verbringt und schliesslich ein junges Stachelschwein, das von einer Tierliebhaberin einem Tierheim überantwortet wird. Anhand ihrer Schicksale wird auch das Leben der mit ihnen verbundenen Menschen erzählt. Die Erzählperspektive wird umgekehrt: der imaginierte Blick des Tieres herrscht vor.
Es ist ein heikler Balanceakt, sich in das Leben von nichtmenschlichen Lebewesen hineinzuversetzen: die Gefahr, dass sich dadurch der Text in Spekulation oder Kitsch verliert, ist gross. Die Erzählerin wählt die Perspektive mit Verve, Entschiedenheit, Empathie und grosser Vorsicht. Sie vermeidet Sentimentalität und selbstgerechte Gefühlsduselei. Sie spricht es im Text auch an: Menschen wissen über Tiere zu wenig, um sich unbedarft in ihre Erlebniswelt hineinbegeben zu können. Erzähler*innen können möglicherweise ihre Welt erahnen, ihre Erlebnisse beobachten und versuchen, sie nachzuvollziehen. Mehr als Vorläufiges über sie wissen zu wollen, wäre hingegen Anmassung.
Die Gefahr der Anthropomorphisierung, der unzulässigen Vermenschlichung, steht immer im Raum. Auch das gehört zu dem Unrecht, das Tieren seit Jahrhunderten angetan wurde. Doch die Erzählerin ist auf der Hut. Sie verfolgt deren Verhalten und beschreibt präzise. Es gibt viele Unwägbarkeiten („vielleicht“, „Wer kann wissen, ob ?“, „wahrscheinlich “, „Wir vermuten …“), die sich durch das Buch ziehen. Die sprachliche Ungewissheit wird schon nach wenigen Seiten zu einem Ritual der Annäherung in poetischer Absicht:
„Niemand kann wissen, wie der Scharlachkardinal es anstellt, das Brennen seiner Wunden zu verdrängen, seine Koordinaten wiederzufinden und sich auf die Suche nach dem richtigen Wald zu machen.“
Tiere sind also die Protagonisten eines Romans, welchen auf ihren Lebensbahnen auch Menschen begegnen, von denen allerdings nur manchmal ausführlich erzählt wird. Die Bewegungen der Tiere in Raum und Zeit spannen das Netz auf, in dem sich Menschenschicksale verfangen, als zufällig auftretende Begebenheiten. Da gibt es den obdachlosen Hundebesitzer, der von der Polizei des Platzes verwiesen wird; minderjährige Migrant*innen, die in einem Aufnahmelager zusammengepfercht werden; den Lärm des Schusswechsels zwischen Guerilla und Regierungstruppen; Frauen, die sich naiv und rührend um Tiere kümmern und schliesslich auch sie selbst, die Autorin. Ihre Begegnung mit dem Scharlachkardinal auf der Terrasse ihrer Wohnung in Bogota dokumentiert sie mit der einzigen Photographie dieses Buches. Das erscheint wie ein Bruch mit der Fiktion des Romans, ist aber gleichzeitig nur erzähllogisch. Vage ist auch das: die abgebildete, unscharfe Schwarz-Weiss Fotografie des Vogels.
Fast möchte man meinen, dass die Vielzahl an Geschichten, die in diesem Roman erzählt werden, sich nur schwer zu einem Roman von über 190 Seiten verbinden liessen. Dennoch schafft es die Erzählerin diese zu einem grossen Ganzen zu verbinden. Ein buntes Universum eröffnet sich.
Letztendlich adelt die Erzählerin das von ihr aufgespannte Netz an Begebenheiten mit ihrem historischen Kontext und der Poesie der Literatur. Als Vorspann zu den 5 Hauptkapiteln des Buches werden als Motti Redewendungen aus der Sprache der indigenen Bewohner Kolumbiens (lengua mosci) und Zitate aus Werken der europäischen und lateinamerikanischen Literatur verwendet. Sie alle verstärken die Topoi des Zufälligen, des Unentschiedenen, des Aufbruchs und der Vergänglichkeit als Kennzeichen des Lebens. Sie gelten für alle Lebewesen gleichermassen, besitzen Bedeutung und sind wohl oder übel miteinander verbunden. Die Erzählerin breitet dieses Netz vor uns aus. Tier und Mensch verdienen es, gehört, verstanden und miteinander gedacht zu werden. Das träumt uns Maria Ospina Piano auf unvergleichliche Weise vor.
Ein wenig erinnert das Buch auch an den Ton, den Samantha Harvey in ihrem Buch Umlaufbahnen (2024) gefunden hat. Den Blick auf die wundersame und wunderbare Welt, die uns umgibt und die nicht nur in der Selbstbezogenheit der Menschen besteht, eröffnen uns beide. Pizano hat mit ihrem Roman einen interessanten und hochpoetischen Text vorgelegt, den man gerne als ein modernes Stück Nature Writing verstehen kann: eine Konversation zwischen den Arten, die sich sehr wohl verstehen können, so man nur genügend Hingabe und Geduld aufzubringen vermag. Es ist die Magie des Lebens auf Augenhöhe, in die wir uns lesend hineinverstricken dürfen.

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