Am Gebrauch der Sprache lässt sich etwas über den Zustand unserer Gesellschaft ablesen. Dachten Sternberger, Storz und Süskind, als sie kurz nach Kriegsende ihr Buch Aus dem Wörterbuch des Unmenschen kompilierten und zeigten, welche Verheerungen der Nationalsozialismus auch in der deutschen Sprache hinterlassen hatte. Knut Cordsen übersetzt diesen Ansatz in die Gegenwart – natürlich im Bewusstsein, dass sich Geschichte immer zweimal ereignet, einmal als Tragödie und einmal als Farce. So stellt sich Stand jetzt in eine doppelte Tradition. Im Sinne einer ernsten Sprachkritik forscht Knut Cordsen nach der tieferen Bedeutung des heutigen Jargons, spürt dem Jägerlatein einer Alice Weidel nach, schaut, was hinter der Brandmauer steckt, und begibt sich auf die Suche nach den Ursprüngen des Kampfbegriffs »Lügenpresse«. Zum anderen speist sich Stand jetzt aber auch aus einer unbändigen Sprachlust, labt sich an Worthülsenfrüchten, feiert Brot und Wortspiele, spaziert fröhlich und ergebnisoffen durch unsere nicht immer armutsfeste schöne Sprache und stärkt ihr den Rücken, nachdem man sie hinterhältig unter den Bus geworfen hat.
Ein so heldenhaftes wie mitmenschliches, meinungsstarkes wie lückenhaftes Kommentariat zum zeitgeistigen und zeitnahen Sprachgebrauch, das uns vor die großen Fragen stellt: Sollen wir weinen, weil das alles so komisch ist, oder lachen, weil das alles so tragisch enden wird? (Klappentext)

Buchtitel: Stand Jetzt. Aus dem Wörterbuch meiner Mitmenschen
Autor: Knut Cordsen
Erscheinungsjahr: 2025
Sprache: Deutsch
Verlag: Antje Kunstmann
Seiten: 128
ISBN 978-3-95614-653-4
Buchbesprechung:
Vorbemerkung:
Den wenigen treuen Followern von @tinderness auf Mastodon wird nicht entgangen sein, dass sich dieser Account auch mit dem Sammeln von Begrifflichkeit beschäftigt, die in den Sozialen Medien gerade auffällig geworden sind. Diese Sammeltätigkeit hat den Verfasser dieser Zeilen veranlasst, sich bei anderen Autor*innen umzutun, die wie er am Oszillieren der Sprache in den düsteren Gärten des Populismus interessieren. Dabei stellen sich viele Fragen: Wie gehen andere mit „cool“ daherkommenden Neuschöpfungen von Begriffen um, wie interpretieren, archivieren und bewerten sie diese? Welches Sammelziel wird verfolgt? Woher stammen diese Begriffe? Welche Form der Darstellung wird gewählt: Glossar, Essay, Satire oder gar wissenschaftliche Darstellung?
Nennen Sie es Erkenntnisinteresse, dass ich zum folgenden Buch gegriffen habe. Sachbücher sind ja sonst nicht mein Faible.
Von Gemeinplätzen und Mitmenschen
Vor kurzem ist im Antje Kunstmann – Verlag das neue Buch des Journalisten, Autors und Literaturkritikers Knut Cordsen erschienen. In „Stand Jetzt“ berichtet er auf humoristische und ironische Weise über eine persönliche Auswahl von Wörtern und Wendungen, die er meist der politischen Berichterstattung entnimmt. Der Titel seines Buches legt indes, gemeinsam mit dem Klappentext gelesen, eine falsche Fährte, weil es so tut, als würde das gegenständliche Buch die Befunde eines anderen Buches aus dem Jahr 1945 aufgreifen. Dieses hat sich um jenes Vokabular gekümmert hatte, das aus dem Nationalsozialismus stammend, in ein nunmehr demokratisches Deutschland hineinragte. Das ist aber nicht das Ziel Cordsens. In Cordsens einem Buch walten eher die Prinzipien von Zufall und persönlicher Befindlichkeit. Sie haben nur wenig mit dem „Wörterbuch des Unmenschen“ von 1945 zu tun. Man müsste wirklich einmal einen Verriss auf die idiotischen Klappentexte schreiben, die den Buchmarkt bevölkern!
Bemerkenswert ist jedoch, wie sich Cordsen in seinem Vorwort den scheinbaren Vorläufern seines Buches widmet. Er ordnet sich dabei wenig zurückhaltend neben den Großen dieses kleinen Genres „Sprachkritisches Wörterbuch“ ein. So nennt er nennt Gustave Flauberts posthum erschienenes Dictionnaire des idées reçues (dt. Wörterbuch der Gemeinplätze), er weist auf das schon erwähnte Wörterbuch des Unmenschen (1945) der Co-autoren Stornberger/Sterz/Süskind hin und auch Eckehart Remscheids Buch „Dummdeutsch“ (1995) kommt zum Zug.
Selbst Johann Wolfgang Goethe bleibt nicht unerwähnt. Der hat zu diesem Thema zwar kein Wörterbuch geschrieben, aber den Begriff „Nebenmensch“ ins Treffen geführt. Cordsen hätte ja diesen Begriff gerne für die Verursacher*innen des von ihm identifizierten Sprachmissbrauchs verwendet, doch (wahrscheinlich auf Anraten des Lektorats) spricht er letztendlich im Untertitel seines Buches versöhnlich von „seinen Mitmenschen“. Deren Wortwahl möchte er gerne in einem historischen „Hallraum“ verorten, vorzugsweise in jenem der Gegenwart.
Wen der Autor allerdings nicht vor den Vorhang ruft, sind die jeweiligen preisgekrönten Wörter (Unwörter/Jugendwörter) des Jahres, die von den jeweiligen sprachlichen Gesellschaften Deutschlands, Österreichs und der Ostschweiz seit geraumer Zeit (1971, 1999, 2003) nach einem Auswahlverfahren gekürt werden. Auch das Vokabular der Sozialen Medien lässt er durchwegs außen vor. So zeigt sein Wörterbuch Letztstand einen sehr subjektiven, wahrscheinlich auch verengten Blick auf inkriminierte Wörter und Wendungen. Er selbst bekennt sich gerne zu diesem selektiven Auswahlverfahren:
„Ich habe, wie man das halt so macht als Journalist, mitgeschrieben, wenn mir Dinge auffielen, wenn es mir merkwürdig vorkam, wie meine Mit- und Nebenmenschen redeten.“
Bundesdeutsche Wirklichkeit
Mehr darf man sich in diesem Buch auch nicht erwarten. 22 Bedeutungsräume holt Knudsen vor den Vorhang und schon bald merken wir, dass er sich dabei vor allem politischer und medialer Sprache verpflichtet fühlt. Diese sind hauptsächlich dem bundesdeutschen Sprachraum verpflichtet. Redewendungen wie „Den Rücken gerade machen“ oder Komposita mit – Aus (etwa „Ampel – Aus“), „Liberalala“ und „armutsfest“ hinterlassen bei Sprechern, die nicht unmittelbar mit dem bundesdeutschen „Hallraum“ verbunden sind, ein eher gleichgültiges Achselzucken. Allerdings: ein paar wenige Begriffe verortet er auch bei der FPÖ Österreichs; doch diese hat sich ohnehin schon immer mit ihrer Deutschtümelei beim großen Nachbarn aufgerichtet. Ein wenig veraltet und altbekannt wirken auch Gemeinplätze, etwa jener von der „Sauregurkenzeit“ oder von der „Wende“. Ist da der gesammelte Wörtervorrat ausgegangen?
Überhaupt scheinen die meisten Begriffe, die hier ausgebreitet werden, vor allem den Printmedien und dem Fernsehen entnommen worden zu sein, dem üblichen Reservoir bürgerlicher Sprachkritik. Dem hektischen und unmittelbar aktuellen Sprachgebrauch der Sozialen Medien, von ungleich höherer Wirksamkeit als jene der „alten Medien“, schenkt Cordsen erstaunlicherweise nur wenig Aufmerksamkeit. Gerade einmal bei seinem „Ausflug in die Niederungen des Kommentariats“ kommt er nicht umhin, auf das Auf und Ab der Drukos im allgemeinen „Rumgemeine“ der Sozialen Medien zu verweisen. Und, ach ja, der Begriff TikTok darf auch vorkommen, um Gregor Gysis Anbiederungsversuche an jugendliches Publikum zu geißeln.
Was bleibt, ist eine recht ausführliche Diskussion der ausgewählten Begriffe, die gerne mit Exkursen in die Vergangenheit begleitet werden. Es kommt einem fast wie etymologisches Bemühen vor, wenn etwa der Ausdruck „Lügenpresse“ in seiner medialen Präsenz der Zeitungslandschaft des 19. Jahrhunderts verortet wird oder Hölderlin als Nutzer des Begriffs „gottoffen“ identifiziert wird. Derartige Streifzüge ermüden rasch und sind wohl nicht wirklich relevant. Ein derartiges Vorgehen mag möglicherweise eine gewisse Ehrfurcht vor der Belesenheit (und Seniorität) des Autors erzeugen, liest sich jedoch sehr oft ein wenig oberlehrerhaft. Ein sympathischer Oberlehrer vielleicht, weil er mit Witz und Ironie erzählt, aber immerhin einer, der einen nach einem gelungenen Auftritt abfragen wird.
Ja, man wird die vierundzwanzig Kapitel des Buches rasch gelesen haben und sich dabei bemüht bis gelangweilt von einem Aperçu zum anderen gehangelt haben. Eine tiefergehende Analyse darüber, wie und mit welchen Mitteln die deutsche Sprache von Gemeinplätzen manipuliert und verändert wird, wird dabei aber nicht herausspringen. Der Autor bleibt nur allzu oft im Anekdotischen verhaftet, sogar allzu verhalten, wenn es um die publikumswirksame Hetze rechter bis rechtsextremer Parteien geht und um den polemisch hinterlegten Missbrauch. Neutralismus ist hier nicht angebracht. Er sieht die Sprache zwar politisch verortet, ohne jedoch die dahinterliegende Strategie und Taktik selbst zu kritisieren und eindeutig Stellung zu beziehen. So fallen alle in einen Topf: die Grünen, Greenpeace, FDP, die SPD, die „neue“ CDU/CSU und die unsägliche AfD bzw. FPÖ – eigentlich jeder, der dem Autor in die Hände fällt. Alle Genannten sind de facto schuld am allgemeinen Sprachverfall, insinuiert der ironische Chronist. Damit tut er seinem Gegenstand wohl keinen Gefallen, den Rechten aber wohl. Seht her, mögen sie rufen, wir sind ja alle gleich!
Ein Lektüretipp zum Schluss: Einfach das Inhaltsverzeichnis des Buches durchforsten und prüfen, ob die Diskussion der angeführten Bedeutungsfelder überhaupt von Interesse ist. Den Blick ins Inhaltsverzeichnis gibt es kostenfrei auf vielen Bücherplattformen zu erhaschen. Denn das Buch kostet knappe 25 EURO. Immerhin hat uns der Verlag über dieses Buch zu täuschen versucht.
Ergänzendes:
- Kauf im Faltershop

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