Prekäre Welten

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Thomas Glavinic: Die Arbeit der Nacht (2006) – Buchbesprechung

Jonas ist allein. Und zwar ganz allein. Von einem Tag auf den anderen. Zunächst ist es für Jonas ein Morgen wie jeder andere. Dass die Zeitung nicht vor der Tür liegt, ist noch nicht beunruhigend. Doch als Radio, Fernsehen und Internet nur undeutlich rauschen, beginnt er sich zu wundern. Er verlässt die Wohnung: und ist allein. Es beginnt eine Expedition, die Jonas mit den elementaren Fragen menschlicher Existenz konfrontiert. Thomas Glavinic hat einen Albtraum in die literarische Realität geholt. Ein gewagter und suggestiver Roman. (Klappentext)

Buchtitel: Die Arbeit der Nacht
Autorin: Thomas Glavinic
Erscheinungsjahr: 2006
Sprache: Deutsch
Verlag: Carl Hanser
Seiten: 400
ISBN 3446207627


Buchbesprechung:

Ein nicht angenehm zu lesendes Buch, dieser Erfolgsroman von Thomas Glavinic, der 2006 erschien und für heftige und widersprüchliche Reaktionen des Lesepublikums sorgte. Es ist ein Roman über den Schrecken, welche die Einsamkeit und soziale Isolation in das Leben eines Menschen bringt.

Die Welt steht still

Der Protagonist Jonas erwacht eines Morgens in seiner Wohnung und entdeckt, dass alles Lebendige um ihn herum nicht mehr existiert. Internet und Telefon verbinden ihn nicht mehr mit Anderen, die Strassen und Häuser sind menschenleer, eine Welt ohne Lebewesen, auch über Grenzen hinweg. Jonas wird in den kommenden Wochen vollständig auf sich allein gestellt sein. Die Welt hat aufgehört zu atmen, nur mehr Objekte umgeben ihn.

Selbstvergewisserung tut Not. Jonas durchstreift die leeren Gassen Wiens, zunächst auf der Suche nach Leben, später notgedrungen auf der Suche nach Indizien, die beweisen könnten, dass irgendeine Veränderung stattgefunden hat, die auf menschliche oder tierische Spuren schliessen lässt. Er sucht nach Beweisen für den Fluss der Zeit, oft spielt ihm dabei sein Bewusstsein Streiche. Manchmal scheint er Veränderungen in seiner Umgebung festzustellen, von denen er aber weiss, dass sie letzthin nur Sinnestäuschungen sind. Mithilfe von Videokameras, die er an zentralen Stellen der Stadt und in seiner Wohnung anbringt, überwacht er sich und seine Umgebung. Eine neue Welt aus Aufzeichnungen ersteht, darin abgebildet, sein Alter Ego, der sgn. Schläfer. Während Jonas schläft, bewegt sich dieser unabhängig von ihm in der Wohnung, blickt in die Kamera, bewegt Gegenstände. Eine lückenlose Überwachung des Phantoms jedoch bleibt Wunschdenken:

„Es erwies sich als unmöglich, seinen Schlaf lückenlos zu filmen und dann tagsüber gewissenhaft die Aufzeichnung zu betrachten. Es würde bedeuten, nichts mehr zu tun, als zu schlafen und sich dann beim Schlafen zuzusehen.“

Erinnerungen an die Pandemie

Ruhelos streift Jonas durch die Strassen Wiens, auf der Suche nach Zeichen des Lebens. Wer Wien kennt, wird sich angesichts der Leere der Szenerie, in denen Jonas seine Streifzüge unternimmt, erschrecken, die leere Stadt mit den Augen der Apokalypse sehen. Die Streifzüge des Protagonisten erinnern an den Einbruch der Unwirklichkeit, der sich im Jahr 2020 in Wien, also 14 Jahre nach Erscheinen des Buches tatsächlich ereignet hat. Im Zuge des ersten Covid – Lockdowns in Österreich konnten einsame und verwirrte Spaziergänger*innen ein wenig von diesem Gefühl erleben, welches Glavinic in seinem Roman zu beschreiben versucht: die Stille, die Leere, das Funktionieren der Infrastruktur ohne sichtbare Menschen. Die Expeditionen am Beginn der Pandemie erschienen vielen Spaziergänger*innen wie ein Treiben im Meer der Stille, ein Zurückgeworfenen auf sich Selbst, ein Ankämpfen gegen eine Leben in einem unerwünschten Kontext. Vielleicht mag die Erinnerung daran dazu führen, dass wir das Buch von Glavinic besser zu verstehen, als damals zum Zeitpunkt seines Erscheinens im Jahr 2007. Tatsächlich hat Glavinic wie so viele andere Autor*innen ein Corona – Tagebuch geschrieben. Darin schreibt er:

Das kann auch nur mir passieren: Ich lasse die Welt kurz aus den Augen, und wenn ich wieder hinsehe, herrschen Finanzchaos, Pandemie und Ausgangssperre.

Bedürftige Herrschaft im Niemandsland

Jonas kämpft unermüdlich gegen die Schrecken der Neuen Welt an, versucht sie aber gleichzeitig zu verstehen. Mit wenig Erfolg. Die Welt entzieht sich ihm, sie schweigt. Er besucht die nunmehr leere Wohnung seines Vaters, ruft unablässig wie erfolglos seine Lebensgefährtin Marie in England an, scheitert auch mit Anrufen seiner Freunde und Bekannten. Er hinterlässt Schriftzüge auf öffentlichen Gebäuden und verhängt Teile des Donauturms mit einem Transparent und schaltet die Umdrehungen des dort befindlichen Restaurants auf höchste Geeschwindigkeit. „Mit schwarzer Farbe schrieb er in riesigen Buchstaben das Wort HILFE auf den Boden des Heldenplatzes.“ Doch das sind nicht nur Botschaften an andere Überlebende, sondern auch Botschaften an sich selbst, die angesichts einer gelichgültigen Welt bestätigen, dass er noch am Leben ist.

Unverständige Rezensent*innen haben die verzweifelten Streifzüge von Jonas (die ihn auch ins Ausland führen) als Robinsonade bezeichnet. Doch anders als die Protagonistin in Marlen Haushofers Die Wand muss Jonas nicht um sein physisches Überleben kämpfen. Die Stadt als Quelle des Überflusses liegt vor ihm, an eine Zukunft braucht zunächst noch nicht gedacht zu werden. Er bricht zu Expeditionen durch ein trostloses Wien auf, Expeditionen ohne Sinn und Ziel. Männliches Kompensation bricht seine Bahn: Jonas bewaffnet sich mit einem Gewehr, versorgt sich mit Autos, randaliert in Geschäften, wo er sich mit Essbarem und Elektronik versorgt, bricht in Wohnungen fremder Menschen ein, um dort zu schlafen, schiesst in die Leere, fährt Autorennen gegen sich selbst. Er fährt ins Leere. Jonas ist zum absoluten Herren über die Dinge geworden, zum Souverän, der sich über jedes Recht erheben kann, freilich ohne den sozialen Mehrwert, der durch seine Herrschaft zu lukrieren wäre. Jonas ist allein mit sich und seinen Gegenständen.

„Denn wenn er über alles verfügen, auf jeden Wagen, jede Vase, jedes Glas in Wien zugreifen konnte, blieb ihm nichts, was ihm gehörte.“

Gekappte Vergangenheit

Auf sich selbst zurückgeworfen, scheint nur der Blick auf die eigene Vergangenheit Trost zu gewähren. In der Wohnung seines Vaters durchstöbert er im Keller Kisten mit Erinnerungen. Sie blitzen belanglos auf. Er zieht in die Wohnung, die er als Kind mit seinen Eltern bewohnt hat, verbringt in aufwändigen Aktionen Einrichtungsgegenstände aus der Wohnung seines Vaters dorthin, richtet sich ein, reist mit einem gekaperten Fahrzeug durch Österreich, um Orte der Vergangenheit zu besuchen. Doch all diese Orte scheinen „leer“ zu sein: die seit seiner Jugend vergangene Zeit scheint wie eine Sperre zwischen Gestern und Heute zu wirken, die eigene Geschichte scheint nichts zur Gegenwart beizutragen. Nichts Tröstliches liegt in der Vergangenheit, die Gedanken daran sind mehr unbeteiligte Erinnerung als sinnliches Erleben. Erkenntnisse über sich selbst, vermögen sie nicht zu evozieren. Auch die Reise nach England, wo sich seine Lebensgefährtin Marie befinden soll, gerät zum Disaster. Er kehrt erschöpft nach Wien zurück, um wieder nur Nichts zu finden.

Stillstand

Was bleibt vom Menschen, der isoliert von Anderen auch die eigene Vergangenheit nicht mehr als Trost und Kontinuität begreifen kann? Was tun, wenn die Zeit still steht und Vergangenheit wie Zukunft keine Bedeutung mehr zu haben scheint. Was tun, wenn sich die Gegenwart in verzweifelt Repititivem erschöpft? Die Lektüre dieses Buches vermag die Leser*innen für kurze Zeit in eine wertlose Welt hineinzukatapultieren, in dem es nichts mehr erzählen gibt. Allein das Horchen auf den zögerlichen Atemzug, der gegen die Einsamkeit kämpft, bleibt bis zum Ende. Das ist die bittere Lehre dieses Buches.


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