Florian Klenk: Ausreden (2026) – Buchbesprechung

Eine irritierende Erinnerung an Elfriede Blauensteiner.

Elfriede Blauensteiner, bekannt als »schwarze Witwe«, wurde Anfang 1996 verhaftet und später wegen mehrfachen Mordes an Pflegefällen und Partnern verurteilt. Hier spricht sie in einer dokumentarischen Selbstaufzeichnung. Was man hier liest, ist kein Roman, kein Krimi, sondern ein aufgeschriebenes Leben.
Hier wird ausgesagt. Aus Protokollen, Gutachten, Auskünften entsteht ein Monolog, der uns zwingt, unsere Vorstellungen von Schuld, Gerechtigkeit und Empathie neu zu justieren. Natürlich geht es darin um Schuld, aber nicht im juristischen Sinn. Ja, diese Frau hat Menschen ermordet. Aber wer mit sieben Jahren weiß, dass die eigene Mutter den Tod des Kindes mehr ersehnt als seine Gesundung, der entwickelt keinen Sinn für Moral. Es gibt Bücher, die lassen sich nicht weglegen. Nicht, weil sie unterhaltsam sind, sondern gerade, weil sie kaum erträglich sind. »Ausreden« ist ein solches Buch.
(Klappentext)

Buchtitel: Ausreden. Elfriede Blauernsteiner. Ein Bekenntnis.
Autorin: Florian Klenk
Erscheinungsjahr: 2026
Sprache: Deutsch
Verlag: Zsolnay
Seiten: 144
ISBN 978-3-552-07621-1


Buchbesprechung:

Blauensteiner reloaded

Florian Klenk hat ein Buch über Elfriede Blauensteiner (1931 – 2003) geschrieben, dies rund 25 Jahre nach ihrer Verurteilung als Serienmörderin. Ein Vierteljahrhundert ist vergangen und noch immer klingt der Name in der Erinnerung ihrer Zeitgenossen wider. Sie hat, meist durch Verabreichung von Medikamenten, ältere Menschen (oft Männer) um ihr Leben gebracht, um an Ersparnisse zu kommen, die sie für ihre Spielsucht und einen aufwendigen Lebensstil ausgab. Die Medien haben sie als „Weibsteufel“ und „Schwarze Witwe“ gefeiert. Vieles kann man über sie auf Wikipedia nachlesen, es gibt archivierte Fernsehsendungen, einen Spielfilm und andere Zeugnisse. Warum also die Geschichte des pathologischen Verhaltens einer Frau noch einmal erzählen?

Der Investigativjournalist und Chefredakteur der Wiener Wochenzeitschrift Falter erklärt uns in einem Interview ausführlich, warum dies aus seiner Sicht angemessen war. Er sei auf die Transkription der Gespräche zwischen der verhafteten E. Blauensteiner und der Gerichtspsychiaterin Sigrun Roßmanith gestoßen, die beide in der Justizanstalt Josefstadt geführt hätten. Sie wären im Originalton protokolliert worden. Diese Protokolle hätten ihn fasziniert, wären sie doch von einer Intensität gewesen, die ihn an das Sprechen in den Werken von Helmut Qualtinger (Der Herr Karl), Elfriede Jelinek, Thomas Bernhard oder Peter Turrini erinnert hätte. Er ging deshalb daran, den Monolog der Mörderin zu „verdichten“, zu kürzen, umzustellen und dramatisch zu gruppieren. Es ging ihm letzten Endes darum, die Protokolle in der Form eines literarisierten Monologs zu dramatisieren. Daraus sei seines Erachtens „ein Stück Dichtung“ geworden (sic!).

Den daraus entstandenen Monolog einer Mörderin ergänzt Klenk durch einen journalistischen Text, der den ersten Teil erläutern soll, u.a. mit Informationen, die aus Gesprächen des Autors mit der Tochter und den Enkelinnen von Elfriede Blauensteiner gewonnen wurden. So entsteht ein schmaler Band von knapp 140 Seiten, mit zwei formal auseinanderfallenden Teilen.

Dichtung und Wahrheit

Zunächst sei zugegeben, dass der in diesem Buch präsentierte Monolog tatsächlich so etwas wie Sog entwickelt. Die Sprecherin leugnet die von ihr verübten Verbrechen, sie windet sich sozusagen um sie herum, redet sich heraus. Der Duktus „ihrer“ Überlegungen und „ihre“ Sprachwahl bildet dabei ein Stück österreichisches Milieu ab, das viele der älteren Leser*innen, so sie ihm angehört haben, noch erinnern können und wahrscheinlich als authentisch identifizieren. Das liegt an typischen Sprachwendungen, Gedankenfiguren und den hinter Worten versteckten Grauslichkeiten. Diese erschrecken: so mag tatsächlich in einem Wien der Kriegs- und Nachkriegszeit gesprochen, gedacht und gehandelt worden sein. Der Rezensent darf das bestätigen: Die Worte des Monologs zu lesen, machen ihm bang ums Herz.

Der Sadismus, mit dem Elfriede Blauensteiner bei ihren Morden vorgegangen ist, lässt sich aus dem präsentierten Monolog möglicherweise gut nachvollziehen. Da wird gesprochen, dass es einem vor Schreck die eigene Sprache verschlägt. Etwa, wenn die Erzählerin über den Mord ihrer erkrankten Schwester Hermine berichtet, die mit elf Jahren von ihrer Mutter erstickt wurde:

Die Mutter dachte:
Was nicht gesund ist,
Das gehört nicht her.

Die Leser werden, so sie sich auf diesen Text einlassen, wohl mehr über die Entstehung sadistischen Verhaltens in einem heranreifenden Mädchen verstehen, das noch dazu ihre von Gewalt geprägten Erlebnisse mit Männern stoisch erduldet und in Sadismus verkehrt. Sie bewegt sich im Laufe ihrer Entwicklung weg vom Opfer hin zu einer Gewalttäterin, die latente Aggression mit der eigenen Bedürftigkeit und Opferbereitschaft verknüpft. Die Psychiaterin Roßmanith beschrieb dies einst mit den Worten: „Die weibliche Form von Sadismus hat damit zu tun, dass man letztlich rührend pflegt, (…) was man selbst zu Tode bringt.“ Roßmanith hat übrigens Jahre später ein viel diskutiertes Buch geschrieben, mit dem sie sich mit weiblichem Sadismus auseinandersetzt (Titel: Sind Frauen die besseren Mörder? 2013).

Doch wollen wir uns tatsächlich unreflektiert auf diesen Monolog einlassen? In das aufgespannte Netz des Schreckens fallen? Stürzt in diesem Buch nicht die hergestellte Fiktion eines Florian Klenk ungebremst in die dokumentierte Realität eines Protokolls? Oder banal gesprochen: Dürfen wir dem Autor trauen, was er aus der Bearbeitung des Protokolls für uns übrig bzw. entstehen lässt? Wie sehr vermischt er Fakt und Fiktion? Wir kennen weder die von Roßmanith an Blauensteiner gestellten Fragen, noch die Länge und die tatsächliche Form ihrer Antworten. Dennoch wird implizit behauptet, es sei so gesprochen worden, wie es uns im Text vor Augen tritt. Unterstrichen wird dieser Authentizitätsanspruch durch die „Nachrede“ des Buches, die journalistisch Fakten benennt, die zur Fiktion der „Ausreden“ passen sollen. Das ist problematisch, zumindest was die Poetologie des Textes betrifft. Ein Wechselbalg zwischen der vom Autor behaupteten Dichtung (siehe „erdichten“) und der faktischen Untermauerung durch eine Zeugenbefragung liegt vor uns. Wir erinnern uns, zu welch unerquicklichen Situationen die Verquickung von Fakt und Fiktion führen kann (vgl. die Querelen um Daniel Kehlmanns 2024 veröffentlichter Roman „Lichtspiel“). Andererseits: Wer wollte schon Partei für Elfriede Blauensteiner ergreifen und auf „ihre“ Wahrheit rekurrieren? Ihre „Erben“, wie wir dem Buch entnehmen, wollen dies sicherlich nicht.

Das Produkt eines kalten Jahrhunderts

„Das Produkt eines kalten Jahrhunderts“, so wird Elfriede Blauensteiner vom Autor an einer Stelle bezeichnet. Es lohnt sich, dieses Argument genauer anzusehen. Denn der Autor behauptet über die Serienmörderin zweierlei:

(1) Sie sei das Produkt ihrer Zeit gewesen: Zwischenkriegszeit, Nationalsozialismus und Nachkriegszeit in Österreich hätten diese Frau geformt, zu dem gemacht, was sie war. „Sie, die als Kind Opfer war – schwach, hungrig, gedemütigt, ermächtigte und machte sich die Schwachen untertan“.

(2) EB sei Opfer eines Medienspektakels an der Jahrtausendwende geworden, der sie als „Weibsteufel“ und „Schwarze Witwe“ bezeichnet und dämonisiert habe. „Auf dem medialen Scheiterhaufen ihrer Großmutter“ seien zudem auch die Enkel der Serienmörderin verbracht worden.

Zunächst erscheinen beide Argumentationslinien einsichtig. Wer wäre nicht das Kind seiner Zeit? Wann wäre der Boulevard jemals differenziert oder empathisch gewesen? Doch liefert das Buch konkret ab, was es behauptet? Generalisierungen über Frau Blauensteiner zu stülpen, helfen bei der Wahrheitssuche wenig. Eine ausgiebige Recherche wäre vonnöten gewesen, insbesondere über ihre Kindheit, ihre Sozialisation, ihre Familiensituation, um derartige Behauptungen treffen können. Ein wenig „verdichtetes“ Psychiatrie-Gutachten (Von welcher Länge? Mit welchen Auslassungen?) ist zu wenig, die These vom „Kind ihrer Zeit“ konkret und nachvollziehbar zu untermauern. Ein wenig hinschimpfen zum Boulevard hilft auch nicht weiter. Leider lassen auch die Interviews mit ihrer Tochter mehr Fragen offen, als sie tatsächlich klären. Denn wie Klenk selbst schreibt: Die Tochter möchte mit all den Dokumenten und Unterlagen, die sich über ihre Mutter angesammelt haben, verständlicherweise nichts mehr zu tun haben. Ihre Zeitzeugenschaft ist fragil. So bleibt die Unterstellung, Elfriede Blauensteiner sei ein Kind ihrer Zeit gewesen, nur eine vordergründige Behauptung. Ja, man kann sich das gut vorstellen, es wird wohl so gewesen sein! Aber näher ausgeführt wird es nicht. Als Hypothese wohl berechtigt, fehlt der seriöse Nachweis im vorliegenden Buch. Weder als ein Stück Dichtung (Teil 1) noch als Reportage (Teil 2) kann es irgendwelche schlüssigen Erklärungen leisten. Der Autor hätte sich wohl in die Mühen der „Konstruktion“ einer Biografie der Elfriede Blauensteiner vertiefen müssen und dann entscheiden, was daraus entstehen soll: Fiktion oder Realität. Ein dürres Hybrid wie diese Texte sind allerdings mehr als unbefriedigend.

Resümee

So bleibt uns nach wiederholter Lektüre doch festzuhalten, dass das Buch nicht hält, was es verspricht, auch nicht, wenn sich Elfriede Jelinek im Klappentext unverständlicherweise herbei lässt, von ihm als „Schraubstock“ zu sprechen, in den wir gespannt wären, ohne ihm entkommen zu können. Die Stärke des ersten Teils sei ihm unbenommen, wenngleich wir nicht wissen, was da zusammen verdichtet wurde, um Authentizität zu behaupten. Die hybride Verfasstheit des Buches lässt uns jedoch zweifeln, um welchen Text es sich bei diesem Buch handelt: Essay, Reportage, Dokumentation, True Crime? Auch der Verlag ist sich da unsicher, er schwindelt sich an der Benennung der Gattung vorbei. Ein Bekenntnis heißt es im Untertitel verlegen. Aber ein Bekenntnis ist es ja gerade nicht, denn wer wollte darin etwas bekennen? Ausreden, Verdichtung und knapp gefasstes Bereden ohne Quellenangaben machen es höchstens zu einem bemühten Anfang von mehr: sei es nun als Fiktion oder als Reportage. So ist das Buch wohl ein Kind seiner Zeit, das keine Muße mehr hat: ein schnell geschriebenes und wahrscheinlich gut zu verkaufendes Stück Text über ein schreckenerregendes Thema aus einer vergangenen Zeit. Es rührt an ein mühsam zu rekonstruierendes, soziales Gewissen.

Ergänzendes:


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