»Ich kämpfe, jeden Tag. Ich kämpfe gegen die Schande, überlebt zu haben und immer noch am Leben zu sein. Ich kämpfe gegen die Tatsache, dass ich ein Mensch bin. Und Sie, ebenso ein Mensch wie ich, welche Antworten können Sie mir geben?«
Ein Junge ist gestorben, und die Hinterbliebenen müssen weiterleben. Doch was ist ihnen ihr Leben noch wert? Han Kang beschreibt in ihrem Roman, wie dehnbar die Grenzen menschlicher Leidensfähigkeit sind. Ein höchst mutiges Buch und ein brennender Aufruf gegen jede Art von Gewalt.

Buchtitel: Menschenwerk
Autorin: Han Kang
Erscheinungsjahr: 2019
Sprache: Deutsch
Übersetzung aus dem Koreanischen: Ki-Hyang Lee
Verlag: Aufbau TB
Seiten: 222
ISBN 978-3-7466-3518-7
Originaltitel: 소년이 온다 – Sonyeoni onda
Erscheinungsjahr Original: 2014
Buchbeschreibung:
Erste Vorbemerkung
Das Wissen über Südkorea ist trotz seines popkulturellen Hypes gering. Erst kürzlich erreichten uns Nachrichten über den versuchten Militärputsch seines Staatspräsidenten Yoon Suk-yeol. So manche Medien fragten sich verwundert (und scheinheilig), wieso in einer entwickelten Industrienation und Demokratie Derartiges überhaupt passieren könne. Nun, die Lektüre von Han Kangs Buch Menschenwerk sei den Erstaunten gerne ans Herz gelegt.
Zweite Vorbemerkung
Eigenartig. Immer wieder erinnere ich mich beim Lesen dieses Buches an den Putsch des Militärs im Chile von 1973, an die Bombardierung des Präsidentenpalastes, die Ermordung des demokratisch gewählten Präsidenten Salvador Allende, die Kasernierung politischer Gegner im Fußballstadion von Santiago, ihre Inhaftierung, ihre Folterung, ihre Ermordung. Es war das Fanal meiner Jugend, eine politische Traumatisierung, die erste bewusste Solidarität, die ich mit unbekannten Menschen in einem unbekannten Land fühlte. Es zerriss mir damals das Herz, an die politischen Gefangenen in Chile zu denken. Dreißig Jahre nach dem blutigen Putsch besuchte ich das Land und ließ es mir nicht nehmen, den Platz vor dem Präsidentenpalast zu besuchen. Es war eine unheimliche Begegnung, ich spürte die Geister der Toten überall. In dieser paranoiden Stimmung fühlte ich mich von den damaligen Mördern beobachtet, als ich meine Schritte zum Denkmal Allendes lenkte. Vergessen ist unmöglich, Erinnerung ist immer eine Überlebensfrage.
Politischer Hintergrund
Han Kang hat mit ihrem 2019 erschienen Buch Menschenwerk das Grauen eines anderen Ortes beschrieben, jenen von Gwangju (Südkorea) im August 1980. Koreanische Soldaten und Polizisten schlugen im Auftrag der Militärdiktatur eine friedliche Jugendbewegung mit brutaler Waffengewalt nieder. Auch hier war das Leiden unbeschreiblich und die Solidarität unter denen, die Widerstand leisteten, beeindruckend. Auch in diesem Fall ist offenbar das Ringen um Erinnerung an die Ereignisse ungebrochen. Wie in Chile stellt die Brutalität des Militärs in Korea ein unbewältigtes, nationales Trauma dar. Es kann bis heute nicht bewältigt werden, wird aber zumindest in der Bevölkerung erinnert. Gwangju war offensichtlich für mich zu einem Synonym geworden für alles, was der Staat sich gewaltsam aneignete, zerstörte oder missbrauchte.
Gwangju war offensichtlich für mich zu einem Synonym geworden für alles, was der Staat sich gewaltsam aneignete, zerstörte oder missbrauchte.
Die Autorin Han Kang wurde 1970 in derselben Stadt geboren Sie war neun Jahre alt, als sie von diesen Ereignissen das erste Mal hörte. Das Leben der Erzählerin ist eigentümlich verwoben mit den Protagonisten dieses Romans. Immer wieder versucht sie, den Hinweisen aus ihrer Umgebung auf den Grund zu gehen. Immer wieder versucht sie, das Erinnern nicht zu verdrängen. Die Erzählung drängt sich auf und lasst auch mich nicht mehr los.
Die Ereignisse
Es beginnt mit der Geschichte des Jungen Dong-Ho, der seinen Freund namens Jeong-Dae sucht. Er eilt zu jenem Platz in der Mitte der Stadt, wo man ihn Gerüchten nach das letzte Mal getroffen hat. In einer Sporthalle sucht er unter den in den Straßenkämpfen ums Leben gekommenen, notdürftig aufgebahrten Leichen nach seinem Freund, findet ihn aber nicht. Andere Schüler sprechen ihn vor Ort an und ja, er will behilflich sein. In ein kleines Notizbuch notiert er akribisch die neu hinzugekommenen Särge, die Namen der Opfer, die Art der Verletzungen, die Beschaffenheit ihrer Schuhe, auch notwendige Einkäufe. Seine besorgte Mutter sucht ihn auf, um ihn nach Hause bringen. Er verweigert dies. Die Jugendlichen vor Ort warnen ihn vor dem erwarteten Sturm des Rathauses und der Sporthalle durch das Militär. Es wird wieder Tote geben. Doch Dong-Ho bleibt vor Ort, wegen der von ihm gefühlten Verpflichtung gegenüber seinem Freund, den noch nicht identifizierten Toten und den nach ihren Liebsten suchenden Angehörigen.
Der gesuchte Freund, der von Soldaten ermordete Jeong-Dae ist an einem anderen Ort. Als Seele schwebt er über den anderen Toten, seltsam entrückt, seine tote Schwester suchend. Er möchte von den Soldaten wissen, warum sie geschossen haben:
Ich möchte ihre Gesichter sehen. Ich möchte über ihre Lider streichen, während sie schlafen. Ich möchte in ihre Träume eindringen. Ich möchte die ganze Nacht hinter ihrer Stirn umherwandern …
Erinnerungsarbeit
So viele Opfer, so viele Schuldige, so viel Leid! Im Nachwort des Buches weigert sich die Autorin Han Kang dennoch, die Getöteten als Opfer zu bezeichnen. Im Gegenteil, sie hatten vor Ort ausgeharrt, um den anrückenden Soldaten ihre Körper und ihre Haltung entgegenzusetzen. Mit ihren Gewehren wussten sie allerdings nichts anzufangen:
Ich hatte mich getäuscht, sie als Opfer zu betrachten. Sie sind genau deswegen geblieben, damit sie nicht zu Opfern werden.
Der Roman ist ein Buch der verdrängen, schmerzlichen, aber notwendigen Erinnerungen. Er beginnt im Jahr 1980, und verteilt das Erinnern auf vier Personen in den Jahren 1985, 1990, 2002 und 2010. Sie alle waren mit den beiden Jungen verbunden und haben die schmerzlichen Erlebnisse völlig unterschiedlich verarbeitet. Die Erzählerin bindet uns in deren Kosmos ein, verwendet dazu unterschiedliche Erzählsituationen, Perspektiven und Narrative. Sie bricht mehrmals mit dem einmal gewählten Standpunkt, schlüpft in ihre Charaktere, berichtet als Beteiligte, aber auch als Chronistin. Sie spricht sie an, versucht, mit ihnen zu sprechen. Die Leser*innen drehen und wenden sich im Kosmos dieses Erinnerns und der Trauer. Dem Unbegreiflichen wird Macht verliehen, über die Existenz der Überlebenden hinaus.
Doch ist die Erzählerin davon entfernt, ein spezifisches Ereignis, etwas singulär Historisches berichten zu wollen oder auch nur, konkrete Personen anzuklagen. Es war nichts Einmaliges, was in Gwangju passiert ist, sondern es ereignet sich weiterhin, immer wieder, rings um uns. Das Leid der zu Unrecht Verfolgten, das Erinnern an die Toten, die Suche nach Gerechtigkeit und Vergebung. Das ist die Conditio Humana, so schwer es auch sein mag, die andauernden Leiden überall auf der Welt zu akzeptieren. Grausamkeit lässt sich nicht in Zahlen messen, nur an den Folgen des Erlebten. Bei jedem Einzelnen und in uns.
Han Kang hat mit Menschenwerk ein zutiefst politisches Buch über die Begegnung mit dem Bösen vorgelegt. Mensch kann sich ihm nur schwer entziehen.

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