Unsere Heldin befindet sich im Jenseits. Sie lebt im Hotel der Untoten und hat einen Arm zu wenig, dafür aber eine Krähe zu viel. An ihren Namen kann sie sich nicht erinnern, ebenso wenig an ihre Kindheit – mochte sie Erdbeereis? Hatte sie einen grünen Spielzeuglaster? Seit der »großen Katastrophe« befindet sie sich im Reich der Namen- und Geschichtslosen, und doch zeigt sie keine Resignation. Im Gegenteil, denn eine kostbare Erinnerung ist ihr geblieben: Die Erinnerung an eine Person. Mit ihr. In den Dünen. Also macht sie sich mit Krähe und ohne Arm auf den Weg nach Westen, ans Meer, auf die Suche nach dem, was sie eigentlich ist. Und auf die Suche nach dem, was man früher wohl Liebe nannte. Es währt für immer und dann ist es vorbei ist ein hinreißend skurriler, witziger und ergreifender Streifzug durch eine Welt ohne Gewissheiten. Eine Welt, die der unseren gar nicht so unähnlich scheint und in der sich aber die Frage, was uns im Kern ausmacht, auf haarsträubend einleuchtende Weise beantworten lässt. (Klappentext)

Buchtitel: Es währt für immer und dann ist es vorbei.
Autorin: Anne de Marcken
Erscheinungsjahr: 2025
Sprache: Deutsch
Übersetzung aus dem Amerikanischen: Clemens j. Setz
Verlag: Suhrkamp
Seiten: 151
ISBN 978-3-518-43222-8
Originaltitel: It lasts forever and then its over.
Erscheinungsjahr Original: 2024
Buchbeschreibung:
Die Apokalyptischen Reiter
Sich vorzustellen, wie wir die Apokalypse tatsächlich erleben werden, ist nicht einfach. Darüber ohne Klischees zu erzählen, scheint schwierig zu sein. Deshalb lesen wir Literatur, um uns das Unfassbare vorstellen zu können.
Sicher aber wird der Weltuntergang, dessen Vorstellung uns wie ein Alb auf der Brust sitzt, kein gewaltiges Aufbäumen nach einer Serie von Großereignissen sein. Was die Menschheit zum Kollabieren bringt, ist unspektakulär und passiert unterschwellig. Oder es ist auch schon passiert. Wahrscheinlich erscheint ein langsames Hineintaumeln in den Untergang, ein irreversibler Übergangszustand bis zum Ende der Existenz des Menschen.
In Anne de Marckens Buch über die Beschreibung einer post-apokalyptischen Welt geht es wohl darum, diesen Widersprüchlichkeiten auf die Spur zu kommen. Die von ihr erzählten Horrorszenarien haben nichts Erregendes, Abenteuerliches oder gar Verführerisches. Sie betreibt keine Effekthascherei, wenn sie ihren Zombie auf die Reise in die Zukunft schickt. Sie schreibt nicht darüber, was wir schon kennen und uns vorzustellen vermögen. Die Autorin interessiert sich dafür, was im Dunklen lauert und nur schwer vermitteilbar ist.
Setting the Scene
Es ist eine groteske Welt. De Marcken generiert sie aus dem Inventar des Zombiegenres: den Lebenden, den Toten, den Untoten, dem Kannibalismus, der körperlichen Entgrenzung, der Unfähigkeit körperliche Schmerzen zu empfinden. Nur die Tiere bleiben unversehrt und voller Unschuld. Die Ich-Erzählerin ist eine, die nicht zu sterben vermag, obwohl ihr Körper mehr und mehr zerfällt. Sie lebt mit anderen Leidensgefährt*innen in einem Hotel, erlebt den Zerfall ihres Körpers und der Welt, vermag aber nicht zu sterben. Alles von „Vorher“ ist von ihr abgefallen. Selbst ihren Namen und ihre Vergangenheit sind ihr entglitten. Angetrieben wird sie allein von einer wagen Erinnerung an ein menschliches Gegenüber, dem sie an einem Sandstrand begegnet ist. Das war der Tag, an dem die Welt unterging. Es sind Hunger, Traurigkeit und die Reflexion über den eigenen Zustand, die sie erfüllen:
Ich muss über Golems nachdenken. Ich finde, ich bin einem Golem ziemlich ähnlich. Ich fühle mich mehr wie Erde als wie ein Lebewesen. Dreck und Holzstücke und Kleiderfetzen, die den Eindruck von etwas Lebendigem ergeben.
Eines Tages findet sie eine tote Krähe, die sie an sich nimmt, weil sie eine ungeheure Faszination auf sie ausübt. Schließlich pflanzt sie das Tier anstelle eines schlagenden Herzens in ihren Brustraum ein. Sie will sie immer bei sich tragen. Die Brust verbindet sie mit Stoffbahnen, um sie nicht zu verlieren. Der Eingriff macht ihr klar, dass alles möglich ist, auch, der in ihr schlummernden Sehnsucht nachzugehen. Sehnsucht ist das Einzige, was sie mit den Lebenden verbindet.
Die Reise
Die Protagonistin flieht nach der inszenierten Selbstverbrennung einer Mitbewohnerin vor der alles verzehrenden Feuersbrunst aus dem Hotel. Eine weitere Welt ist verschwunden. Sie flieht in das Außerhalb eines dystopischen Raumes, getrieben von der Sehnsucht nach Erinnerung an die Erlebnisse an den Sanddünen. Begleitet wird sie von der Krähe in ihrem Körper, mit der sie absurde Dialoge führt, die kaum verständlich sind. Eine Katastrophenraum entfaltet sich: erfüllt von Toten, Lebenden, Zombies, verlassenen Dörfern, in der Landschaft verstreuten Gegenständen. Fein säuberlich sind die Gartenzwerge eines Dorfes entlang der Autobahn aufgereiht. An ihnen muss sie vorüber. Ausgesetzt ist sie skurrilen Abenteuern: Kannibalismus, Selbstbeschädigung, mittelalterlich anmutende Grausamkeit begegnen ihr. Immer mit dabei ist das Nachdenken über die eigene Trauer, die Sehnsucht nach dem Anderen, das Erleben der eigenen (Nicht-) Körperlichkeit und die Unfähigkeit zu sterben. Vereinzelt tauchen auch Erinnerungen an das Vorher auf, die erratisch und eigenartig deplatziert wirken.
Wider alle Erwartung
Den Horror eines Zombie – Daseins zu beschreiben, hat immer den Geruch des Lächerlichen. Durch den erzeugten Horror hindurch müssen wir lächeln. Die durch die Welt taumelnden Pseudokörper wirken ungeschlacht, entmenscht, gefühls- und seelenlos. Sie sind keine Identifikationsobjekte, nur Kulisse für darin agierende Held*innen.
Bei de Marcken aber wird der Zombie zum tragischen Golem, zum unerträglichen Zustand, zum Ich, das leidet. Die Versatzstücke aus dem Genre der Zombiebelletristik werden durch die Ernsthaftigkeit ihrer Beschreibung unerträglich. Sie sind Teil einer lakonisch wirkenden Zustandsbeschreibung, die von der Erzählerin distanziert und unüberbietbarem Phlegma vorgebracht wird. Gerade, weil sie Normalität und nicht Ausnahmezustand behaupten, erschüttern sie uns. Unsagbares über den Zustand des Endes wird hier erzählt. Es ist das Paradox des Textes, dass er uns in einen Zustand versetzt, in dem wir unser aller Albtraum von der Zukunft erleben: dass es den Tod des Lebendigen unerbittlich beschreibt, ohne es sterben lassen zu können. Ein Albtraum hält uns gefangen, aus dem es (wahrscheinlich) kein Erwachen gibt.
Der Rückblick von dieser Zukunft aus, von der wir nie wissen konnten, dass sie kommen würde, ist unerträglich. Nein, das ist falsch ausgedrückt. Es ist unerträglich, weil wir es wussten. Es lag so deutlich vor uns wie unsere eigenen Handflächen.
Ergänzendes:
- Rezensionshinweise im Perlentaucher
- Kauf im Faltershop

Hinterlasse einen Kommentar