Ein seltsam verstörendes, hypnotisierendes Buch über eine Frau, die laut ihrem Ehemann an Durchschnittlichkeit kaum zu übertreffen ist – bis sie eines Tages beschließt, kein Fleisch mehr zu essen. »Bevor meine Frau zur Vegetarierin wurde, hielt ich sie für nichts Besonderes. Bei unserer ersten Begegnung fand ich sie nicht einmal attraktiv. Mittelgroß, ein Topfschnitt, irgendwo zwischen kurz und lang, gelbliche unreine Haut, Schlupflider und dominante Wangenknochen. So fühlte ich mich weder von ihr angezogen noch abgestoßen und sah daher keinen Grund, sie nicht zu heiraten.« Yeong-Hye und ihr Ehemann sind ganz gewöhnliche Leute. Er geht beflissen seinem Bürojob nach und hegt keinerlei Ambitionen. Sie ist eine zwar leidenschaftslose, aber pflichtbewusste Hausfrau. Die angenehme Eintönigkeit ihrer Ehe wird jäh gefährdet, als Yeong-Hye beschließt, sich fortan ausschließlich vegetarisch zu ernähren und alle tierischen Produkte aus dem Haushalt entfernt. »Ich hatte einen Traum«, so ihre einzige Erklärung. Ein kleiner Akt der Unabhängigkeit, aber ein fataler, denn in einem Land wie Südkorea, in dem strenge soziale Normen herrschen, gilt der Vegetarismus als subversiv. Doch damit nicht genug. Bald nimmt Yeong-Hyes passive Rebellion immer groteskere Ausmaße an. Sie, die niemals gerne einen BH getragen hat, fängt an, sich in der Öffentlichkeit zu entblößen und von einem Leben als Pflanze zu träumen. Bis sich ihre gesamte Familie gegen sie wendet. Die Vegetarierin ist eine kafkaeske Geschichte in drei Akten über Scham und Begierde, Macht und Obsession sowie unsere zum Scheitern verurteilten Versuche, den Anderen zu verstehen, der ja doch, wie man selbst, Gefangener im eigenen Leib ist. Der Roman wurde mit dem Man Booker International Prize 2016 ausgezeichnet.

Buchtitel: Die Vegetarierin
Autorin: Han Kang
Erscheinungsjahr:
Sprache: Deutsch
Übersetzung aus dem Koreanischen: Ki-Hyang Lee
Verlag: Aufbau
Seiten: 190
ISBN 978-3-7466-3333-6
Originaltitel: Chaesigju-euija
Erscheinungsjahr Original: 2007
Buchbesprechung:
Siebzehn Jahre ist es her, dass Die Vegetarierin in koreanischer Sprache publiziert wurde. 2017 erschien sie in deutscher Sprache, in einer Übersetzung durch Ki-Hyang Lee. Das Buch wurde verfilmt und erschien als Hörspiel auf vielen deutschsprachigen Sendern. Die Verleihung des Literaturnobelpreises 2024 an Han Kang hat das Buch erneut in den Mittelpunkt des literarischen Interesses gerückt. Zeit, sich auch über dessen Rezeptionsgeschichte ein wenig Gedanken zu machen.
Zunächst zum Inhalt: Yeong-hye und ihr Ehemann sind ein durchschnittliches Paar, das im Südkorea der Gegenwart lebt. Er ist ein Büroangestellter mit bescheidenen Ambitionen und misogynen Attitüden, sie eine pflichtbewusste Ehefrau, die sich den Regeln einer traditionellen Ehe unterwirft. Dann fasst Yeong-hye einen Alle verstörenden, subversiven Entschluss: Nach einem schrecklichen Traum schwört sie dem Fleisch ab und weigert sich auch, es für ihren Mann zuzubereiten. Aufgrund der verständnislosen und gewalttätigen Versuche ihres Mannes und ihrer Familie, sie davon abzubringen, eskaliert die Situation bei einer Familienzusammenkunft. Im weiteren Verlauf des Romans nimmt die Rebellion der jungen Frau immer bizarrere Formen an. Yeong-hye verliert sich in ihren Fantasien, in der Hoffnung, sich von den sie bedrängenden Zwängen befreien zu können.
Dass nun Han Kangs Roman immer wieder nur als Erzählung über Vegetarismus und Essstörung gelesen wird, wirft viel Licht auf die Denkfaulheit des Rezensionsgeschäftes. Getan wird meist so, als handle es sich um die Geschichte einer Frau, die sich durch ihre hartnäckige Weigerung, Fleisch zu essen, in ein soziale und körperliche Katastrophe begibt. Dabei wendet sich die scheinbare Aufgeklärtheit der Rezensent*innen gegen die Intentionen der Protagonistin. Diese Rechthaberei reibt sich gerne Fantasien und individuellen Lebensentscheidungen jener, die sich dem Mainstream nicht unterwerfen wollen. Sie kommt zum voreiligen Schluss: Vegetarismus führe in diesem Roman zu Essverweigerung und psychischer Störung. So titelt etwa ein Kulturjournalist anlässlich der Verleihung des Literaturnobelpreises an Han Lang seinen Artikel mit den Worten „Vegetarischer Widerstand“. „Fleischverweigerung als Rebellion“, *Eine Frau will eine Pflanze werden“ oder *Selbstverzehr“ sind weitere Überschriften, die erbärmlich plump daherkommen.
Diese bequeme Interpretation eines Buches entlang seines Buchtitels bedeutet nicht, auf der sicheren Seite einer gehaltvollen Rezension zu stehen. Im Gegenteil, man hat wohl in solchen Fällen schnell und schlampig gelesen und transportiert in der Kritik mehr eigene Befindlichkeit als dem Buch zugemutet werden kann. Denn Die Vegetarierin ist nicht eine banale Erzählung über eine selbst verschuldetes pathologisches Verhalten, sondern eine über den Widerstand gegen die Zumutungen des Sexismus in Korea, wie sie etwa auch von Cho Nam-Joo in ihrem Buch ausführlich beschrieben wurde. Sie ist eine subtile Erzählung über den Wunsch, sich selbst zu finden und die Grenzen seines Ichs auszuloten. Dass die Protagonistin damit provoziert und Unverständnis auslöst, liegt auf der Hand. Das betrifft sowohl die handelnden Charaktere als auch die Leser*innen des Buches.
Bleiben wir zunächst bei der Form des Werkes, weil damit gezeigt werden kann, wie sehr im gegenständlichen Fall Form und Inhalt eine Interpretationseinheit bilden. Das Buch besteht aus drei Teilen, die als separate Erzählungen gelesen werden können, aber ineinander verschränkt sind. Der Inhalt wurde ja auch ursprünglich in diesen drei Kurzgeschichten veröffentlicht. In jedem Abschnitt wird ein Abschnitt des Lebens mit Jong-hye beschrieben: aus der Sicht ihres Ehemanns, aus der ihres Schwagers und zuletzt aus jener ihrer Schwester. Yeong-hye selbst darf nur sehr kurze Sequenzen eines Traumes erzählen, der den Anstoss für ihre Entwicklung gibt.
Die Überschrift des ersten Kapitels heisst Die Vegetarierin. Sie hat dem Buch offensichtlich den Titel gegeben. Der Abschnitt erzählt, wie eine Frau nach einem schrecklichen Traum beschliesst, Vegetarierin (eigentlich Veganerin) zu werden. Es ist ihr Mann, der diese Geschichte erzählt: erschrocken, voll von Unverständnis und nicht bereit, die Entscheidung seiner Frau zu akzeptieren. In seiner misogynen Beschränktheit wendet er sich an ihre Familie, die ihm mit dem Problemfall helfen soll. Diese „Hilfeleistung“ endet in einer gewalttätigen Katastrophe, die sie, als unmittelbare Reaktion auf das ihr zugemutete, zu einem Suizid bewegt.
Im zweiten Teil des Romans mit dem Namen “Mongolenfleck“ erzählt der Schwager Yeong-hyes. Er ist ein alternder Künstler, der einem merkwürdigen Fetisch verfallen ist und der sich deshalb zu seiner Schwägerin hingezogen fühlt. Unter dem Vorwand, für Yeong-Hye zu sorgen, missbraucht er sie zur Befriedigung seiner sexuellen und künstlerischen Obsessionen. Als er in einem als Kunst verbrämten Akt Ohren Körper mit Blumen bemalt, erkennt sie, dass nicht ein Traum idie Ursache für hre Abneigung gegenüber Fleisch ist, sondern sie aufkeimende Zuneigung zu allem Pflanzlichem.
Der dritte Teil (betitelt mit „Bäume in Flammen“) wird von der Schwester Yeong-hyes erzählt. Sie besucht die von ihr in eine Psychiatrische Klinik Eingewiesene regelmässig und beobachtet den starken körperlichen Verfall der Schwester. Yeong-hye hat sich nunmehr völlig der pflanzlichen Welt zugewandt und weist fast jede Nahrung von sich. Auf die verzweifelte Bitte ihrer Schwester, sich nicht durch die Weigerung zu essen, selbst zu töten, entgegnet sie:
Ja und. Ist es denn verboten, zu sterben?
In keinem der drei Handlungsstränge bekommt Yeong-hye die Autonomie zugesprochen, von sich zu erzählen. Nur aus ihrer Traumwelt darf sie in kurzen Passagen erzählen. Dieses erzählerische Verfahren betont die Objektivierung, die sie von ihrer Umwelt erfährt. Die Autorin Han Kang hat den Grund für die Wahl dieser Erzählperspektive so erklärt:
„Instead of having Yeong-hye speak directly, I wanted to show through the narration of other characters how she is observed, hated, misunderstood, pitied and objectified. I imagined the moments the readers piece together her truth as it emerges from these misunderstandings“. (Stellungnahme anlässlich der Verleihung des Booker Preises.
Jemand aus der Sicht der Anderen zu beschreiben, erzählt immer auch über die Erzählenden selbst. Wir diagnostizieren deren Einstellungen, Vorbehalte, deren Sicht auf die beschriebene Person. Man erkennt, dass die Erzähler*innen von einem grossen Unverständnis für Yeongo-hye’s Verhalten gekennzeichnet sind, aber bereit sind, ihre Bedürfnisse nicht nur zu missachten, sondern auch auch Zwang und Gewalt auf sie auszuüben. Yeaong-hye leidet an einer patriarchalen Gesellschaft, für die die bestehende Ordnung unauflösbar erscheint. Der Individualismus einer jungen Frau hat darin keinen Platz. Yeong-hye steht dieser Gewalt völlig alleine gegenüber. Niemand kann sie jedoch daran hindern, ihren Weg zu sich selbst zu verfolgen. Fast hat man den Eindruck als lächelte sie über all jene, die für sie kein Verständnis aufbringen können. Dennoch gelingt es der Erzählung, Empathie für die Protagonistin zu wecken. Wir können ihre „Wandlung“ bis zu einem gewissen Grad nachvollziehen und bewundern den Freiheitssinn, von dem wir wissen, dass er letztendlich an sich selbst scheitert und zur Selbsttötung führt.
Die radikale Weigerung einer Frau, sich den Zumutungen und Zwängen einer latent gewalttätigen Umgebung widerstandslos auszusetzen, ist grundlegender Tenor der drei miteinander verbundenen Erzählungen. Um sich zu schützen, zieht sie sich in sich selbst zurück. Sie ist dabei durchaus fähig, sich ein Stück Freiheit zu erkämpfen. Sie beginnt, ihre Körperlichkeit zu geniessen und fühlt sich immer stärker zu allem Pflanzlichem hingezogen. Sie strebt eine bizarre Einheit mit der pflanzlichen Natur auch deshalb ab, weil sie mit der Natur des Tieres im Menschen brechen will. Die radikale Abkehr von gesellschaftlichen Zwängen hat in ihrem Kern nichts mit Vegetarismus oder Essstörung zu tun, sie ist auch Biel mehr als die Reaktion auf gesellschaftlichen Zwang. Es ist die Tragik dieses Buches, dass es im Grunde einen radikalen und starken Charakter beschreibt, welcher gewillt ist, sich zu verwandeln – sich aber damit Schritt für Schritt dem eigenen Tod näher bringt.
„Wie aber soll man sonst mit einem Leben zurechtkommen, dass so schön und gleichzeitig so brutal ist?“, fragt die Autorin Han Kang an anderer Stelle. Man kann dem nur zustimmen.

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