Gewalt scheint nicht mehr zu existieren, der Klimawandel längst vollzogen. Eine bedrohliche Gelassenheit liegt über der abgeschotteten Siedlung, in der sie lebt. An ihren eigenen Namen hat sie keine Erinnerung mehr. Sie verdient ihr Geld damit, andere Frauen zu imitieren, deren Angehörige nicht mit dem Verlust der Geliebten, der Ehefrau, der Tochter zurechtkommen. Während eines neuen Auftrags gerät ihre Welt ins Wanken: Wer ist diese Emma, die sie spielt? Weisen seltsame Phänomene am Rand der Siedlung auf deren Untergang hin? Und warum ist sie selbst so besessen davon, eine andere zu sein? Amira Ben Saoud gelingt ein fesselndes Debüt, das schwebend leicht grundsätzliche Fragen nach Identität und Beziehungen stellt und danach, was wir uns selbst vorspielen.

Buchtitel: Schweben
Autorin: Amira Ben Saoud
Erscheinungsjahr: 2025
Sprache: Deutsch
Verlag: Zsolnay
Seiten: 192
ISBN 978-3-552-07520-7
Buchbesprechung:
Ein seltsamer Ort
Wir befinden uns in einer der kleinen Siedlungen dieser neuen Welt, nachdem sich die klimatischen Bedingungen erholt haben, in einer nicht allzu fernen Zukunft. Zumindest das Schwimmbad und das Museum aus der Zeit Davor scheinen leidlich zu funktionieren. Aber auch ihnen geht es an den Kragen. Die Staaten sind jedenfalls zerfallen, allgemein herrscht die Überzeugung vor, dass es nicht gut sei, sich zu grösseren politischen Einheiten zusammenzuschliessen. „Permanente Verbundenheit“ habe nur zum Chaos geführt. Über die Vergangenheit oder das, was rund um die Siedlung geschieht, soll nicht gesprochen werden. Die Grenze, die um die Siedlung gezogen ist, wird zudem bewacht. Wer hinein will, muss erschossen werden, wer hinaus will, darf nicht mehr zurück. Wer schwere Verstösse gegen die Gemeinschaft begeht, wird exiliert. Aus der Siedlung ausgeschlossen zu werden, ist gleichbedeutend mit dem Tod. Das ist die Welt, in die uns Armin Ben Saoud in ihrem Debütroman versetzt.
Ein Verdacht wird ausgesprochen: Es sei seltsam in dieser Siedlung, irgendetwas gehe wohl vor. Genaueres weiss mensch nicht, eine unheilvolle Ahnung schwebt über der Protagonistin und ihrem Freund. Es gibt nur wenige Indizien, etwa ein Riss im Boden des öffentlichen Schwimmbeckens oder ein merkwürdiges Ritual: Wiewohl Gewalt geächtet ist, rotten sich Jugendliche zusammen, um sich heimlich gegenseitig zu verletzen.
Identitätsstörung
In dieser Siedlung geht die Protagonistin ihren merkwürdigen Geschäften nach, einer Dienstleistung für einen ausgewählten Kundenkreis, die sie „Begegnung“ nennt. Sie besteht darin, jene Personen täuschend ähnlich zu imitieren, die sich ihre Auftraggeber wünschen. Die Protagonistin ersetzt so den Kund*innen nahestehende Personen, die schmerzlich vermisst werden, tritt an ihre Stelle wie eine Mimikry.
Wer sie aber selbst ist, weiss unsere Heldin nicht: Ist sie Ona, Iris, Emma oder Nadja? An ihren ursprünglichen Namen kann sie sich längst nicht mehr erinnern, in zu viele Rollen ist sie schon geschlüpft. Immer schwerer fällt es ihr in weiterer Folge, sich von ihren Rollen abzugrenzen. Unruhig streift sie durch die Siedlung, besucht das ruinöse Schwimmbad und das geschlossene Volkskunde Museum, überwacht sich selbst und findet doch nur eine andere Person. An eine gravierende Identitätsstörung müsste man eigentlich denken, wäre da nicht das ruhige darüber Hinwegsprechen der Erzählerin über eminent Beunruhigendes. Alles bleibt so im Gefälligen: es wird beruhigt, so als könne nichts Ernsthaftes geschehen.
Ein neuer Kunde namens Gil tritt auf, verstrickt sie in eine unheilvolles Spiel um eine Geliebte, die ihn und die Siedlung einst verlassen hat. Ein Spiel um die Macht in einer falschen Beziehung beginnt, in der die Protagonistin bis zuletzt glaubt, das Sagen zu haben. Doch immer mehr gerät ihre fragile Identität ins Wanken. Währenddessen geht ihr junger Geliebter Juri seltsamen Ereignissen in der Siedlung nach und verzeichnet penibel alle Anomalien, die er entdecken kann. Worin diese bestehen, erfahren wir bis zum Ende des Buches nicht. Kryptisch merkt die Erzählerin an: es seien Ereignisse, die eigentlich nicht geschehen können. Nicht nur die Umgebung strahlt Unsicherheit aus, sondern auch die Ich-Erzählerin. Wage Selbstwahrnehmung und Ahnungen bestimmen die Handlung, selbst der eigene Körper schwankt manchmal zwischen Halluzinierten und Realität.
Schon bald begreifen wir: Der Roman handelt vom Spiel mit den verschiedenen Identitäten einer Frau, die in wechselnde Rollen schlüpft, aber doch nie zu sich selbst finden kann. Am Anfang stehen Zuschreibungen, die sie während der Tischlereilehre von einer Familie erlebt am Ende steht wohl das sich Verlieren in den Wünschen Anderer. Fühlt sich die Protagonistin anfangs noch von ihren Kundinnen benutzt, beginnt sie sich schon bald nach diesem „Spiel“ zu sehnen. Prostituierte vermitteln ihr die ersten Kunden: schliesslich darf mensch sich diese Frau kaufen, letztlich mit Haut und Haar. Kann sie sich zu Beginn noch mit sicherer Distanz von den haltlosen Wünschen ihrer Kündinnen distanzieren, bringt sie der Kunde Gil in die Bredouille: ein Spiel mit möglichen Identitäten beginnt. Eingesperrt zwischen den Wünschen und Ansprüchen, verletzt durch Männergewalt, ohne sicheren Halt scheint sie sich abzulösen von ihrer Umgebung und sich aus der sozialen Realität ihrer Siedlung zu stehlen:
„Und schon war ich in der Luft, und stieg und stieg, bis ich den höchsten Punkt erreicht hatte. Aber anstatt zu fallen, blieb ich stehen. Ich atmete die kalte Luft ein, und plötzlich war ich ganz ruhig.“
Brüchiges Erzählen
Das alles sind interessante Ideen: eine geheimnisvolle, unverständliche Welt, ein Ringen um die Identität, das Eingehen brüchiger Beziehungen. Doch zu viel Ungereimtheiten und lose Enden bestimmen die Handlung, um glaubwürdig zu sein. Insbesondere das erste Kapitel vermag nicht so recht zum Rest des Buches zu passen, weil die sich ereignenden Gewaltszenen für die nachfolgende Handlung nicht schlüssig genug sind sind. Auch die innere Logik einer sich in Entropie auflösenden Siedlung ist ein wenig hanebüchen: Hagel und Unwetter zerstören mit einem Male den gesamten Baumbestand, das wichtigste Exportgut der Gemeinschaft. Sie wird deshalb automatisch von der Versorgung mit dringend benötigten Gütern ausgeschlossen. Schliesslich: Wie kann sich nach einem katastrophalen Kippen des Klimas die Wetterlage wieder so rasch einrenken, innerhalb von Jahrzehnten? Den Klimageschulten Leser*innen wird dies mehr als unglaubwürdig erscheinen. Leider kann das Buch auch sprachlich wenig überzeugen: Einfallsloses Erzählen kann dem prekären Zustand der Siedlung und der eigenen Identität wohl nur mässig gerecht werden, Sachlichkeit ist in diesem Zusammenhang auch keine Zierde.
So bleibt ein zwiespältiges Resümee dieses Buches: ein interessanter Plot, der lesenswert erscheint, aber durch mangelnde Erzähltechnik und gravierende Ungereimtheiten letztendlich nicht zu überzeugen vermag. Die hymnischen Kritiken der Journalistenkolleg*innen (wie etwa Lina Paulitsch im Falter Bücherfrühling 2025) vermag ich deshalb nicht zu teilen. Ein packender Debütroman ist dies wohl nicht, eher ein Stück angepasster Erzählleistung in einem schmalen Text. Ich rate trotzdem zur Lektüre, wenn auch nur, um zu wissen, was aus den spannenden Ansätzen des Romans hätte werden können.

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