Prekäre Welten

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Michail Bulgakow: Die verhängnisvollen Eier (1924) – Buchbesprechung

Eine fantastische Erfindung, dieser Rote Strahl: auf ein Hühnerei gerichtet, wächst es zu vielfacher Größe an. Das Hungerproblem in Moskau scheint gelöst. Doch ein Funktionär bestrahlt aus Versehen in großer Zahl Eier von Reptilien damit. Bald werden Schlangen und Echsen im XL-Format zu einer Riesen-Bedrohung. »Die verhängnisvollen Eier« ist eine Groteske über die fatalen Folgen, wenn Macht in falsche Hände gerät. Die »Aufzeichnungen auf Manschetten« berichten vom Leben und Leiden eines Schriftstellers in der Sowjetunion zur Zeit Stalins. Bulgakows Erzählungen sind scharf beobachtend, bitterböse und hundert Jahre nach ihrer Entstehung aktuell wie nie.

Buchtitel: Die verhängnisvollen Eier
Autorin: Michail Bulgakow
Erscheinungsjahr: 2024
Sprache: Deutsch
Übersetzung aus dem Russische: Alexandra Berlina
Verlag: Anaconda
Seiten: 192
ISBN 978-3-7306-1372-6
Originaltitel: Rokowyje jaiza, Sapiski na manschetach
Erscheinungsjahr Original: 1925


Buchbesprechung:

1925. Michail Bulgakov hat gerade seinen Kurzroman „Die verhängnisvollen Eier“ in einer Moskauer Literaturzeitschrift veröffentlicht. Er spielt in einer nahen Zukunft, jener der Jahre 1928 – 1929. Es ist eine für diese Zeiten monströser Erzählung, aber durchaus in der Tradition der bissigen russischen Satiren, die von Gogol über Sorokin bis hin zu Glukhovsky die Kritik an den politischen Zuständen Russlands mit fantastisch – dystopischen Mitteln äußern.

Der in Kiew geborene Bulgakow hatte nach seiner Irrfahrt durch die politischen Bruchlinien der entstehenden Sowjetunion (Ukrainische Nationalkorps, Weißen Garden und Rote Armee) letztendlich die Flucht nach vorne angetreten und war in Moskau gelandet. Den Beruf des Arztes hatte er hinter sich gelassen, er wollte sich endlich auf die Schriftstellerei konzentrieren. Nach seinem Roman (und Theaterstück) Die weißen Garden bringt er 1925 seinen Erzählband Die Teufeliaden in Moskau heraus. Dieser umfasst auch die Erzählungen „Die verhängnisvollen Eier“ und „Hundeherz“, die auf Prekäre Welten besprochen werden.

Schon damals war Bulgakov in deutlicher Distanz zum Regime in Moskau und zu den Maßnahmen, mit denen erst Lenin, dann Stalin das Land unter ihre Kontrolle bringen wollten. Die Ernährungslage war prekär, nach der Hungersnot 1921-22 steuerte das Land auf jene noch katastrophalere der 1930er Jahre zu. Die Neue Ökonomische Politik, die mehr Ernährungssicherheit bringen sollte, die ersten Zensurmaßnahmen des kommunistischen Regimes, die Proletarisierung des intellektuellen Lebens: Dies alles wurde zum Thema Bulgakows. In dieser Zeit entsteht ein Buch, das skurriler nicht hätte werden können.

Ein missmutiger und von den Zeiten zerzauster Professor für Zoologie einer Moskauer Universität entdeckt durch Zufall eine bestimmte Brechung des Lichts, welche das Wachstum des von ihm untersuchten Froschlaichs auf spektakuläre Weise beschleunigt. Diese Entdeckung lässt sich nur unschwer verheimlichen, schon bald stehen Journalisten, Sensationsgierige, ausländische Agenten und die politische Macht vor seiner Tür, um auf die eine oder andere Weise Nutzen aus der Entdeckung zu ziehen. Doch der Professor beharrt auf der Wissenschaftlichkeit seines Unterfangens und möchte es nicht vorzeitig aus seiner Obhut entlassen. Es ist schlicht und einfach noch nicht marktreif.

Doch der politische Abenteurer und von Moskau bevollmächtigte Leiter der neu gegründeten Kolchose „Roter Strahl“, Alexander Fatum (sic!), sucht den Professor eines Tages heim und zwingt ihm drei der vier Apparaturen ab, mit denen der Rote Strahl erzeugt werden kann. Fatum will in Smolensk die Hühnerzucht in der Sowjetunion neu ankurbeln und so den Ernährungsengpass überwinden.

Doch wie auch schon mit der Schaffung des neuen Menschen in der jungen Sowjetunion läuft alles mit den Bestrahlungsversuchen der Eier in der Kolchose falsch. In turbulenten Szenen dreht sich der Roman einer Apokalypse entgegen, die letztendlich nur durch überraschende Witterungsbedingungen beendet werden kann. Das Kapitel heißt ironisch “Frost ex machina“. Alles wird wieder gut, aber unter welchen Opfern?

Bulgakow hat diese Erzählung in deutlicher Anlehnung an den 1904 erschienen Roman von H.G. Wells The Food of the Gods (dt. Die Riesen kommen) geschrieben. Dort entdecken Forscher ein Wachstumsmittel, das schließlich bei seiner Anwendung auf Menschen und Tieren zu katastrophalen Auswirkungen führt. Doch Bulgakow macht aus diesem Stoff eine Satire, mit der er die herrschenden Verhältnisse in der Sowjetunion satirisch aufs Korn nimmt. Diese ist voll bissigem Humor und konfrontiert uns mit turbulenten Szenen, die manchmal sehr grotesk wirken. Bulgakow wird diese Herangehensweise in der Erzählung Hundeherz erneut auf großartige Weise wiederholen.

Alexandra Berlin hat den Band auf sehr sinnvolle und den Leser*innen entgegenkommende Weise neu übersetzt. Der Band ist 1924 erschienen und enthält auch Bulgakows autobiografische „Notizen auf Manschetten.“

Ergänzendes


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