Doris Brehm: Eine Frau zwischen gestern und morgen (2025) – Buchbesprechung

Mehr der Kontext als die literarische Qualität, der das Buch auszeichnet. Band 1 einer spannenden literarischen Reihe!

Zwei Frauen im Widerstand: Wie viel sind sie bereit zu riskieren? Zwischen bitterem Verrat, unmöglicher Liebe und eiserner Entschlossenheit
Wien, 1942: Inmitten des vierten Kriegsjahres steht Gerda Manner vor der größten Herausforderung ihres Lebens. Theo, ihr Ehemann, den sie längst nicht mehr liebt, verfällt nach und nach der NS-Ideologie – will für den „Endsieg“ kämpfen –, während die gemeinsame Tochter Luzie verbotene Bücher liest, „feindliche“ Musik hört und kein Geheimnis aus ihrer Ablehnung Hitlers macht. Als Theo in den Krieg zieht, liegt es an Gerda, Entscheidungen zu treffen: für ihre Familie, den Buchladen und das Antiquariat, die Theo beide in Gerdas Obhut hinterlässt, und für sie selbst. Gerda beginnt, sich zu emanzipieren. Eine Buchhandlung, ein Versteck und der Kampf ums Überleben. In einer Zeit, in der jeder Fehler der letzte sein kann, riskieren Gerda und Luzie alles. Sie verstecken sogenannte „Unterseeboote“: die Jüdin Mira Goldberg, die untergetaucht ist, und Kurt Bachner, einen Arzt und Freund der Familie, der im Widerstand tätig ist – und der Gerda mehr bedeutet, als sie sich einzugestehen wagt. Die Wohnung über der Buchhandlung wird zum Zufluchtsort: Versteckt hinter Büchern, die nicht mehr existieren dürfen, retten Gerda und Luzie mehr als nur Orte. Sie schaffen einen sicheren Ort, grenzen die Zerstörung aus. Aber das ist nur der Anfang … Denn in jederlei Hinsicht spürt Gerda, dass die Fronten des Krieges längst in Wien angekommen sind. Dass das hier der Ort ist, an dem sie kämpfen muss.
(Klappentext)

Buchtitel: Eine Frau zwischen gestern und morgen.
Autorin: Doris Brehm
Erscheinungsjahr: 2025 (1955)
Sprache: Deutsch
Verlag: Haymon
Seiten: 312
ISBN 978-3-7099-8253-2


Buchbesprechung

2025 ist dieses Buch als erster Band der Buchreihe des Haymon Verlages „Her Story. Wiederentdeckte Literatur von Frauen“ erschienen. Die Buchreihe soll besondere Autorinnen und spannende Geschichten aus verschiedenen Jahrhunderten darstellen, die bislang zu wenig Beachtung fanden, aber in ihrer Widerständigkeit von großer Bedeutung sind. Herausgegeben wird die Reihe von der österreichischen Schriftstellerin Bettina Balàka, die ihre Bücher im selben Verlag publiziert.

Ein verdienstvolles, notwendiges, wenn auch nicht neues Vorhaben, das hier umgesetzt werden soll und mit der Autorin Doris Brehm (1908 – 1991) und ihrem zweiten Roman „Eine Frau zwischen gestern und morgen“ beginnt. Das Buch ist 1955 im Wiener Globus Verlag erstmals erschienen und wurde später in der DDR verlegt. Es handelt von drei Frauen: Gerda, ihre Tochter Luiza und eine jüdische Mitbewohnerin namens Mira. Erzählt wird über deren Selbstvergewisserung in der Zeit 2. Weltkriegs und der unmittelbaren Nachkriegszeit in Wien. Es ist eine Welt der Not und politischen Bedrängnis, in der Frauen in der Auseinandersetzung ihrer Beziehung zu Männern zu sich selbst finden.

Zur Widerständigkeit der Frauen

Dass ein Buch wichtig und wertvoll ist, heißt noch lange nicht, dass es von hoher literarischer Qualität sein muss. Denn ästhetisch kann man dem erzähltechnisch etwas angestaubten Roman von Doris Brehm wohl nur wenig abgewinnen; selbst für seine Zeit bewegte er sich erzählerisch im traditionellen Rahmen, kommt vielfach nicht über klischeehafte Beschreibungen hinaus und bleibt einer linearen, wenig spannenden Erzählung verhaftet. Das Wertvolle gewinnt der Roman aber in der Darstellung der Milieus der handelnden Personen. Folgt man den Ausführungen von Bettina Balàka im sehr lesenswerten Nachwort des Buches, so handelt es sich bei dieser Geschichte um das Zusammenleben einer Frau mit zwei vor dem Zugriff des NS-Regimes untergetauchten Personen (sgn. „U-Booten“) um einen bemerkenswerten Fund. Verpackt wird diese für alle Beteiligten außergewöhnliche Situation in einer Art „Kammerspiel“, das sich in einer Buchhandlung und der darüber liegenden Wohnung im zweiten Wiener Gemeindebezirk ereignet und auf die Beziehungen zwischen den handelnden Personen konzentriert. Darin liegt ein besonderer Wert, denn die Erforschung des Untertauchens vor der Verfolgung durch das NS-Terrorregime war bislang die Angelegenheit historischer Dokumentationszentren und kein belletristisches Unterfangen. Es geht aber auch um eine (durchaus auch in die heutige Zeit passende) Ermutigung für Frauen, einen eigenständigen und von moralischen Ansprüchen geleiteten Lebensweg zu verfolgen, der sich gegen politische Tyrannei und misogyner Unterdrückung wehrt. Erzählerisch bewegt sich dieser Anspruch weit jenseits einer Darstellung von politischem Widerstand oder gar bloßem Heroismus. Der Wille, gegen die herrschenden Zustände zu handeln und zum Mut, für ein selbstbestimmtes Leben einzustehen, entwickelt sich im Laufe des Romans langsam und zwischen den Frauen unterschiedlich, wird quasi zum natürlichen, nicht immer geradlinigen Prozess einer persönlichen Entwicklung. Das Sympathische daran ist, dass dieser nicht allein einem selbstbezogenen Individualismus verpflichtet ist. In einem Gespräch mit ihrer Tochter macht die Protagonistin Gerda deutlich:

Alle meine persönlichen Eigenschaften, meine Gefühle, meine Gewohnheiten sind unwichtig. Was aber an mir Wert und Bedeutung hat, das lebt weiter: in vielen anderen Menschen und vor allem in dir. So lebe auch ich in dir weiter – nicht mein persönliches Ich, sondern das an mir, worauf es ankommt.

Dieser Idealismus lässt gerade heute aufhorchen, wo der Pragmatismus des Handelns und das Gefühl der Ohnmacht weite Bereiche der Gesellschaft im Griff hält.

Authentizität und Fiktion

Natürlich lebt der Roman zu einem großen Teil auch von der Authentizität, mit der eine von der Autorin selbst erfahrene Lebenssituation abgebildet wird. Doris Brehm, eine Widerstandskämpferin aus bürgerlichem Hause, politisch schwankend zwischen Sozialismus und Kommunismus, war während des Nationalsozialismus in einer Wiener Widerstandszelle als sgn. „U-Boot-Referentin“ tätig, die geheime Unterkünfte für verfolgte Personen organisierte. Sie betrieb eine Leihbücherei in der Stadt, die während der Bombenangriffe 1945 ausbrannte, und engagierte sich nach Kriegsende auch gegen den weiterhin bestehenden Einfluss nationalsozialistischer Buchhändler auf den Wiener Literaturbetrieb. Ihr biografischer Hintergrund spiegelt sich in der Handlung ihres Romans wider und gibt ihm zusätzlich einen glaubwürdigen Rahmen. Dieser bleibt jenseits aller heroischer Selbstdarstellung stets auf dem Boden einer moralischen Grundanständigkeit, jenseits ideologischer Verirrungen oder patriotischer Nachkriegstonalität der österreichischen Gesellschaft. Fast ist man versucht, den Roman jenseits des Politischen als einen „privaten“ Entwicklungsroman einer bzw. mehrerer Frauen zu lesen, freilich eine Entwicklung gegen das Muster politischer Machtverhältnisse. Die dargestellten Frauen müssen sich an einer männerlosen Heimatfront bewähren und erfahren darin die Möglichkeit und Fähigkeit zur Eigenständigkeit. Die ihnen auferlegten Bewährungsproben handeln von der zunehmenden Distanzierung von Ehemann und Vater, vom unzuverlässigen Liebhaber, von der Umgebung, die sich klaustrophobisch eng um den Haushalt der Frauen legt. Die Auseinandersetzungen zwischen Personen, die durch die Verfolgung im klandestinen Haushalt der Heldin aufeinandertreffen, sind durchwegs privater Natur, getragen von den familiären Normvorstellungen ihrer Zeit. Dass diese in großem Ausmaß patriarchalisch und frauenfeindlich geprägt war, darf wohl uneingeschränkt behauptet werden.

Erinnerungen

Oft wird die intrinsische Motivation, die dem Kauf eines Buches zugrunde liegt, zum Maßstab für seine Beurteilung. Dass in Doris Brehms Buch Privates aus dem Leben einer Wiener Familie der Kriegs- und Nachkriegszeit erzählt wird, war wohl eine der vordergründigen Kaufmotivationen, die mich zum Erwerb dieses Buches geführt haben. Ich wollte wohl auch ein wenig mehr über jene Zeit erfahren, in der die Mütter meiner Familie zu dem wurden, was sie auf unvergleichliche Weise waren: selbstbewusste und selbstständige Frauen, die ihre Kraft eben nicht aus der Versorgung ihrer Männer schöpften. Wenn also diese Erwartung mit diesem Buch erfüllt werden konnte, dann ist wohl für den Käufer alles gut: überzogene literarische Ansprüche werde ich bei der Beurteilung dieses zeitgeschichtlichen Dokuments nicht anlegen wollen. Dass sich die proletarische Verfasstheit der eigenen Herkunftsfamilie aber nicht mit der bürgerlichen Emphase der geschilderten Verhältnisse bei Brehm in Einklang bringen lassen würde, war mir klar. Die vermuteten Gemeinsamkeiten bezogen ihre Wahrhaftigkeit in den allgemeinen Erfahrungen, die man als Kind mit der eigenen, politische motivierten Großmutter machen durfte: ein vorsichtiger, sehr privater Widerstand zu einem Unrechtsregime, die wichtige Rolle der Treue zur Sozialdemokratie auch in den Zeiten ihres Verbotes, die Auswirkungen des Krieges und der Mangelwirtschaft in einem zentralen Lebensabschnitt und die Beschwernisse der Nachkriegszeit, die auf der eigenen Lebensführung lastete. Nicht zuletzt wird auch auf die Wichtigkeit von Büchern für die Entwicklung der eigenen Persönlichkeit verwiesen. Die von Brehm evozierten Erinnerungen gingen dabei weit hinein in die persönlichen Lebenserfahrungen, sogar bis in die noch erinnerten sprachlichen Nuancen eines Wiener Milieus der Nachkriegszeit, die heute immer weniger erinnert werden können.

Eine derartige dichte persönliche Beziehung zu den Inhalten dieses Romans kann aber heute, mehr als achtzig Jahre nach der erzählten Zeit, bei dem Gros der Leserschaft nicht vorausgesetzt werden. Verdienstvoll ist deshalb auch die Einbettung des Romans in die zeithistorischen und biographischen Zusammenhänge, die am Ende des Buches von Katharina Prager, einer Zeithistorikerin und Biografieforscherin gemeinsam mit der Herausgeberin geleistet wird. Sie rückt die Erzählung von Doris Brehm ins rechte und gerechte Licht.

Wir resümieren also: Diese Lektüre war ein durchaus aufschlussreiches und spannendes Leseerlebnis. Man darf auf die Fortsetzung dieser Lesereihe gespannt sein.

Ergänzendes


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