9 Geschichten über den Krieg, seine Menschen und deren Tiere.
»Bloß nicht bellen«, ermahnte Mascha ihren Hund Cookie zum Abschied. Es wird ein Abschied für immer. In neun Geschichten erzählt Olena Sachartschenko von Menschen, in deren gewohntes Leben unvermittelt der russische Angriffskrieg hereinbricht. Es sind kleine Geschichten aus den ersten Wochen des Krieges. Aber es sind keine Kriegsgeschichten. Es ist ein Buch über Menschen, über schicksalhafte Begegnungen, über Fluchten und Rettungen – und über Tiere. (Klappentext)

Buchtitel: Bloß nicht bellen
Autorin: Olena Sachartschenko
Erscheinungsjahr: 2025
Sprache: Deutsch
Übersetzung aus dem Ukrainischen: Jutta Lindekugel
Verlag: Mauke
Seiten: 112
ISBN 978-3-948259-28-0 Originaltitel: ТІЛЬКИ НЕ ГАВКАЙ Erscheinungsjahr Original: 2023
Buchbesprechung
Eine Nacht im März 2022
Am Beginn dieser Buchbesprechung wiederum ein wenig Biografisches vom Krieg in Europa. Als die ersten Kriegsvertriebenen aus der Ukraine am Wiener Hauptbahnhof ankamen, reiste ich mit dem Nachtzug nach Bregenz. Während sonst in den Wartebereichen wegen der grassierenden Pandemie nur wenige Reisende anzutreffen waren, herrschte diesmal Chaos. Eine große Zahl an Ukrainern war gerade mit dem Zug aus der Slowakei, aus Polen und aus Ungarn angekommen. Sie warteten auf die nächste Verbindung, auf Abholung durch Freunde und Bekannte, oder saßen einfach nur verloren da und dachten über die nächsten Schritte nach. Sie ruhten in der Stille des Schocks, der sie noch immer nicht losgelassen hatte. Überall lag ihr Gepäck, manche Familien lagerten mit ihm auf dem kalten Steinboden. Frauen, Kinder, Jugendliche, alte Leute, nur wenige Männer. Hastig gepackte Trolleys, Taschen und Bündel; der auf der Flucht mitgeführte Besitz. Was mich damals verwunderte. Unter den mitgeführten Dingen befanden sich auch Transportkäfige für kleine Haustiere. Zwischen den ukrainischen Gesprächsfetzen vernahm ich deshalb auch andere Laute: das Miauen, Schnurren, Winseln und Scharren jener tierischen Familienmitglieder, die nicht zu Hause zurückgelassen wurden. Ein seltsamer Anblick, diese verwirrten Katzen, Kaninchen, Hamster und Hunde. Sie waren zu den ungehaltenen, mittlerweile erschöpften Begleitern der Flucht geworden. Auch sie verwirrt und verängstigt, aber auch Symbole des Trostes und der Erinnerung an ein sicheres Leben.
Der Krieg, seine Menschen und deren Tiere
Vorerst aber, in der ersten Kriegsnacht, verkroch sich der Kater aus Butscha irgendwo tief unter dem Sofa, auf dem wir schliefen. Er hatte solche Angst, dass er nicht einmal miaute. Weit weg, in Kyjiw, ertönten wieder Explosionen, wieder Sirenen, und das Herrchen des Katers aus Butscha verbrachte die Nacht im Keller.“
Fast vier Jahre nach meinen Beobachtungen am Westbahnhof halte ich den schmalen Band der ukrainischen Autorin Olena Sachartschenko in Händen. Sie ist im deutschen Sprachraum vor allem durch ihr 2024 erschienenes Buch „Kämpferinnen. Ein Roman über den Majdan.“ bekannt geworden. Nunmehr legt sie 9 Kurzgeschichten vor, die erstmals 2023 und nun 2025 in der deutschen Übersetzung von Jutta Lindekugel erschienen sind. Es sind Erzählungen über den Beginn des Krieges in der Ukraine, Miniaturen von Menschenschicksalen, die unfreiwillig mit der plötzlichen Veränderung konfrontiert werden, welche die Invasion der Aggressoren aus Russland mit sich gebracht hat. Menschen müssen sich mit ihrer plötzlich prekär gewordenen Existenz an die neuen Gegebenheiten anpassen, sie suchen nach anderen, ihnen sicher erscheinenden Orten. Es geht um die Tage der Flucht zu Verwandten in entfernten Teilen der Ukraine, um die Flucht ins Ausland, vor allem aber um die Flucht vor dem Chaos der Zerstörung. Manchmal denken die Protagonist*innen, der Schrecken wäre vorbei, ihre Not ausgestanden oder bloß nur eingebildet. Manchmal scheinen sie auch zu resignieren. Die Ungläubigkeit darüber wird deutlich, dass überhaupt Krieg möglich sei. Meist sind die Ich-Erzählerinnen Frauen, die sich um ihre Familien kümmern, in nur in zwei Geschichten tragen Männer die Erzählung.
Das Spezifische an den Erzählungen ist, dass sie auch Tiere in das Geschehen einbinden. Krieg bedroht nicht nur Menschen, sondern alles Lebendige. Doch um rührselige, tierliebe Geschichten geht es dabei nicht, auch nicht um Ablenkung von dem Leiden, das die handelnden Personen erfahren müssen. Ganz nebenbei, fast zufällig nehmen Tiere am Kriegsgeschehen teil: Katzen, Hunde, Fische, Hühner, Vögel. Sogar ein Reh und ein Strauß sind dabei. Sie dienen als Anker und Spiegel für die Wirrnisse einer Ausnahmesituation, die langsam zum schrecklichen Alltag geworden wird. Sie symbolisieren vieles: die verschreckten Begleiter, die Belastung in den Wirrnissen des Krieges, die Erinnerung an eine längst vergangene Zeit. Sie dienen als beruhigendes Zeichen für das Leben angesichts höchster Gefährdungen. Sie sind Teil des alten Lebens, das auf der Flucht mitgenommen wird und nicht zurückgelassen werden kann. Da ist der Streuner Cookie, der den Sprung in ein sicheres und behütetes Leben im Ausland schafft, ein Reh, das durch seine Anwesenheit Leben rettet, ein Fischaquarium, das im Flur eines Hauses die sich nähernden Granatenanschläge anzeigt.
Rückgriff auf die Vergangenheit
Doch begnügen sich die Geschichten nicht nur mit der Aktualität des Krieges, sie greifen auch zurück in die von Gewalt geprägte Geschichte der Ukraine. In „Die Vögel jenseits von Tijuana“ spricht ein alter, offenbar verwirrter Gastgeber immer wieder von seinen „Vögeln“, die aber in dessen Haus nirgendwo vorgefunden werden können. Er warnt, die bei ihm Unterschlupf suchenden Familie davor, sie auch nur anzurühren. Man vermutet deshalb, dass er schon verwirrt sei, bis die Situation eskaliert. Er war vier Jahre alt, als er während des Zweiten Weltkrieges aus der Ukraine fliehen musste. Unter dem Wenigen, das seine Eltern während einer Bombardierung mitnehmen konnten, befanden sich zwei Pirogen mit aufgemalten Vögeln. Diese hat er bis heute als Erinnerung an seine alte Heimat aufbewahrt. In „Ein Strauss aus Cherson“ erinnert sich ein ukrainischer Journalist, der den Großteil seines Lebens im Ausland verbracht hat, an die Erzählungen seiner Familie über den Zweiten Weltkrieg, an Vertreibung und schließlich Exil. Diese Erinnerungen sind ihm letzthin Grund genug, als Journalist in die Ukraine zurückzukehren, um den Ausbruch des Angriffskrieges Putins mitzuerleben.
Zu guter Letzt
Olena Sachartschenkos Erzählungen sind manchmal kunstvoll, dann aber auch ein wenig ausholend geknüpft, lassen uns aber immer wieder an den Momenten eines erwartet-unerwarteten Kriegsausbruches teilhaben. Sie erzählt keine Heldengeschichten, sondern fast hoffnungslose Durchhaltegeschichten. Dadurch, dass sie auch anderes Leben als jenes von Menschen in ihre Erzählungen einbindet, vergrößert sie die Perspektive auf das Geschehen und das Ausmaß an Leid, das der Krieg seinen Opfern zufügt.
Ich denke, dass gerade diese Geschichten nötig sind, um das Verständnis für die Situation eines europäischen Landes zu erwecken, dessen Existenz auf dem Spiel steht. Weil aber die Geschichten so sehr der Aktualität verbunden sind, ermöglicht es ein Glossar am Ende des Buches, die uns fremd erscheinenden Begriffe und Hinweise auf das Geschehen zu verstehen. So lernen wir auch ein wenig europäische Geschichte, und das kann nur sinnvoll sein!
Ergänzendes:
- Rezensionen auf Perlentaucher
- Kauf im Faltershop

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