Den lüsternen Blicken eines Bibliophilen mit gemessener Ruhe folgend.
Das Ritual
Der Ablauf ist penibel ritualisiert. Die Online-Bestellung wurde bei grösstmöglicher Zurückhaltung (höchstens drei bis 5 Exemplare) getätigt, die E-Mail-Benachrichtigung vom Eintreffen der Bücher abgewartet, und dann endlich: die sehnsüchtig erwartete Abholung in der Buchhandlung des Vertrauens. Dort bezahle ich Bücher wie Kaffee, nehme die drei Bände ehrfürchtig in Empfang und setze mich an einen der sorgsam dekorierten Tische des Ladens.
Ein wenig umständlich stelle ich mich an. Ich bin mit fortgeschrittenem Alter im Umgang mit Dingen komplizierter geworden. Eine Umhängetasche und zwei Tragtaschen müssen am benachbarten Stuhl abgestellt werden, doch eine davon kippt um, und die darin befindliche Box mit Tofu droht auszulaufen. Auf die Gepäckstücke habe ich meine Jacke und Kappe gelegt. Letztere will immer wieder von dem unordentlichen Haufen herabrutschen. Zudem hat eine Kundin ihren Gehstock ungefragt an die Sessellehne gelehnt: auch diesem droht durch meine unkoordinierten Rettungsaktionen der Absturz. Auf dem Tisch vor mir befinden sich die Bücher, ein kleiner Blumentopf und eine Art Speisenkarte mit einem Zuckerstreuer. Ich throne plump zwischen all den Dingen, fühle mich ungeschlacht, bin ungeschickt. Die bestellte Melange wird gebracht, sie muss mit dem Wasserglas auf dem Servierbrett auch noch auf den schmalen Tisch. Ich öffne das Brillenetui, bewaffne mich mit Sehschärfe und Durchblick, wage die erste Annäherung an die erworbenen Schätze, nicht ohne vorsichtig meinen ersten Schluck Kaffee zu tun. Ich spüre die Bedeutung des Augenblicks, als ich das zu oberst liegende Buch berühre: Das Ritual hat begonnen.
Alles an meinem Neuzugang will sorgfältig geprüft werden: das Format und der Bucheinband, die Qualität der Ausstattung, der vom lästigen Schutzumschlag befreite Bucheinband, der Buchschnitt und die Verklebung der Seiten, ihre Papierqualität, überhaupt: der Gesamteindruck. Letztendlich: Wie steht es um die Qualität der Klappentexte? Sind sie akzeptabel oder bloß redundanter Werbetext? Wer von den literarischen Kolleg*innen bejubelt das vorliegende Buch, welche Tageszeitung liefert die passende bzw. unpassende Phrase? Wie liegt der Band in Händen? Ist es ein voluminöses Ungeheuer, das am Sofa liegend nur schwer zu bändigen sein wird, oder ein flattriges, einer Broschüre verwandtes Wesen, das charakterlos in der Hand liegt? Hat es die richtigen Proportionen und ein entsprechendes Gewicht, um sich dem einhändigen Griff anpassen zu können? Ich liebe diese gerillt-griffigen Einbände, die sich dem Entgleiten so unübertroffen widersetzen!
Drei Bücher
Drei Bücher habe ich diesmal erworben: Yaroslav Hrytsaks Ukraine – Biographie einer bedrängten Nation (2022/2025), Paul Austers letztes Buch namens Baumgartner (2023) und Sergej Lebedews Die Beschützerin (2025). Ihre Anschaffung entsprang der Fortsetzung von zweier Interessen, die sich in den letzten Wochen entwickelt hatten: dem Wunsch, sich mehr mit der ukrainischen Geschichte und Literatur auseinanderzusetzen und dem inneren Drang, den Gedanken an Alter und Tod Raum und Perspektive zu geben. Das Eine ist eine Hommage an meine längst vergangene berufliche Tätigkeit im Osten und Südosten Europas, das Andere eine wohl angemessene und dringliche Übung aus Zeitgründen.
Das Leseband des Ukrainebuches ist unbedingt ein Plus, insbesondere bei einem historischen Überblick wie diesem, mit seinem umfangreichen Anhang, bestehend aus Auswahlbiografie und Personenregister. Gott sei Dank wurde auf geschwätzige Fußnoten verzichtet, die den Leser*innen die Lektüre nur unnötig erschweren. Das Design des Papierumschlages stellt allerdings eine Katastrophe dar: ein in den Farben Gelb und Blau gehaltener, stilisierter Doppeladler. Eine Assoziation zur Ukraine soll ausgelöst werden, grobschlächtig wie mit einer Keule. Auch vom „Baumgartner“ bin ich ein wenig enttäuscht: Ich halte das Taschenbuch in Händen, habe aber noch die gebundene Ausgabe bei ihrem Erscheinen 2023 in Erinnerung. Sie erschien mir damals voluminöser, eindrucksvoller; und nun ein derart schmaler Band? Das wird bald ausgelesen sein, denke ich bedauernd. Jenes dritte Buch, das in prallem Rot und schmutzigem Purpur mich anspringt und Schrecken verspricht. Nun, ich lege es rasch zur Seite. Hier, an diesem Ort, ist keine Stimmung für das Übel der Welt.
Einen zweiten Schluck von meiner Tasse nehmend, beginne ich mich in die Bücher einzulesen, will ein Gefühl dafür bekommen, was mich erwartet, will mir ein Urteil darüber bilden, womit ich meine nächste Lektüre beginnen werde. Vorwörter eignen sich gut dafür, auch Inhaltsangaben, selten aber die lästigen, aber offenbar notwendigen Danksagungen. Hinter all meiner Unentschiedenheit das schlechte Gewissen, wieder Bücher gekauft zu haben, wo doch andere wichtige Lektüren zu Hause auf mich warten: Elias Hirschls Schleifen (2026) etwa oder Siri Hustveldts Die zitternde Frau (2011). Doch das brave Fertiglesen des Stapels ungelesener Bücher vor einer lustvoll getätigten Neuanschaffung hat noch nie funktioniert.
Ja, ich habe Zeit, mich dem Luxus intensiven Lesens hinzugeben. Müßiggang nennen es die Unverständigen, Zeitverschwendung die Dummen. Statt auf Enkelkinder aufzupassen, mit fremden Hunden Gassi zu gehen oder mich der sozialpolitisch korrekten Freiwilligenarbeit von Pensionist*innen zu unterziehen, bin ich nach dem Pensionseintritt bekennender Egoist geworden. Ich widme mich nur noch Büchern, unbeschwert und voller Ernsthaftigkeit, wie damals als Kind, als ich leise und verständig die Welt zwischen den Zeilen kennenlernte. Alte Leute sind wie Kinder, heißt es. Recht haben sie. Befreit von den Mühen des Erwerbslebens und den Routinen einer Paarbeziehung bin ich wieder zum Kind geworden, das seinen literarischen Fantasien unbedingt folgen möchte.
Bücherfreunde
Meine Aufmerksamkeit gleitet plötzlich vom Gegenstand in meinen Händen weg und richtet sich auf das Geschehen im Laden. Die Kund*innen erfordern meine Aufmerksamkeit, das irritiert mich nicht im Geringsten. Ich fühle mich nicht gestört, denn darauf habe ich gewartet. Die Wahrheit ist: Mein stark ausgeprägter Voyeurismus bezieht sich auch auf das Geschehen rund um das Buch: das Verhalten der Kunden, die Verrichtungen der spröden Buchhändlerin, die Beratungsgespräche, die Telefonate und vor allem: die gekauften Güter. Ein nicht identifizierter, aber gekaufter Titel bringt mich fast zur Raserei. Hinter die Käufer möchte ich treten, mit raschem Blick ihnen das Geheimnis entreißen, das Buch an mich nehmen, es begreifen und in ihm blättern.
Wenig Laufkundschaft gibt es heute, die meisten haben ihre Bücher elektronisch vorbestellt und holen sie nur ab. Ein älterer Mann, der mir seltsam bekannt vorkommt (es ist wohl dieser stadtbekannte und engagierte jüdische Schriftsteller!), kauft den Kapitalismus von Sven Beckert; eine aufgeregte Dame mit toupiertem Haar will eine irrtümlich aufgegebene Doppelbestellung stornieren; schließlich eine gehbehinderte Alte, die ein angebotenes Einkaufssackerl ablehnt, weil sie es für ihr Buch viel zu groß hält. Leider entwickeln sich aus diesen Situationen nur karge Gespräche, was ich außerordentlich bedaure. Nichts ist der Wille zum Voyeurismus wert, wenn es nichts Interessantes zu beobachten, zu belauschen, mitzuverfolgen gibt.
Fantastische Welten
Auch das Eintreffen einer Schülerin auf einem Scooter scheint zunächst eine Enttäuschung zu werden, vielleicht ist es die Tochter der Buchhändlerin? Meine Aufmerksamkeit richtet sich kurz wieder auf die Geschichte der Ukraine, doch dann höre ich, dass sich zwischen beiden eine Diskussion über eine Fantasy-Trilogie entfaltet, die gerade häufig gelesen wird. Um keine Tochter, sondern um eine Kundin handelt es sich also! Den Titel der Trilogie habe ich nicht gehört, auch den Namen der Autorin nicht. Das irritiert mich. Die Buchhändlerin mag die in der Trilogie ausgebreiteten Liebesgeschichten nicht, das Mädchen kontert geschickt, spricht von notwendigen Spannungsbögen, cuten Charakteren, von Cliffhangern und den zu erwartenden Fortsetzungen der Trilogie. Währenddessen versucht sie, ein sehr dickes Buch in ihren Rucksack zu stopfen. Beide wirken angeregt, ich merke, dass sich vor meinen Augen ein Gespräch auf Augenhöhe entwickelt hat: eine belesene Kundin trifft auf informierte Buchhändlerin. Das Mädchen wird dreizehn, vierzehn Jahre sein. Diese gelassene Selbstgewissheit und Beredtheit der jugendlichen Leserin bewundere ich sehr. Möglicherweise ist es eine BookTokerin, denke ich, und nehme ein Stück weit meine Verachtung für dieses Medium zurück. Erst vor wenigen Wochen hatte ich einen Shitstorm auf einem Social-Media_Kanal über mich ergehen lassen müssen, weil ich BookTok arrogant und berechnend als „durchgehenden Schmonzes“ bezeichnet hatte. Doch nun bin ich, nach einer flüchtigen Begegnung mit einer jugendlichen Fantasy-Leserin milder gestimmt. Ich war im selben Alter, als ich meinen ersten Thomas Mann, meinen ersten Robert Musil las, Taschenbuchausgaben des Törleß und des Tod in Venedig, zufällig gefunden in einer Reisetasche voller Schundromane, die ich nur heimlich lesen konnte. Durch Zufall war ich damals dem Schund und Kitsch von der Schippe gesprungen und in der großen Literatur gelandet. Wehmut haucht mich an, ich beginne, eine Verbindung zwischen zwei Lesebiografien herzustellen, Spinnereien eines lese lüsternen Greises.
Irgendetwas Queer – Feministisches
Abgang der vielversprechenden Schülerin. Auftritt einer schüchternen und zurückhaltenden jungen Frau, die sich suchend entlang der Buchregale bewegt. Sie deklariert sich laut Umhängetasche als Feministin („Save the World with Feminism“) und weist das freundliche Beratungsangebot der Buchhändlerin zurück, will sich zunächst einmal umsehen, dann ihre Fragen stellen. Doch das Umschauen dauert nicht lange. Für eine Freundin suche sie etwas Kurzes, leicht Lesbares, Feministisches, am besten: Queer-Feministisches! Etwas hilflos rät die Buchhändlerin zu Minihorror (2025) von Barbi Marković. Die schreibe so ähnlich wie die Sargnagel, also: Wem die Stefanie Sargnagel gefalle, der käme auch mit Marković gut zurecht. Ganz sicher aber würde Atmosphere von Taylor Jenkins Reid gefallen. Freilich sei das Buch in englischer Sprache. Die Buchhändlerin deutet auf das prominent ausgestellte Stück, das durch protziges Design zu überzeugen sucht. Es sei ein Buch über eine Wissenschafterin, die am Space-Shuttle-Programm der NASA mitgearbeitet habe. Wiewohl sie sich für Weltraumthemen eigentlich nicht interessierte, dieses Buch habe sie letzten Endes überzeugt. Etwas betreten, vielleicht auch überfordert, nimmt die Kundin die drei Bücher entgegen und an einem der Kaffeehaustische Platz. Sargnagels Iowa (2025) ist auch dabei. Die Kundin blättert querlesend darin. Eine derartige Ausbeute hat sie wohl nicht erwartet, entnehme ich ihrem Stirnrunzeln. Ich wiederum möchte mich lieber nicht zu den Feinheiten queer-feministischer Literatur äußern; da muss ich mich zu gegebener Zeit im Wust der entsprechenden Literatur wohl informieren. Über Frau Sargnagel möchte ich mich aber wohl ganz bestimmt nicht äußern. Mit dieser hätte ich einige identitätspolitische Federn zu rupfen, anlässlich ihrer Auftritte in der Zeit der COVID-Pandemie! Aber das gehört wirklich nicht hierher! Auch nicht meine Probleme mit dem gegenwärtigen identitätspolitischen Herumgemurkse der Literaturkritik.
Ich merke, es ist Zeit für mich, zu gehen. Die Buchhändlerin widmet sich mittlerweile dem Auspacken der von den Verlagen angelieferten Bücher. Ich bedanke mich für den Aufenthalt im Laden, sie sich für meinen Einkauf. Ein wunderlicher alter Mann verlässt den Laden.

Hinterlasse einen Kommentar