Das Jahr 2068: Sengende Hitze, überdachte Städte, rationiertes Wasser. Und keine Männer mehr. Eine mysteriöse Seuche hat sie vor Jahrzehnten dahingerafft. Nur künstliche Fortpflanzung sichert den Fortbestand der Menschheit. Ruth, langjährige Präsidentin dieser Welt, bereitet die Amtsübergabe an die junge Ania vor. Die Junge möchte die Männer mit allen Mitteln zurückholen. Ruth stemmt sich dagegen, und sie hat gute Gründe. Der Generationenkonflikt zwischen den Frauen um Ressourcen, Macht und Identität stellt beide vor schicksalhafte Entscheidungen. (Klappentext)

Buchtitel: Die Schattenmacherin
Autorin: Lilly Gollackner
Erscheinungsjahr: 2024
Sprache: Deutsch
Verlag: Kremayr & Scheriau
Seiten: 192
ISBN 978-3-218-01424-3
Rezension:
Die Schattenmacherin der österreichischen Journalistin Lilly Gollackner wird in vielen Rezensionen als feministische Utopie bezeichnet. Wie aber funktioniert Feminismus ohne Männer? Oder, anders gefragt: Ist der Weg nach der Beseitigung der Männer endlich frei in eine gewaltfreie Gesellschaft? Eine ungewöhnliche Frage, die sich bei der Lektüre dieses Buches stellt.
Gollackner erinnert mit ihrer männerlosen Utopie an die radikalfeministische 4B – Bewegung, die ursprünglich in Südkorea formuliert wurde. Diese bezieht eine Position der Radikalverweigerung gegenüber Männern: kein Dating, kein Sex, keine Ehe und keine Kinder mit ihnen. Gollackner treibt diese Haltung bis an ein absurdes Ende: dem Verschwinden der Männer im globalen Masstab. Denn die Welt ihrer Post-Apokalypse ist eine männerlose. Sie sind in den Dreissigerjahren des 21. Jahrhunderts einer sich rapide verbreitenden Seuche zum Opfer gefallen. Mit Pathos konstruiert die allwissende Erzählerin dabei den Trümmerfrauenmythos:
„Zurück blieben die Frauen. Und sie taten, was getan werden musste. Sie übernahmen das tägliche Leben. Sie bauten die Mauern wieder auf, sie sassen am Steuer der schweren Maschinen, sie hielten das Leben am Laufen.“
Das Gedankenexperiment, das in diesem Roman unternommen wird, ist ein interessantes und ungewöhnliches. Es stellt implizit die Frage, wie Gesellschaft von Frauen funktionieren würde: ähnlich wie das Patriarchat oder doch ganz anders?
Auf demokratische Weise agiert eine Welt unter starkem ökologischen Druck wohl nicht: Überleben muss wahrscheinlich auf militärische und nicht auf basisdemokratische Weise organisiert werden. Das ist die Antwort, die uns die Autorin gibt. Eine autokratisch agierende und von ihren politischen Ämtern scheidenden Präsidentin Ruth inmitten einer Elite aus Führungspersönlichkeiten der ersten Stunde führt eine sanfte Ökodiktatur im noch verbliebenen Rest der Welt. Es handelt sich dabei um eine Kleinstadt von rund 285.000 Einwohnerinnen, die sich unter eine schattengebende Kuppel zurückgezogen haben und dort unter einem strikten Reglement ihrer Führung überlebt. Vom Leben der nichtprivilegierten Bürgerinnen erfahren wir recht wenig, das Buch widmet sich dem Machtgefüge und den Querelen der Führungselite. Letztere bestimmt autokratisch über das Schicksal der Stadt. Ein stark gesichertes Versorgungszentrum, bestehend aus den Bereichen Versorgung, Technologie, Wasser, Fortpflanzung und Sicherheit, ist nur wenigen ausgewählten Personen zugänglich. Allein die Präsidentin stellt mit einem Code, den sgn. Schlüsseln, die Verbindung zwischen den wichtigen Lebensbereichen her: eine Aufgabe die ihren zentrale Stellung im Machtgefüge manifestiert.
Insbesondere den Fortpflanzungskliniken kommt besondere Bedeutung zu. Gut ausgestattete Samenbanken sichern das Überleben der Gemeinschaft. Doch die Gesellschaft soll weiterhin eine rein weibliche bleiben. An die Züchtung von Androtoken, das Synonym für Männer, liegt nach offizieller Staatsdoktrin wegen fehlender Forschungsmöglichkeiten in weiter Ferne. Warum auch sollte Frau sich darum bemühen? Ruth beantwortet diese Frage indirekt mit dem Hinweis auf die unterschiedliche Ausstattung des Gehirns bei den Androtoken:
„Die genetische Disposition machte es für sie schwieriger, ihr Denken kollektiv auszurichten. (…) Das war vermutlich auch der Grund, warum die Natur sich schlussendlich gegen sie entschieden hat.“
Selbst die Erinnerung an das, was Androtoke auszumachen scheint, ist in der Töchtergeneration des Stadtstaates am Verschwinden. Das gesellschaftliche Wissen über sie erlischt. Eine binäre Weltanschauung sei traurig, äussert eine der handelnden Figuren, als die Frage gestellt wird, ob ein Neugeborenes nicht auch Männeranteile in sich trage.
Auch die Entstehungsgeschichte des Stadtstaates wird in der offiziellen Doktrin ohne Widersprüche formuliert. Die Apokalypse habe sich in den Dreissigerjahren des 21. Jahrhunderts ereignet, verursacht durch das „Patriarchat“ bzw. seine verfehlte und verantwortungslose Politik, die letztendlich die Vernichtung der Lebensgrundlagen der Menschheit zu verantworten hätte. Im Regierungsgebäude der Kleinstadt sind Aufzeichnungen über jene Ereignisse archiviert, die zum Untergang der alten Welt geführt haben: Temperaturanstieg, Abschmelzen der Polkappen, Überschwemmung weiter Teile der Landmasse, zwei grosse „Verdichtungsktiege“ um den immer knapper werdenden Lebensraum und rapide schwindende Ressourcen. Schliesslich führte eine Seuche im Jahr 2034 zum völligen Aussterben der androtoken Menschheit. Deren Ursachen konnten freilich niemals völlig aufgeklärt werden.
All das erfahren die Leserinnen mit einer Art erzähltechnischem Trick. Sie dürfen der Protagonistin Ania folgen, die als Nachfolgerin von Präsidentin Ruth bestimmt wurde. Erstere soll in knapp drei Monaten die Herrschaft übernehmen und wird in einer Art von Job-Shadowing in die Regierungsgeschäfte eingeführt. Sie begleitet die Präsidentin bei ihren Staatsgeschäften und stellt ihr die kritischen Fragen einer jungen, wissbegierigen und machtbewussten Frau. So nimmt uns die Erzählerin gemeinsam mit Ania über weite Strecken des Buches mit, um die Geschichte, die Probleme und die Perspektiven dieser Neuen Gesellschaft kennenzulernen.
Die gemeinsame Leitung der Staatsgeschäfte gleitet allerdings schon bald in eine erbitterte Auseinandersetzung zwischen beiden ab. Während Ruth zur Gründergeneration des Stadtstaates gehört („Von der Trümmerfrau zur Führerin“) und die Zwänge und Notwendigkeiten pragmatischer Politik verkörpert, hat Ania den Krieg nicht miterlebt, ist bereits ausschliesslich in der Gemeinschaft von Frauen sozialisiert worden. Sie hat eine ausgezeichnete Erziehung genossen, die sie zur Führung befähigt. Aber sie befragt selbstsicher und in provokanter Weise die Normen und Widersprüche der derzeitigen Herrschaft. Das betrifft die Männerfrage aber auch andere ideologischen Positionen, zu denen die Präsidentin unnachgiebig schweigt. Hinter diesem vordergründig angelegten Generationenkonflikt verbirgt sich aber das Ringen um die Geheimnisse und das verordnete Schweigen über Dinge, die sich bei der Gründung dieser Gesellschaft ereignet haben. Ein Tabu lastet über der Gesellschaft.
Die kritischen Fragen, die Ania dabei stellt, stossen bald auf Misstrauen und Gegenwehr. Davon lässt sie sich jedoch nicht abschrecken und die Erzählerin spart nicht mit Sympathie für die Rebellin, mit einem damit verbundenem Pathos und plakativen Sprachbildern:
„Ania ist niemandes Marionette. Sie lehnt sich zurück, zieht ihre Ellbogen schützend vor die Brust. Die Luft ist dick.“
Es ist ein Konflikt zwischen Machterhalt und Machtanspruch. Der Konflikt zwischen Ania und Ruth spiegelt auch die Usancen, die sich in den Jahren der Frauenherrschaft herausgebildet haben. Diese unterscheiden sich, das ist das bittere Resümee des Buches, nur in Nuancen von den machtpolitischen Instrumenten der Männer. Herrschaft korrumpiert, absolute Herrschaft umso mehr. Heuchelei, Bespitzelung, Zensur, Intrigantentum, Elitismus, ja sogar politisch motivierter Mord bis hin zum Genozid sind Kennzeichen dieses Frauenstaats. Das ist fürwahr ein ernüchternder Befund für alle, die sich gerne Illusionen über die Beschaffenheit der Welt hingeben. Ruth spricht es in ihrem machtpolitischem zynischen Kalkül aus:
„Um die Menschheit vorwärtszubringend, braucht es immer Opfer, und ja, es wird immer mit hohen politischen Ansprüchen argumentiert, doch in Wirklichkeit ist es brutaler, nackter Verteilungskampf, und niemand kommt da ohne Blut an den Händen lebend raus.“
Wie zu erwarten war, kommt es im letzten Drittel des Romans zum Show Down zwischen den beiden Protagonistinnen, der überraschende Wendungen nimmt. Ein politisch motivierter Mord passiert, Anna wird mit dem Tode bedroht, ein Mann wird entdeckt und die gesamte Ideologie der Gemeinschaft in Frage gestellt. Ania weiß nun um die Wahrheit von Politik im Überlebensmodus.
Eingespannt in die Machtkämpfe einer Elite, wird in diesem Roman über den Weg einer jungen Frau erzählt, die künftig die Geschicke einer kleinen post-apokalyptischen Gemeinschaft leiten wird. Die Erzählerin vermeidet es dabei eine nahtliegende Schwarz-Weiss-Malerei der Antagonistinnen und findet eine sehr kunstvolle und verschachtelte Erzählstruktur. Leider wird das Gedankenexperiment eines Lebens ohne Männer schon bald ad absurdum geführt: man hätte sich aber Detaillierteres und Tiefergehendes gewünscht: auch als Mann.

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