Die Kindheit des Autors im belagerten Sarajevo 1992 – 94: Eine gelungene Autofiktion in distanzierter Sprache.
Als im April 1992 der Krieg beginnt, ist Tijan Sila nur zehn Jahre alt, doch bis heute kann er sich an den Geruch von gezündetem Sprengstoff erinnern. Während Sarajevo in Flammen steht, wird aus dem Jungen, der er damals war, ein junger Mann. Er streift durch die Ruinen der ausgebombten Stadt und sammelt Dinge, die von den Geflohenen und Gestorbenen zurückgeblieben sind, um sie auf dem Schwarzmarkt gegen Essen zu tauschen. Er lernt zu überleben, und er akzeptiert die grausame neue Normalität, doch zu welchem Preis? Seine Geschichte ist eine Geschichte des Unerwarteten. Sie erzählt davon, wie Dichter zu Mördern werden und Mörder zu Helden. Sie erzählt von Menschen, denen jede Menschlichkeit jäh genommen wurde, und von den Spreißeln, die der Krieg im Hirn jedes Überlebenden hinterlässt. (Klappentext).

Buchtitel: Radio Sarajevo
Autor: Tijan Sila
Erscheinungsjahr: 2023
Sprache: Deutsch
Verlag: Hanser
Seiten: 176
ISBN 978-3-446-27726-7
Buchbesprechung
Persönliche Vorbemerkung:
Skurriler weise habe ich das Buch in der Silvesternacht zu lesen begonnen. Draußen explodierten die Böller und brannte Feuerwerk, sie erinnerten mich an mutwillige Zerstörung und Krieg, untermalten meine nächtliche Lektüre auf äußerst beunruhigende Weise.
Eigentlich hat Krieg mein bisheriges Leben begleitet, privat wie beruflich. Einer davon fand im ehemaligen Jugoslawien der Neunziger Jahre statt. Man hielt die Balkankriege für eine Ausnahmeerscheinung, ein Nachbeben des Kalten Kriegs, eigentlich nicht zu Europa gehörend. Heute, nach dem Überfall Russlands auf die Ukraine, ist der Krieg in Europa wieder Realität geworden. Bedroht von Russland und dem Amerika der Trump-Administration übt sich Europa wieder in Aufrüstung und allgemeiner Wehrpflicht.
Es muss 1998 gewesen sein, als wir eine neue Mitarbeiterin in unsere Organisation aufnahmen, die in Südosteuropa arbeitete. K. war als Studentin während der Belagerung von Sarajevo (1992 – 96) vor der jugoslawischen Armee und den serbischen bzw. kroatischen Milizen nach Österreich geflohen. Die Flucht war ihr nur deshalb gelungen, weil sie ihre Identität als muslimische Bosnierin verbergen konnte und den Pass einer serbischen Freundin auf ihrer Flucht verwendete. Es verschlug sie nach Graz. Über ihr Leben vor der Flucht aus Sarajevo wollte sie nicht sprechen. K. arbeitet und lebt heute noch immer in Graz.
An sie und meine eigene Zeit in Bosnien-Herzegowina musste ich denken, als ich Tina Silas 2023 erschienenes Buch Radio Sarajevo kaufte. Wahrscheinlich war die ehemalige Kollegin auch der eigentliche Grund für meine Lektüre: eine junge Frau, dem Krieg entkommen, um für Bildung und Frieden in der Region zu arbeiten. Nur einmal sah ich sie ihre Contenance verlieren, als ein hochrangiger Beamter des österreichischen Außenministeriums während eines Abendessens mehr über ihre Herkunft erfahren wollte. Ob sie denn muslimische Bosnierin sei, fragte er. K antwortete mit vor Zorn zitternder Stimme: Was ihre Staatsbürgerschaft betreffe, er könne sie als Jugoslawin oder Bosnierin einordnen, wenn ihm so viel an Kategorisierung läge. Die Religion gehöre zu ihrer Privatsphäre.
Sarajevo hatte ich selbst ab Ende der 90er Jahre häufig besucht. Bei meinen Besuchen bedrückten mich die überall neu errichteten Kriegerfriedhöfe mit den in Weiß gehaltenen muslimischen Grabstätten auf den Hügeln rund um die Stadt, die vom Gewehrfeuer gezeichneten Hausfassaden, die vor Schmerz verschlossenen Gesichter ihrer Bewohner*innen. Die Stadt strahlte eine Traurigkeit aus, der ich mich nicht entziehen konnte. Doch der Schrecken dauert bis heute an. Erst in jüngster Zeit zeigten Untersuchungen italienischer Gerichte, dass zur Zeit der Belagerung Sarajevos die marodierende Soldateska der Belagerer es Touristen gegen Bezahlung ermöglicht hatte, auf die Einwohner Sarajevos in Sniper-Manier die Jagd zu eröffnen. Der gegenwärtige serbische Präsident Aleksandar Vučić soll bei diesen einträglichen Geschäften mitgemischt haben. All diese Assoziationen wuchern in mir wie ein giftiges Myzel, das nicht ausrottbar ist.
Schreiben gegen das Vergessen:
Einen Text von Tijan Sina habe ich bereits während seiner Präsentation anlässlich des Ingeborg-Bachmann-Preises 2024 kennengelernt. Dabei las er den Text „Der Tag, an dem meine Mutter verrückt wurde“ und beschrieb darin die Spätfolgen der Belagerung auf die psychische und körperliche Gesundheit seiner Eltern. Schon 2017 hatte er ein anderes Buch über Sarajevo und das Exil geschrieben: „Tierchen Unlimited“. Diese Themen nimmt Sila im vorliegenden Buch wieder auf.
Ich begebe mich also mit Hilfe des Autors auf eine literarische Spurensuche im belagerten Sarajevo. Der Autor hat den Grund für seine Autofiktion im Nachwort seines Buches festgehalten:
Alles, was sie gelesen haben, ist wahr, ist wirklich passiert (…) In Bosnien wird die Generation meiner Eltern die „entwurzelte“ oder die „ausgerissene“ genannt. Meine Generation aber hat keine Spitznamen, wir sind die Vergessenen. Ich schrieb dieses Buch auch, um dem Vergessen etwas entgegenzusetzen.
Das Buch stellt einen Jungen in den Mittelpunkt der Handlung, der in Sarajevo als Sohn eines bosnischen Vaters und einer kroatischen Mutter aufwächst. Die Eltern gehören zur Intelligenzija Sarajevos: sein Vater und seine Mutter sind Akademiker*innen. Das macht sie in ihrem Wohnviertel zu Außenseitern. Wie viele andere werden aber auch sie von dem 1992 einsetzenden Beschuss der Stadt überrascht. Der Junge geht zu dieser Zeit noch zur Schule und verbringt wegen der beengten Wohnverhältnissen einen Großteil seiner Freizeit mit Freunden auf der Straße. Die elterliche Wohnung vermeidet er auch, um der Aggressivität seiner Eltern zu entgehen.
Das Buch setzt mit dem ersten Beschluss Sarajevos durch seine Belagerer ein: Der Krieg ist für die Stadtbewohner*innen unentrinnbar geworden. Damit ändern sich auch die Alltagsroutinen der Bewohner*innen. Die Schulen werden geschlossen, Schutzräume ausgebaut, die Wege durch die Stadt folgen relativ sicheren Zonen, die von den Scharfschützen in den Bergen nicht direkt einsehbar sind. Der Kampf um Lebensmittel und die Suche nach Brennholz bestimmt ab nun den Alltag. Die Karriere der Mutter an der Universität kommt zu einem unerwarteten Ende. Das Leben des Jungen, von dem in der Ich-Perspektive erzählt wird, bewegt sich zwischen den schwierigen Situationen zu Hause und dem gefährlichen Leben mit seinen Freunden auf der Straße. Dort begegnet er kriminellen Banden, die sich am laufenden Krieg bereichern, gewaltbereiten Jugendlichen und UNPROFOR Soldaten, mit denen sie Tauschhandel treiben. Menschen verschwinden, kehren als Kriegsversehrte zurück und das tägliche Sterben in der Stadt gehört zum Alltag. Die Jugendlichen schnüffeln chemische Substanzen. Auch er wird in den Straßen von einer Kugel getroffen, glücklicherweise handelt es sich dabei nur um einen Streifschuss. Doch der Junge hat sich an das Leben im Krieg angepasst: Seinen Schrecken nimmt er zunächst unter Tränen, bald aber schon in einer Art „stoischen Trance“ wahr, mit der er die Umwelt abzublocken versucht. Er sollte das Weinen erst im Exil mühsam erneut lernen müssen. Ein Transistorradio, das er und seine Freunde unter den Ruinen der Stadt finden, wird zur Perspektive auf eine Welt, die nicht vom Krieg bestimmt ist. Die Freundschaft mit den Gleichartigen, die immer wieder auf die Probe gestellt wird, ist dabei ein weiterer wichtiger Schutzmechanismus vor dem Krieg. Nach mehr als einem Jahr in der belagerten Stadt entschließen sich seine Eltern zu fliehen. Sie gelangen über Schleichwege und mithilfe von Schleppern über Zagreb nach Deutschland. Auch dort erfährt die Familie Feindseligkeit und Demütigung. Hier bricht der Roman ab.
Meine Eltern hatten den Krieg zwar überlebt, und doch vernichtete er sie am Ende. Ähnlich hatte mein Großvater Sefkiga im Zweiten Weltkrieg sechs Schusswunden weggesteckt, um 1980 an einem Hirntumor zu sterben. Auch wir verließen unseren Krieg mit Fremdkörpern im Schädel.
Über die Normalität von Krieg
Silas Sprache ist auf merkwürdige Weise distanziert und ruhig. Dies überrascht, erzählt er doch über einen Lebensabschnitt, in dem er auf erschreckende Weise familiärer und kriegerischer Gewalt ausgesetzt war, dem er als Kind nur wenig entgegenzusetzen hatte. Ohne große gestalterische Finessen erzählt der Autor geradlinig die Geschichte eines Jungen in einem Inferno aus Krieg und Unsicherheit. Es ist, als hätte jene mühevolle Distanz zum Erlebten, die die Hauptfigur charakterisiert, den Erzähler erfasst, der sich nunmehr diszipliniert seiner Vergangenheit vergewissert. Wenn der Krieg zum Bestandteil des Lebens wird, muss er in den Alltag integriert werden. Nüchternheit und Distanz sind Überlebensstrategien.
Gerade weil der Roman nicht mit dem Schrecken hausieren gehen will, macht er Trauer erst möglich. Denn der Krieg ist nie zu Ende. Wir sollten mit ihm rechnen.
Ergänzendes:
- Rezensionshinweise auf Perlentaucher
- Kauf im Faltershop

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