Was bedeutet es, dass Donald J. Trump sich König nennt und nennen lässt? Heißt das, dass er der einzige Mann ist, alle anderen, auch die Männer, sind in Prinzessinnen verwandelt? Marlene Streeruwitz geht in dieser Kulturgeschichte der Männlichkeit dieser Frage nach.
Nur der König ist männlich, alle anderen sind nicht mehr selbstbestimmte, frei wählende Staatsbürger, sondern nur noch Untertanen. Der König bestimmt über alle Aspekte des Lebens. Das natürliche Geschlecht dient nur mehr der Reproduktion der Untertanenschaft. So werden alle zu Verfügten und müssen sich zur Verfügung halten. Das entspricht der Position der Prinzessin, über die der Königsvater zu seinem Vorteil bestimmt. Wir schreiben ungefähr das Jahr 1740 und alle Errungenschaften der Aufklärung werden vom König verfolgt und vernichtet. (Klappentext)

Buchtitel: Prinzessinnenkunde
Autorin: Marlene Streeruwitz
Erscheinungsjahr: 2025
Sprache: Deutsch
Verlag: bohoo books
Seiten: 91
ISBN 978-3-903478-49-7
Buchbesprechung
Mit ihrem neuesten Buch setzt Marlene Streeruwitz die Reihe ihrer Handbücher bzw. Gebrauchsanweisungen fort, die sie 2024 mit den Themen Krieg und Liebe begonnen hat. Nunmehr schreibt sie über den Begriff der Prinzessin bzw. ihrer entzauberten Gegenspielerin, der Magd. Um es gleich vorweg zu sagen: Dieser schmale Band von 91 Seiten ist nicht als Satire gesellschaftlicher Verhältnisse zu verstehen, sondern vielmehr als eine Art Essay, in der Begriffe wie König, Vasall, Prinzessin oder Magd benutzt werden, um die Realverfassung männlicher Macht der Gegenwart zu beschreiben. Auch ist der Titel insofern irreführend, kreist er doch in seinen Abwägungen um neue Könige und ihre Entourage, um eine auf männliche Anmaßungen zugeschnittene Gesellschaft, die sich demokratischer Hemmnisse entbunden hat. Die Prinzessin wird darin zum Opfer. Es ist ein feministisches Buch, und das ist gut so.
Fluchtmotiv Prinzessin
Die Begrifflichkeit der Prinzessin wird von Streeruwitz sowohl im historischen Kontext als auch in der scherzhaft-aggressiven Verwendung alltäglicher Sprachverwendung benutzt: „Sei nicht so eine Prinzessin!“ Er bezeichnet aber auch den weiblichen Wunsch nach einem selbstbestimmten Leben jenseits der Unterordnung unter männliche Macht und alltägliche Verpflichtungen. Daneben ist er auch ein Produkt des Wünschens.
Prinzessin. Das blieb ein Fluchtmotiv. Als Prinzessin, so die Fantasie. Als Prinzessin wäre eine diesen alltäglichen Drangsalen nicht ausgesetzt. Einer Prinzessin wird mit Ehrfurcht begegnet. Eine Prinzessin ist selbstverständlich geachtet. Eine Prinzessin hat es gut.
Im Blick auf die Verhältnisse in der Nachkriegszeit verortet Streeruwitz eine tiefgreifende Bedrohung des Status der selbstständig gewordenen Frau. Er hatte sich so in Abwesenheit der Männer während des Krieges notgedrungener Weise etabliert. Nun wird die Macht des Mannes im eigenen Heim erneut restauriert: „Den heimgekehrten Verlierern des Zweiten Weltkriegs wurden die Frauen und mit ihnen die Familien zur Regierung übergeben. Denn. Auch diese Männer mussten stillgehalten werden.“
Frauen werden nach ihrer wichtigen Rolle im Krieg wieder dem „Kosmos der Pflege“ überantwortet. Sie sind wieder zur Magd geworden. Der Traum vom selbstbestimmten Prinzessinnenleben ist ausgeträumt. Der Begriff der Prinzessin wird nach Streeruwitz immer häufiger verächtlich gedacht. Dennoch gibt es die Prinzessin weiterhin, als gut verkäufliches Symbol der Frauenzeitschriften in den Sechzigerjahren. Die sogenannte sexuelle Revolution, die Doppelbelastung aus Beruf und Kosmos der Pflege, Familienrechtsreform und Frauenrechtsbewegung bringen das „Fluchtmotiv“ Prinzessin ins Wanken, verschieben seine Wertigkeit und seine Zuschreibungen. Letztendlich sind die Frauen keine Prinzessinnen mehr, die auf ihren Prinzen warteten. Die Entzauberung des Prinzessinen-Seins durch die sgn. Sexuelle Revolution macht die Prinzessin zur Barbiepuppe. In Serien wie Sex and the City löst sich der Status der unberührten Prinzessinnen schließlich in Sexualität auf.
Es sind die beiden ersten Kapitel des Buches, die mich in ihrer Stringenz und sprachlichen Präzision besonders beeindruckt haben. Jeder Satz ist gelungen, jedes Wort steht am richtigen Ort, nichts muss umständlich erklärt werden. Diese Knappheit und Präzision der Prosa verliert sich jedoch in den Folgekapiteln, die König Trump gewidmet sind, und weicht einem „Erklärungsmodus“, welcher ungelenker daherkommt als die vorhergehenden Passagen. Dennoch sind auch die Trump-Kapitel sehr lesenswert.
König Trump
Prinzessin und Magd müssen immer mit dem zu Machtgier und Grausamkeit neigenden König gedacht werden. Das Ensemble wird durch den Prinzen, der auf den Tod des Vaters und die Erbfolge wartet und daher misstrauisch im Zaum gehalten werden muss, vervollständigt. Wir befinden uns bei diesem Sittenbild aber nicht mehr im Dunstkreis harmlos erscheinender Monarchien, wie sie uns in den Boulevardblättern entgegentreten. Der absolut herrschende König ist nicht mehr in einem luxuriös ausgestatteten Extrazimmer der Demokratie angesiedelt. Er tritt in einer atemberaubenden Unverschämtheit in den Kreis aufgeklärter Staaten. Es wird Ernst gemacht mit der Herrschaft der Wenigen, die sich durch Geld, Korruption und Machtmissbrauch legitimieren.
Streeruwitz argumentiert überzeugend: König D.J. Trump, der einer Verschwörungserzählung für Kinder („The Plot Against King Donald“, 2022) seines Vasallen Kash Patall entstiegen ist, schwingt drohend das Zepter, versetzt die Welt und sich in einen autoritären Rausch, der sich nicht durch Geburt, sondern die Verfügungsmacht über Geld rechtfertigt. Die Vasallen ordnen sich eilfertig unter. Das Weiße Haus verändert sich in ein goldverziertes Schloss mit riesigem Ballsaal. Diese beschämende Szenarien dürfen wir täglich mitverfolgen. Eine Art höfische Inszenierung legt für alle Beteiligten ihre eng umschriebenen Rollen fest. Wer Szenen aus dem Weißen Haus beobachtet hat, bei der sich Trumps Lakaien (früher Mitarbeiterstab genannt) in Unterwürfigkeit ergehen, erlebt dieses höfisches Protokoll in einer Art cringer Verblüffung. Der No Kings Day protestierender Demokraten ist in diesem Sinne nicht nur eine gut gelungene strategische Gegenbewegung, sondern auch Ausdruck der Verhältnisse, die Streeruwitz mit ihrem Bild vom König beschreibt. Für Teile der MAGA-Bevölkerung wird DJT zum Märchen. Denn es geht darum:
„Die Wirklichkeit in eine Märchenwelt verschieben. Komplexe politische Vorgänge auf Märchenmotive zu reduzieren. Die handelnden Personen als Märchenfiguren in eine wage Überzeitlichkeit zu heben. So gelingt Propaganda“.
Die Beschäftigung mit Donald J. Trump hat sich schon im letzten Roman von Marlene Streeruwitz mit dem Titel „Auflösungen“ (2025) angekündigt. Nicht nur erlebt die Erzählerin bei ihrem Eintreffen auf dem Flughafen in New York verstörende Szenen bei der Grenzkontrolle. Auch stolpert sie die Erzählerin in der Zeit zwischen den beiden Amtsperioden DJTs durch eine seltsam bedrückende und verlorene Stadt. Der Weg führt sie auch an einem Gerichtsgebäude vorbei, wo sie einen „Mann im blauen Anzug mit Krawatte“ beobachten kann:
„Trump saß so angezogen jeden Tag auf seinem Platz im Gerichtssaal. Angeblich schlief er da ein. Und war er wirklich rüde genug, so vor sich hinzufurzen? Die Comedians bezogen sich gerne darauf.“ (Auflösungen, 2025).
Nun analysiert sie in diesem Buch die Struktur seiner Herrschaft. Natürlich wird sie mit ihrer Analyse den Kriterien politikwissenschaftlicher Betrachtungsweisen nicht gerecht. Doch war dies auch nie der Anspruch der vorliegenden Prinzessinnenkunde, die mehr essayistisch als wissenschaftlich fundiert daherkommt.
Macht und Befreiung
Streeruwitz macht zur Unterstützung ihrer These von der unumschränkten Königsmacht auch Exkurse in die dynastische Vergangenheit Deutschlands. Sie erzählt von den Grausamkeiten am Hofe Friedrich Wilhelm I., an dem Prinzessin und Erbprinz der Willkür des gewalttätigen Soldatenkönigs ausgesetzt sind. Dem kann sich die Prinzessin und Kurfürstin Wilhelmine von Bayreuth (1709 – 1758) nur durch List partiell entziehen: Sie schreibt sich zur Verteidigung ihres Bruders in einen Kontext ein, in der sie sich als Kunstmäzenin, Komponistin und Opernintendantin präsentiert. Das schafft ihr den Raum zu (einem im Grunde) schwachem Widerstand.
Schon zu Beginn der Prinzessinnenkunde fällt der Begriff vom „Hausvaterstatus“, mit dem bürgerliche, aber auch post-bürgerlichen Männer ihr „Quäntchen Macht“ verteidigen. Die Frau sei ihnen nachgereiht, so wie die Prinzessin dem König unterworfen ist. „Und die Wahrheit ist eben, dass Männer über ihren kleinen Königsanteil in ihrer Männlichkeit zu subaltern gedachten Vasallen des Königs werden.“ Rasch fällt einem dazu der reaktionären MAGA – Bewegung geprägte Begriff der TradWifes ein, der als traditionelle Frauenrolle bis hin zu ihrer Unterwerfung gedacht und propagiert werden.
Streeruwitz sieht diesen immer wiederkehrenden Rückfall in die Verhältnisse ausgeübter Königsmacht jedoch nicht als zwangsläufige Entwicklung an, selbst wenn sie an Entwicklungen in den USA, Ungarn oder Italien denkt. Ihr Appell richtet sich deshalb auch auf den Übergang von einem „feudal festgezurrten Mann“ zu einem emanzipierten Menschen, der sich die Gleichheit zwischen den Geschlechtern vorstellen will und an dessen Umsetzung arbeitet. Dabei besitzen Kunst und Wissenschaft ein gewisses Potenzial zum Dissens mit dem Bestehenden. In einem Zukunftsszenario sei die Prinzessin in einen Schutzgeist umzudenken, der König wieder zu stürzen und die Prinzessin aus ihrem Turm zu befreien.
Resümee
Prinzessinenkunde ist ein Stück Prosa, in dem Sprache zuspitzt und auch notgedrungen übertreibt. Das tut sie in feministischer Manier, auch um die in den verborgenen Winkeln der Dialektik von Unterdrückung und Befreiung zu schürfen und um Strukturen freizulegen, die so normal erscheinen, dass sie nicht mehr hinterfragt werden. Wer würde sich noch über Politikerfiguren wie Trump wundern? Mir gefiel der Ansatz, sich den Begriffen von Prinzessin und König zu widmen, um so politische und gesellschaftliche Phänomene der Gegenwart zu beschreiben. Es war eine erfrischende und anregende Lektüre.
Ergänzendes:
- Kauf im Faltershop

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