Sergej Lebedew: Die Beschützerin (2025) – Buchbesprechung

Die Welt ist fürwahr ein böser Ort, nur weigern wir uns dies in letzter Konsequenz anzuerkennen. Im neuen Buch von Sergej Lebedew ist darüber zu lesen.

Ein großer europäischer Roman von der Vorgeschichte des Ukraine-Kriegs. Juli 2014: Trümmer und Leichenteile fallen nach dem Abschuss des Passagier-flugzeugs MH-17 auf die ukrainische Landschaft des Donbass. Genau hier, unter der Erde, liegen Tausende Juden, die im Zweiten Weltkrieg ermordet und in Bergwerksstollen geworfen wurden. Und genau hier, zwischen all der Gewalt, lebt die junge Studentin Shanna bei ihrer Mutter Marianna, der »Beschützerin«, die dreißig Jahre lange Leiterin der Wäscherei war . In bestürzenden, poetischen Bildern erzählt Sergej Lebedew vom Schmutz, der nicht wegzuwischen ist, und vom Bösen, das immer wiederkehrt.

Buchtitel: Die Beschützerin
Autorin: Sergej Lebedew
Erscheinungsjahr: 2025
Sprache: Deutsch
Übersetzung aus dem Russischen: Franziska Zwerg
Verlag: S. Fischer
Seiten: 256
ISBN 978-3-10-397521-5 Originaltitel: Белая дама Erscheinungsjahr Original: 2024


Buchbesprechung:

Der in Deutschland lebende und aus Russland stammende Autor Sergej Lebendev hat mit dem 2024 erschienen und 2025 ins Deutsche übersetzten Buch Die Beschützerin eine sehr eindringliche Studie über das Böse in unserer Welt vorgelegt. Das sagt sich leicht, aber über das Böse zu schreiben, ohne Klischees zu bemühen, ist nicht einfach. Lebedev gelingt dies auf beeindruckende Weise. Er entführt seine Leser*innen in ein fast unbeschreibliches Inferno aus Gewalt, Niedertracht und Amoralität.

Unerhörtes

Schauplatz der Handlung ist der Donbass. Im Zentrum steht ein stillgelegter Förderschacht namens 3/4, der ein Geheimnis birgt, über das seit fast einem Jahrhundert niemand mehr sprechen will. Einige wenige der in den umliegenden Ortschaften Lebenden wissen noch, dass während der deutschen Besetzung der Ukraine 1941 – 44 Hunderte Juden zu Tode gebracht wurden, ihre Leichen in dem geräumigen Bohrloch entsorgt und der Schacht danach mit Beton versiegelt wurde. Über die Geschehnisse wurde das Vergessen verordnet, sowohl von der sowjetischen als auch der nachfolgenden ukrainischen Regierung. Denn die Monstrosität dieses Ortes geht weit über den Massenmord an der jüdischen Bevölkerung hinaus.

Das Schicksal von fünf Personen wird über einen Zeitraum von fünf Tagen erzählt. Im Zentrum steht der 17. Juli 2014, der Tag des Abschusses der Malysian Airlines durch eine russische Flugabwehrrakete. Es sind die Tage der Übernahme des ukrainischen Donbass durch verdeckt operierendes, russisches Paramilitär, die erste Phase der Besetzung ukrainischen Staatsgebietes auf Befehl Putins.

Beide Ungeheuerlichkeiten verknüpft der Roman: die fiktive Geschichte eines Massengrabes mit dem tatsächlich erfolgten Abschuss eines Zivilflugzeuges. Die Ungeheuerlichkeit eines multiplen Verbrechens gegen die Menschlichkeit wird durch das individuellen Erleben von fünf Menschen gespiegelt. Nur am Rande erfahren wir von dem sinistren Treiben der Freischärler, wenig von den Hintergründen und Ursachen des Abschusses der Passagiermaschine. Im Zentrum stehen das miteinander auf unheilvolle Weise verknüpfte Schicksal von Shanna, Marianna, Valet, General Korol und dem im Zweiten Weltkrieg ermordeten Erbauer des Förderschachtes 3/4.

Zumutungen des Lebens

Die Hauptfigur ist Marianna, der die Rolle einer Beschützerin von Anstand, moralischen Werten, ja des menschlichen Lebens zugemessen wird. Sie ist die ehemalige Leiterin der Wäscherei der inzwischen geschlossenen Zeche und hat sich durch ihre Professionalität und ihrem unbeirrbaren Bemühen, die bedrohte Ordnung menschlichen Zusammenlebens aufrechtzuerhalten, die Anerkennung der Dorfgemeinschaft erarbeitet. Sie wird, unheilbar an Krebs erkrankt, von ihrer Tochter Shanna gepflegt, die für ihre sterbende Mutter an ihren Geburtsort zurückgekehrt ist. Marianna weiß um die schrecklichen Geheimnisse des Ortes, die sie aber nicht zu enthüllen bereit war. Im Sterben jedoch bricht ihre mentale Stärke zusammen, dem Leiden an der Welt lässt sich dann nicht mehr entkommen. Erst jetzt, im Todeskampf, droht sie an ihrem Wissen zu zerbrechen. Ihre Tochter Shanna pflegt sie aufopferungsvoll, versäumt dabei aber verständlicherweise, die Zeichen der Zeit zu deuten. Erst nach dem Tod ihrer Mutter entdeckt sie, dass sie sich auf einmal in einer vom russischen Militär infiltrierten Region befindet.

Valet, der Sohn der Nachbarn von Mariannah und Shanna, ist vom Militärdienst aus Moskau in sein Heimatdorf als russlandfreundlicher „Freiwilliger“ zurückkehrt und wartet dort unter den Freischärlern auf einen geheimen Auftrag. Er ist ein von keinerlei Skrupel gehemmter Mitläufer, der gerne bereit ist, seinen niederen Instinkten freien Lauf zu lassen. Auf perverse Weise ist er in Shanna vernarrt, die er für seine Behandlung durch ihre Mutter auf misogyne Weise büßen lassen will. Er wartet auf den geeigneten Moment, um sie zu überwältigen.

Auch General Korol ist aus Moskau in jenes Dorf zurückgekehrt, in dem er während der Sowjetzeit stationiert gewesen ist. Er hatte dort Geheimdienstinformationen zu sammeln und ein Archiv zu betreuen, in dem die Erkenntnisse über die Geschehnisse rund um Schacht 3/4 aufbewahrt werden. Auch Mariannah war wie viele ihrer Nachbar*innen von ihm bespitzelt worden, allerdings aufgrund ihrer sozialen Unantastbarkeit mit nur mäßigem Erfolg. Wie Valet wartet auch der General auf seinen Einsatzbefehl.

Als eine vor 70 Jahren ermordete Person tritt ein Ingenieur jüdischer Herkunft auf. Er ist einer der im Schacht vergrabenen Opfer. „Aber ich bin kein Geist. Ich bin ein Fossil. Eine Versteinerung.“ Er meint dabei auch die Versteinerungen, in denen sich der Schrecken der Gewalt eingelagert hat. Der Ingenieur, der in den Wirren des russischen Bürgerkrieges im Donbass angesiedelt hat, um dort „seinen“ Schacht zu bauen, hat sich über die Willkür des Stalinismus durch kluges Taktieren hinwegretten können, war aber letzten Endes als Jude durch die deutschen Besatzungstruppen hingerichtet und in seinem Bauwerk vergraben worden. Er weiß um die wahre Geschichte des Schachtes, in dem wie in geologischen Schichten die Toten unterschiedlicher totalitärer Systeme begraben liegen.

Ein hermetischer Ort

Dann, am 14. Juli 2014 geschieht die letzte Gewalttat: der Abschuss des Verkehrsflugzeuges. Valet hat dazu in seiner submissiven Bereitschaft, der Macht zu helfen, beigetragen. Nach dem Aufprall der Teile der abgestürzten Maschine irrt Valet auf der Suche nach Beute am Fundort umher:

Er wandert jetzt schon ziellos umher, ohne Entsetzen, ohne Mitgefühl, sammelt nur mit seinem Blick diese neuen, unvorstellbaren Kombinationen der Unansehnlichkeit verstümmelter Körper und Gegenstände – und fühlt eine seltsame, scheinbar gefühllose Erregung, die einen Grad von Stumpfheit erreicht.

Wie er gehen die Charaktere ihrer Bestimmung entgegen, treffen einander flüchtig, wandeln ohnmächtig aneinander vorbei. Der verfluchte, von den Schrecken der Vergangenheit und Gegenwart infizierte Ort lässt sie in letzter Konsequenz nicht los, im Gegenteil: Er wird zum Bühnenbild des auch ihnen drohenden Unheils. Seziert wird die hundertjährige Geschichte des Donbass, welche mit einem Aufleuchten auf der Bühne der Welt im Juli 2014 kulminiert. Trotz seiner Sprachgewalt verzichtet der Autor aber auf moralische oder historische Belehrung. Zu sehr ist die Chronologie der Ereignisse in das subjektive Erleben der handelnden Personen eingeschrieben, als dass sie abstrakt belehrend daherkommen könnte. Statt Sühne oder Vergebung wartet nur noch mehr Gewalt auf alle Betroffenen. Ein Ausstieg aus diesem Teufelskreis erscheint letztlich unmöglich. Es ist die Bestimmung unserer Zeit, ihr derart ausgeliefert zu sein. Und so endet das Buch mit keiner tröstlichen Perspektive:

Shanna weiß nun genau, wo ihr Platz in der Zukunft sein wird. Dort, im Untergrundland, wo die Verbände der Verwundeten und die Windeln der Neugeborenen zu waschen sind.

Der Krieg der Männer hat gerade erst begonnen. Genau wie ihre Mutter wird Shanna die traditionelle Rolle der Beschützerin des Lebens übernehmen. Aus dem Schoß der Gewalt kriechen immer nur dieselben Monster. An Hoffnung ist dabei nicht zu denken.

Ergänzendes



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