Jasmin Schreiber: Endling (2023) – Buchbesprechung

Klappentext

Artensterben. Abtreibungs- und Verhütungsverbote. Repressalien. Die Welt, in der sich die Frauen dieses Romans zurechtfinden müssen, ist eine andere im Jahr 2041. Zoe ist Biologin und forscht fern der Heimat an Käfern. Als ihre Mutter in Reha muss, kehrt sie nach Hause zurück, um sich um ihre Teenager-Schwester Hanna und ihre schrullige Tante Auguste zu kümmern, die seit Jahren das Haus nicht mehr verlässt. Doch dann verschwindet Augustes Freundin Sophie, und während sich die Ereignisse überschlagen, lauert in Schweden ein dunkler Wald auf sie.

Buchtitel: Endling
Autorin: Jasmin Schreiber
Erscheinungsjahr: 2023
Sprache: Deutsch
Verlag: Eichborn
Seiten: 334
EAN 9783751748377


Rezension

Der aus der Biologie stammende Begriff des Endlings bezeichnet das letzte Lebewesen seiner Art. Mit seinem Tod stirbt die gesamte Art aus. Sowohl die Autorin Jasmin Schreiber als auch ihre Heldin Zoe sind Biologinnen, die sich mit einer schmerzlichen Realität des Artensterbens konfrontiert sehen. Wir befinden uns in der nahen Zukunft des Jahres 2041. Die politischen Verwerfungen unserer Gegenwart haben sich radikalisiert: Das Artensterben hat immer größere Ausmaße angenommen, viele Wälder sind vernichtet, strenge Abtreibungsgesetze verletzen die Rechte von Frauen, die Redefreiheit ist stark eingeschränkt. Die erstarkenden Diktaturen der Gegenwart lassen auch aus der Zukunft grüßen. Dennoch: Nichts grundlegend Neues wird angezeigt, die Leser*innen von heute sind mit vielen bedrohlichen Entwicklungen schon vertraut, wollen sie aber nicht zu Ende denken. Jasmin Schreiber tut das und konzentriert sich dabei auf Frauen. Feministische Literatur ist dafür zwar ein großer Begriff, aber doch akzeptabel. Männer sind nur (tragische) Randfiguren im erzählerischen Kosmos dieses Buches.

Drei recht unterschiedliche Frauen leben in einem Mehrgenerationen Haushalt in Frankfurt, alle mit Bezug zur Heldin Zoe: Mama, Tante Auguste und Schwester Hannah. Die Mutter ist eine der Realität leicht entrückte Trinkerin und wird sich für längere Zeit zu einer Entwöhnungskur in einer entsprechenden Klinik unterziehen. Tante Auguste hat sich im Zuge der Grossen Pandemie völlig in ihre Wohnung im ersten Stock zurückgezogen und lebt dort unter sterilen Bedingungen ein paranoides Forscherleben in Isolation. Schwester Hannah steht als Jugendliche alleine da und braucht emotionalen Zuspruch durch die Grosse Schwester. Diese heisst Zoe. Sie lebt in Hamburg und forscht an Insekten.

Eine Road Fiction entwickelt sich. Zoe fährt von Hamburg nach Frankfurt, um für ihre nunmehr abwesende Mutter einzuspringen. Dort angekommen, erfährt sie, dass sich Tante Auguste um ihre Freundin Sophie Sorgen macht, welche verschwunden ist und auf Besorgnis erregender Weise telefonisch nicht erreicht werden kann. Auf der Suche nach ihr bricht die Gruppe nach Südtirol auf, allerdings vergeblich, denn Sophie ist schon in den Norden Skandinaviens weitergereist. Dann, nach einem kurzen Zwischenstop geht es in leicht anderer Besetzung in den Norden Schwedens: Gesucht (und gefunden) wird Sophie schliesslich in einem entlegenen Dorf, das nur von Frauen bewohnt wird. Diese haben sich dorthin zurückgezogen, um nach ihren eigenen Regeln zu leben.

Schliesslich ist da noch die Sache mit der prekären Natur, die den Roman begleitet. Jedes Kapitel ist einem Tier, meist einem Insekt gewidmet, die Kapitelüberschriften sind im Layout des Buches auch entsprechend graphisch gestaltet. Das jeweilige Tier wird in jedem Kapitel erörtert, zumindest aber kurz erwähnt. Tante Auguste (Schneckenforscherin) und Zoe (Entomologin) sind biologisch versiert und begleiten mit ihren Fachkommentaren den Dialog zwischen den handelnden Personen. Das macht auch den Reiz dieses Buches aus, diese selbstvergessenen Reflexionen über Insekten und Artgenossen. Das sind Entdeckungen, die sonst nicht zu machen wären! Schliesslich begleitet auch ein Endliing, das letzte Exemplar der Gemeinen Weinbergschnecke mit dem Namen HP 14 die Expedition in den norden, behutsam verpackt in einer geräumigen Schachtel; zu innig ist die Beziehung von Tante Auguste zu diesem Tier. Die Leser*innen lernen so einiges über real existierende aber auch erfundene Lebewesen. Natürlich führt die Suche nach der verschwundenen Sophie auch zu den letzten Refugien der Artenvielfalt, geheimnisvolle Rückzugsgebiete mit unerwarteter biologischer Vielfalt und lange zurückreichendem Gedächtnis. In diesen befinden sich die Hoffnungsräume für Frauen. Es sind Wälder, die in einer Art ewigen Widerstandskraft unbeeinflusst von menschlichen Eingriffen vor sich hin wachsen und nicht mit wissenschaftlichen Mitteln erforscht werden sollen. Männer geht es in diesen Wäldern nicht gut, bleiben sie dort zu lange, führt das zu ihrem Tod. Frauen, unberührte Natur und zukunftsfähiges Leben bilden eine Einheit, die ein wenig Hoffnung verbreiten, auch in einer dystopisch anmutenden nahen Zukunft.

Wer aber plump Esoterisches vermutet, liegt beinahe falsch: Naturreligion und rituelles Wirken werden zwar immer wieder angedeutet, doch nie als letzte Wahrheit etabliert. Jedwedes Kultische, Mythische oder Naturreligiöse lässt sich in der modernen Welt auch wissenschaftlich erklären: dafür garantiert Zoe, die aufgeklärte Wissenschafterin.

So zeichnet Jasmin Schreiber eine Welt, die sich letzten Endes mit sich selbst versöhnen will. Einerseits schildert sie die bedrückende Last einer zerstörten Welt in zwanzig Jahren, andrerseits pflegt sie ein humorvolles, fast nachlässiges Erzählen, dass die Realität des Erzählten auf eigenartige Weise konterkariert. Das Buch liest sich flüssig, ist spannend erzählt und strotzt von unbeirrbarer und umgangs-sprachlicher Unbefangenheit. Geradliniges, lineares Erzählen ist es, was uns an diese Road Fiction fesselt. Ich habe das Buch binnen eines Tages verschlungen, um mich dann doch letzten Endes ein wenig ratlos zurück gelassen zu finden. Und das soll alles gewesen sein? Einfach nur leichtigkeit und wohlbehagen? Doch die wunderbare, graphische Ausstattung des Bandes vermochte mich zu trösten.

Vielleicht sollte noch ein wenig Ungewöhnliches von der Entstehung dieses Buches berichtet werden. Da ist zunächst die Eigenheit des Bastei-Lübbe Verlages, aus Umweltgründen seinen Büchern das Verschweißen in Plastik zu verwehren. Um dem außenliegenden Papierstoß vor Abnutzung zu schützen, ist die hintere Umschlagklappe länger und über den seitlichen Stoß gefaltet. Eine ungewöhnliche und hübsche Idee. Natürlich sind auch die Zeiten der billig und schlampig daherkommenden Bücher dahin. Die Generation TikTok/Instagram hat ihre Standards gesetzt. Ganz im Sinne der New-Adult-Editionen bestimmen auffälliges Design und Einbandprägung auch dieses Buch: auch graphisch müssen diese hervorstechen. Die Autorin hat sich beim Design wohl ebenfalls eingebracht; für die entsprechende Geduld des Verlages bedankt sie sich im Nachwort. Genauso schön wie zu lesen, ist es auch, das Buch anzusehen und zu begreifen. Zum Kauf wird deshalb geraten.



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