Die Aktivistengruppe Aletheia kämpft für die absolute Wahrheit, denn Verschwörungstheorien, Fehlinformationen und alternative Wahrheiten sind die größten Probleme unserer Zeit. Durch künstlerische Interventionen will die Gruppe die Öffentlichkeit bekehren. Aber wozu eine Sprengstoffexpertin in der Gruppe haben, wenn man nie Sprengstoff nutzt? Der neue Roman von Raphaela Edelbauer erzählt von den Bedingungen unserer Gegenwart und den Grundlagen unseres Denkens.
Als Byproxy mit zwei Koffern, Laptop und Rollstuhl aus dem betreuten Wohnen für junge Erwachsene entlassen wird, übernachtet sie in offengelassenen Markständen und verbringt die Tage in den Kaffeehäusern Wiens. Dort erregen vier lebhaft über Philosophie streitende Leute ihre Aufmerksamkeit: Sie sind Aletheia. Byproxy überzeugt sie davon, sie in das besetzte Haus mitzunehmen, das den vier Hauptquartier und Kommune ist. In harten Probemonaten, während derer sie tagsüber die Toiletten putzt und sich abends durch den philosophischen Kanon gräbt, erarbeitet sie sich das Vertrauen der Gruppe. Doch während sich Aletheia auf die große Aktion vorbereitet, wachsen die Zweifel an Byproxy. Welche Schuld treibt sie dazu, jede Woche die Mutter eines bei ihrem Unfall umgekommenen Mädchens zu besuchen? Wenn hier jemand dem Anspruch nach absoluter Wahrheit nicht nachkommt, dann ist es Byproxy, dann ist es die Erzählerin selbst. (Klappentext)

Buchtitel: Die echtere Wirklichkeit
Autorin: Raphaela Edelbauer
Erscheinungsjahr: 2025
Sprache: Deutsch
Verlag: Klett-Cotta
Seiten: 446
ISBN 978-3-608-96630-5
Buchbesprechung:
Ein merkwürdiger Buchtitel
Wirklichkeit kann unterschiedlich definiert werden. Einerseits als objektiv und unabhängig von der Wahrnehmung des Betrachters, anderseits als Ausdruck unserer subjektiven Erfahrung und daher als relativ. Was aber ist „Die echtere Wirklichkeit“, wie es der Titel des neuen Buches von Raphaela Edelbauer insinuiert? Die Autorin beantwortet diese Frage nicht direkt. Derartige Wirklichkeit könnte das Ergebnis eines schlampigen Umgangs mit ihr sein. Das Ergebnis einer Haltung, bei der sich die handelnden Personen an den Konsequenzen der Wirklichkeit vorbei schwindeln. Der Buchtitel mag Ausdruck eines typisch wienerischen Augenzwinkerns sein, das die erlebte Realität mit einem gehörigen Maß an Schlawinertum begleitet: „Nix ist fix und jedem das Seine.“ Das fällt in einer Gesellschaft, die sich zunehmend an Fake News orientiert, ohnehin nicht zwingend auf. Gerade deswegen wird sich dieses Buch mit Interpretationen von Wirklichkeit beschäftigen. Doch davon später.
Byproxy
Eine Verkörperung der “echteren* Wirklichkeit ist die Ich-Erzählerin Byproxy, welche durch einen Unfall gelähmt, an den Rollstuhl gefesselt ist und sich ganz der Entwicklung von sgn. Thing-Backward-Games auch auch Fragen der Evolutionsbiologie verschrieben hat. Wegen eines gewalttätigen Übergriffes auf einen ihrer Mitbewohner ist sie aus der Behinderteneinrichtung verwiesen worden, in der sie bislang gelebt hat. Sie steht nun mittellos auf der Straße. Ihren Rauswurf akzeptiert sie mit von Realitätssinn geprägten Kälte. Dort habe „die Gemengelage eingefrorener Wachsgesichter von Hirnverletzten, Schizophrenen, freilich immer untermalt von schlurfschrittigen Alzheimerfüssen, einem den Appetit verdorben“. Obdachlos geworden, verbringt sie die nächste Zeit auf der Straße. Aber mensch muss sich um Byproxy keine Sorgen machen. Sie ist durchaus überlebensfähig.
Sie trifft durch Zufall auf eine Gruppe verdächtig erscheinender Personen, denen sie sich mit aller Gewalt aufzudrängen versucht. Dabei handelt es sich um Mitglieder einer Wohngemeinschaft von vier verkappten Philosoph*innen, die sich der Aufklärung über Wirklichkeit und die ideologische Verdrehtheit der Welt verschrieben haben. Es gelingt ihr, auf Probe in diese Gemeinschaft aufgenommen zu werden. Eine Leseliste mit Werken von über 100 zentralen Philosophinnen soll sie abarbeiten. Auch den Leser*innen wird so manch philosophische Anstrengung nicht erspart bleiben.
Subkultur und ein wenig Aktivismus
Ein wenig fühlen die Leser*innen sich in die Atmosphäre linker Kollektive der Sechziger und Siebzigerjahre versetzt, sogar ein wenig RAF-Atmosphäre kommt auf. Der sich selbst auferlegte Zwang, die Gesellschaft durch Analyse und Aktion verändern zu müssen, bestimmt das Leben der Bewohner, die sich in diese Enklave am Rande der Gesellschaft in ein Abbruchhaus zurückgezogen haben. Sie leben in desaströsen Verhältnissen am Rande des Existenzminimums und glauben, der Welt überlegen zu sein. Bekehrungsemphase, wo mensch sich selbst kaum helfen kann. Terroristen, wie etwa der Buchumschlag prahlt, werden wohl keine beschrieben.
Lustvoll charakterisiert Edelbauer die Mitglieder der Gruppe: Bernward, den Cheftheoretiker; eine „sklerotische Hexe“ und altgediente Aktivistin mit dem Spitznamen „Chirurgin“; Paul, ein naiv-infantiler Verzweifelter; die aus besten Verhältnissen stammende neurotische Brigitte. Um den Verschwörungscharakter der Lebensgemeinschaft zu verstärken, sind da auch noch anonyme Gäste, „nervöse, zittrige Gestalten (…) mit tiefen Augenringen und zwei Zimmer weit reichendem Schweißgeruch“. Byproxy schmiegt sich eng an die Haltungen ihre Mitbewohner, ist sie ihnen aufgrund eines fehlenden Aufzugs auf ihre Unterstützung angewiesen. Doch sie nutzt ihre Zeit als Pseudo-Gefangene und durchstöbert die persönliche Habe der Wohnungsgenoss*innen, um Rückschlüsse auf deren Biografie ziehen zu können. Für Byproxy bedeutet dieses Wissen Macht. Trotz anfänglicher Skepsis der Gastgeber*innen gelingt es ihr so, sich mit Anpassungs- und Manipulationsgeschick zu integrieren und das Leben der anderen ein Stück weit für die eigenen Bedürfnisse nutzbar zu machen. Doch sie beginnt sich auch, sich für den theoretischen Diskurs in der Wohngemeinschaft zu interessieren. Sartre und seine Existenzphilosophie scheinen interessant zu sein. Schrittweise übernimmt Byproxy die Gewohnheiten ihrer Mitbewohner*Innen und vermag so, ihre eigene prekäre Lebenssituation zu stabilisieren.
Philosophie ohne Folgen ?
Die Erzählung ihrer Geschichte von Verwandlung und Anpassung ist aber nur einer der roten Fäden, die dieses Buch durchzieht. Der Roman ist viel mehr als nur die Exposition der Entwicklung einer behinderten Anti-Heldin. Er ist auch ernstgemeinte Reflexion über philosophische Fragen, die den jeweiligen Stand der Diskussionen der Protagonist*innen wiedergibt. Was folgt, wenn es tatsächliche eine objektive Wirklichkeit gibt, wie ist dann die Irrationalität und der gesellschaftliche Meinungsterror einzuschätzen? Das Bemühen der Gruppe um eine gemeinsame Haltung zur Welt wird letztendlich auch schriftlich dokumentiert. Das von der Gruppe erstellte Thesenpapier endet mit dem Satz: „Alles, was uns bleibt, ist also, Taten sprechen zu lassen.“ Gewusst wie!
Was als Lesekreis verkappter Philosophinnen beginnt, mündet im Verlauf des Buches in einen zunächst wirkungslosen Aktivismus und gipfelt gescheiterten terroristischen Akt. Denn politische Strategie und Taktik ist ihre Sache nicht. Da müssen die Dilettierenden von der strategisch denkenden Byproxy immer wieder auf Kurs gebracht werden. So endet die Erzählung schließlich in einem chaotischen Showdown, in der sich die Philosophie und Wahrheit in Luft auflösen.
Byproxy aber hat sich mittlerweile in die Provinz geflüchtet: „Weit über alle Berge, in einem Waggon der österreichischen Bundesbahnen mit dem rätselhaften Ziel Absdorf-Hippersdorf, der durch bezeigte Vorgartensiedlungen zuckelte.“
Zu guter Letzt
Die Leser bleiben ein wenig ratlos zurück. Eingepfercht zwischen der Wucht philosophischer Weltentwürfe, den durch Evolutionsbiologie beflügelten Überlegungen zu Game-Theorie, einer an Studentenzeiten erinnernden Vergesellschaftung von Gleichgesinnten und dem Schicksal einer behinderten Zynikerin, haben sie es nicht leicht. Zwischen Ironie und Ernsthaftigkeit oszilliert der Roman. Vielleicht hätte Edelbauer besser daran getan, den Roman nicht auf 450 Seiten aufzublähen? Aber auf unerklärliche Weise verbinden sich all unterschiedlichen Erzählstränge zu einem stimmigen Bild von einer absurden Welt, der mensch gerne mit spöttischer Distanz gegenüber steht. Die Handlung spielt schließlich in Wien und Umgebung, in einer idealen Kulisse für die „echtere Wirklichkeit“.
Empfehlenswert ist das Buch auf alle Fälle.
Ergänzendes:
- Rezensionshinweise im Perlentaucher
- Kauf im Faltershop

Hinterlasse einen Kommentar