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Kaliane Bradley: Das Ministerium der Zeit (2024) -Buchbesprechung

Als eine junge Frau einen neuen Job bei einem geheimnisvollen Ministerium antritt, ahnt sie nicht, dass dieser schwüle Sommer ihr Leben für immer verändern wird. Denn das Ministerium der Zeit hat das geschafft, was niemand jemals für möglich hielt: Menschen durch die Zeit zu transportieren. Und so soll sie dem eigentlich 1847 verstorbenen Polarforscher Commander Graham Gore das Ankommen im lärmenden London des 21. Jahrhunderts erleichtern. Während er sich an mit den Wundern der Moderne wie Toilettenspülungen und Spotify vertraut macht, muss sie ihn damit konfrontieren, dass sich die Welt nicht unbedingt nur zum Guten gewandelt hat. Und als sei nicht alles ohnehin kompliziert genug, entwickelt sich aus dem anfänglichen Unbehagen weit mehr als nur eine tiefe Freundschaft. Doch das Ministerium hat seine ganz eigenen Pläne mit dem Zeitreisenden und plötzlich verschieben sich heute, morgen und gestern, und was die beiden zusammengeführt hat, droht sie nun mit aller Macht auseinanderzureißen. (Klappentext)

Buchtitel: Das Ministerium der Zeit
Autorin: Kaliane Bradlkey
Erscheinungsjahr: 2025
Sprache: Deutsch
Übersetzung aus dem Englischen: Sophie Zeitz
Verlag: Penguin
Seiten: 384
ISBN 978-3-328-60353-5
Originaltitel: The Ministry of Time
Erscheinungsjahr Original: 2024


Buchbesprechung:

Mit The Ministry of Time hat die Britin Kaliane Bradley 2024 ihren Debütroman vorgelegt, der auf Anhieb große Erfolge feiern konnte. Mittlerweile ist er in zahlreichen Übersetzungen erschienen. Seit 2025 liegt er auch in der deutschen Fassung vor. Eine Verfilmung des Romans ist geplant.

Zeitreisen

Der Roman spielt in der nahen Zukunft. Die Erinnerung an die COVID – Epidemie ist noch wach, Hitzewellen überziehen das Land. Doch wir befinden uns in keiner Climate Fiction. Es ist eine Geschichte über Zeitreisen, ein Thema, das schon von Vielen und dabei allzu technokratisch behandelt wurde. Doch mit wissenschaftlichen Erklärungsversuchen will sich die Ich-Erzählerin nicht aufhalten, sehr schnell, sagt sie, gerate man ihn totale Verwirrung ob der widersprüchlichen Aspekte einer Zeitreise. Sie rät der Leserschaft deshalb:

Zerbrich dir nicht den Kopf. Alles, was du wissen musst, ist, dass die britische Regierung in deiner nahen Zukunft einen Weg gefunden hat, durch die Zeit zu reisen, bisher aber noch nicht damit experimentiert hat.

Zwischen Hierheit und Dortheit

Stattdessen überrascht uns die Autorin mit einer ebenso interessanten wie klugen Erzählung über ein Abenteuer, in dem individuelle Geschichte auf die Verhältnisse der Gegenwart trifft. Ein durch Zufall in einem Londoner Vorort vorgefundenes Portal vermag es, Personen aus der Vergangenheit in die Gegenwart zu transferieren. Noch hat man keine Erfahrung mit dem Verhalten der auf diese Weise in die Gegenwart gebrachten Männer und Frauen gemacht. Zunächst als Zeitflüchtlinge gebrandmarkt, werden sie nach sorgfältiger Abwägung des Ministeriums der Zeit offiziell als „Expats“ bezeichnet. Die Staatsbürokratie hat ein komplexes Beobachtungsszenarium entwickelt und vorerst nur fünf Personen in die Gegenwart geholt. Diese sollen „vermessen“ und ihre „Lesbarkeit“ (durch fotometrische Geräte) getestet werden. Sie befinden sich zunächst in einer Art Latenz zwischen den Zuständen der „Hierheit“ in der Gegenwart und der „Dortheit“ ihrer lang zurückliegenden Vergangenheit. Sie wurden erst knapp vor ihrem sicheren Tod „aus der Vergangenheit extrahiert“, um so den Eingriff in die Vergangenheit möglichst minimal zu halten. Zu ihrer Betreuung werden sgn. „Brücken“ abgestellt, Betreuungspersonen, die die Entwicklungsschritte der „Expats“ überwachen sollen und gleichzeitig ihre „Assimilation“ erleichtern. Ziel dieses Experiments ist es, zu eruieren, ob Zeitreisen schwerwiegende Auswirkungen auf die beteiligten Personen haben. Doch im Laufe der Lektüre erweist sich, dass diese ministeriellen Begründungen mehr verbergen als erklären.

Die Ich-Erzählerin ist eine dieser „Brücken“, sie hat die Betreuung eines (historisch verbrieften) englischen Seefahrers namens Graham Gore (1809 – 1847) übernommen. Mit ihm sind weitere Expats ins Land gekommen, die von der Bürokratie gerne mit der Jahreszahl ihrer Extraktion bezeichnet werden: Sechzehn-Fünfundvierzig, Sechzehn-Fünfundsechzig, Siebzehn-Dreiundneunzig, Achtzehn-Siebenundvierzig und Neunzehn-Sechzehn. Natürlich besitzt jede/r von ihnen einen bekannten, bürgerlichen Namen, eine spezifische Lebensgeschichte und die dazugehörige Todesart. Aber erst im Verlauf des Romans werden die Expats ihre Konturen (und ihre Namen) gewinnen und dabei jede Menge intellektueller Abenteuer erleben, die sich in Konfrontation mit dem Fremden einer neuen Lebenswelt ergeben.

Handlungsebenen

Tatsächlich spielt der Roman auf drei Ebenen: (1) Einer Chronologie der Ereignisse, die zum Tod von Gore als Teilnehmer der verschollenen „Franklin Expedition“ führt, dies beim Versuch, die Nord West Passage zu durchqueren. (2) Eine Liebesgeschichte, die sich zwischen Gore und seiner Betreuerin entwickelt und (3) Eine Spionageerzählung, die die Umstände rund um die Entdeckung des Zeitreise-Portals behandelt und aufzulösen versucht.

Erleben von Diversität

Dabei schöpft die Autorin den Spannungsbogen, der sich aus dem Zusammentreffen von Menschen aus verschiedenen historischen Epochen (und sozialen Zusammenhängen) mit Vertreter*innen der Gegenwart ergibt, voll aus. Im Zentrum steht die Entwicklung eines Verständnisses vom Anderen, stehen interkulturelle Missverständnisse und historische Differenzen, die sich in der jeweiligen Persönlichkeit eingelagert haben. Das betrifft nicht nur die Expats, sondern auch ihre Betreuer.

Wenn man so will, ist dieser Roman eine Auseinandersetzung zwischen historisch und kulturell verankerten Identitäten. Das führt nicht nur zu Diskussionen über Sklaverei und Imperialismus, Frauenrechte und Anerkennung von Diversität, sondern auch zu recht charmanten Vermutungen über den Sinn und Unsinn „moderner“ Technologien. Dazu ein Beispiel, auch um die leise Ironie wiederzugeben, mit dem in diesem Roman gerne agiert wird.

Gore als typischer, männlicher Vertreter des frühen 19. Jahrhunderts äußert bei der ersten Begegnung mit dem Fernseher seine Bedenken: „Unschuldige Kinder und unverheiratete Frauen könnten den Apparat einschalten und mit reißerischen Beispielen kriminellen Verhaltens konfrontiert werden.“ Margret Temple hingegen, eine freizügige Frau, die während der Großen Pest von London 1665 verstorben ist, entdeckt mit großem Interesse die Existenz Militanter Feministinnen: „Haben sie einen Stützpunkt? Eine Uniform vielleicht? Falls nicht, werde ich sie entwerfen!“

Derartige zeitbedingte Beurteilungen, spiegeln sich dabei am kulturellen Hintergrund der Ich-Erzählerin, die mit ihren aus Kambodscha stammenden Eltern groß geworden ist und sich gegen die bornierten Einschätzungen ihrer Zeitgenoss*innen zu wehren hat.

Es sind gerade diese ungewöhnlichen Einschätzungen, die den Lesern großes Vergnügen und manche Einsichten zu bescheren vermögen. Gerade die historische Authentizität des Lebens von Graham Gore – das Buch ist mit einigen seiner Zeichnungen und einer Daguerreotypie des Mannes ausgestattet – erlaubt es, dem Umgang mit dem Fremden einen gewissen realistischen Anstrich zu geben.

Spione aus einer anderen Zeit

Hinter all dem Engagement und Sensibilität, mit der auch die anderen Expats in ihrer Aneignung einer neuen, bekannt-unbekannten Welt dargestellt werden, verbirgt sich aber auch die Arbeit an der Aufklärung mysteriöser Begebenheiten, die sich im Rahmen des Forschungsprojekts ergeben: das Verschwinden eines Führungsoffiziers des Projekts, der Tod einer Expat, das Auftauchen eines magischen Apparates, das Eintreffen eines zwielichtigen Brigadiers oder ein Anschlag auf Leib und Leben der beiden Protagonistinnen. Das macht die Lektüre im letzten Drittel des Buches ein wenig holprig, bricht es doch mit den bisherigen Usancen klaren und eindeutigen Erzählens. Zuallerletzt muss auch noch aus der vorsichtigen persönlichen Annäherung zwischen Gore und der Ich-Erzählerin eine unglückliche und schwierig zu argumentierende Liebesgeschichte werden. Das hätte es nicht gebraucht, aber das ist das, womit Werbung für dieses Buch gemacht wird. Dieses Schielen auf die Verkaufszahlen tut der Qualität des Buches nicht gut.

Resümee

Ein wenig enttäuscht lege ich das Buch zurück. Haben jene, letzten Endes doch schwer zu verstehenden Zeitreisen mitsamt ihren Portalmysterien und Personenverdopplungen doch Oberhand über einen sehr interessanten und sensiblen Roman bekommen? So schwankt das Buch zwischen intellektueller Auseinandersetzung mit Vergangenheit und Zukunft und dem kruden Gedankenspiel um Zeitreisen und einer kompliziert entwickelten Spionageerzählung. Lesen sollte mensch das Buch aber trotzdem. Dem weiteren Entwicklungsweg der Autorin werde ich in Zukunft besonderes Augenmerk widmen.

Ergänzendes


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