Prekäre Welten

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Obsession. Zu Büchern von Alherd Bacharevič und Roberto Bolaño – Buchbesprechung

Buchtitel: Europas Hunde
Autor: Alherd Bacharevič
Erscheinungsjahr: 2024
Sprache: Deutsch
Übersetzung aus dem Belorussishen und Russischen: Thomas Weiler
Verlag: Voland & Quist
Seiten: 744
ISBN 978-3-86391-315-1
Originaltitel: Сабакі Эўропы
Erscheinungsjahr Original: 2017 (Vilnius), 2020 (Moskau)

Buchtitel: Das Dritte Reich
Autor: Roberto Bolaño
Erscheinungsjahr: 2013
Sprache: Deutsch
Übersetzung aus dem Spanischen: Christian Hansen
Verlag: Fischer Taschenbuch Verlag
Seiten: 320
ISBN 978-3-596-18786-7
Originaltitel: El Tercer Reich
Erscheinungsjahr Original: 2010


Buchbesprechung

Eigentlich verdanke ich die Lektüre des einen Buches einem anderen Buch, nämlich dem großartigen Roman von Alhierd Bacharevič mit dem Titel Europas Hunde (2024). Darin wird in einer etwas manierierten Weise auf Roberto Bolaños Das Dritte Reich (2013) hingewiesen. Nebenbei bemerkt: Es ist zu einer, ja meiner Schrulle geworden, zitierten Büchern in meinen Lektüren nachzuspüren und sie nach Möglichkeit und Interesse zu lesen. Das wiederum führt zur nächsten Generation von Lektüren. Das ist mehr als zeitintensiv, aber lohnend. Ein literarisches Netz baut sich auf, in dem man sich leicht verirren kann, aber dort auch auf große Überraschungen trifft. Diese Suchbewegung ist fast zu einer Zwangshandlung geworden, die den Lesekompass bestimmt. Ein Verhalten, das aber auch recht gut zu den Charakteren dieser Besprechung zweier Büchern passt. Weshalb? Nun, das geht so:

Das Universum der Sprache Balbuta

Begeben wir uns ins erste Kapitel des Buches von Bacharevič. Es nennt sich: Wir sind leicht wie Papier. In Minsk hat ein verschrobener Philologe namens Oleg eine neue Kunstsprache konstruiert, dies aus großer Abneigung gegenüber seinen beiden Erstsprachen Belorussisch und Russisch. Sogar Englisch, Spanisch, Polnisch lehnt er ab. Viel zu verödet, verblödet, aufdringlich, herrschsüchtig und tot erscheinen sie ihm, ungeliebte Vertreter bestehender Macht. Die von ihm erdachte Sprache Balbuta wird jedoch anders sein, denn sie kann er von Anfang an nach seinen Vorstellungen formen: Vielfalt, Freiheit und Poesie sollen die Eckpfeiler dieser neuen Sprache werden. Nach hehren Richtlinien erschafft Oleg ihre Grammatik, Lexik und Stilistik. Ein erstes Wörterbuch entsteht. Der Geburt von Balbuta widmet er ab nun sein exzentrisches Leben, die Sprache wird zum Reich, in dem er (zunächst) unumschränkt herrschen darf. Nur die Sehnsucht nach einem Gegenüber, der ebenfalls diese Sprache verwendet und sie dadurch erst lebendig macht, macht ihm zu schaffen.

Im Café eines Supermarkts trifft er auf einen sechzehnjährigen Jungen namens Kozlik, der sich via Internet Zugang zu seiner lexikalischen Arbeit verschafft hat und enthusiasmiert Kontakt zu ihm sucht. Er will unbedingt an der Entwicklung von Balbuta mitarbeiten. Oleg fühlt sich von dem aufdringlichen Verehrer irritiert, verabredet sich aber trotzdem mit ihm. Das Erkennungszeichen soll ein Buch sein, dass der Junge mitbringen wird. Nach einer panischen Verfolgungsjagd durch die Stadt, bei der der Philologe seine spontane Abneigung gegenüber Kozlik überwindet, zeigt Kozlik auf das von ihm mitgebrachte Buch.

Erst jetzt ging meinem Kajetan auf, dass er noch immer sein dämliches Buch in der Hand hatte. Na klar, Roberto Bolaño. „Der erste Klassiker des 21. Jahrhunderts!“ Das Dritte Reich. …. Warum nicht, wenn man schon ein paar Facebookdäumchen gesammelt hat, kann man auch so etwas lesen. Immer noch besser als dieser …. Franzen.

Gemeint ist der Pulitzer-Preisträger Jonathan Franzen. Verärgert lehnt der Philologe ab, das angebotene Buch durchzublättern. Er hätte es ohnehin schon gelesen.

Die Schlachten des Dritten Reichs

Auch der Protagonist in Bolaños Buch ist ein sonderbarer Mensch. Insofern verweist Das Dritte Reich in der Hand von Kozlik auf einen anderen absurden, literarischen Kosmos: auf die Geschichte eines jungen Deutschen, der mit seiner Freundin Urlaub an der Costa Brava macht. Udo ist deutscher Meister in einem Strategiespiel, bei dem die Schlachten des Zweiten Weltkriegs nachgespielt und bei einigem spielerischen Geschick in ihrem Verlauf verändert werden können. Es ist ein Brettspiel, weswegen sich der selbstbewusst auftretende Urlauber einen großen Tisch auf sein Hotelzimmer bringen lassen muss, um auf ihm seine Schlachtfelder aufzubauen. Ähnlich wie die Personen, die sich wie Verschworene um die Kunstsprache Balbuta scharen, verliert sich auch Udo in seiner Leidenschaft. Um das Kriegsspiel gruppieren sich nachrangig die anderen Angelegenheiten seines Lebens: seine Arbeit, seine Affären, die Zufallsbekanntschaften, die eintönigen Freizeitbeschäftigungen jenseits der Spielsucht. (Bolaño bezieht seinen Roman auf ein tatsächlich existierendes Strategiespiel, das 1974 erschienen ist: The Rise and Decline of the Third Reich. Der Autor selbst hat diese obsessiv betrieben.) Genau wie bei Bacharevič erzählt der Ich-Erzähler eine lineare Geschichte über eine Obsession, die ständig auf der Kippe zum Unheimlichen steht und möglicherweise in einer Katastrophe enden wird. Mit beiden Geschichten werden wir als Leser*innen bis zuletzt an der Nase herumgeführt werden.

Udo beginnt an seinem Urlaubsort ein Tagebuch zu schreiben. Er tut dies auf Anraten seines Freundes Conrad, der ihm diese Tätigkeit als Unterstützung zur Ausformung seines Charakters vorgeschlagen hat. Doch Udo will sie vor allem nutzen, um sich im Schreiben zu üben, was er für die Veröffentlichung Spiel bezogener Artikel in einschlägigen Fachzeitschriften benötigt. Diese will er in seinem Urlaub schreiben, unterstützt von bestimmten Spielzügen auf dem Brett. Wie nicht anders zu erwarten kreist auch dieser Urlaub vor allem ums Spielen.

Am Strand stößt er auf einen von einem Feuer entstellten Tretbootvermieter („Der Verbrannte“), den er Schritt für Schritt in die Geheimnisse des Spieles einführen wird, um schließlich gegen ihn zu einem alles entscheidenden Endspiel anzutreten. Als wäre es nicht schon schrecklich genug, die Verbrechen des Nationalsozialismus auf dem Schlachtfeld mit einer derartigen Besessenheit nachzuahmen und weiterzuentwickeln, umgeben den Protagonisten eine Reihe unheimlicher Begebenheiten. Udo und seine Freundin machen Bekanntschaft mit zwielichtigen Gestalten, gewärtigen Gewalt gegenüber Frauen, werden indirekt Zeugen eines tödlichen Unfalls. Der schwerkranke Besitzer des Urlaubshotels schleicht heimlich in ihr Zimmer. Ingeborg, die sich von ihrem Freund entfremdet hat, reist am Ende ihres gemeinsamen Urlaubs ab, Udo bleibt noch vor Ort, weit über seinen Urlaub hinaus, um das große Spiel gegen seinen Widersacher bis zum bitteren Ende zu spielen. Auch dieser hat als Außenseiter der Dorfgemeinschaft im „Dritten Reich“ seine Bestimmung gefunden.

Es scheint, als hätte er in Drittes Reich eine befriedigende Interaktionsform gefunden. Hier, neben der Landkarte und den Force Pools ist er kein Monstrum, sondern ein Kopf, der nachdenkt, sich mittels hunderter Spielfiguren artikuliert … Ist ein Diktator und ein Schöpfer … Außerdem hat er Spass.

Nach Beendigung dieser sich über Wochen hinziehenden Partie reist Udo ab. In Deutschland wird er sein altes Leben nicht mehr wiederfinden können. So endet der Roman relativ banal, doch die bedrohliche Stimmung eines Aufenthalts in einem Dorf an der Costa Brava bleibt dem Leser noch lange nach Beendigung der Lektüre erhalten.

Das Spiel von Ver-rückten

Auch der Protagonist bei Bacharevič befindet sich in einer bedrohlichen Situation, die letzten Endes gut ausgeht. Auch hier verstirbt ein Mensch, für dessen Tod der Protagonist zur Verantwortung gezogen werden soll. Auch hier schreibt sich der Spracherfinder in einem Protokoll um Kopf und Kragen. Als er seine Niederschrift beendet hat, darf er gnädigerweise die Polizeistation verlassen. Nichts ist ihm passiert. Wieder ein banales Ende.

„Ich glaube an den Irrsinn. Und genauso an die Verrückten“, vermerkt der Ich-Erzähler bei Bacharevič. Der Leser merkt, wie gekonnt mit ihm gespielt wurde, in beiden Romanen. Weil er wahrscheinlich selbst ein in Büchern verloren gegangener Mensch ist.

Der Autor dieser Zeilen hat auch im Roman Bolaños Bücher gefunden, die ihn interessieren, die er aber nicht lesen will: Bücher von intellektuellen Mittätern des nationalsozialistischen Deutschland: Kröger, Lersch, Barthel und Jünger. Und dann gab es in Bolaños Buch auch noch einen fiktiven Polizeiermittler, der penetrant durch den gemeinsam verbrachten Urlaub von Udo und Ingeborg geistert: Florian Linden, der fiktive Held einer Serie von Kriminalromanen. Deshalb endet die literarische Spurensuche auch hier. Krimis haben noch nie wirklich interessiert.

Ergänzendes


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