Prekäre Welten

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Christian Kracht: Air (2025) – Buchbesprechung

In der kleinen schottischen Stadt Stromness auf den Orkney Inseln lebt Paul, ein Schweizer Dekorateur und Inneneinrichter. Als er von einem Design-Magazin einen obskuren, aber lukrativen Auftrag aus Norwegen erhält, begibt er sich auf eine Reise, die ihn an die Grenzen seiner Welt und weit darüber hinaus führt.
Christian Krachts Roman aus dem Geiste einer radikalen Romantik erzählt eine faszinierende Geschichte vom Hier und vom Dort und katapultiert uns aus unserem Jetzt, aus unserer spätmodernen, leerlaufenden Zivilisation in eine gleißende, verspiegelte Landschaft der Literatur. Unser Leben: ein Traum.

Buchtitel: AIR
Autor: Christian Kracht
Erscheinungsjahr: 2025
Sprache: Deutsch
Verlag: Kiepenheuer & Witsch
Seiten: 224
ISBN 978-3-462-00457-1


Buchbesprechung:

Der Schweizer Kristian Kracht hat sein neues Buch vorgelegt, das Interessierte an Spekulativer Literatur neugierig macht. Auf ein wenig mehr als 200 Seiten erzählt er die Geschichte einer Sehnsucht, die sich letzten Endes mit einer Reise in ein anderes Raum-Zeit Gefüge zu erfüllen scheint.

Ein erfolgreiches Leben

Die Dekadenz der Privilegierten besteht wohl auch darin, dass sie einerseits Nutznießer ihrer Bevorzugung sind, gleichzeitig aber von einem Leben „Off The Grid“ in romantisierender Einfachheit träumen. Der Protagonist des Romans ist ein Beispiel dieser zwiespältigen Haltung. Paul, ein Raumausstatter und Freiberufler, lebt in einem kleinen Haus auf einer schottischen Orkneyinsel, fernab vom Geschnatter der sozialen Medien und den Ritualen eines entfesselten Kapitalismus. Sein Blick ist auf das Bild eines mittelmäßigen schottischen Malers aus dem Ende des 19. Jahrhunderts gerichtet, das in seinem Wohnraum hängt. Es zeigt Merlin und Lancelot vor einem romantischen Sonnenuntergang. Das Gemälde wurde ihm vom Herzog von Cumberland für seinen genialen Vorschlag zur Gestaltung einer Salonwand geschenkt. Damit hat er auch Zugang zu einem Netz von finanzkräftigen Kunden erhalten, die ihn für die Innenraumgestaltung ihrer Wohnungen engagieren. Das erlaubt Paul, sein Leben fernab der Zivilisation zu führen.

„Paul war in den Augen seiner Kunden, obwohl sie und er das niemals so formulieren konnten, ein Magier, der ihnen half, den entropischen, furchtbar deprimierenden Zustand des Lebens zu überlisten.“

In dieser Schieflage zwischen lohnender Erwerbstätigkeit und der Sehnsucht nach der Einfachheit einer asketisch inspirierten Lebensführung, bleibt sein Lebenswunsch zunächst unerfüllt: jene einsame Hütte auf einer verlassenen Insel, ohne Strom und fließend Wasser, inmitten verwilderter Wiesen, die er auf seinen Recherchen im Internet gefunden hat. Dort möchte er gerne sein Leben verbringen.

Scharniere zur Anderswelt

Ein lukrativer Auftrag führt ihn ins norwegische Stavanger, wo er für ein riesiges Datencenter die geeignete Farbe Weiß für den Wandanstrich finden soll. Dieser absurde Auftrag ist ganz nach seinem Geschmack. Ist sein bisheriges (Berufs-) Leben nicht schon skurril genug, wird es in weiterer Folge noch viel skurriler werden. Ein Magnetsturm gewaltigen Ausmaßes legt das Datenzentrum während seiner Anwesenheit lahm und verschlägt ihn in eine Welt, die er wohl insgeheim herbeigesehnt, deren Konsequenzen er jedoch nie bedacht hat. In der Verschränkung der Gegenwart mit einer von der Realität in Raum und Zeit entbundenen Welt zeigt sich das große erzählerische Geschick von Christian Kracht. Virtuos zieht er alle Register, um die Erzählung von hier in einen fantastischen Raum zu bringen. Auch seinem Kollegen aus Stavanger verschlägt es durch einen medikamentösen Schock in diese Welt. Erst am Ende des Buches werden sie sich jedoch begegnen. Doch auch in der jenseitigen Welt warten die Katastrophen: ein Kometeneinschlag verfinstert die Anderswelt.

Abenteuer

Wer jemals den hohen Norden Europas besucht hat, wird ihn in den Beschreibungen von Christian Kracht in seinen exotistischen Zügen rasch wiedererkennen. Polarlichter, Lagerfeuer, Angeln, dichte Wälder, einsame Hütten, ausgedehnte Seenlandschaften und schließlich die kahlen Steinlandschaften am Rande des Eismeeres – das sind ja inzwischen die Markenzeichen des Tourismus in Skandinavien geworden. An diesen Bildern arbeitet sich Kracht mit Begeisterung ab.

Wir sind im zweiten Handlungsstrang angelangt, in einer subarktischen Zone der Südhalbkugel inmitten einer mittelalterlichen Welt. Doch nicht nur die Raum- und Zeitdimension scheint aus dem Ruder gelaufen, auch die Gewalt, die in dieser phantastischen Welt herrscht, unterscheidet sich in ihrer archaischen Brutalität von der strukturellen Gewalt der Gegenwart. Sie ist für die Protagonist*innen letztendlich lebensbedrohlich.

Abgleiten in Klischees

Mit zunehmender Lektüre mag man den Verführungsversuchen eines brillanten Erzählers jedoch immer weniger zu folgen: Die Erzählung artet zu einer Abenteuerfahrt aus, die immer mehr in aktionistisches Erzählen abgleitet und Klischees bedient. Gerne hätte man gelesen, wie der Erzähler uns elegant in die schnöde Realität von heute zurückführt, ein elegantes erzählerisches Kunststück schafft, wie es Christian Kracht wohl ansteht. Stattdessen finden wir uns in dem anfangs erwähnten romantisierenden Bild von James Archer wieder. Hier begegnen wir den finalen Klischees dieses Buches, nämlich den Fragen, wohin denn das Leben führe und wer man denn eigentlich sei. Habe man den Ausflug in die fantastische Welt bloß geträumt? Das sind nun wahrlich Fragen, die man als guter Schriftsteller nicht derart ungebrochen in den Raum stellen kann. Zudem wird dem Leser wiederum das einsame Haus auf der einsamen Insel mit dem verwilderten Garten zugemutet. So simplifizierend funktioniert Literatur nicht. Da hätte sich der Erzähler wohl ein wenig mehr Mühe geben müssen, als bloß die zwei schlampigen Seiten Romanauflösung anzubieten.

Enttäuschende Bilanz

Letztendlich bleibt von einem Buch, das man zugegebenermaßen zunächst verschlungen hat, ein schaler Geschmack zurück, ein wenig so, als hätte man Mainstream-Phantastik im Selbstverlag gelesen. „Diese Sorgen möchte man haben!“, denkt der vom Lesen ein wenig erschöpfte und vom realen Leben mit seinen realen Problemen gebeutelte Leser. Das Buch ist letzten Endes enttäuschend; der Hype, der um seine Erscheinung inszeniert wurde, mehr als unverständlich.

Ergänzendes


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