Monika Maron: Krähengekrächz (2017/23)- Buchbesprechung

Ein doch recht durchschnittlich geschriebener Essay über Krähen.

In diesem Buch widmet sich Monika Maron den Krähen – erstaunlichen Tieren, anhand derer eine große Schriftstellerin von Eleganz und Eigensinn, Kühnheit und Kraft nicht zuletzt von der Freiheit erzählt. (Klappentext)

Buchtitel: Krähengekrächz
Autorin: Monika Maron
Erscheinungsjahr: 2017/2023
Sprache: Deutsch
Verlag: Hoffmann Und Campe
Seiten: 64
ISBN 978-3-455-01489-1


Buchbesprechung:

Krähenvögel überall in dieser Jahreszeit. Drei Bücher über das Rabenvolk finden sich in meiner Bibliothek, eines davon ist der 2017 im Fischer Verlag erschiene Essay Krähengekrächz von Monika Maron. Mich hat die Haptik dieses Bandes besonders angesprochen: ein rauer Umschlag aus grauem Papier, darauf die Prägung eines Bildes zweier Saatkrähen, ein hochgestelltes, schmales Format, nur wenige Seiten umfassend. Das versprach kostbaren Inhalt, den man nur langsam blätternd genießen sollte. Es ist der S. Fischer Verlag, der dieses Buch einst publiziert hat. Nach Marons erzwungenen Verlagswechsel 2020 ist dieser schöne Band leider nur mehr antiquarisch erhältlich. Hoffmann und Campe wiederum legt eine recht konventionell gemachte Variante des Buches auf. Schade darum.

Monika Maron wuchs in der DDR auf und hat dort den viel beachteten Debütroman Flugasche (1981) geschrieben, der allerdings in der DDR nicht erscheinen konnte. In ihm hat sie ihre Erfahrungen als Industriereporterin im Chemierevier der DDR festgehalten und so einen frühen Umweltroman vorgelegt, der die unhaltbaren Zustände in der DDR anprangerte. Bis zur Veröffentlichung von Krähengekrächz hat die Autorin eine Fülle von Romanen und Erzählungen geschrieben, die sie letztendlich als erfahrene und routinierte Erzählerin ausweisen. Insofern ist der vorliegende Essay auch ein wenig enttäuschend. Doch davon später.

Ein ausgiebiges Nachwort

Vielleicht beginnen wir bei der Buchbesprechung von  Krähengekrächz nicht beim Text der Autorin, sondern bei jenem der Literaturwissenschafterin Elke Giese, die ein doch recht ausführliches Nachwort geschrieben hat, das nicht nur den Hunden und Katzen, sondern auch dem Vogel- und Krähenvolk im Werk von Monika Maron nachgegangen ist. Es sind vielzählige Hinweise auf die Tierwelt im Oeuvre einer Autorin, die da zusammenkommen. Giese weist darin auch nach, dass sich in ihrem Werk immer wieder die Problematik einer scharfen Trennung zwischen dem Menschlichen und dem Tierischen manifestiert und verweist dabei auf das von Maron reflektierte Werk der Künstlerin Leonora Carrington (1917-2011). Diesen Spuren würde es sich lohnen nachzugehen, wenn nicht so viel Ungelesenes bereits warten würde.

Begegnungen und Versuche

Doch kommen wir zum eigentlichen Text, ein schmales Stück Text von 50 Seiten, fast im Plauderton geschrieben. Eine Autorin interessiert sich für das sie umgebende Krähenvolk und entschließt sich, einen Essay darüber zu schreiben. Doch anders als die von ihr geliebten Haustiere Hund und Katze sind die Vögel störrisch in ihrer Zuwendung. Diese müsse sich der Mensch wohl erst hart erarbeiten. Außerdem kann man die Tiere nur schwer voneinander unterscheiden: Die Autorin träumt von Markierungen auf ausgewählten Tieren, um sie jeweils konkret ansprechen zu können. Deshalb gehe es für sie zunächst einmal darum, die Aufmerksamkeit der Tiere durch Anfüttern zu erringen. Die Krähe erkennt wohl den Menschen und nicht umgekehrt.

Die Krähen aber erkennen mich, weil sie menschliche Gesichter erkennen können.

Im Allgemeinen scheint jedoch ein großes Maß an Indifferenz bei den Tieren zu herrschen: erstaunlich angesichts der Tatsache, dass sie, historisch gesehen, immer schon das Treiben der Menschen begleitet haben. So beginnt die Autorin, die Tiere auf ihren Spaziergängen durch Berlin Schöneberg mit Walnüssen zu füttern, die sie vor und hinter sich zu Boden wirft. Sie wird so zu einer Frau mit sonderlichem Verhalten, die, ihren Hund an der Leine führend, auf ihren Spaziergängen von schreienden Krähen begleitet wird. Das ist wohl eines der Bilder, die wir von diesem Essay zurückbehalten dürfen:

Ich vergesse oft, wie alt ich schon bin und erst später fällt mir dann ein, dass man mich ja für eine der verrückten einsamen Alten halten könnte, deren einzige Gesellschaft hungernde Vögel und streunende Katzen sind, die sie mit Futter anlocken, so wie ich gerade meine Krähen.

Als sie in einem nächsten Schritt die Tiere durch Futtergaben über ihren Balkon ins Wohnungsinnere zu locken versucht, beschwert sich eine Nachbarin. Zu bedrohlich erscheint dieser die schwarze Vogelschar in ihrer unmittelbaren Nähe. Die alten, oft unbewussten Vorurteile gegenüber dem Rabenvieh werden wach. Entschuldigend entgegnet die Autorin, dass sie ja einen Essay über die Vögel zu schreiben habe. Wie lange man sich noch gedulden müsse, fragt die Nachbarin.

Damit erschöpfen sich die Selbstversuche der Autorin. Lieber bleibt sie auf gewohntem Terrain. Sie zitiert ausgiebig aus anderer Literatur und bedient sich dabei hinreichend zweier Bücher, die sich ausgiebig mit dem Thema Krähen aus kultureller Sicht beschäftigt haben: Die Naturkunde Krähen (2013) von Cord Riechelmann und die Lyrikanthologie von Bernd Philippi mit dem Titel Rabenvögel (2013). Auch der Darstellung der Tiere in Philipp Roths Roman Der menschliche Makel (2000) geht sie nach.

Resümee

Das Buch beginnt so recht rasch zu langweilen. Leider ist es nicht nur die eingeschränkte Perspektive auf das Thema, sondern sind es auch die zahlreichen von der Autorin vorgetragenen Klischees, die einem das Lesen des Essays verleiden. Diese haben wir alle schon an vielen anderen Gelegenheiten hören müssen: das brutale Herrschaftsverhältnis des Menschen über das Tier; den Antagonismus von Tierliebe und Tierleid; die Vögel als Symbol für Freiheit; die Vorurteile über das Tier im Menschen. Nicht, dass dies alles nicht diskutierenswert wäre, nur könnte man sich von einer Schriftstellerin erwarten, eine differenziertere und detailreichere Sicht einzunehmen. Die Vögel sind in Schutz zu nehmen, auch gegen die literarischen Fantasmen über sie.

So bleibt nach Beendigung der Lektüre nur zweierlei: die Freude am Design eines vergriffenen Buches und die Enttäuschung über die doch recht undifferenzierte und auch etwas klischeehafte Behandlung des Themas. Lernen durften wir recht wenig von diesem etwas disparaten Buch. Mit seinem unausgewogenen Verhältnis zwischen Erlebtem und Angelesenem, seinen Klischees und einem dazu in Widerspruch stehenden, sehr umfangreichen Nachwort, erscheint es mir nicht so recht gelungen. Ich habe schon bessere Essays über Tiere gelesen.

Ergänzendes


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