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Silent Book Clubs – Ein Kommentar

Vom 26. bis 30. April 2025 findet die Global Silent Book Club Week statt. Aus diesem Grund ein wenig Kritisches zu Sinn und Unsinn von organisiertem Lesen.

Ein Trend, aber nicht überall

In periodischen Abständen erreichen uns Trends aus dem Land der sehr begrenzten Möglichkeiten, den USA. Seit 2012 waren es die Silent Book Clubs (SBC), die Coolness versprachen, aber doch nur ein irritierendes Band zwischen Menschen knüpften, die zunächst außer Lesen (fast) nichts miteinander zu tun haben wollten. Guinevere de la Mare und Laura Gluhanich haben damals in Los Angeles ihren ersten SBC gegründet und betreiben seitdem die Webseite Silent Book Club.

In 54 Ländern soll es mittlerweile ca. 1500 registrierte Klubs geben (siehe Übersichtskarte). Das wird als globaler Erfolg gepriesen. Wirklich verbreitet sind diese Clubs (im Jargon „Chapter“ genannt) aber nur in den USA und Europa. In Europa liegt der Löwenanteil der Gründungen in den United Kingdom und in Deutschland. In Wien findet man kein eingetragenes Chapter, allerdings gibt es entsprechende Initiativen, wie etwa das Silent Reading Picknick des Vereins books4life oder die Silent Reading Party der Buchhandlung o*books. Für die Schweiz sei auf den Verein Silent Reading Wave verwiesen, der landesweit entsprechende Veranstaltungen ausrichtet.

Buchklubs und Lesen

Was aber ist das Spezielle am SBC? Das Konzept konventioneller Buchklubs können Ignoranten wie ich ja noch verstehen. Menschen lesen gemeinsam ein Buch, das vereinbart wurde, halten sich mehr oder weniger an die vereinbarten Leseabschnitte und diskutieren dann artig über ihre Leseeindrücke. Manche profilieren sich dabei durch naive Gesprächsbeiträge, manche durch pseudointellektuelles Geschwafel, die Vorsichtigen schweigen und hören stirnrunzelnd zu, die Profileser*innen bleiben solchen Veranstaltungen gerne fern. Ein freiwilliger Zoo Humain von Büchermenschen eben, ein Gruppenbild mit Buch. Schön, darüber den Freunden erzählen zu dürfen.

Derartigem kann man sich natürlich auch online aussetzen: die Leseplattform Goodreads ist ein typisches Beispiel dafür. Oft bekommt man sogar ein Rezensionsexemplar als Goodie zugeschickt. Jeder stellt seine Absonderungen abschnittsweise online – was meist peinlich und oft sehr entbehrlich ist. Der Kultur und dem Ego sind damit Genüge getan und mensch kann sich im Bekanntenkreis als bibliophil profilieren. Für die Verlage sind derartige Buchklubs zudem absatztechnisch sehr sinnvoll.

Verstehen Sie mich bitte nicht falsch: Die Diskussion über ein Buch kann gewinnbringend sein und muss nicht immer Rechthaberei mit sich bringen. Ein ausgewählter Freundeskreis kluger Menschen wird dafür unentbehrlich sein, ein gewisses Maß an Geduld ebenso. Moderatoren müssen aber selbst dort entsprechend wirkmächtig sein, um Selbstinszenierung einzelner Teilnehmer*innen hintan zuhalten. Bücher gemeinsam zu lesen, ist ein intimer Akt. Er entblößt Gedanken, ohne exhibitionistisch sein zu müssen. Das braucht eine strenge Form.

Aber ist das Lesen eines Buches nicht eine zutiefst einsame Aufgabe? Sich ungestört in abgeschirmter Umgebung einer Welt anvertrauen zu dürfen, gehört wohl zu den lohnendsten und aufregendsten Belohnungen des Lesens. Keine Ablenkung, kein Dazwischenreden, keine aufgezwungene Interpretation. Es ist ruhig um uns herum, endlich hat der Autor das Recht, ungestört zu sprechen. Ein interessanter Mensch zeigt sein Zuhause. Daraus wollen wir doch nicht die Wohnungsbegehung mit einem Makler machen!

Das Konzept des SBC

In diese (zugegeben, notwendig egozentrische) Kerbe schlägt nun das Konzept des Silent Book Clubs. Hier verweigert man sich fast allen Konventionen eines konventionellen Buchklubs. Zwar trifft man einander, vertieft sich aber auf seiner Insel in das Buch, das man ohnehin vorhatte, zu lesen, diskutiert nicht darüber und ist so individuell und in sich gekehrt wie nur irgendwie möglich: introvertiert eben! Was die anderen im Raum lesen, ist nicht relevant, obwohl es interessant sein kann. Austauschen darf man sich höchstens davor, danach oder in Pausen dieser stillen Veranstaltung. Das kann alles sehr befriedigend sein, wenn man den Umgang mit Menschen oder daraus entstehende Verpflichtungen scheut: aber warum dann nicht einfach zu Hause bleiben? Ich verstehe den Sinn des Konzeptes nicht, obwohl die Regeln klar sind: keine Eintrittsgebühr, freie Bücherwahl, keine verordneten Diskussionsrunden, eine vereinbarte Verweildauer, keine Reading Challenge, immer ein öffentlicher Ort. Danach darf man miteinander ein Glas Wein (oder anderes) trinken und einander neugierige Fragen stellen. Hier scheint wohl der eigentliche Sinn des Unterfangens zu liegen: Leute ungezwungen (sic!) kennenzulernen, ohne sich in den Mittelpunkt des allgemeinen Interesses stellen zu müssen. Die Nelke am Revers wird bei einem derartigen Blind Date zum aufgeschlagenen Buch in den Händen. Dessen Cover ist dabei wichtig, um die Richtigen zu treffen. Vorhang auf und eine bedeutungsschwangere Performance.

Es soll ja tatsächlich Menschen gegeben haben, die in einem Kaffeehaus ein Schild vor sich aufgepflanzt haben, auf dem selbstbewusst „Silent Book Club“ geschrieben stand. Vielleicht tut es dann auch ein Zweiter. Neugierige Blicke, verwundertes Kopfschütteln, bedeutungsschwere Blicke sind die Folge. Eine großartige Gelegenheit für Selbstdarsteller!

Ebenso soll es Menschen geben, die auf Discord zu einem Silent Book Club eingeladen haben, in dem dann zwei Stunden lang gemeinsam geschwiegen wurde. Ein Pandemiekonzept, wie deprimierend!

Gefeiert wird das Konzept trotzdem: Der Silent Book Club versteht sich als Veranstaltung für Introvertierte, Personen, die laut der Autorin des Buches Quiet: The Power of Introverts in a World That Can’t Stop Talking, Susan Cain, einen wichtigen Teil unserer Gesellschaften darstellen. Die introvertierte Revolution und der SBC scheinen sehr gut zueinander zu passen. „Welcome to the introvert Happy Hour“, prangt auf der Website des SBC. Überhaupt dürfte das 2010 erschienene Buch Patin der Bewegung gewesen sein. Wer möchte, der sehe sich Susan Cains Auftritt bei TED an, in der diese, von einer Tasche voller Bücher belastet, über ihre Bucherlebnisse in einem Sommercamp ihrer Jugend spricht.

Unbelehrbarkeit

Ich aber feiere den Silent Buchklub nur im Zug, hier lesen immer noch viele alleine und ohne Aufforderung, zwanglos und unorganisiert. Ich akzeptiere auch die Bildschirm – Scroller und Audiobook Hörer neben mir, wenn das Gerät leise geschaltet wurde. Auch ich schließe mich der Lesegemeinschaft an.

Ansonsten treffe ich mich mit Menschen, um mich auszutauschen und nicht, um still mit ihnen Bücher zu lesen. Aus meiner Introvertiertheit mache ich dabei kein großes Geschrei. Ich muss auch nicht unbedingt wissen, was Andere lesen.

Außerdem: Schweigen und Lesen kann ich selbständig, in den meisten Fällen auch mit mir alleine. Viele Andere wohl auch.


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Eine Antwort zu „Silent Book Clubs – Ein Kommentar”.

  1. Avatar von frau frogg
    frau frogg

    Ich bin jetzt grad ganz bestürzt über Deine sehr negative Beurteilung von Book Clubs. Ich bin selbst mehr oder weniger regelmässige Besucherinnen eines solchen und geniesse das jeweils sehr, obwohl ich immer etwas im Stress bin, weil ich danach einen Zug erwischen muss. Weil es sehr bereichernd sein kann, auf eine bedeutsame Textstelle hingewiesen zu werden zum Beispiel. Weil ich manchmal vor Mitteilungsbedürfnis über ein Buch platze. Das mit dem Silent Book Club verstehe ich allerdings auch nicht so recht…

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