Moskau zu Beginn der 1930er-Jahre: Der Teufel sucht die Stadt heim und stürzt ihre Bewohner mit tatkräftiger Unterstützung seiner Zauberlehrlinge in ein Chaos aus Hypnose, Spuk und Zerstörung. Es ist die verdiente Strafe für Heuchelei, Korruption und Mittelmaß. Doch zwei Gerechte genießen Satans Sympathie: der im Irrenhaus sitzende Schriftsteller, genannt »Meister«, und Margarita, dessen einstige Geliebte. Bulgakows Gesellschaftssatire aus der Sowjetzeit ist ein faustisch-fantastisches Meisterwerk. (Klappentext)

Buchtitel: Der Meister und Margarita
Autor: Michail Bulgakow
Erscheinungsjahr: 2020
Sprache: Deutsch
Übersetzung aus dem Russischen: Alexandra Berlina
Verlag: Anaconda
Seiten: 676
ISBN 978-3-7306-0912-5
Originaltitel: Master i Margarita
Erscheinungsjahr Original: 1967
Buchbesprechung:
Mensch kann Bücher auf so verschiedene Weise lesen, und ihre Bedeutungen für das persönliche Leben so unterschiedlich interpretieren. Der Leser macht mit einem Werk letztendlich, was er will. Das ist zwar, zumindest seit Umberto Eco bekannt, aber eine noch immer erhellende Aussage.
Nichtsdestotrotz ist es aber immer wieder erstaunlich, was uns Leser*innen während einer Lektüre umtreibt, was sie in uns bewirkt; wozu wir sie in Beziehung setzen. Dabei geht es nicht allein um individuelle Leseerfahrungen und Geschmacksurteile, mit denen wir das Buch verorten, sondern auch um die unterschiedlichen Lebensrealitäten und soziale Kontexte, in denen wir leben.
Wege, Bulgakow zu lesen
Was also kann es jeweils bedeuten, Der Meister und Margarete zu lesen? Vielleicht ist es sinnvoller, dieser Frage nachzugehen, als sich mit einer Rezension in den Kanon des ohnehin schon Gesagten einzuordnen. Konzentrieren wir uns also diesmal ein wenig auf die Rezension des Buches.
Da gibt es zunächst den Blick von Jelena Bulgakowa, die die letzten Jahre ihres Mannes begleitet hat, seine Krankheit, sein Leiden am Stalinismus und schließlich auch seinen Tod. Sie war es, die seinen Nachlass ordnete und die letzte (die siebente Fassung!) von Meister und Margarita fertig redigierte. Um diesen widersprüchlichen und schmerzlichen Einblick in das Œuvre ihres Ehemanns möchte man sie nicht beneiden.
Man denke in diesem Zusammenhang auch an die Reaktionen jener Sowjetbürger*innen, die in der Tauwetterperiode der Area Chruschtschow in der zweiten Hälfte der Sechzigerjahre stückweise eine verstümmelte Fassung des Romans zu lesen bekamen. Sie bejubelten den Autor und erhoben das Werk zum Kultbuch. Auf den Wegen des Samisdat versuchten sie die „fehlenden“ Teile des Romans zu ergattern. Es galt, sich ein Stück literarischer Vergangenheit anzueignen.
Natürlich muss ich an dieser Stelle auch in meiner Jugend graben. Da gab es in Wien diesen Freundeskreis russophiler Büchernarren, die Meister und Margarita zu ihrem Lieblingsbuch und Michail Bulgakow zu ihrem Kultautor erhoben hatten. Die Begeisterung für den Autor war mittlerweile aus der Sowjetunion auf den Westen übergeschwappt und hatte dort viele Leser*innen erfasst. Es hat in dieser verschworenen Gemeinschaft, die gerne mit ihrer Studienzeit in der zusammenbrechenden Sowjetunion prahlte, viele Aficionados gegeben und so manche skurrile Erscheinungsformen von Fandom. Etwa eine leidenschaftlich Bekennende, die sich das Pseudonym Nadeshda zulegte. Dies tat sie in Anlehnung an den Vornamen der Lieblingsschwester Bulgakows, die ein Archiv seiner Werke angelegt und so die frühen Manuskripte ihres Bruders aufbewahrte. Dieses persönliche Bekenntnis meiner Freundin war zwar ein wenig naiv, aber doch liebenswert. Sie hieß mit bürgerlichen Namen Erika.
Damit komme ich zu mir, der den Roman erst vor wenigen Wochen (sic!) mit großer Begeisterung fertig gelesen hat. Ich habe zwar einen guten Teil meines Berufslebens in Russland verbracht, mich dabei aber mehr um die Bildung Anderer als um die Meine gekümmert. Heute, wo ein sinistrer Diktator alles tut, um die demokratischen Kräfte in Russland auszulöschen, hält das Werk Bulgakow einen schmerzhaften Stachel im Fleisch der Diktatur am Leben. Ich denke bei seiner Lektüre auch über Sorokin und Glukhovsky nach, denen es gelungen ist, rechtzeitig ins Ausland zu flüchten, dort aber auf verlorenem Posten schreiben und kämpfen. Diese Flucht ins Ausland war Bulgakow nie gelungen, eine Ausreisegenehmigung wurde ihm von Stalin verwehrt.
Da ist letzten Endes noch die List der Vernunft: Dass etwa in Putins Russland das Fantasy-Drama Meister und Margarita von Michael Lockshin 2024 fertiggestellt werden konnte, eigenartigerweise durch die Finger der Zensoren schlüpfte und schließlich große Erfolge feiern konnte. Er läuft nun seit einigen Wochen auch in unseren Kinos und feiert das Aufbegehren des Autors gegen die politische Anmaßung eines Diktators. Ja, es gibt sie, jene großen Autor*innen, die es noch immer vermögen, den Diktatoren der Welt mit ästhetischen Mitteln zu Leibe zu rücken.
Erinnerungsvermögen
Was also bleibt an persönlichen Leseeindrücken von Meister und Margarita? Es ist der Furor, mit dem der Autor ein fiktives Theaterpublikum am Nasenring vorführt; der Mut, mit dem er der braven Margarita erlaubt, sich von ihrem Mann zu befreien und zur fliegenden Hexe von Moskau zu werden; die Konsequenz mit der er den angepassten Kulturbetrieb politisch willfähriger Autorinnen aufmischt und der Lächerlichkeit preisgibt. Es ist der Humor des Erzählers, die Turbulenz der Handlung, die ausschweifende Fantasie und der ätzende Spott einer hinterfotzig gestalteten Satire, an die ich mich auch in Zukunft erinnern werde. Es ist der kraftvolle Widerstand gegen das Unrecht, der von seinem Werk ausgeht. Aber dieses Unrecht ist sehr oft verschleiert, wie Bulgakow vorsichtig schreibt:
Was sind schon offizielle und inoffizielle Kapazitäten? Alles Ansichtssache! Alles schwankend und schwebend, mein teurer Freund. Heute mag meine Kapazität inoffiziell sein, und morgen, siehe da, ganz und gar offiziell! Umgekehrt kommt’s auch vor – und wie!
Ergänzendes:
- Rezensionshinweise im Perlentaucher
- Wikipedia Eintrag zum Buch
- Kauf im Faltershop

Hinterlasse einen Kommentar