Prekäre Welten

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Olga Flor: Ein kurzes Buch zum lustigen Untergang (2025) – Buchbesprechung

Was hilft, wenn nichts mehr hilft: vom Überleben in glücksfernen Zeiten. Da ist die Erdachse doch plötzlich gekippt. Geschunden von der Gier der Menschen, ist der Planet in Schieflage geraten und rollt nun unschön vor sich hin. An den Stränden, an denen man einst versonnen spazierte, findet man heute die »Bremsspuren einer an die Wand gefahrenen Zivilisation« im Sand. Armanda weiß, es ist Zeit, sich auf den Weg zu machen, das Notwendigste in einen Rucksack zu packen. Rastlos folgt sie den gerade noch bewohnbaren Zonen um die Erde. Sie ist auf der Suche nach ihrer Tochter, von der sie rätselhafte Nachrichten erhält. Ist Nora in Gefahr? Die Aussicht auf ein Wiedersehen lässt Armanda allen Widrigkeiten zum Trotz durchhalten, in einer Welt, in der Hoffnungsschimmer sich meist als Fata Morgana entpuppen.Unserer Gegenwart begegnet Olga Flor mit bösem Witz und analytischer Schärfe. Und sie zeigt eindrucksvoll, was selbst aus den schlimmsten Verheerungen, so oder so, hervorgeht: neuer Mut und neues Leben. Ein wehrhaf­ter Reiseführer, ein Roman für alle, die die Zukunft fürchten und doch die Hoffnung nicht aufgeben wollen: ein kurzes Buch zum fröhlichen Untergang. (Klappentext)

Buchtitel: Ein kurzes Buch zum fröhlichen Untergang
Autorin: Olga Flor
Erscheinungsjahr: 2025
Sprache: Deutsch
Verlag: Jung und Jung
Seiten: 160
ISBN 978-3-99027-418-7


Buchbesprechung:

Bücher über den Untergang der Welt sind oft von unerträglicher Larmoyanz. Sie appellieren an unsere Einsicht, verdammen die aktuelle Politik, beschwören die Wissenschaft und fordern das Wohl künftiger Generationen. Bitterer Spott und entlastende Ironie sind selten zu finden. Moralisierende Ernsthaftigkeit ob der bevorstehenden Apokalypse herrscht vor.

Das Buch der österreichischen Schriftstellerin Olga Flor vermag uns hingegen mit einem anderen Narrativ zu überraschen. Ihr gelingt es, eine apokalyptische Welt zu beschreiben, die sie verfremdet und von Belehrung befreit. Es ist ein nüchterner, fast spöttischer Ton, den sie findet, um die Wunderlichkeiten einer gescheiterten Welt zu beschreiben.

Der Zustand der Welt

Was ist geschehen? Die Erdkugel hat sich mit ihrer Achse „zur Seite gelegt“, sie wurde aus dem Gleichgewicht gebracht durch fortwährendes Fördern von Rohstoffen. Vieles ist durch diesen Achsensturz durcheinander gekommen: die Jahreszeiten und vor allem Armandas bevorzugte Wohnlage, die mit der Nordhalbkugel in die Nacht gefallen ist. Überhaupt gibt es in dieser Welt nur eine Sonnen- oder Wintersphäre. In beiden Zonen lässt es sich aber nicht unbeschadet leben. Nur mehr das Gebiet um den Äquator ist bewohnbar, an dessen Rändern man sich eingeschränkt bewegen kann. Das tut Armanda, die sich eines Tages auf die Suche nach ihrer Tochter Nora macht, die in einem Forschungsteam arbeitet. Denn diese hat ihre Mutter mit einer kryptischen Nachricht zu sich gelockt.

Dabei wandert die in die Jahre gekommene Heldin meist am Ufer des Meeres, an der scharfen Grenze zwischen Tag und Nacht. Ihr zur Verfügung stehen eine eilig zusammengestellte Notfallausrüstung und ein schlecht funktionierendes Smartphone. Die Verheerungen, denen sie sich bei ihrer Wanderung aussetzt, sind vielfältig: Springfluten, Hitzestürme, vergiftetes Wasser, Hitze, Kälte, marodierende Jugendliche auf Quadbikes. Es sind nicht die Abenteuer eines mutigen Prepperlebens, die im Mittelpunkt des auktorialen Erzählens stehen, sondern scharfsinnige Beobachtungen der Welt und individueller Befindlichkeit, dies ohne Pathos oder Wehleidigkeit. Die Apokalypse ist da, und Frau richtet sich ein, so gut es eben geht:

„Die Welt trudelte einfach so vor sich hin, ohne Plan, die Restbevölkerung darauf ohne jedes Ziel, ausser dem, die nächste Dunkelphase oder Hitzeperiode zu überstehen, und dem zweiten, wichtigeren fast, eine durchgängige Erklärung zu formulieren. Mittlerweile waren die meisten Toten verrottet, zerfallen und verwertet, sodass man endlich wieder an etwas anderes denken konnte, sich in einen Alltag finden, der sich eingestellt hatte …“

Die Sprache

Da gibt weder Platz für Verzweiflung, noch für Hoffnung oder Sinnsuche. Die Sprache der Erzählerin ist knapp, von Emotionen bereinigt, oft paradox in ihren Beschreibungen. Fast mutet der Text wie eine immer wieder kehrende Parodie über eine zugrunde gehende Welt an. Es herrscht eine ironischer, fast zynischer Ton, der sich paart mit scharfzüngigen Beobachtungen über den Zustand der Welt, die man ohnehin nicht zu verändern vermag. Die erzählte Geschichte gerinnt so zur bitterbösen Groteske eines Untergangs.

Eine Groteske

Die Leser*innen folgen einer Gruppe spirituell Beseelter, die einen Turm bauen, um auf ihm mit den Schwingungen ihrer hüpfenden Körper die Lage der Erde wieder einzurenken. Unvermeidlich, dass die dabei zu Tode Gekommenen zu den Heiligen Der Ersten Tage verklärt werden. Auch andere Personen treten auf: etwa marodierende Jugendliche auf lärmenden Quadbikes oder verschlagene und dümmliche Gelegenheitsdiebe, die sich als Händler tarnen. Schliesslich trifft sie auf Sedna, eine Pilze züchtende Bäuerin, die trotz Überfällen und Feuersbrünsten allen Widrigkeiten trotzt und ihre im Keller versteckten Pflanzung umsorgt. Unbeirrt von allen Veränderungen geht sie ihren Arbeitsrouinen nach und bietet noch dazu der erschöpften und verletzten Armanda Hilfe und Zuflucht an. Draussen auf dem Meer betreibt ein Milliardär mit einer treibenden Insel namens Atlantis erfolgloses und für die Umwelt katastrophales Seasteading. In kostenpflichtigen Thermalquellen finden Workshops esoterisch verzückter Menschen und Werbefuzzis statt.

Auch um ihre Tochter scheint es nicht weniger skurril bestellt. Diese hat sich mit ihrer Forschergruppe vorgenommen, die tierische Hibernation für die Menschen nutzbar zu machen. So isst sie sich in masslos übertriebenem Forscherdrang den dafür notwendigen Winterspeck an, der sich allerdings hässlich an unpassenden Körperteilen zeigt. Dem Selbstversuch zum Wohl der Wissenschaft möchte sie sich unbedingt unterziehen, koste es, was es wolle. Die Begegnung zwischen Mutter und Tochter ist so befriedigend wie pragmatisch: denn Nora muss sich weiterhin mit vollem Einsatz ihren Forschungen widmen und braucht dazu die Obsorge von Armanda.

Zukunft ohne Menschen

Bei ihren unsteten Streifzügen trifft Armanda auf einen neuen Weggefährten, einen bunt schillernden Oktopoden, der sehr gut mit dem Inferno zurechtzukommen scheint. Bei ihm beobachtet die erstaunte Erzählerin „Fortpflanzungsmechanismen, die sich gewaschen haben!“ Gemeinsam mit Flechten und Pilzen werden es wohl diese Spezies sein , die die Menschheit in nicht allzu ferner Zukunft ersetzen wird. So wandert und tanztder Oktopode neben Armanda her, übernachtet im Wasser, ernährt sich von Konservenkost und verwandelt sich in einen Baum und wieder zurück in seine ursprüngliche Gestalt. Er wird zum Symbol des Übergangs und der Zukunft, an denen die Menschen nicht mehr teilhaben werden. Er baut Brücken, auch für Amanda. Das sind wohl die schönsten Stellen dieses Buches: auch weil sie einer Hoffnung an das Überleben Ausdruck geben, das den Menschen nunmehr verwehrt ist.

Und so schliesst dieses empörend groteske, sprachlich polierte und hoffnungslos realistische Buch mit folgendem ernüchternden Satz:

„Doch Armanda, unsere Calamity Jane des wilden Nordwestsüdostens, konnte sich noch so sehr bemühen, eine stimmige Endkonfiguration zustande zu bringen: Die Zeit dieser Spezies ist abgelaufen.“

Bis es aber soweit ist, bleibt der Menschheit noch ein wenig Zeit gegönnt, die es mit ihrem verzweifelten Überleben zubringen darf.


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