»Hinreißend beschreibt die Nobelpreisträgerin Doris Lessing die Beziehung der verschiedenen Katzen untereinander, ihre Rivalität, ihre Kämpfe, Eifersucht, aber auch ihre tiefen Freundschaften. Sie hat sie beobachtet, beschrieben, belauscht, sie hat sie immer das sein lassen, was sie sind: stolze, schöne Tiere, für deren Zuneigung wir nur dankbar sein können.« Elke Heidenreich (Klappentext)

Buchtitel: Katzenbuch
Autorin: Doris Lessing
Erscheinungsjahr: 1981
Sprache: Deutsch
Übersetzung aus dem Englischen: Ursula von Wiese
Verlag: Klett-Cotta
Seiten: 144
ISBN 3-12-905081-7
Originaltitel: Particularly Cats
Erscheinungsjahr Original: 1967
Buchbesprechung:
Wieder wird hier ein „Katzenbuch“ besprochen und wieder ist es eines aus den Sechzigern des vorigen Jahrhunderts. Doch damit hört sich die Gemeinsamkeit mit Bartls Abenteuer von Marlen Haushofer auch schon auf. Lessings Buch ist sicher kein Jugendbuch und keines, das eine heile Familienwelt als Hintergrund zeichnet. Auch die Empathie der Autorin mit Katzen hat eindeutig Grenzen.
Doris Lessing (1919 – 2013) war eine literarische Kultfigur der Siebziger und Achtzigerjahre. Wer ihr Œuvre nicht kannte, konnte in den frauenbewegten Kreisen von damals kaum reüssieren. Die im Iran und dem heutigen Simbabwe (die ehemalige britische Kolonie Südrhodesien) aufgewachsene Autorin und spätere Nobelpreisträgerin (2007) wurde insbesondere durch das Goldene Notizbuch bekannt, das in den späten Siebzigern in deutscher Sprache erschien. Ihr Katzenbuch erschien als eine Art Nebenprodukt des literarischen Schaffens 1967. So sieht es leider auch aus.
Von Afrika nach Europa
Interessant beginnt er ja, dieser knapp 150-seitige Text. Die Erzählerin versetzt uns auf eine Farm in Afrika, in der eine Zwölfjährige mit ihrer Familie als englische Kolonialherren leben und sich Betrachtungen über jene Wildtiere hingibt, die die bescheidene Viehzucht bedrohen: Falken, Eulen und Wildkatzen. Wildkatzen töten Hühner und sind noch dazu hässliche Tiere. Gerne werden sie deshalb von den Farmern geschossen, auch Jugendliche tun sich dabei keinen Zwang an:
Wildkatzen sind keine schönen Tiere. Sie haben ein hässliches, struppiges, gelblich braunes Fell. Und sie riechen abscheulich. Diese Katze hatte in den letzten zwölf Stunden ein Huhn gerissen. Der Boden unter dem Baum war mit weißen Federn und mit Fleischstückchen bedeckt, die bereits stanken. Wir hassten Wildkatzen, die fauchten und kratzten und zischten und uns hassten. Das war eine Wildkatze. Ich erschoss sie.
Der Übergang zwischen den Wildkatzen und den auf der Farm gehaltenen domestizierten Katzen ist fließend. Verwildern sie, werden sie erschossen; gebären sie zu viele Nachkommen, werden diese ertränkt oder ebenfalls erschossen. Das Verhältnis der Menschen zu den Katzen ist ein distanziertes, über weite Strecken feindliches, in manchen Fällen grausames. Das ist zunächst ein überraschender, wenn nicht interessanter Zugang zum Katzenthema, der gar nicht in die tierliebe Atmosphäre der gegenwärtigen Lifestyle-Kulturen passen will.
Nach einem Vierteljahrhundert findet sich die Erzählerin in London wieder und entschließt sich zur Anschaffung einer Katze. Eine solche in dieser neuen Umgebung zu besitzen, unterscheidet sich grundlegend von der Katzenhaltung in Afrika. Sie verlangt dem Menschen den Fokus auf seine felinen Mitbewohner ab. Die Hauskatzen sind nun andere Haustiere: Sie müssen umsorgt, beachtet, bewusst akzeptiert werden und leben nicht mehr nebenher in der Weitläufigkeit der afrikanischen Farm. Das macht die Besitzerin ungeduldig, ja sogar ein wenig unduldsam. Mit begrenztem Verständnis beobachtet sie die von ihr ungeliebten und kaum verstandenen Tiere; die daraus folgende Kommunikation zwischen Mensch und Katze eröffnet viel Raum für gegenseitige Missverständnisse. Auch der Umzug in eine andere Stadtwohnung oder aufs Land ändert an der Einstellung zu den unbequemen Mitbewohnern wenig. Wohlgemerkt: Die Erzählerin beobachtet ihre Katzentiere distanziert, aber genau, ihre Beobachtungen sind kaum von Empathie oder Verständnis geprägt, sehr wohl aber von analytischer Schärfe. Diese mögen zur Charakterisierung von Menschen passen, auf Tiere angewandt wirken sie deplatziert. Mit fortschreitender Lektüre stellt sich angesichts dieser widerstrebenden Haltung den Leser*innen wohl die Frage: Warum tut sich die Erzählerin das Katzenvieh überhaupt an? Und warum schreibt Doris Lessing ein Buch über sie?
Das Katzenpanoptikum als Arena menschlichen Verhaltens
Fast scheint es, als ginge von den beobachteten Katzen eine Bedrohung aus. Das ausgiebig bebilderte Buch spricht von sich aus schon Bände. Übergroß, mit groben schwarzen Kohlestrichen hervorgehoben, schleichen die Katzen übers Papier, machen sich auf Doppelseiten breit und wachen über ihren angestammten Platz. Fast möchte man die Illustrationen von Heinz Edelmann in der Ausgabe des Klett-Cotta Verlages aus dem Jahr 1981 als unangenehm empfinden: bedrohliche, aufdringliche und unübersehbare Begleiter der Lektüre, die sich von der Leserschar gestört fühlen und ihr Revier sorgfältig bewachen.
Auch die Erzählerin wacht über ihre Katzen, begleitet sie lückenlos penibel und mit immer deutlich gemachter Meinung. Den Hauptteil der Erzählung nimmt die Geschichte der beiden Katzen ein, die die Erzählerin in weiterer Folge bei sich beherbergt und die mit allen nur möglichen menschlichen Charakterzügen ausgestattet werden. Sie tragen merkwürdigerweise keine Namen, werden im gesamten Text nur „die Graue“ und „die Schwarze“ genannt.
In einer detailreichen, distanzierten und sogar gehässigen Beschreibung der beiden und ihres Verhältnisses zueinander verliert sich die Autorin in eine unpassende weil irreführende Anthropomorphisierung, die den Tieren nicht gerecht wird. Klischees von Mutterschaft, Eifersucht, Egoismus und Eitelkeit schleichen sich ein und werden den Tiercharakteren als quasi menschliches Verhalten umgehängt. Über „die Graue“ meint sie etwa:
Sie war so eitel uns sich ihrer selbst bewusst wie ein hübsches Mädchen, dass außer seiner Schönheit keine Vorzüge hat: die Haltung von Körper und Kopf stets kontrolliert – eine Haltung, die wie eine Maske ist: nein, nein, nein, das bin ich, die frechen Brüste, die gelangweilten, feindseligen Augen immer auf der Lauer nach Bewunderung.
Derartiges mag sich möglicherweise aus dem sozialen Habitus der Sechziger ableiten, doch der Blick auf Marlen Haushofers Roman zeigt deutlich, dass Tierbeschreibung auch anders geht. Tierhaltung und Tiertötung gehen bei Lessing Hand in Hand: sperrt man sich, die Tiere sterilisieren zu lassen, kommt man letztendlich nicht mit ihrer Reproduktionshäufigkeit zurande. So ist das Verhältnis der Katzenbesitzerin zur Sterilisierung ihrer Katzen ambivalent, ablehnend bis verschämt einsichtig. Dem schlechten Gewissen, etwas „gegen die Natur“ getan zu haben, kann die Erzählerin jedoch nach der erfolgten Sterilisierung ihrer Katze nicht entkommen:
Schlaff, benommen, krank lag sie in dem Katzenkorb und roch nach Äther. An der einen Seite war ein großer Fleck abrasiert worden, sodass man ihre weißlich-graue Haut sah. Quer über der Haut war ein fünf Zentimeter langer Schnitt, sauber zugenäht. Sie blickte mich aus ungeheuren, dunklen, schmerzensvollen Augen an. Sie war betrogen worden, und sie wusste es. Sie war von einem Freund verraten worden, von der Person, die sie fütterte, sie beschützte, auf deren Bett sie schlief. Etwas Furchtbares war ihr angetan worden. Ich konnte ihr nicht in die Augen sehen.
Hier wird klar, wie sehr die Erzählerin nicht mehr zwischen den Maßstäben unterscheiden kann, die an menschliche bzw. tierische Lebewesen gelegt werden können. Die Sterilisation der Katze wird als persönliches Versagen und nicht als verantwortungsvolles Handeln interpretiert. Lieber junge Kätzchen töten, d.h. völlig aus der Welt schaffen, als sich den Folgen eines verantworteten, postoperativen Eingriffs seines Tieres (und nicht Mitmenschen!) stellen müssen!
Resumee
Wir kommen also nach erfolgter Lektüre zu dem Schluss, dass wir es bei diesem Katzenbuch mit einem Text zu tun haben, der sich nicht entscheiden kann, ob er Katzen lieben oder hassen soll und diese Haltung mit überbordenden Anfällen schlechten Gewissens kompensiert. Der Blick der Erzählerin bleibt trotz vieler emotionaler Ausbrüche ein kalter, einer vom hohen Ross der überlegenen Menschheit aus gerichteter. Eine derartige Haltung bringt wohl keinen Erkenntnisgewinn, höchsten eine moralisch und tierethisch schwierige Sicht auf die lebendigen „Dinge“ vor unseren Füßen. Definitiv keine Leseempfehlung, es sei denn aus historischem Interesse.
Ergänzendes
- Kauf im Faltershop

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