Prekäre Welten

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Eva Reisinger: Männer töten (2023) – Buchbesprechung

Anna Maria lebt ein typisches Großstadtleben: Sie arbeitet in einer hippen Firma, geht am Wochenende mit ihren Freundinnen feiern und hat eine komplizierte Ex-Beziehung. Bis sie Hannes an der Bar eines Nachtclubs kennenlernt. Er ist aus Engelhartskirchen, einem oberösterreichischen Dorf, von dem sie bis dahin noch nie gehört hat. Und ganz sicher rechnet sie nicht damit, eines Morgens mit Hannes in diesem Nest aufzuwachen. Als es doch passiert, lassen die Klischees zunächst grüßen: Kühe, Knödel, Kirchturmglocken. Dann aber bemerkt Anna Maria, dass nicht alles ins Bild passen will. Warum gibt es eine Pfarrerin, obwohl das Dorf katholisch ist? Wie kommt es, dass die Frauen hier viel lauter feiern als anderswo? Wo sind die Männer hin? Und was hat das alles mit Kathrin Glock zu tun? Eva Reisinger erzählt eine skandalöse Geschichte über Macht, Freundinnenschaft und weiblichen Zusammenhalt in einem ungewöhnlichen Setting. Eine Tour de Force durch dringliche Themen der Gegenwart, voller popkultureller Poesie. (Klappentext)

Buchtitel: Männer töten.
Autorin: Eva Reisinger
Erscheinungsjahr: 2023
Sprache: Deutsch
Verlag: Leykam
Seiten: 288
ISBN 978-3-7011-8297-8


Buchbesprechung:

Der Titel des 2023 erschienenen Buches „Männer töten“ ist doppeldeutig. Doch die Triggerwarnung klärt auf: „In diesem Buch sterben Männer.“ Aber auch dieser Satz führt ein wenig in die Irre, denn natürlich geht es in diesem Text um Gewalt gegen Frauen, welche nicht mehr widerspruchslos hingenommen wird. In einem Interview mit der Tageszeitung „Der Standard“ meint die Autorin Eva Reisinger, dass sie es interessant fand, die Machtrollen einmal umzudrehen und in ihrem Roman ein Matriarchat zu schaffen, das in einem Ort namens Engelhartstätten angesiedelt ist. Die Journalistin, die über die Femizide in Österreich geschrieben hat, nimmt sich dieses Themas nun auch als Romanautorin an. Allerdings auf ungewöhnliche Art und Weise.

Dass ein von Frauen dominierter Ort in Österreich möglich sein kann, begründet die Erzählerin folgendermaßen: Maria Theresias Tochter, Maria Karolina, hätte einst auf den Gütern rund um Engelhartstätten die Besitzverhältnisse matrilinear ausgerichtet und eine Art Matriarchat errichtet. Die Auswirkungen wären auch heute noch spürbar. Doch dieser (historisch nicht belegten) Begründung hätte es eigentlich nicht bedurft, sie bewirkt eher das Gegenteil. In der Literatur zeigt Ungesagtes oft mehr Wirkung als penibel Beschriebenes.

Morde ohne Krimihandlung

Die Handlung des Romans ist schlüssig und geradlinig konstruiert: Als die Protagonistin Anna Maria nach einem recht erfolglosen Berufseinstieg in Berlin sich in den Bauern Hannes verliebt, beschließt sie, dem Großstadttrubel zu entfliehen und sich auf seinem Hof in Engelhartstätten im Niederösterreich niederzulassen. Das scheint zunächst ein ganz normaler Ort zu sein:

Vor ihnen erstreckt sich die Gebirgskette. Manche Spitzen sind längst in Weiß getaucht, an anderen reihen sich grüne Nadelbäume aneinander wie die Sonnenschirme in Jesolo. Die Österreichflagge weht im Wind, das Tal liegt im Schatten und auf ihrem Tisch steht ein Gartenzwerg. Neben dem Schokokuchen türmt sich Schlagobers.

Schon rasch bemerkt Anne Marie aber, dass trotz all vorhandener Klischees vom Landleben in diesem Ort die Dinge etwas anders laufen: Der Pfarrer ist eine Frau, Frauen betrinken sich bei einem ausgelassenen Junggesellinnenabschied vor ihren Kindern mitten am Marktplatz, der Ort munkelt zudem über das unerklärliche Verschwinden von Männern. Der Journalist Klemm bringt es in einem Interview auf den Punkt: „Die Männer in diesem Dorf verschwinden nicht nur, die meisten sterben frühzeitig oder auf sehr komische Weise.“

Anne Marie integriert sich und erfährt von ihren Freundinnen schon recht bald Unsägliches über den wütenden Widerstand der Frauen gegen misogyne Männer. Auch Anne Marie wird bald in den Sog der Gewalt gezogen. Und so sehen wir auch in mehreren Fällen Männern beim Sterben zu, die verschworene Freundinnenschaft tauscht sachkundig Tipps über den Umgang mit Waffen aus. Erlebte Männergewalt evoziert erbitterte Gegenwehr, bis hin zur Ermordung der Täter. Das ist ungewohnt und hat dem Buch Vorwürfe eingetragen. Dem entgegnet die Autorin zu Recht:

„Ich finde die Kritik, mein Buch sei zu brutal, immer interessant. Man sollte bedenken, wie Frauen in der Literatur seit Jahrhunderten ermordet werden. Ich habe mir gut überlegt, wo ich Gewalt wie verwende. Bei Mord an Frauen scheint die Darstellung in Ordnung zu sein, aber sobald es um Männer geht …“ (Interview, Der Standard, 23. 9. 2023)

Die Utopie von der männerlosen Gesellschaft

Im Magazin Prekäre Welten wurden ja schon mehrmals Utopien über männerlose Gesellschaften rezensiert: etwa Marlen Haushofers Die Wand (1963) oder Lilly Gollackners Die Schattenmacherin (2024). Während Haushofer noch eine stille Selbstvergewisserung beschreibt, thematisiert Gollackner den Befreiungsschlag gegen die destruktive Macht jener, die die Welt zerstört haben. In der Erzählung Das Zentrum der Leidenschaft von Asja Bakic versucht eine Gruppe von Frauen die im Algorithmus verbliebenen Reste männlicher Normen zum Verschwinden zu bringen. An dieser Stelle sei auch an den Klassiker Herland der us-amerikanischen Autorin Charlotte Perkins Gilman aus dem Jahr 1915 erinnert, in dem eine von der Umwelt isolierte und idealisierte Frauengesellschaft beschrieben wird, die sich mittels Parthogenese fortpflanzt.

In all diesen Texten zielen die Befreiungsschläge der Frauen auf verschiedene Formen von Misogynie. In Eva Reisingers Buch geht es darüber hinaus um die Herstellung von Gerechtigkeit. Eine ausgewählte Schar von Frauen möchte die erlittene physische Gewalt, die gegen sie verübt wird, nicht mehr hinnehmen. Sie wehren sich gegen Unterdrückung, erlittene Gewalt und Femizid. Nicht um Rache geht es dabei, sondern um den Männermord als Fanal für erlittenes Leid, als Empörung gegen asymmetrische Machtverhältnisse.

Ein Buch mit Schwächen

Vereinzelt wurde dieses Buch auch als ein Stück „popkultureller Poesie“ (Literaturhaus Graz) gefeiert. Das stellt das Buch wohl unter eine falsche Perspektive, denn die angesprochenen popkulturellen Elemente sind bloß Beiwerk. Vielmehr begegnen wir einem sehr ernsthaften, wenn auch an vielen Stellen ironisch vorgebrachten Ton. Er will Frauen ermächtigen, sich nicht nur als Opfer zu begreifen, sondern sich ihrer Wehrhaftigkeit bewusst zu werden. Dass der Text dabei mit Ironie und jugendlichem Unterton daherkommt, verstärkt seine Wirksamkeit nur noch mehr. Es tut im Grunde wohl, vom Brechen eines Tabus zu lesen: auch Frauen können morden. So lese ich das Buch als einen gelungenen Text, der sich einer feministischen Sichtweise der bestehenden Verhältnisse verschreibt. „Männer töten“ – so oder so. Erzählt wird der Text freilich in einer etwas langweiligen chronologischen Abfolge, mit langen Berichten der Freundinnen in Ich-Form, so manchen blinden Motiven und einem unklaren Ende. Über all das vermag mensch aber hinwegzulesen, ob so viel Engagement für die gerechte Sache. Es lohnt auf alle Fälle, diesen Roman zu lesen.

Noch eine Anmerkung am Ende. Das Buch war für den österreichischen Buchpreis 2023 nominiert. Es hat zudem für seine Gestaltung den Preis des Hauptverbandes des österreichischen Buchhandels eingeheimst. Tatsächlich ist das Buchcover ästhetisch sehr ansprechend. Ärgerlich ist aber, dass man beim Druck der 5. Auflage auf den längs- und quergestreiften Farbschnitt verzichtet hat: wohl aus Kostengründen. Das ist nicht nur Verrat am verliehenen Buchpreis, sondern auch Irreführung der Leser*innen. Das tut man einfach nicht, böser Leykam-Verlag!


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