Im zweiten Jahrzehnt unseres Jahrhunderts bereicherte Franz Kafka die phantastische Dichtung um eine berühmt gewordene neue Variante: In seinen unvergesslichen Werken trägt sich das Unglaubliche mehr in der Verhaltensweise der Personen zu als in den äußeren Ereignissen. So wird im Prozess der Held verurteilt und hingerichtet durch ein Tribunal, das jeder Amtsbefugnis entbehrt und dessen Härte er ohne jeden Widerspruch hinnimmt; mehr als ein halbes Jahrhundert zuvor ersinnt Melville den seltsamen Fall Bartleby, der sich nicht nur in einer jeder Logik widersprechenden Weise verhält, sondern der auch alle anderen zu seinen verblüfften Mittätern macht. Bartleby ist mehr als ein Kunstgebilde oder eine müßige Traumphantasie; es ist im Grunde ein trauriges und wahres Buch, das uns jene elementare Nutzlosigkeit vorhält, die eine der alltäglichen Ironien des Weltgeschehens ist. Jorge Luis Borges. (Klappentext)

Buchtitel: Der Schreiber Bartleby
Autorin: Herman Melville
Erscheinungsjahr: 1984
Sprache: Deutsch
Übersetzung aus dem Amerikanischen: Richard Mummenay,
Verlag: Edition Weitbrecht
Seiten: 78
ISBN 352271170 X
(Die Bibliothek von Babel, Bd. 17)
Originaltitel: Bartleby
Erscheinungsjahr Original: 1853
Buchbesprechung:
Bartleby zitieren
Ich stoße auf den Schreiber Bartleby bei zwei Lektüren: Marlene Streeruwitz (Auflösungen, 2024) und Dorothee Elmiger (Die Holländerinnen, 2025) erwähnen den Klassiker in ihren zuletzt erschienenen Büchern. Elmiger etwa beschreibt das berufliche und poetologische Scheitern ihrer Protagonistin folgendermaßen:
„Dieser Vorgang folge in Wahrheit keinen Regeln, er habe kein System, es handle sich um ein geradezu bartlebyisches Nicht und widersetze sich folglich, dies habe sie in den vergangenen Wochen vor ihrem Laptop feststellen müssen, auch der Theorie.“
Auch anderswo werde ich fündig. So macht sich etwa Elke Heidenreich im Rahmen des Literaricum Lech 2022 Gedanken über das Neinsagen Bartleby’s: „Das ist eine Parabel dafür, was passiert, wenn wir uns total verweigern. Total verweigern geht nicht, das muss man wissen.“ Auch für Buchbesprechungen von Gegenwartsautor*innen erweist sich die Figur Melvilles als nützlich, etwa bei der Beschreibung der Protagonistin von Fien Feldmanns Roman Xerox (2024), die wirke, „wie eine aktualisierte Bartleby.“ (WOZ)
Grund genug, den kurzen Text nach vierzig Jahren nochmals zu lesen, noch dazu, wo ich ihn diesmal antiquarisch in der wunderbaren Reihe von Jorge Luis Borges „Bibliothek von Babel“ erwerben konnte. Was also hat es mit diesem Text auf sich, dass im Feuilleton so häufig auf ihn referenziert wird? Immerhin ist er 1853 erschienen, was also macht seine Aktualität aus?
Die Einschätzung von Jorge Luis Borges
Gehen wir zunächst auf das Vorwort von Jorge Luis Borges ein, das dem Text der o.e. Ausgabe vorangestellt wurde. Borges bezieht sich dabei auf den weithin bekannten Roman von Melville, Moby Dick. Dieser war zwei Jahre früher als Bartleby, also 1851 erschienen, und scheint sich sehr stark von dieser Erzählung zu unterscheiden: da ein weltumspannender Abenteuerroman, dort die stille Geschichte einer Verweigerung in einem New Yorker Büro. Borges entdeckt Gemeinsamkeiten:
„Der irrsinnige Trotz Ahabs wie des Schreibers Bartleby erlahmt nicht einen einzigen Augenblick und wird ihr Tod. Trotz ihrer düsteren Ausstrahlung, trotz der greifbar vorhandenen Menschen ihrer Umgebung sind beide Helden einsam.“
Borges stellt in seinen weiteren Ausführungen Parallelen zu Herman Melvilles Leben her („schlichtes Auftreten“; „Vergessen und verlassen ging sein Leben zu Ende“), lehnt die Interpretation von Moby Dick als „schlichten Abenteuerroman“ ab und verweist letztendlich auf Parallelen zu Franz Kafkas Werk. Bartleby sei „im Grunde ein trauriges und wahres Buch, das uns jene elementare Nutzlosigkeit vorhält, die eine alltäglichen Ironien des Weltgeschehens ist“.
Was wird erzählt?
Wir sehen den Protagonisten Bartleby in einer kleinen Notariatskanzlei in der Wall Street schemenhaft erscheinen. Sie ist von verschrobenen Charakteren bevölkert, die sich mit dem Kopieren und Gegenlesen von Dokumenten beschäftigen. Der Besitzer der Kanzlei (und Ich-Erzähler) ist, seiner Einschätzung nach, ein Mensch von geringem Ehrgeiz, der sich in gemütlicher Zurückgezogenheit seiner Arbeit widmet. Nichts könne ihn aus der Ruhe bringen. Abenteuer sucht er nicht. In seinem Büro beschäftigt er zwei Kopisten und einen Bürolehrling, die von ihm mit den Spitznamen „Truthahn“ (Turkey) „Kneifzange“ (Nippers) und „Pfeffernuss“ (Ginger Nut) gerufen werden. Schon die Namen verweisen auf ihre Eigenheiten. Einer ausführlichen Charakterisierung dieser Personen widmet der Ich-Erzähler breiten Raum, sodass die Leser*innen fast meinen könnten, es würde sich mit dem Erscheinen Bartleby’s bloß eine weitere schrullige Person in die Kanzleigemeinschaft einreihen. Doch treibt der Ich-Erzähler die Übertreibung auf die Spitze, verzerrt den Charakter des Neuankömmlings ins Extreme und versetzt so alle in staunende Hilflosigkeit.
Da steht er nun mitten im Büro, der junge Mann, „blässlich, sauber, erbarmungswürdig, achtbar, unrettbar hilflos!“. Eingestellt wird er, weil die jüngste Ausweitung der Kanzlei eine zusätzliche Arbeitskraft notwendig macht. Bartleby erweist sich zunächst als fleißiger, geradezu arbeitswütiger Angestellter, der in einem durch einen Wandschirm abgetrennten Winkel des Anwaltszimmers untergebracht wird. Er soll für anfallende Arbeiten rasch bei der Hand sein.
Doch erweist sich der neue Mitarbeiter nicht nur als extrem schüchtern und reserviert, sondern auch als höchst eigenwillig. Er verweigert alle ihm zusätzlich aufgetragenen Arbeiten mit Höflichkeit, aber Bestimmtheit. Ein „Ich würde vorziehen, es nicht zu tun“, wird zur ständigen Replik auf alle arbeitsbezogene Zumutungen. Diese Verweigerungshaltung wird von Tag zu Tag schlimmer, bis Bartleby auch die Kopierarbeit selbst einstellt und absolut nichts mehr arbeitet. Als er deshalb nach erfolgloser Überzeugungsarbeit entlassen werden soll, verweigert er auch, sich von der Kanzlei zu entfernen. Er würde es vorziehen, das Büro nicht zu verlassen! Dort wohnt er nun: unheimlich, still und ohne jede Einsicht. Der konsternierte, aber nach einvernehmlicher Lösung strebende Anwalt weiß sich nicht anders zu helfen, als mitsamt seiner Kanzlei umzusiedeln. Bartleby verbleibt zunächst noch dort, bereitet aber den neuen Mietern vergleichbare Schwierigkeiten. Das Problem bleibt bestehen und verschärft sich zunehmend. Als der Anwalt erfährt, dass Bartleby einst im „Amt der Toten Briefe“ (eine Poststelle, in der unzustellbare Briefe vernichtet werden) gearbeitet hat und von dort entlassen wurde, kann er nicht umhin, auszurufen: „Ach, Bartleby! Ach, Menschheit!“. Die Angelegenheit wird letztendlich mit dem Tod Bartlebys in einem Gefängnis enden.
Interpretationen
Die Erzählung thematisiert die Totalverweigerung und Vereinsamung eines unzugänglichen Menschen. Bemerkenswert ist aber die Hilflosigkeit der Umwelt angesichts eines derartig radikalen Verhaltens. Der Interpretationsversuche der absurden Handlung sind zahlreich und gehen über jene eines existentialistischen Werkes hinaus. Die entsprechenden Einträge auf Wikipedia zeugen davon. Zuschreibungen reichen von radikalem Individualismus bis bedingungslosem Widerstand gegen das System. Von einem Fanal der Bedeutungslosigkeit des Einzelnen in der modernen Arbeitswelt ist andernorts die Rede. Gerne wird auch die Figur psychologisiert, als Beispiel für eine traumatische Belastungsstörung oder einer autistischen Erkrankung. Diese Interpretationsoffenheit ist etwas verwirrend, spricht aber vielleicht auch für die Qualität des Textes. Dass die Quiet Quitters der Gen Z in ihrer Irritation über die Zumutungen des modernen Arbeitslebens einen Helden aus Bartleby machen, dass er auch für ein frühes Symbol der Occupy Now – Bewegung herhalten muss, nun, das müssen wir wohl hinnehmen. Wie sehr sich auch in der Erzählung der Anwalt um seinen Mitarbeiter bemühen mag, Bartleby ist mehr als eine traurige Figur, vielmehr ein tragischer Held. Eine Generation, die nichts bewirken kann, verweigert sich total. Anti-Helden haben Konjunktur, notgedrungener Weise.
Der Text hingegen ist recht traditionell und brav erzählt. Er repräsentiert eine lineare Erzählung, die konsequent von der bis ins Extreme getriebene Überspitzung lebt. Dies führt naturgemäß zu einem tragischen Ende mit erhobenem Zeigefinger und tiefer Einsicht. Das alles reißt uns literarisch noch lange nicht vom Sessel. Kafka hat es besser und treffender gekonnt.

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