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Leon Engler: Botanik des Wahnsinns (2025) – Buchbesprechung

Eine elegant geschriebene Autofiktion zu einem sperrigen Thema: dem Wahnsinn in einer Familie und dem Versuch, ihm zu entkommen.


Als bei der Zwangsräumung der Wohnung seiner Mutter durch eine Ver-wechslung alles von Wert in die Müllverbrennungsanlage wandert, bleibt dem Erzähler wortwörtlich nur der Abfall der eigenen Familiengeschichte. Wie hat es so weit kommen können? Der Erzähler blickt auf die Biografie seiner Familie: ein Stammbaum des Wahnsinns. Die Großmutter bipolar, zwölf Suizidversuche, der Großvater Stammkunde in Steinhof, die Mutter Alkoholikerin, der Vater depressiv. Und er blickt auf seinen eigenen Weg: Eine Kindheit im Münchner Arbeiterviertel. Die frühe Angst, verrückt zu werden. Die Flucht vor der Familie ins entfernte New York. Jahre in Wien mit Freud im Kaffeehaus. Und wie er schließlich doch in der Anstalt landet als Psychologe. Bei der Arbeit mit den Patienten lernt er, dass ein Mensch immer mehr ist als seine Krankheit, dass Zuhören wichtiger ist als Diagnostizieren. Vor allem aber muss er sich bald die Frage stellen, was das sein soll: ein normaler Mensch. Eine aus dem Ruder gelaufene Familienanamnese? Ein Schelmenroman? Ein Lehrstück in Empathie? Leon Englers Debüt ist all das und mehr, ein zärtlicher Befreiungsschlag, die Geschichte einer Versöhnung.

Buchtitel: Botanik des Wahnsinns
Autor: Leon Engler
Erscheinungsjahr: 2025
Sprache: Deutsch
Verlag: DuMont
Seiten: 208
ISBN 978-3-7558-0053-8


Buchbesprechung:

Eine surreale, aber auch sehr ansprechende Illustration von Beto Val, denke ich, als ich die Botanik des Wahnsinns von Leon Engler in Händen halte. Selten habe ich einen so geschmackvoll – auffälligen Bucheinband gesehen. Bei fortgeschrittener Lektüre erfahre ich, dass damit auf den Versuch der klassischen Psychiatrie angespielt werden sollte, Krankheiten wie Pflanzen zu klassifizieren. Engler schreibt dazu:

Mit der Vermessung der Welt und der Ordnung der Natur und Tierwelt begann man damit, auch die Seele vermessen zu wollten. Oder vielmehr: ihre Verirrungen.

Die eigene Familie sucht Mensch sich nicht aus

Das Buch also handelt von der Vermessung von Ver-rücktheit, genauer gesagt, von der Vermessung der Familie des Ich-Erzählers entlang den von ihnen erlittenen psychischen Erkrankungen. Denn der Erzähler wird von der Vorstellung geplagt, auch verrückt sein zu können, so wie seine Großmutter, seine Mutter und sein Vater. Eine Welt des Leidens: an Alkohol- und Tablettenabhängigkeit, Depression, Bipolarer Störung, Schizophrenie und Psychopathie. „Es sieht nicht gut für mich aus“, denkt er und beschließt seinen eigenen Obsessionen auf den Grund zu gehen.

Verloren sitzt er in einem Lagerraum, in dem er die Hinterlassenschaft seiner Mutter aufbewahrt. Doch die Boxen mit ihren Habseligkeiten sind von der Transportfirma verwechselt worden: nur mehr jene Dinge erschließen sich seiner Neugier, die entsorgt hätten werden sollen: alte Rechnungen, Werbematerial, wertloses Papier. Wie soll er so dem Leben seiner Mutter näher kommen? Trotz alledem: das Nachdenken über die Geschichte seiner Familie wird folgen, ein Puzzle aus Momentaufnahmen seiner Erinnerung, das schließlich in einem Text enden wird. Er tut also etwas Ungewöhnliches: die Geschichte einer Familie zu erzählen, der als Arbeiterfamilie im Regelfall keine tradierte Erzählung zusteht: Er wird sie aus dem Erinnerungsmüll fischen und damit auch sich selbst ein Stück weit retten. Schreiben als Form der Therapie? Vielleicht, aber mit dem angemessenen Stück Distanzierung zu sich selbst und einiger sprachlicher Gewandtheit, damit daraus überhaupt Literatur werden kann.

Wie so oft in unserer literarischen Gegenwart haben wir es mit Autofiktion zu tun, ich bin aber letztlich angenehm überrascht, wie sehr der Autor sich jedweder Larmoyanz oder unangemessener Selbstbeschau entzieht. Einem Puzzle gleich setzt er vorhandene Erinnerungsfetzen neben Zitate aus psychiatrischer und psychologischer Literatur und den Stationen seiner eigenen Biografie. Er verlässt sein bayerisches Dorf, reist um die Welt, von einer Station zur anderen, um brotlose Studien zu absolvieren und ein Leben voller Unruhe zu führen.

Diese Methode des Schreibens entlastet die Introspektion und fügt sich nebenbei zu einem spannend erzählten Text, der sich gegen die empirisch manifestierten Realität dieser Welt und die Ver-rücktheit seiner Familie stemmt:

„Ich habe alles gesammelt, was ich finden konnte. Manchmal hilft es, die Geschichte zu erzählen. Das hier ist eure. Ich habe sie aus dem Müll gefischt.“

Eine aus den Fugen geratene Welt

Auch der Ich-Erzähler endet in der Psychiatrie, allerdings als Praktikant im Rahmen seines Psychologiestudiums. Dort beobachtet er die Patient*innen, setzt sich ihnen mit Unbehagen aus und fügt sich trotz allem in den Anstaltsalltag ein. Seine Aufgabe wird es sein, mitzuhelfen, „schreckliches Elend in ganz normales Unglück zu verwandeln.“ Angeleitet wird er nur spärlich. Doch nicht nur in der Anstalt und im Rahmen seiner Familie begegnet ihm dieses Ver-rückt sein und das chronische Verzweifeln an der Welt. Auch in seinem lebensumfeld wird er fündig.

In der Nachbarwohnung in Wien lebt eine Art Privatgelehrter und Sonderling, der sich mit seinen Büchern, Ideen und laut vorgetragenen Vorträgen von der Umwelt isoliert hat. Ihm hört der Erzähler durch die dünnen Wände hindurch zu, schließt mit dem Nachbarn eine tragfähige Bekanntschaft, führt mit ihm lange Gespräche und geht mit ihm aus.

Ich beneide ihn um seine Gedanken und um die Toilette, die sich in seiner Wohnung befindet. Als ob ich so meinem Schicksal entgehen könnte, beginne ich, mich mit Psychologie zu beschäftigen. Bald habe ich alles gelesen, was ich beim Nachbarn finde.

Aus der Störung seines Alltags wird im Lauf der Zeit Bereicherung, eine gemeinsam intellektuelle Reise zu wichtigen Autor*innen beginnt. In einem gesonderten Kapitel, dem „Notizbuch des Nachbarn“ werden daraus Quellenhinweise zu den im Gesamttext eingestreuten Zitaten gesammelt. Große Namen finden sich hier: Freud, Foucault, Bachmann, Musil, Kristeva, Hustvedt u.v.a.m. Doch der Erzähler bleibt diskret, die zitierten Textstellen sind feste Bestandteile der eigenen Gedanken, der Hinweis auf sie artet nicht wie sonst üblich in preisgekröntes Namedropping aus (siehe das Buch von Dorothee Ermlinger).

Irren ist menschlich

Zurück bei mir zu Hause, in einer Wohnung, die dem des Nachbarn bei Engler ähnelt. Irgendwo in den Bücherbergen müsste sich doch ein Lehrbuch für Psychiatrie und Psychotherapie befinden, jenes von Klaus Dörner und Ursula Plog. Sein Titel lautet bezeichnenderweise Irren ist menschlich. Von ihm habe ich vor rund vierzig Jahren das erste Mal gelernt, dass Normalität nicht mehr als eine bloße Konstruktion darstellt. Unser aller höchst private psychische Verfassung befindet sich auf einem Kontinuum von Unauffälligkeit bis zu einer sich manifestierenden, diagnosefähigen Krankheit. Normalität wäre in diesem Sinne durch die Begriff Unauffälligkeit oder Resilienz zu ersetzen. Normalität ist eine Hilfskonstruktion. Dieses Sachbuch stellte sich als eines der zentralen Bücher heraus, welches mein Weltbild geformt hat. Vielleicht, so denke ich, ist Leon Englers Buch ein literarische Gegenstück zu ihm: eine ergreifende, aber niemals aufgeregte oder emotionalisierte Auseinandersetzung mit dem Anders sein in literarischem Gewand. Es ist auf alle Fälle ein elegantes Stück Literatur, glaubwürdig, klug, gut lesbar und auf eine bemerkenswerte Weise sauber fiktionalisiert. Dafür müssten wir ihm inmitten der gegenwärtigen Pathologie der Welt und seiner Akteure zu großem Dank verpflichtet sein.

Ergänzendes:


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