Prekäre Welten

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Asja Bakić – Leckermäulchen (2025) – Buchbesprechung

In elf Erzählungen schreibt Asja Bakić über verschiedene mehr oder weniger dystopische Welten. So begegnet uns eine Künstliche Intelligenz, die auf sexuelle Befriedigung von Frauen spezialisiert ist und darüber hinwegtrösten soll, dass es keine Männer mehr gibt. Auf einer Jugendfreizeit wird Menstruation zum Splatter-Element einer Horrorgeschichte. Genderfluidität, Klimawandel, Zeitreisen, Unterwelten, Außerirdische – der Einfallsreichtum der Autorin ist grenzenlos wie ihre Liebe zu sämtlichen Spielarten des Absurden. Wie bereits in »Mars« setzt Asja Bakić in ihren Erzählungen Frauen in den Mittelpunkt, die um ihr Leben kämpfen, die eigene Bedeutung in der Welt suchen oder schonungslos ihre Begierden ausleben. Aus einer stets feministischen und gesellschaftskritischen Perspektive vermischt Asja Bakić in ihren Texten Genres wie Weird Fiction, Speculative Fiction, Horror oder Erotik und nimmt die Leser*innen in die Vergangenheit, die Zukunft oder in eine Parallelwelt mit. (Klappentext)

Buchtitel: Leckermäulchen
Autorin: Asja Bakic
Erscheinungsjahr: 1925
Sprache: Deutsch
Übersetzung aus dem Kroatischen: Alida Bremer
Verlag: Verbrecher
Seiten: 200
ISBN 978-3-95732-609-6
Originaltitel: Sladostrašće
Erscheinungsjahr Original: 2020


Buchbesprechung:

Nach Mars (dt.: 2021) legt die bosnisch-kroatische Autorin Asja Bakić nun ihren zweiten Erzählband in deutscher Sprache unter dem Titel Leckermäulchen vor. Der Einband des Buches fällt auf. Gestaltet von Tatjana Doll, nimmt sich die darauf gezeigte Illustration das berühmte Gemälde von Jan Vermeer „Das Mädchen mit dem Perlenohrring“ aus dem Jahr 1665 zum Vorbild und setzt es neu zusammen. Ein irritierendes Antlitz eines Menschen entsteht, verzerrt, entstellt, aber noch immer an das Original erinnernd. Etwas Neues entsteht.

Damit nimmt der Einband das Thema der 11 Erzählungen vorweg, nämlich jenes der menschlichen Identität, die in ihren unterschiedlichen, gerne auch in verstörenden Varianten gezeigt wird. Die dargebotenen Geschichten verweisen dabei auf die weite Palette unterschiedlicher Genres: Weird Fiction, Horror und Dystopie. Von vergangenen Zeiten (des sozialistischen Jugoslawiens) wird dabei ebenso gesprochen wie von einer gar nicht so fernen Zukunft.

Feministisches Schreiben

Viele ihre Erzählungen sind von aktiven Ich-Erzähler*innen geprägt, in den meisten Fällen von kämpferischen, anmaßenden und androgynen Frauen, die die bizarren Geschichten energisch vorantreiben. Immer wieder wird dabei die Rolle von Frauen, oder weiter gefasst, die Rolle von Geschlechtsidentitäten untersucht, die zunehmend gefährdet erscheinen: ob es sich dabei um die Zerrissenheit des Mannes zwischen Ehefrau und Mutter handelt (Der Männergraben), die inzestuösen Wunsche, die ein Sohn an seine vermeintliche Mutter richtet (Mama) oder um die sehr realen Fantasien eines pubertierenden Mädchens angesichts eines bedrohlichen Jungen (1998) handelt. Selbst der Mythos vom Liebesleid des jungen Werther wird zerschlagen, indem Goethes unglücklicher Held aus der mitleidslosen Sicht Lottes und ihres Ehemanns Albert dekonstruiert wird (Die Leiden der jungen Lotte).

Auch die beiden Erzählungen Dorica Kastra und Die Entführung beschäftigen sich eingehend mit Sexualität, diesmal unter dem Gesichtspunkt nichtbinärer Geschlechtsidentitäten: einmal setzt sich ein Writer in Residence den erotischen Diensten von Maschinenwesen in einer Weltraumstation namens Wintersonne aus, ein anderes Mal schildert sie das komplexe und komplizierte Leben in einer Familie mit fünf recht unterschiedlichen Geschlechtspartner*innen. Die Autorin scheut dabei nicht vor pornografischen Versatzstücken zurück.

Science Fiction und Horror

Oft wird die Erzählung in ein befremdlich anmutendes Ambiente in der Zukunft verlegt, wobei sich die Handlung recht ambivalent zwischen Utopie und Dystopie bewegt. Die Zukunft in ihrer Gesamtheit scheint eine prekäre zu sein, angesichts einer bereits eingetroffenen Klimakatastrophe oder der Bedrohung durch eine Künstliche Intelligenz, die die Realität entstellt. Noch lange nach dem Aussterben der Männer durch Syphilis soll deren Einfluss erhalten bleiben, wird ihre (erotische) Präsenz simuliert. Sehr viele Frauen lassen sich deshalb mit virtuellen Glücksversprechen in Das Zentrum für Leidenschaft locken. Doch Widerstand regt sich. In der Erzählung 1740 versuchen Protagonist*innen einer desaströsen Gegenwart zu entfliehen, gerne in die prosperierende Vergangenheit Jugoslawiens, aber auch in die manierierte Zeit Ludwig des XV, 40 Jahre vor dem Ausbruch der Französischen Revolution.

Vielfach sind die Erzählungen mit einem unheimlichen Ton unterlegt, der sich dem Horrorgenre annähert. Paradigmatisch dafür ist der Text Vogelbeobachtung, in dem ein Ornithologe bei der Bestandsaufnahme eines Reviers durch das Schreien eines Kuckucks in einen Wald gelockt wird. Dort fühlt er sich einem imaginierten Riesenvogel ausgesetzt.

Literaturgeschichte

Dass es sich dabei um die Texte einer ausgewiesenen Philologin handelt, überrascht nicht: Literatur spielt in der einen oder anderen Gewichtung und Form eine wichtige Rolle. Maryse Condé, Artemidor von Daldis, Dostojewski oder Georg Trakl spielen dabei ebenso eine wichtige Rolle, wie die Mühen künftiger Schriftsteller*innen oder die Rolle von Literatur für das sexuelle Erleben. Die philologische Ambition erreicht in der Erzählung Δάφvη (Daphne) seinen Höhepunkt: Das Verhältnis der griechischen Nymphe Daphne zum Liebesgott Apollo wird hier in die Gegenwart verlegt und neu interpretiert. Das mag für Spezialist*innen antiker Mythen unterhaltsam und erhellend sein, für den Laien bleibt dieser Text schwer erschließbar.

Wilde Geschichten

Die Erzählungen zeichnen sich nicht nur durch ein sehr sorgfältig konstruiertes und originelles Setting aus, sondern enden auch meist mit einem überraschenden Schluss. Das ist zwar sehr unterhaltsam und abwechslungsreich zu lesen, zwingt aber ständig dazu, seine Erwartungshaltungen an die Sprunghaftigkeit der Erzählerin anzupassen. Der Erzählband erscheint dadurch in seiner Gesamtheit ein wenig disparat, so als hätte man dessen Bestandteile willkürlich zusammengestellt.

Insgesamt beschreiben die Texte originelle Welten, die sich weit von den üblichen Beispielen fantastischer Literatur entfernen: Das macht die Lektüre auch so anregend. Bakić seziert dabei mit großem Geschick das Selbstverständnis von Frauen und setzt es neu zusammen. Für die, die gerne einordnen: es handelt sich um ein brillantes Stück Weird Fiction. Ein wenig stört bei der Lektüre der konventionelle Erzählstil. Aber darüber sieht man als Leser*in letzten Endes doch gerne hinweg.

Ergänzendes:


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