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Barbara Zeman: Beteigeuze (2024) – Buchbesprechung

In einer winzigen blauen Wohnung lebt Theresa Neges. Ihr Name, der übersetzt »Du solltest Nein sagen« lautet, scheint nicht ohne Einfluss auf ihr Leben. Einen Beruf hat sie nicht, auch kein Geld. Sie hat nur Josef, ihren Freund, und auch den nicht ganz, trotz Liebe. In ihrem großen grauen Mantel läuft Theresa durch Wien. Liegt im Hallenbad auf dem Beckengrund und übt das Luftanhalten, sucht den Schwindel auf einem Karussell. Denn eigentlich möchte sie ins All: leicht sein, schweben. Und Beteigeuze näher sein, dem gleißend roten Riesenstern im Sternbild Orion, dem sie sich seit ihrer Kindheit verbunden fühlt. (Klappentext)

Buchtitel: Beteigeuze
Autorin: Barbara Zeman
Erscheinungsjahr: 2024
Sprache: Deutsch
Verlag: DTV
Seiten: 304
ISBN 978-3-423-28415-8


Buchbesprechung:

Es schillert im Roman.

Ringen um Verständnis

Da ist die Sprache des Buches, die flimmert wie Luft über heißem Land. Da ist auch das ständig bemühte Motiv von Beteigeuze, dem geheimnisvollen, riesigen Stern, der sich zuweilen verdunkelt und dann doch tröstlich strahlt. Letztlich ist es die perlende Stimme der Autorin, die einmal gehört, sich wie ein schillerndes Licht über die Worte der Ich-Erzählerin legt. Es ist etwas Besonderes, was wir uns mit diesem Buch angetan haben, eine lohnende Aufgabe und ein poetisches Erlebnis.

Sich mit der Sprache treiben lassen, ist die einzige Möglichkeit, diesem Buch und sich selbst gerecht zu werden. Die Protagonistin sei eine Zumutung, schreibt eine Rezensentin auf FM4. Nun, welche Romanheldin ist dies nicht, werden Texte in der Literatur doch stets so gestaltet, dass Mensch sich schon ein wenig bewegen muss, um in ihre Haut zu schlüpfen. Auf das Niveau der Goodreads – Beurteilungen von Literatur wollen wir uns ja nicht begeben. Natürlich wollen wir die Heldin kennenlernen, deshalb lesen wir Literatur. Dazu werden wir ein wenig konzentrierter lesen müssen. Oft will das Buch auch aus der Hand gelegt werden, um sich ein wenig Ruhe zu gönnen nach den Sprachbildern, die da der Autorin so mühelos aus der Hand purzeln. Das Lesen führt manchmal auch weg von der Heldin, die langsam in eine Psychose gleitet, und ist dann wieder ganz nah bei ihr. Angst kommt auf, sie vielleicht zu gut verstehen zu können. Es könnte uns gehen wie ihr und wir könnten wahrnehmen, das etwas nicht stimmt mit uns:

„Am nächsten Tag verstecke ich mich wie ein schüchternes Raubtier in der Kammer unter der Treppe, beisse Taygetea in die Hand, als er sie öffnet. Da habe ich es dann verstanden. Das etwas mit mir ist.“

Ein Sternenkind

Doch was stimmt mit der Protagonistin nicht? Es ist nicht klar, woran die Ich-Erzählerin Theresa Neges leidet, denn sie tut seltsame Dinge: liegt Atem anhaltend am Grund des Schwimmbeckens, tanzt im wehenden Mantel durch die Stadt, spricht in Rätseln, verfolgt eigensinnig ihren Weg, besetzt das Wohnzimmer der gemeinsamen Wohnung mit Sternenkarten. Das verstärkt sich durch das Absetzen von Medikamenten, die ihr in der Klinik verschrieben worden sind. Sie lebt mit Josef zusammen, in seltsamer Verbundenheit und Distanz, in einer Wohnung mit blauen Wänden. Josef begleitet sie auf ihrer Reise: passiv, distanziert, unverständig. Sie gleitet durch die Stadt und ihre Assoziationen, hält sich nur mühsam mit Jobs im Gastgewerbe über Wasser und interessiert sich für den Himmel und insbesondere den Stern Beteigeuze. Das hängt mit ihrer Familie zusammen, ihr wird ausgiebig Platz im Text eingeräumt, sie lässt sich auf die eine oder andere Weise mit dem Kosmos in Verbindung bringen. Ihre sieben Geschwister, die sie nach den Plejaden benennt, sind stets präsent und gleichzeitig weit entfernt von ihr. Einer ihrer Grossväter ist der Astronom Eber Felder, die Grossmutter Lilly Neges hinterlässt ihrer Enkelin eine Tonkassette, die sie mit der Besprechung der Orchestersuite „Die Planeten“ von Gustav Holst besprochen hat. Dieses Werk wiederum löst schreckliche Assoziationen beim anderen Grossvater aus, wenn er sich an den Ersten Weltkrieg erinnert. Theresa ist ein Sternenkind, begabt und geplagt zugleich.

Ein Teppich an Bezügen

Doch nicht nur in die Anmutung der Gestirne weiht uns die Protagonistin ein, sondern auch in ein Netz von literarischen, historischen und geologischen Hinweisen, die wir verfolgen oder ungeduldig links liegen lassen können. Da sind Ingeborg Bachmanns „Undine geht“, Dostojewskys „Böse Geister“, Tschukowskajas „Untertauchen“, da sind Filme von Jacques Becker und Johannes Luf. Auch David Bowies Musik taucht auf, immer und immer wieder mit dem Wort „Blue“ zitiert. Niemals prahlt die Protagonistin in bildungsbürgerlicher Manier mit ihren Querverweisen. Sie spricht darüber eher wie ein wissbegieriges Kind, das ständig Interessantes entdeckt, von dem sie verzaubert ist und das es zu teilen gilt.

Die Besonderheit der Sprache

Und dann ist die Sprache, über die sie uns ständig stolpern lässt: manchmal an der Grenze zum Delirium, dann wieder in nüchterner Distanz, wenn die Begriffe zuerst voller Begeisterung, dann mit lexikalisch anmutender Kühle zitiert werden. Überhaupt ist das Buch durchfurcht mit Kursivem: Erinnerungen, Dialoge, Zitate sind so ausgewiesen und deuten an: so viele Welten reihen sich aneinander, beanspruchen Gültigkeit, aber sind immer nur eine relative! Am eindrücklichsten die gewagten Beschreibungen:

„Wenn ich die Zehen strecke, berühr ich ihr kühles Marianengrabenblau. Kommt mir wie dem Ozean entnommenes Wasser vor, mit Gelatine festgemacht. Enthält Wale. Megalodons, Seepferdchen in hoher Zahl und einige Kalmare.“

Es ist ein sehr lyrischer Prosatext, der manchmal das Gefühl vermittelt, er wäre ein Langgedicht, das uns die Welt der Protagonistin erschliesst. Denn natürlich ist das Buch nicht nur ein sprachlich wunderschöner Ritt über den Himmel, sondern auch eines über die sich intensivierende Erkrankung der Protagonistin, über ihr Abgleiten in eine höchst prekäre Welterfahrung. Den Beobachtungen und Gedanken von Theresa zu folgen, ist aber zu schön und interessant, um sie allein als Phänomen einer im Text nie genau bestimmten Erkrankung zu sehen. Sie zeigt die Wunderlichkeit ja Schönheit der Welt, in der man sich wie Theresa allzu leicht verstricken kann.

Kein Ingeborg Bachmann Preis

Versponnenheit stösst nicht immer auf Zuspruch des Publikums. Zu erzählen ist hier über die Lesung des ersten Kapitel dieses Buches im Rahmen des Ingeborg Bachmann Preises 2022. Als die Jury darüber richtet, fällt das Nicht-Verstehen-Wollen der anwesenden Männer auf. Sie kritisieren am „Venedigkapitel“ das „Gerümpel“, das „Selbstreferentielle“ und „Hermetische“ des Textes. Man darf sich wundern über die Ignoranz der Haltungen. Die anwesenden Frauen der Jury verweisen hingegen richtigerweise auf die zitierten Traditionen, auf die Schönheit und das Schillern der Sprache, auf das Erzeugen von Stimmung. Ein Stück Frauenliteratur etwa?

Nun, spätestens seit Erscheinen des Romans sind wir ein wenig klüger, dürfen nicht nur ein Kapitel, sondern den ganzen Korpus des Romans beurteilen. Nicht um das Abtasten der Beziehung zu einem Mann geht es, sondern um die Beziehung der Protagonistin zur vorgefundenen Welt, die sich immer mehr verengt. Josef ist nur ein Teil davon. Und nein, die Protagonistin ist keine Zumutung. Man kann sie sehr gut kennenlernen, sogar ein Stück weit verstehen, wenn man sich ihren Augen und Bezugspunkte anvertraut. Einen Preis konnte Barbara Zeman 2022 übrigens keinen ergattern.

Das ist ein Buch, das einem nur selten zufällt. Einer der Texte, die zum Staunen anregen und neugierig macht auf mehr. Eben eine unbedingte Leseempfehlung. Denn ständig geht es mir mit diesem grossartigen Buch so wie der Protagonistin mit jenem der Tschukowskaja:

„Ich könnte es sofort in einem Zug auslesen, aber ich tu es nicht, weil es schade um die überflogenen Sätze wäre, ich will in den Sätzen drin sein und nicht aussen drauf. So wie du, weil du bist oberflächlich“.


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