Cho Nam-Joo hat mit ihrem Roman einen internationalen Bestseller geschrieben. Ihre minimalistische und doch messerscharfe Prosa hat nicht nur viele Leserinnen weltweit begeistert, sondern auch Massenproteste in Korea ausgelöst. In einer kleinen Wohnung am Rande der Metropole Seoul lebt Kim Jiyoung. Die Mittdreißigerin hat erst kürzlich ihren Job aufgegeben, um sich um ihr Baby zu kümmern – wie es von koreanischen Frauen erwartet wird. Doch schon bald zeigt sie seltsame Symptome: Jiyoungs Persönlichkeit scheint sich aufzuspalten, denn die schlüpft in die Rollen ihr bekannter Frauen. Als die Psychose sich verschlimmert, schickt sie ihr unglücklicher Ehemann zu einem Psychiater. Nüchtern erzählt eben dieser Psychiater Jiyoungs Leben nach, ein Leben bestimmt von Frustration und Unterwerfung. Ihr Verhalten wird stets von den männlichen Figuren um sie herum überwacht – von Grundschullehrern, die strenge Uniformen für Mädchen durchsetzen; von Arbeitskollegen, die eine versteckte Kamera in der Damentoilette installieren und die Fotos ins Internet stellen. In den Augen ihres Vaters ist es Jiyoung’s Schuld, dass Männer sie spät in der Nacht belästigen; in den Augen ihres Mannes ist es Jiyoung’s Pflicht, ihre Karriere aufzugeben, um sich um ihn und ihr Kind zu kümmern. »Kim Jiyoung, geboren 1982« zeigt das schmerzhaft gewöhnliche Leben einer Frau in Korea und gleichzeitig deckt es eine Alltagsmisogynie auf, die jeder Frau – egal, wo auf der Welt – nur allzu bekannt vorkommt.(Klappentext)

Buchtitel: Kim Jiyoung, geboren 1982
Autorin: Cho Nam-Joo
Erscheinungsjahr: 2021
Sprache: Deutsch
Übersetzung aus dem Koreanischen: Ki-Hyang Lee
Verlag: Kiepenheuer & Witsch
Seiten: 208
ISBN 978-3-462-05328-9
Originaltitel: 82년생 김지영
Erscheinungsjahr Original: 2016
Rezension:
Das Buch der südkoreanischen Autorin, das 2016 erschien, hatte offenbar den Nerv der Zeit getroffen: eine sich mit Vehemenz entfaltende Frauenbewegung hatte die südkoreanische Öffentlichkeit erfasst, die die grassierende Gewalt gegen Frauen nicht mehr schweigend hinnehmen wollte. Ganz im Sinne dieser Bewegung befasst es sich in gut lesbarer Form mit den Erlebnissen einer jungen Frau, die dem Sexismus und der Misogynie im Alltag der südkoreanischen Gesellschaft ausgesetzt fühlt und letztendlich in eine Psychose flüchtet. Sie nimmt zum Entsetzen ihrer Familie die Persönlichkeit ihr bekannter Frauen an. Sie verschwindet in der Masse der sie umgebenden Frauen.
Über den Missbrauch der Frauen in Südkorea und über die sich entfaltende Feministische Bewegung in diesem Land hat eine andere Autorin, die koreanisch-deutsche Journalistin Hawon Jung in ihrem 2023 erschienenen Buch Flowers of Fire ausführlich berichtet. Darin nimmt sie auch ausführlich auf die im Mai 2016 in unmittelbarer Nähe einer U-Bahnstation (Gangnam Station, Seoul) eine junge Frau von einem Mann niedergestochen. Der Vorfall wurde zum Fanal der Gewalttätigkeit der koreanischen Gesellschaft gegenüber Frauen: 90 Prozent der gewaltverbrechen wird in Südkorea an Frauen begangen. Was lange Zeit totgeschwiegen und als „Normalität“ akzeptiert wurde, führt plötzlich zu landesweiten Protesten von Frauen. Der Täter, der sich vor dem Mord auf ein Opfer lauernd, in einer öffentlichen Toilette in der Nähe der U-Bahn versteckt hatte gab später an, stets vom Gefühl begleitet worden zu sein, Frauen schlagen zu müssen. Die anfängliche Weigerung der Justiz, dieses Verbrechen als Femizid mit misogynen Motiven einzuordnen, führte zu einem Aufschrei der Frauen. Die sgn. „Gangnam Station Generation“ machte den feministischen Kampf zu einer wichtigen Erscheinung dieser Zeit.
In dieser Zeit erscheint das Buch von Cho Nam-Joo, welches die frauenverachtende Phänomene der Zeit in der Biographie einer Frau bündelt, nur wenige Monate nach dem schrecklichen Ereignis an der Gangnam Station. Das Buch erscheint im Oktober 2016, und wird zum nationalen (1.3 Millionen verkaufte Exemplare) und internationalen Bestseller mit Übersetzungen in mehr als 25 Sprachen. Besonderen Einfluss nimmt das Buch auch in den feministischen Bewegungen in Asien (insbesondere Japan).
Das Buch begleitet diese Proteste mit einer Analyse eines Frauenschicksals und wird so zu einem Roman, der deutlich macht, welchen Gefährdungen und strukturellen Gewalt Frauen in Südkorea tagtäglich ausgesetzt sind. Auch Themen, die die weltweite Kampagne #metoo nur wenige Jahre später aufgegriffen hatte, werden in diesem Buch diskutiert. 2019 wird auf Basis des Buches der gleichnamige Film gedreht: er erhält weltweite Aufmerksamkeit. Ebenfalls in diesem Jahr entsteht in Zusammenhang mit einer landesweiten Protestbewegung eine radikalfeministische Bewegung, die sich 4 Grundpositionen verpflichtet fühlt: Kein Dating, kein Sex, keine Heirat und keine Kinder mit Männern. (4B – Movement).
Das Buch schreibt sich in all diese Proteste ein und wurde deshalb zu einem zentralen Text der nationalen und internationalen Frauenbewegung. Zurecht und verdienstvoller Weise, wie wir meinen. Ob dieses Buch aber auch ein gutes Stück Literatur ist, steht auf einem anderen Blatt.
Um dem Buch gerecht zu werden, muss man auf den schon neun jahre zuvor veröffentlichten Roman der Nobelpreisträgerin Han Kang (Die Vegetarierin, 2008) hinweisen, welcher sich ebenfalls dem Schicksal einer jungen Frau widmet, die dem Sexismus ihrer Umgebung ausgesetzt ist und daran körperlich wie geistig zugrunde geht. Dieses Buch hat (wohl auch vor dem Hintergrund des öffentlichen Diskurses über Gewalt an Frauen) 2016 den internationalen Booker Prize erhalten. Es scheint, als würde Cho Nam-Joo das Schicksal der Protagonistin in Han Kangs Roman zitieren. Auch sie wird in ihrer Familie durch von der Norm abweichendes, letzthin wahnhaftes Verhalten auffällig, auch sie von einem Ehemann zu einem Psychiater geschickt, welcher sie untersuchen soll. Allerdings wird Cho Nam – Joo den Mann zum Erzähler ihrer Geschichte machen. Das ist, literarisch gesehen, ein Kunstgriff, dem auch die Form des Erzählens gerecht werden müsste. Das tut er aber nicht.
Weder ist klar, an wen sich der Bericht des Psychiaters wendet, noch entscheidet sich Cho Nam-Joo für einen durchgängigen Erzählstil. Während der Text als klinischer Bericht beginnt, verwandelt er sich recht rasch zu einer Prosaerzählung, die nahe an der Perspektive der betroffenen Frau anschliesst. Dann wiederum wird die emphatische Erzählhaltung von Füssnoten durchzogen, die das Einzelschicksal auf die Ebene soziologischer Untersuchungen hebt. Eine derart entstellte, disruptive Erzählhaltung lässt die Leser*innen etwas ratlos zurück. Fiction und Non-Fiction purzeln durcheinander. Manche Rezensent*innen griffen deshalb auch zu Beschreibungen wie „Thesenroman“ oder „Politische Reportage.“ (vgl. Perlentaucher) zurück.
Fest steht aber, dass es sich um ein engagiertes und offensichtlih notwendiges Buch handelt. Es eröffnet, auch durch die Klarheit seiner Sprache, ein sehr umfassendes Bild über die Situation der Frau in Südkorea. Selbst über das im Titel angedeutete Versprechen einer Biographie geht es hinaus, ist es doch eine recht ausführliche Aufarbeitung einer Familiengeschichte über drei Generationen hinweg.
Das Buch erfüllt ohne Zweifel eine aufklärerische Funktion. Er ist flüssig zu lesen, eindrücklich in den Erlebnissen der Protagonistin und prägnant in den Beispielen, die die Unterdrückung der Frau belegen. Das liegt leider an der gesellschaftlichen Realität, die weit über nationale Grenzen hinausgeht. Es ist ein überzeugendes Dokument der strukturellen aber auch persönlichen Gewalt, die gegen Frauen und Mädchen ausgeübt wird. Das macht ihn zu einem wichtigen Zeugnis für den feministischen Kampf im ersten Viertel des 21. Jahrhunderts.

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