Individuelle und politische Geschichte in kongenialer Weise verknüpft: ein sehr vielschichtiges und zugleich spannendes Buch!
Mittwoch, 19. Februar 2014. Seit Wochen wird auf dem Majdan im Herzen Kyjiws demonstriert. Die Proteste haben in den letzten Tagen noch einmal Zulauf erhalten. Das Regime unter dem korrupten Präsidenten Wiktor Janukowytsch reagiert mit enthemmter Gewalt. Doch Katja will heute nicht auf den Majdan. Sie möchte ihren Sohn Danylo von der Schule im Zentrum der Stadt abholen, um ihn in Sicherheit zu bringen. Aber noch bevor sie die Schule erreicht, gerät sie mitten hinein in die Woge aus Protest und Gewalt, wird von ihr mitgerissen und verliert den Kontakt zu ihrem Sohn. Es beginnt eine verzweifelte Suche auf und unter dem Majdan in dieser Nacht, in der sich das Schicksal der Ukraine durch einen Paukenschlag entscheiden wird. (Klappentext)

Buchtitel: Kämpferinnen. Ein Roman über den Majdan.
Autorin: Olena Sachartschenko
Erscheinungsjahr: 2024
Sprache: Deutsch
Übersetzung aus dem Ukrainischen, Russischen und Surschyk: Jutta Lindekugel.
Verlag: Mauke
Seiten: 352
ISBN 978-3-948259-20-4 Originaltitel: Вертеп. #РоманПроМайдан Erscheinungsjahr Original: 2016
Buchbesprechung
Politische Ereignisse als Ausgangspunkt
Der Unabhängigkeitsplatz, kurz Majdan genannt, ist der zentrale Platz, auf dem in Kiew stets die großen politischen Demonstrationen stattgefunden haben: Das war so 1990 während der „Revolution auf Granit“, 2004 während der „Orangen Revolution“ 2004 und letzten Endes 2014 während des Euromajdan. Letzterer war von blutigen Auseinandersetzungen zwischen den Demonstranten und der korrupten Regierung geprägt, die einen an Russland orientierten Kurs verfolgte und sich deshalb letztlich weigerte, das Assoziierungsabkommen mit der Europäischen Union zu unterzeichnen. Die Besetzung des Platzes durch westlich orientierte Demonstrant*innen dauerte von November 2013 bis Ende Februar 2014. Der Roman selbst setzt mit dem 19. Februar 2014 ein, als in Kiew die Gewalt gegen die Demonstrierenden eskaliert und endet auf der Halbinsel Krim, die 8zunächst) von verdeckt agierenden russischen Kräften, den „Grünen Männern“, gewaltsam übernommen wird.
Um den Hintergrund der sich entfaltenden Geschichte zweier Frauen (den „Kämpferinnen“) zu verstehen, hat der Verlag das Buch reichlich mit Zusatzmaterialien ausgestattet: Kartenmaterial, einem Glossar politischer Begriffe und einer Chronik der Ereignisse. Das ist sehr verdienstvoll, erleichtert es den Leser*innen doch, die turbulenten Erlebnisse der Protagonistinnen zu verstehen.
Kämpferinnen welcher Art?
Das Buch erzählt die Geschichte von Witka und Katja, zwei erwachsene Frauen, die sich am 19. Februar 2014 aus dem in Brand gesteckten brennenden Haus der Gewerkschaften retten, das bis dahin von den Demonstrierenden besetzt wurde. Beide retten sich über den Keller des Hauses in die ausgedehnten unterirdischen Tunnelsysteme rund um den Majdan. Auf der Flucht vor der Polizeimiliz und paramilitärischen Gruppierungen, die den Präsidenten Janukowitsch unterstützen, versuchen sie, die tobenden Auseinandersetzungen im Labyrinth des Untergrunds zu umgehen. Katja fürchtet, dass ihr Sohn auf dem Schulweg Opfer der Jagd auf die Demonstranten wurde. In weiterer Folge unternimmt die Erzählerin mehrere Perspektivenwechsel, die ineinander verschachtelt sind: Die Flucht der beiden Frauen im Labyrinth unterhalb des Majdan, die Rettung der beiden verlorenen gegangenen Jungen und die Ereignisse auf dem Majdan, die von Chaos und Gewalt gekennzeichnet sind. Doch damit nicht genug: Der Familiengeschichte der beiden unterschiedlichen Frauen wird ebenso akribisch nachgegangen, wie dem Kampf der Ukraine um seine Unabhängigkeit in der Stalinzeit ebenso wie die Schilderung der Geschichte einer verhexten Kosakenpauke, die den Widerstandsgeist der Ukrainer symbolisiert. Der Roman springt so kapitelweise von einem Erzählstrang zum anderen und durchbricht damit großzügig ein lineares Erzählen. Vom Katja wird in der Ich-Perspektive erzählt, doch auch dieses Stilmittel hält die Autorin nicht aufrecht, wenn sie einzelne Kapitel aus der Perspektive einer auktorialen Erzählerin schildert.
Die Frage, worum die Frauen tatsächlich kämpfen, ist nicht eindeutig zu beantworten: Sie kämpfen um ihr physisches und emotionales Überleben in einer Zeit, die von den Umbrüchen nach 1989 geprägt ist. Ihr Widerstand bezieht sich weniger auf ihre Teilnahme am Volksaufstand, als viel mehr auf ihren schwierigen Alltag, die katastrophale Familiensituation und die Gewalt und Verantwortungslosigkeit der Männer, von denen sie umgeben sind.
Wenn es jemandem schlecht geht, kämpft er. Wenn aber der Kampf zu Ende ist, verfallen die Betroffenen häufig in eine Depression. Ihnen fehlt nun der Kampf, das Leben scheint damit den Sinn verloren zu haben.“
Damit entwirft die Autorin ein Sittenbild des Frau-Seins in einer Gesellschaft, die von den Umbrüchen eines ehemals zur Sowjetunion gehörigen Landes geprägt wird: der Armut, sozialen Desintegration, der offenen Gewalt und dem politischen Konflikt mit dem übermächtigen Nachbarn Russland. Die Hoffnung auf Befreiung bündelt sich in der politischen Zugehörigkeit zu einem stabilen Europa, das sich durch Wohlstand, Rechtssicherheit und Demokratie auszeichnet. Mensch ist entschlossen, die Anarchie des Alltags und der politischen Machtverhältnisse hinter sich zu lassen. Doch die Loslösung ist von Gewalt begleitet, Gewalt, die als Krieg empfunden wird:
Es hat begonnen. Der Krieg hat angefangen. Nicht für Europa, sondern der gegen Russland, gegen die eurasische Zollunion und gegen den machthungrigen Zwerg im Kreml. Und sie werden sich nicht aufhalten lassen.“
Das Chaos erzählen
Die Totalität der verstörenden Verhältnisse abzubilden, gelingt der Autorin ausgezeichnet. Dem Chaos der politischen Ereignisse und persönlichen Lebensgeschichten, entspricht die erzählerische Unruhe und den Brüchen, die im Roman abgebildet werden. Indem sie die Lebenswege der Protagonist*innen in den Auseinandersetzungen auf dem Majdan zusammenführt, verlieren die unterschiedlichen Perspektiven auf das Leben in der postsowjetischen Zeit nie ihren Zusammenhang. Die Autorin beschreibt das Leben gleichzeitig als politisches und individuelles. Dass der Roman über den Majdan erzählt, wie der Untertitel des Buches suggeriert, ist deshalb nur teilweise richtig. Vielmehr erzählt er mehr das Leben von Frauen (und weniger gut meinender, weil hilfreicher Männer) in einer überwältigend schwierigen Zeit. Das Puzzle, bei dem die einzelnen Kapitel von den Leser*innen zusammengesetzt werden müssen, wird aber nie der Spannung im Erzählfortschritt geopfert. Pathos und Revolutionsromantik haben keinen Platz, sondern wird durch eine recht abgebrühte, illusionslose, aber trotzdem widerständige Sicht auf die Lebensumstände der Protagonist*innen ersetzt. Das macht das Buch zu einer lesenswerten, spannenden und qualitativ wertvollen Lektüre. Prekäre Welten spricht eine ungeteilte Leseempfehlung aus!
Ergänzendes
- Rezensionen auf Perlentaucher
- Kauf im Faltershop

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