Von oben betrachtet sieht die Welt gleich ganz anders aus. Sechs Astronauten schweben in einer Raumstation durchs All. Den Planeten Erde umkreisen sie in 90 Minuten, sechzehnmal in 24 Stunden. Die zwei Frauen und vier Männer aus ganz unterschiedlichen Nationen arbeiten, essen und schlafen auf engstem Raum – und doch ist alles losgelöst vom Alltag, Schwerkraft und Zeitempfinden sind außer Kraft gesetzt. Was passiert, wenn man seine Heimat nur aus weiter Ferne durch ein kleines Fenster sieht? Wie verändern sich Denken und Fühlen? In dem Zeitraum von nur einem Tag, während die Sonne sechzehnmal auf- und untergeht, betrachtet dieser ungewöhnliche, kraftvoll poetische Roman die großen und kleinen Fragen der Menschheit und bringt uns der Schönheit des Universums ganz nahe.

Buchtitel: Samantha Harvey
Autorin: Umlaufbahnen
Erscheinungsjahr: 2024
Sprache: Deutsch
Übersetzung aus dem Englischen: Julia Wolf
Verlag: dtv
Seiten: 2024
ISBN 978-3-423-28423-3
Originaltitel: Orbital
Erscheinungsjahr Original: 2023
Rezension
Nach nur wenigen Seiten wird klar, dass es sich um ein ungewöhnliches und widersprüchliches Buch handelt. Es denkt über das Leben im Weltraum nach und ist eine Reflexion über die gefährdete menschliche Existenz in einer schweigenden und wundersamen Welt. Gleich zu Beginn beeindruckt der Satz:
„Das blosse All ist ein Panther, ungezähmt und ursprünglich: in ihren Träumen pirscht er durch ihre Quartiere.“
Wie aber soll man über eine Situation schreiben, die die überwältigende Mehrheit der Menschen noch nie erleben durfte? Wie weit wird man die Fiktion dehnen müssen, um sich einer Realität anzunähern, die man als Erzählerin nicht kennen kann? Was kann man vom Leben in einer Raumstation wissen, wie einen angemessene erzählerische Haltung für das Außerordentliche finden? Die Autorin selbst hat dieses Problem benannt:
„I’ve never been in space, I could never go to space, and there are humans who’ve been to space who write very lucidly about it, so who am I to do this? I had a crisis of confidence and felt I was trespassing. So I gave up.“ (Website des Booker Preises)
Dass die Autorin letztendlich nicht aufgegeben hat, dem verdanken wir ein grossartiges Buch.
Die Recherche wird so zum Angelpunkt des Erzählens, die Erfahrung aus zweiter Hand, das Ungewusste und Erdachte. Es war die Zeit des COVID – Lockdowns, die Zeit der Isolation und Selbstbesinnung, die ein solches Vorhaben erst möglich machte. Also nutzt Samantha Harvey all das, was auf dieser Erde vom Leben im Weltraum bekannt ist: die Quellen von NASA und ESA, die Live-Streams von der Raumstation ISIS, eine Fülle von Bildern, die über den Planeten in seiner Befindlichkeit berichten. Die Stille des globalen Lockdowns findet so eine eigenartige Resonanz im Ausnahmezustand auf einer einer Raumstation. Das ist ein Gefäss, dem 4 Astro- und zwei Kosmonaut*innen für ein halbes Jahr nicht entkommen können – „a tiny can“, wie Samantha Harvey es nennt, in der nur dünnes Metall die Reisenden von der feindlichen Umgebung trennt. Daraus entsteht eine Erzählung, die von beeindruckenden Perspektiven geprägt ist: jene der auf der Erde Zurückgebliebenen, jene der Reisenden und einer „dritten“, erzählerischen Sicht auf den Weltraum und Erde. Der Blick auf dieses Abenteuer entzieht sich dabei mühelos den Klischees, die seit Beginn der ersten Weltraum-Missionen zu einem ständig wiederholten Bild verkommen sind: jene vom überwältigenden Planeten, einem Sinnbild für das kostbare Leben inmitten eines gleichgültigen und unendlichen Universums. Das Wunder menschlicher Existenz, das Sinnbild seines Forscherdrangs. Doch die Wiederbelebung dieser Klischees wäre wohl an Substanz zu dünn, um nochmals erzählt zu werden. Zwar spielen Buchkritiken immer wieder auf dieses Klischee an, um dem Roman ihre Anerkennung auszudrücken. Es ist jedoch die detailreiche, fast meditative Beschreibung eines Ausnahmezustands, die zu begeistern vermag. Diese liegt jenseits routinisierter Bilder. Sie resultiert aus der (imaginierten) Beschreibung eines Ausnahmezustandes und richtet den Blick auf unser alle Existenz.
Das Buch ist dabei weit entfernt, Science Fiction oder Sachbuch zu sein. Es ist mehr Meditation denn Beobachtung. Sechzehn Mal kreist man während eines Tages um die Erde, beobachtet aufziehende Hurrikans, die Besonderheiten von Tag- und Nacht, das Wettergeschehen. Die Erzählerin bemüht sich um die Nuancen einer Realität, die nur wenige kennen. Dieser „Space Realismus“, wie ihn Samantha Harvey selbst nennt, kommt aus der Erfahrung, der sich die Menschheit seit dem Beginn bemannter/befrauter Raumfahrt unterzieht. Gewiss, sie hätte der Verlockung folgen können, das Manko des Unwissens durch Handlung auszugleichen, um so einen bedrohlichen Stillstand der Zeit und die Untiefen ihrer Erfahrung zu überwinden. Wir kennen diese Methode von vielen Space Operas, die uns mit ihren Spannungsbögen und ihren abwechslungsreichen Schlenkern abzulenken wissen. Der Tod eines Familienangehörigen böte sich fürs Geschichtenerzählen ebenso an wie die Bedrohlichkeit eines über Indonesien dahinziehenden Hurrikans. Doch auch hier bleibt die Erzählerin seltsam zurückhaltend. Ein Kontrast zum Leben auf der Raumstation, mehr nicht! Ihre NICHT handelnden Personen (ihre nicht handlungsFàHIGEN Personen) bleiben distanziert und in einem Ausnahmezustand gefangen.
Auch den Verlockungen ausführlicher Charakter-schilderungen entschlägt sich die Erzählerin, obwohl sich dieses angeboten hätte. Für die unterschiedlichen Erfahrungshintergründe der sechs Reisenden böte schon ihre unterschiedliche Herkunft reiches Material. Aber sie verharren im existenziellen Ausnahmezustand, von wissenschaftlichen Parametern bestimmt und von der Erde aus mit grosser Sorgfalt überwacht. Das bedingt das Fehlen von Handlung, die Restriktion in der Ausformulierung der Charaktere, die Beschränkung auf Einsichten. Es stellt die Handlungsgerüste unseres Lebens in Frage: die individuelle Sicht auf die Welt, die Erfahrung der Zeit, des Klimas und der individuellen Freiheit, von der wir träumen. Durch ihre vorbehaltlose Meditation findet die Geschichte zu sich selbst und zu der ihr eigenen Wahrheit.
Doch das gefällt naturgemäss nicht jedem. Obwohl das Buch in der Regel positiv bis enthusiastisch rezensiert wurde, gibt es naturgemäss auch Gegenstimmen, die die Spannungslosigkeit und die fehlende Handlung kritisieren. Die schärfste Kritik habe ich von Klaus Nüchtern im Falter 52/2024 gelesen, der von einem „Meteoritenschauer an Metaphern und Vergleichen“ spricht, die über die Leserschaft herniedergehen, was aus seiner Sicht nur schwer zu ertragen sei. Dieses Verdikt mag wohl seine Berechtigung haben. Die ausführlichen Beschreibungen der Erde aus der Mondfähre, wirken zunächst begeisternd, dann interessant und zuletzt nur noch ermüdend. Immerhin sind es allzuviele Umlaufbahnen um die Erde, die es bildgewaltig zu beschreiben gilt. Wie aber sonst dem Erstaunen über den Weltraum als einzige Wildnis, die uns noch geblieben ist, seine Referenz erweisen?
Es gilt wohl dieser Satz für die Widersprüchlichkeiten des Buches und das Erzählen über eine Ausnahmesituation. Eine Astronautin denkt bei sich:
Oft weiss sie nicht, was sie Familie und Freunden zuhause erzählen soll, hat sie festgestellt, die kleinen Dinge sind zu banal, der Rest zu überwältigend, dazwischen scheint es nichts zu geben.

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