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Dorothee Elmiger: Die Holländerinnen (2025) – Buchbesprechung

Dorothee Elmigers bildgewaltiger Roman – eine mitreißende Erfahrung. Wer diesen Text betritt, fällt in den Abgrund unserer Welt und blickt mit aufgerissenen Augen in die Finsternis. Ausgezeichnet mit dem Deutschen Buchpreis und dem Bayerischen Buchpreis 2025, nominiert für den Schweizer Buchpreis 2025.
Mit blinkenden Warnlichtern fährt die Erzählerin, eine namenlose Schriftstellerin, an den Straßenrand, als ein unerwarteter Anruf sie erreicht. Am Apparat ist ein gefeierter Theatermacher, der sie für sein neuestes Vorhaben zu gewinnen versucht – ein in den Tropen angesiedeltes Stück, die Rekonstruktion eines Falls. Wenige Wochen später bricht sie auf, um sich der Theatergruppe auf ihrem Gang ins tiefe Innere des Urwalds anzuschließen. Dorothee Elmiger erzählt eine beunruhigende Geschichte von Menschen und Monstren, von Furcht und Gewalt, von der Verlorenheit im Universum und vom Versagen der Erzählungen. (Klappentext)

Buchtitel: Die Holländerinnen
Autorin: Dorothee Elmiger
Erscheinungsjahr: 2025
Sprache: Deutsch
Verlag: Carl Hanser
Seiten: 160
ISBN 978-3-446-28298-8


Buchbesprechung:

Dubai – Schokolade

Die schlechte Nachricht gleich zu Beginn: Dem Buch widerfuhr unmittelbar nach seiner Auszeichnung mit dem Deutschen Buchpreis im Oktober 2025 ein bitteres Schicksal: Es war kaum mehr im Buchhandel erhältlich. Der Verlag hatte den möglichen Nachdruck verschlafen, ein Phänomen, das auch anderweitig beobachtbar war. Dies veranlasste einige Blätter zu dem eigenartigen Vergleich, dass die Dubai-Schokoladen dieses Herbstes Bücher seien. Der Grund für diesen Engpass verortete der Standard in einem Versagen des Buchhandels angesichts einer Vielfalt von Problemen.: „Schließungen von Druckereien sowie Fachkräftemangel, kleinteiligere und vorsichtigere Auflagenplanung seitens der Verlage, geballte Produktionsvolumen hin zum Herbst- und Weihnachtsgeschäft.“

Pech (d.h. möglicher Verdienstentgang) für die Autorin, möchte mensch meinen. Oder einfach Glück im Unglück, denn die Aufmerksamkeit, die auf dieses Buch gerichtet war, steigerte sich möglicherweise durch seine schwere Verfügbarkeit nur noch mehr. In Zukunft bitte immer Bücher vor ihrem Erscheinen bestellen, ist die versteckte Botschaft des Buchhandels.

Extensives Namedropping

Nun liegt diese Tafel Dubai-Schokolade vor mir, ein schmaler Band von knapp 160 Seiten. Das Feuilleton ist voll Lobes für dieses Buch. Es scheint, als hätte die temporäre Nichtverfügbarkeit seinen vermeintlichen Wert noch gesteigert. Schon nach wenigen Seiten Lektüre wird klar, dass auch sein Inhalt eine Veredelung erfahren hatte, diesmal von der Autorin selbst. Ständiges Namedropping aus dem Reservoir abendländischer Geistesgeschichte (Personen, Werke, Begriffe) machen aus dem Buch eine elitäre Wegzehrung. Gesteigert wird dies alles noch durch die durchgängige Verwendung des Konjunktivs durch die Erzählerin. Das verlangt dem Publikum Respekt, ja sogar Ehrfurcht ab.

Die beeindruckende Aneinanderreihung intellektueller Perlen auf der langen Assoziationskette erzählerischen Tuns, wie sieht sie aus? Eine Auswahl: Penelope, Brueghel d. Ältere mit Gemälde, Thomas Bernhards Erzählung Der Zimmerer, Hitchcocks Film Psycho, die Gemälde Caravaggios, Ingeborg Bachmanns Todesarten, Martin Walser und Urs Jaeggi, Die Dialektik der Aufklärung (Horkheimer, Adorno), Werner Herzog mit seinen Filmen Aguirre und Fitzcarraldo, Kafkas Bericht für eine Akademie, Stefan Zweigs Sternstunden der Menschheit, Michael Hanekes Film Der siebente Kontinent, Emily Dickinson, Franz Schuberts Stabat Mater etc.

Sie wissen mit derartigem etwas anzufangen, nun denn, sie gehören zum erlauchten Kreis erwählter Leser*innen! Sie dürfen sich selbstzufrieden zurücklehnen und ein verkopftes Abenteuer genießen. Dieses verschwendet die fiktive Autorin in narzisstischer Weise an ein akademisches Auditorium. Und so geschieht es quasi unter der Hand: Die Ich-Erzählerin kompensiert und bläht das drohende literarische Scheitern zu einem intellektuellen Spiel mit dem vermeintlichen Leben auf. Die Zuhörer*innen bleiben dabei indifferent.

Theatralisches Re-enactment

Was aber wird in der Vorlesung tatsächlich erzählt? Eine wohlbekannte Autorin konzentriert sich auf eine Art künstlerisches Re-enactment, zu dem sie als literarische begabte Protokollantin von einem bekannten Theatermacher eingeladen wurde. Auftrag und Handlung führen sie in einen tropischen Landstrich „zwischen den Wendekreisen“. Gebildete erinnern Henry Miller. Dort versammeln sich am Rande einer aufgelassenen Plantage der United Fruit Company eine Gruppe von Kulturarbeitern in einem in den Neunzigerjahren errichteten Yogazentrum. Ihr Ziel ist es, dem mysteriösen Verschwinden zweier Holländerinnen nachzuspüren: nicht um sie (oder ihre Leichen) zu finden, sondern um sich dem Schrecken einer fantasierten Katastrophe auszusetzen. Es geht also um hysterisch erfahrenen Schrecken, der alle beschäftigt und um höchst private Geschichten, die mensch einander erzählen möchte. Rund um diese fast therapeutisch anmutende Inszenierung baut der alle beherrschende Theatermacher (hier fällt im Feuilleton immer wieder der Klarname Milo Rau) sein theoretisches Konstrukt: „Er schleift den Terror der Nächte, die schonungslosen Tage ans Licht.“ Die Beantwortung der drängenden Frage, was genau diesen Terror ausmacht, bleibt uns der Kurzroman jedoch schuldig. Schon Andre Heller hat einst bedeutungsschwanger behauptet: „Die wahren Abenteuer sind im Kopf und sind sie nicht im Kopf, dann sind sie nirgendwo.“

Der Geschichten sind viele, die alltäglichen Schrecken belegen können, auch die Kulturarbeiter*innen sind nicht frei davon: Jene vom Schafezählen, Erlebnisse mit einem Maler, fettbeschmierte Hände vom Schneiden eines Iberico-Schinkens, Klaus Kinskis gewalttätige Übergriffe in einem kleinen Anden-Hotel, Zudringlichkeiten einer Micky Maus, gewalttätige Inzucht unter Bauern im Amazonas-Gebiet, dem Tierschutz unerträgliche Zurichtung von Wildpferden. exzessive Passionsspiele mit tödlichem Ausgang. Doch dies alles sind Geschichten, die vom erregenden Luxus des Schreckens in einer von Introspektion geprägten Elite erzählen. Außen vor bleibt die Realität des Grauens in einer machtbesessenen Alltagsrealität, denn diese mag wohl zu banal erscheinen.

Unter diesem Prisma persönlichen Erlebens, entfaltet sich also das private Mini-Unheil. Die Protokollantin vermerkt:

Im Hinstarren aufs Unheil liege eine gewisse Faszination und damit ein unausgesprochenes, ein heimliches Einverständnis“

Genau das ist literarischer Voyeurismus. Unter dieser Prämisse kann sich die Gruppe der Verschworenen auf ihre Expedition zu den Wurzeln vermeintlichen Grauens machen; erfahrungsgeil und verschreckt. Auf den Spuren der beiden verschwundenen Holländerinnen geht es in den Tropenwald, genauso wie die beiden Holländerinnen stolpern die Kulturarbeiter*innen in starke Regenfälle. Mit ihnen eine Gruppe von jugendlichen Chorsängerinnen, die unbeeindruckt von der Mühsal zu sein scheinen, die ihnen vom besessen agierenden Theatermacher auferlegt wird. Doch abseits vom kontinuierlich sich hinziehenden Jammerton der Ich-Erzählerin, die mit allen Mitteln versucht, das Unheil und den Schrecken anhand von Naturbeschreibungen herbeizuschreiben, geschieht letztendlich NICHTS. Wir fürchten uns nicht, langweilen uns ob der inneren Zweifel der Protokollantin. Am Ende sind alle vom Regen durchgeweicht und von der Strapaze der Wanderung müde. Re-enactment macht hungrig nach Alltag.

Langeweile

Zurück bleibt der Leser mit schalem Geschmack auf der Zunge, denn er ist aus dritter, gar vierter Hand mit dem vermeintlichen Unheil dieser Welt konfrontiert worden. Ich selbst habe beim Lesen dieser Unheilserzählung immer wieder an „Das Herz der Finsternis“ (1902) von Joseph Conrad denken müssen, der uns tatsächlich vorzuführen wusste, wo das Unheil dieser Welt zu suchen und zu finden sei. Dagegen hat das Stück Dubai-Schokolade von Dorothee Elmiger wenig zu bieten. Vielmehr kommt während der Lektüre die Befürchtung auf, mit dem Umblättern einer Seite erneut mit dem Sermon aus einer anderen, sehr privaten Quelle konfrontiert zu werden. So geschieht es dann ironischerweise, dass ihre Protagonistin nach absolvierter Vorlesung sich mit einem wohlbekannten Versatzstück aus der Welt Science Fiction Welt konfrontiert sieht:

Dann sieht sie, wie sich weit vor ihnen eine schimmernde Öffnung in der Luft anzeigt, ein Riss, ein Spalt, ein flimmerndes, instabiles Portal.

Was dahinter liegt, möchte sie uns hingegen nicht mehr erzählen. Eine nicht einfache und letzten Endes fadenscheinige Lektüre geht zu Ende. Weshalb sich die Juror*innen zu einem Buchpreis haben hinreißen lassen, bleibt mir ein Rätsel. Sie sprechen davon, dass das Buch ein Erlebnis sei, auch davon, dass Elmigers Roman auf unsere Gegenwart verweist, „die Schritt für Schritt in Selbstüberhebung versinkt.“ Genau diese Selbstüberhebung, diese Überheblichkeit, ja Hybris ist es, die ich dem Buch vorwerfe. Introspektion und Weihrauch anstatt Weltsicht, Gerede anstatt literarische Durchdringung der Realität. Schließlich: Much Ado about Anything, Blendwerk!

Ergänzendes:


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Eine Antwort zu „Dorothee Elmiger: Die Holländerinnen (2025) – Buchbesprechung”.

  1. Avatar von Leon Engler: Botanik des Wahnsinns (2025) – Buchbesprechung – Prekäre Welten
    Leon Engler: Botanik des Wahnsinns (2025) – Buchbesprechung – Prekäre Welten

    […] Aus der Störung seines Alltags wird im Lauf der Zeit Bereicherung, eine gemeinsam intellektuelle Reise zu wichtigen Autor*innen beginnt. In einem gesonderten Kapitel, dem „Notizbuch des Nachbarn“ werden daraus Quellenhinweise zu den im Gesamttext eingestreuten Zitaten gesammelt. Große Namen finden sich hier: Freud, Foucault, Bachmann, Musil, Kristeva, Hustvedt u.v.a.m. Doch der Erzähler bleibt diskret, die zitierten Textstellen sind feste Bestandteile der eigenen Gedanken, der Hinweis auf sie artet nicht wie sonst üblich in preisgekröntes Namedropping aus (siehe das Buch von Dorothee Ermlinger). […]

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